Ein wahrer Ohrenschmaus

Alle mal herhören: Das Ensemble Resonanz lädt Arm und Reich zu Speis und Klang in die Fabrik. Zu hören gibt es passende Tafelmusik, zu essen eine warme Suppe. Alexander Bommes moderiert den Abend

01_HK213_Titel_RZ2.inddSo, erst mal Frühstück. Tom Glöckner springt vorm Künstlereingang der Laeiszhalle vom Fahrrad, verputzt schnell ein Wurstbrötchen und trinkt ein paar Schlucke Kaffee hinterher. „Entschuldigung“, murmelt er zwischen zwei Bissen, „aber heute ist der erste Tag seit sechs Wochen, an dem ich ausschlafen konnte. Keine Proben. Kein Konzert. Das musste ich ausnutzen.“ Tom lacht. Es ist nachmittags, 15 Uhr.
Gestern um diese Zeit war Tom Glöckner noch in Dresden, in den Wochen vorher standen außerdem Auftritte in Köln, Paris und Venedig auf dem Programm. Für Glöckner Berufsroutine: Er spielt Geige im Ensemble Resonanz – Hamburgs professionellem Streichorchester, das mit seiner Mischung aus klassischer und zeitgenössischer Musik weltweit auftritt. Die 17 Streicher verbinden gegensätzliche Musikstile und bringen Stücke alter Meister in neuer Form auf die Bühne. Mit diesem ungewöhnlichen Ansatz begeistert das Ensemb­­le Resonanz sein Publikum in Sri Lanka oder New York längst genauso wie in der Hansestadt.
Gegründet wurde das Ensemble Resonanz 1994 von rund 25 jungen Musikstudenten, darunter auch Tom Glöckner und Tobias Rempe, der heute Geschäftsführer des Ensembles ist. „Wir wollten abseits gewohnter Pfade gehen“, erklärt er. Und Tom Glöckner ergänzt: „Normalerweise gibt es in Orchestern entweder die Barockspezialisten oder die Profis für Neue Musik. Wir haben Kompetenzen in beiden Bereichen.“
Den Musikern geht es aber noch um etwas anderes als neue Hörweisen: „Begegnung“, fasst es Tobias Rempe in einem Wort zusammen. Was er damit meint, zeigt sich beim Fototermin für Hinz&Kunzt in der Laeiszhalle: Fotograf Cornelius Braun bittet Tobias Rempe und Tom Glöckner, in einer der Zuschauerreihen Platz zu nehmen und auf die Bühne zu blicken. „Ganz schön hoch“, findet Tom Glöckner. „Hier unten das Publikum, da oben die unerreichbaren Künstler, zu denen man nur ehrfurchtsvoll aufschauen darf – kein Wunder, dass das einige Leute abschreckt.“ Das Ensemble setzt stattdessen auf direkten Kontakt zum Publikum, tritt zum Beispiel in Kirchen, Theatern oder bei Festivals auf und bindet die „Fans“ beispielsweise durch Mitsingen ein. „Wir wollen so Berührungsängste abbauen“, erklärt Tobias Rempe.
Deshalb auch die Idee zu einer ganz besonderen Veranstaltung in der Fabrik: Unter dem Motto „Kein Platz in der Herberge?“ lädt das Ensemble rund 100 Hinz&Kunzt-Verkäufer und Kunden der Hamburger Tafel am 1. Dezember zu einem Weihnachtskonzert inklusive heißer Suppe ein, die übrigen 400 Karten gehen in den freien Verkauf. „In der Adventszeit wird zwar oft an arme Menschen gedacht“, erzählt Tobias Rempe, „wir wollen aber nicht nur an sie denken, sondern gemeinsam mit ihnen einen Konzertabend erleben, in dem es auch um sie geht.“
Dafür wird die Fabrik so umgebaut, dass die Gäste am 1. Dezember bequem an langen Tischen sitzen und dort ihre Suppe löffeln können, frisch gekocht von Fabrikmitarbeiterin
Sabine Moerke, mit Lebensmitteln aus dem Bestand der Hamburger Tafel. Passend dazu spielt das Ensemble Auszüge aus der Tafelmusik Georg Philipp Telemanns – eine Sammlung von Instrumentalwerken, die der Komponist 1733 als Hintergrundmusik für Festbankette veröffentlichte. Lichtkünstlerin Katrin Bethge wirft mithilfe von Overhead-Projektoren abstrakte Motive an die Wand und schafft in der Fabrik eine besondere Atmosphäre. Damit die Klassikneulinge nicht den Überblick verlieren, gibt es prominente Hilfe: Alexander Bommes moderiert den Abend. „Wunderbar“, freut sich Tobias Rempe, „er nimmt das Publikum quasi an die Hand.“
„Hauptact“, wie Tom Glöckner es nennt, ist dann ein gemeinsamer Auftritt des Ensembles mit befreundeten Musikern sowie einem kleinen Chor. Dabei spielen die Künstler eine rund 50-minütige Version des Stücks „Jesus’ Blood Never Failed Me Yet“ von Gavin Bryars. Der englische Komponist und Kontrabassist hatte 1971 für einen befreundeten Regisseur auf den Straßen Londons Stimmen von Obdachlosen aufgenommen. Eine Begegnung rührte Bryars damals ganz besonders: Er traf einen Obdachlosen, der in ständigen Wiederholungen ein paar Zeilen aus dem Gospelsong „Jesus’ Blood Never Failed Me Yet“ sang – mit brüchiger, leicht schiefer Stimme zwar, aber doch voller Hoffnung und Gottvertrauen. Für den Film wurde diese Aufnahme zwar nicht verwendet, doch Gavin Bryars entwickelte daraus später eins seiner bekanntesten Frühwerke.
Für Tom Glöckner die ideale Musik zum Weihnachtskonzert in der Fabrik: „Das Lied erzählt von der Würde jedes einzelnen Menschen“,  sagt er. Am bekanntesten ist eine Aufnahme des Stücks von 1993: knapp 75 Minuten lang und zum Ende hin im Duett mit Tom Waits.
Auch das Ensemble Resonanz stützt sich beim Konzert in der Fabrik auf diese Version. „Als wir sie vom Verlag zugeschickt bekommen haben, stand gleich eine Bitte dabei“, erzählt Tobias Rempe: Man möge doch von einer Anfrage an Tom Waits absehen, der Musiker stehe für einen Konzertauftritt nicht zur Verfügung. „Na gut“, sagt Tobias Rempe und lacht, „dann fragen wir eben Nick Cave.“

Text: Maren Albertsen
Foto: Cornelius M. Braun

Das Ensemble Resonanz lädt am 1. Dezember ab 19 Uhr in der Fabrik, Barnerstraße 36, zum Konzert mit Auszügen aus Georg Philipp Telemanns „Tafelmusik I–III“ und Gavin Bryars „Jesus’ Blood Never Failed Me Yet“ ein. Tickets kosten 20 Euro (freie Platzwahl, Suppe inklusive). Kartenbestellung unter Telefon 35 76 66 66 oder unter www.ticketonline.de, alle weiteren Informationen unter
www.ensembleresonanz.com

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