Teures Geschäft

Die ultimative Toilettengeschichte

An der Kersten-Miles-Brücke soll ein Klo gebaut werden. Neben einem Sozialarbeiter-Team eine gute Idee, um das Miteinander dort zu entspannen, fanden alle am Runden Tisch. Aber: Diese Toilette soll eine halbe Million Euro kosten. Dabei ist das ist gar nicht nötig.

Andreas Utt kennt sich aus: Seine Firma hat auch die Toilettenanlage am Hamburger Hauptbahnhof gebaut. Foto: Mauricio Bustamante
Andreas Utt kennt sich aus: Seine Firma hat auch die Toilettenanlage am Hamburger Hauptbahnhof gebaut. Foto: Mauricio Bustamante

Erst streitet sich ganz Hamburg über einen Zaun, mit dem Bezirksamtsleiter Markus Schreiber (SPD) Obdachlose vertreiben will. Dann ist diese Kuh vom Eis, und schon geht’s in die nächste Runde: eine Toilettenanlage, die angeblich 500.000 Euro kosten muss. Aber warum soll das so teuer sein? Wir wollten das von einem Fachmann wissen. Ortstermin unter der Kersten-Miles-Brücke mit Andreas Utt, angestellt bei der Firma Hering Bau, ihres Zeichens deutscher Marktführer in Sachen öffentliche Toiletten.

Andreas Utt schüttelt den Kopf. Dieser ganze Toilettenstreit ist ihm ein Rätsel. „Man ist ja von Hamburg einiges gewohnt“, sagt er. „Elbphilharmonie und so, aber das hier ist das Sahnehäubchen.“ 500.000 Euro für eine Toilettenanlage an dieser Stelle! Wahnsinn!

Der Vertriebsmitarbeiter für öffentliche Toiletten hat einen dicken Ordner aufgeschlagen und zeigt auf ein Foto: Sieht aus wie eine Doppelhaushälfte, ist aus Backstein und die größte WC-Anlage, die Hering Bau derzeit im Angebot hat. Es ist in etwa das Modell, das derzeit durch die Medien geistert und das unter die Kersten-Miles-Brücke für Touristen und Obdachlose gebaut werden sollte. Kostenpunkt bei Hering Bau mit Einbau und allem Schnickschack: um die 300.000 Euro plus 19 Prozent Mehrwertsteuer.

Toilettenanlage für bis zu 300.000 Euro. Offensichtlich: Solch ein Gebäude findet unter der Kersten-Miles-Brücke keinen Platz. Foto: Hering Bau
Toilettenanlage für bis zu 300.000 Euro. Offensichtlich: Solch ein Gebäude findet unter der Kersten-Miles-Brücke keinen Platz. Foto: Hering Bau

Aber schon beim Betrachten des Fotos sieht jeder Laie: Das Gebäude sprengt komplett den Rahmen, passt gar nicht an, geschweige denn unter die Brücke. Außerdem: „So eine riesige Anlage würde man eher an eine Autobahn stellen, nicht in den städtischen Bereich“, sagt Utt. Für einen Standort wie diesen „ist so eine Anlage völlig ungeeignet und gar nicht notwendig.“

Obwohl Hering Bau
Marktführer ist, sogar die Toilette am Hauptbahnhof gebaut hat und Andreas Utt mit dem Bezirk Mitte über die Sanierung einer anderen Toilette im Gespräch ist, hat ihn bislang niemand nach seiner Meinung gefragt.

Und die ist: Unter der Kersten-Miles-Brücke könnte man eine Ein-Zellen-Toilette oder Zwei-Zellen-Toilette aufstellen. Mit nettem Backstein als Außenmauer beispielsweise. Und da es an Ort und Stelle keinen Anschluss an die Kanalisation gibt, würde das Ganze über eine Klärgrube gelöst. Kostenpunkt: um die 30.000 Euro netto bis maximal um die 90.000 Euro.

Sinnvoller in Bezug auf die Touristen sei allerdings, die vorhandenen Toiletten an den Landungsbrücken auszubauen oder zusätzliche auf dem Parkplatz davor zu bauen. Aber längst nicht in der diskutierten Größenordnung. Die einzige Toilettenanlage, die ein ähnliches Ausmaß wie die „Doppelhaushälfte“ ist die unten im Hauptbahnhof. Andreas Utt: „Und die ist ausgelegt auf 1000 Leute pro Tag.“ Unter der Brücke brauche das kein Mensch, selbst wenn Touristen hier ihre Notdurft verrichten sollten.

Im Nachhinein
fragt man sich natürlich: Wer hat eigentlich diese Riesenanlage und diese Wahnsinnsumme ins Spiel gebracht? Alle am Runden Tisch waren sich einig, dass eine Toilette die Beschwerdelage deutlich entspannen würde. Denn nicht nur die Obdachlosen pinkeln wild, sondern auch die Touristen. Markus Schreiber hatte dann vom Runden Tisch den Auftrag bekommen, die Kosten für eine geeignete Toilette zu recherchieren.

Später sagt Schreiber,
auch er sei erstaunt gewesen, als die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) diese Riesensumme von knapp 500.000 Euro genannt habe. Die BSU wehrt sich allerdings: Sie habe doch nur den Preis für die Anlage angefragt, die Schreiber in Auftrag gegeben habe – und das sei eben diese Riesenanlage gewesen. Miteingerechnet sei nicht nur die Toilette gewesen, sondern auch der Anschluss an die Kanalisation. Was Markus Schreiber seinen Mitstreitern am Runden Tisch allerdings vorenthielt: Der Toilettenexperte in der Behörde hegte massive Zweifel, ob die Anlagengröße nötig sei. Warum er diese Information nicht weitergab? „Wir waren ja der Meinung, die Toilette muss eine Busladung verkraften können“, sagt Schreiber.

Wegen der großen Summe
hatte Schreiber seine Mitstreiter dahingehend beruhigt, dass es einen „Toilettentopf“ in der BSU gebe und dass diese Kosten normal seien. Das haben die Mitglieder des Runden Tisches erstmal hingenommen. Vielleicht auch, weil man nach dem ganzen Ärger um den Zaun so glücklich war, eine gemeinsame Lösung zu finden. Erst als sich das Ganze gesetzt hatte, kam auch uns die Summe komisch vor und wir fragten beim führenden Hersteller nach. So kam dann der Termin mit Andreas Utt zustande.

Wie auch immer: Im Moment gibt es viel Aufregung um eine Summe, die so nie ausgegeben wird. Das ist die gute Nachricht – und dass wir uns in Sachen Toiletten jetzt ausreichend informiert fühlen. Wir kümmern uns jetzt wieder um unser Kerngeschäft: die Menschen auf Hamburgs Straßen, die Sozialarbeit, die Zeitung und um ein friedliches Miteinander zwischen Arm und Reich in dieser Stadt.

Text: Birgit Müller

Zum Hintergrund Runder Tisch entscheidet: Klo statt Zaun

3 Kommentare zu “Die ultimative Toilettengeschichte

  1. In HH wird es nie langweilig. 😉
    Die öffentliche Diskussion des Themas finde ich aber gut und richtig, sind es doch schließlich die Steuerzahlenden, die alles finanzieren müssen. Zu bedenken ist auch, dass die Restaurierung der Brücke laut Politiker nach denkmalschutz-technischen Gesichtspunkten vorgenommen wurde oder werden solle. Da passt das abgebildete Toilettenhaus natürl nicht. Aus der Hygiene-Perspektive wäre wohl eine sich selbst-reinigende Toilette am besten, deren Tür sich nach einiger Zeit automatisch öffnet, sofern der oder die Toilettenbesuchende dies nicht von selbst tut/tun kann. Aber richtig wichtig sind jetzt erst mal die Notübernachtungen für die Wintersaison, denn es wird langsam kalt in Deutschland.
    Die besten Grüße von mir aus Berlin

  2. Es ist so wie so seltsam, das an diesem Runden – Tisch, eine Toilettenanlage heraus kam?? Ob nun diese Toilette kommt, glaube ich nun nicht mehr!! Der Runde Tisch fragt sich doch nicht, wie so überhaupt eine Toilette an dieser Stelle?? Hinz&Kunzt gibt es nun fast 18 Jahre, so lange hat niemand um eine Toilette an dieser Stelle gebettelt!! Hier sollte es wohl möglich sein, für alle, eine richtige Lösung zu suchen!! Vielleicht hat der Runde Tisch das auch unterschätzt, so wie Markus Schreiber den Zaun unterschätzt hat !! Nach zwei Sitzungen, kann da nichts gutes bei heraus kommen !! Es wird wohl politisch nichts werden, das diese 500.000 Euro für diese Maßname aus gegeben werden!! Denn die politischen Parteien, die hier schimpfen, haben selbst noch keine Idee vor gelegt!! Es kann ja auch sein, das sich das von allein löst??

    Erich Heeder (HINZ&KUNZT-Verkäufer)

  3. Zu dieser Toilettenanlage für Bedürftige, die selbstverständlich wie alle anderen Menschen auch gewissen Bedürfnissen nachgehen (müssen), kann man sich im Detail und hinsichtlich der Kosten doch eher äußern, wenn man die tatsächliche Bedarfslage kennt. Und die scheint mir an diesem Ort (Busse, LKW, Hafentouristen etc.) durchaus größer, als auf den ersten Blick erkennbar. Das eigentlich Bedenkliche aber: die geradezu bodenlose Naivität der (verantwortlichen) Politiker und sonstiger „Runden-Tischler“, die sich in endlosen Treffen und Zusammenkünften aufhalten, um schließlich zu keinem Ergebnis zu kommen. Der Zaun-Alleingang war ja bereits ein ebenso teures wie unsinniges „Vergnügen“, das bezahlt werden muss ohne irgendetwas bewegt oder erreicht zu haben. Und heute (Mittwoch, 26.10.) tagen unsere europäischen Spitzenpolitiker in Sachen „Rettungsschirm“, wahrscheinlich in gleicher naiver geistiger und uneinschätzbarer Grundhaltung: „Toilette“ = „Rettungsschirm“ = „Unfähigkeit“ = „Katastrophe“, unter der dann wieder die am meisten leiden, die sowieso nichts haben. Da kann man nur noch „aufziehen und wegspülen“, in die Sickergrube.

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