Verborgene Seiten der Stadt

Die Brückenbauer

Die Hinz&Künztler Peter, Harald, Torsten und Uwe führen beim Stadtrundgang „Nebenschauplätze“ an Orte in der City, die in keinem Reiseführer stehen. Ganz nebenbei bauen sie damit Vorurteile gegen Obdachlose ab.

(aus Hinz&Kunzt 249/November 2013)

Harald, Peter, Uwe und Torsten (von links) erzählen bei ihren Rundgängen abseits von Touristenrouten auch die Geschichten ihrer eigenen Obdachlosigkeit.
Harald, Peter, Uwe und Torsten (von links) erzählen bei ihren Rundgängen abseits von Touristenrouten auch die Geschichten ihrer eigenen Obdachlosigkeit.

StadtrundgangFrüher hing Harald selbst an den Nebenschauplätzen rum

Harald machte als Drogenkranker Platte, zwölf Jahre lang. Beim Drob Inn, einer Beratungsstelle mit einem Raum, in dem Drogen konsumiert werden dürfen, hing er früher selbst oft mit anderen Abhängigen herum. Heute lebt der 47-Jährige in einer Wohnung – und nimmt keine Drogen mehr.

Beim Drob Inn kommt er heute nur noch „beruflich“ vorbei, denn seit Sommer 2012 ist er einer der vier Hinz&Kunzt-Stadtführer. Besuchergruppen zu den Stationen seiner eigenen Obdachlosigkeit zu bringen, „das fiel mir anfangs ganz schön schwer“. Noch heute spürt er manchmal das Verlangen nach einem Rausch. Dann nichts zu kaufen und zu nehmen – „das ist hart“. Allerdings: „Für mich ist das auch eine Art Therapie, wenn ich da vorbeigehe, stark bleibe und die Leute vor Drogen warnen kann.“


Torsten versucht sich an einem „halbswegs zufriedenen Leben“. 

Torsten ist auch süchtig, er zockt – und das schon seit langer Zeit. 1989 begann seine Spielsucht, damals arbeitete er als Hochseefischer. Bei einem Landgang machte er aus 100 Mark Taschengeld in einem Casino 400 Mark. „Da war ich auf dem Schiff natürlich der Held!“ Ein Gefühl, das er nicht mehr missen wollte. Zurück an Land arbeitete er als selbstständiger Fahrradkurier in Hamburg; den Verdienst verzockte er. „Ich dachte, ich bin schlauer als alle anderen. Dabei war ich spielsüchtig, ohne es zu merken.“ Die Sucht beherrschte sein Leben jahrelang. Er versuchte sie zu besiegen, löste seine Wohnung auf, floh nach Neuseeland, um ein neues Leben zu beginnen – und scheiterte.

Bei der Rückkehr nach Hamburg 2002, „hatte ich gar nichts mehr: keine Arbeit, keine Wohnung, kein Konto“, sagt der 49-Jährige. Hartz IV zu beantragen fand er entwürdigend. Also schlief er in Parks, suchte sich leer stehende Häuser zum Übernachten. Heute hat er eine Unterkunft im Hinz&Kunzt-Notquartier und zeigt Besuchergruppen Orte in der City, die mit Obdachlosigkeit und Armut zu tun haben. Nach wie vor zockt er in Spielhallen und an Automaten. „Ich habe gelernt, trotz der Sucht ein halbwegs zufriedenes Leben zu führen“, sagt er. Doch zu schaffen macht ihm, dass er, weil er keine Hilfe vom Staat ­annimmt, auch keine Krankenversicherung hat. „Was ist, wenn ich einmal ernsthaft krank werde?“

Peter findet, er war naiv. 

Auch Peter beschönigt nichts, wenn er bei seinen Führungen von seinem Leben und seiner Sucht erzählt. Nach dem frühen Tod seiner Mutter wuchs er im Heim auf, haute dort aber mehrfach ab: „Liebe und familiäre Geborgenheit gab es nicht.“ Er schaffte zwar den Hauptschulabschluss und eine Lehre als Maler, wollte dann aber „was von der Welt sehen“.

In Spanien geriet er ins kriminelle Milieu. Mit Haschisch wollte er das schnelle Geld machen, doch die Polizei erwischte ihn. Ein spanisches Gericht verurteilte ihn zu zwölfeinhalb Jahren Gefängnis – ein Schock für den damals 19-Jährigen. Nach sechs Jahren wurde er bei einer Amnestie vorzeitig entlassen.

Zurück in Deutschland fand er einen Job in Lüneburg, heiratete, sein erster Sohn wurde geboren, 1990 folgten Zwillinge. Aber die Ehe kriselte. Peter lernte eine andere Frau kennen, verließ seine Familie und zog zu seiner neuen Freundin nach Hannover. Dort fand er eine Arbeit als Kurierfahrer. „Eigentlich stand alles zum Besten.“ Aber dann war da 1995 diese Party: „Da ging so eine Folie mit weißem Pulver rum, und alle haben probiert“, sagt er. „Ich natürlich auch. Vollkommen naiv war ich damals.“ Diese Nacht hatte schlimme Folgen: Peter wollte den Rausch sofort wieder spüren, kaufte Heroin – und wurde schnell abhängig. Er kam „immer tiefer rein in den Sumpf“, er log und stahl. Wegen Beschaffungskriminalität landete er im Gefängnis, er lebte auf der Straße und in Notunterkünften. Erst als er eines Tages zwei Betrunkene beobachtete, die sich prügelten, zog er die Notbremse: „Der eine schlug den anderen mit dem Kopf an die Wand, und ich sah das Gehirn die Wand runterlaufen. So wollte ich nicht enden.“ Er entgiftete in einer Klinik und kommt mittlerweile ohne Drogen klar. Das Wichtigste für den 51-Jährigen in seinem neuen Leben? „Dass ich wieder eine Perspektive habe.“

Uwe hat sich wieder hochgearbeitet

Uwe denkt jetzt wieder gerne an die Zukunft – und spricht gefasst über seine Vergangenheit. Erst schien auch alles klasse zu laufen: Abi, zwei abgeschlossene Berufsausbildungen, dann eine eigene Firma im Elektrometallbau, guter Verdienst. Elf Jahre ging das so, dann zog er sich bei einem schweren Arbeitsunfall einen Halswirbelbruch zu. OP und langwierige Reha folgten. Seitdem kann Uwe nicht mehr in seinem Beruf arbeiten.

Die Liebe zu einer jungen Frau aus Norwegen hielt ihn aber aufrecht, er wanderte in ihre Heimat aus, jobbte dort auf einem Versorgerschiff für Bohrinseln. Als seine Freundin schwanger wurde, schien das Glück perfekt. Doch im fünften Schwangerschaftsmonat starb sie an Bauchspeicheldrüsenkrebs. „Da gingen bei mir alle Lichter aus.“ Uwe wollte nur noch weg, vergessen, verdrängen. Er raffte sein Geld zusammen, kehrte nach Hamburg zurück und „verfeierte“ hier innerhalb von zwei Jahren „die ganze Kohle“. Als das Geld alle war, schlief er in einem Zelt an der Alster, im Winter in der Notunterkunft Pik As. Dort hörte er von Hinz&Kunzt. Seit Kurzem ist der 50-Jährige Stadtführer. „Ich habe mich hochgearbeitet“, sagt er und grinst.

Wer sich von Harald, Torsten, Peter oder Uwe an die Hamburger Nebenschauplätze führen lässt, lernt die Hansestadt ganz anders kennen – und wirft vielleicht das ein oder andere Vorurteil über Bord. Das hoffen zumindest die Hinz&Kunzt-Stadtführer. „Die große Menge der Obdachlosen ist schließlich um ein normales Leben bemüht“, sagt Torsten. Das will er bei den Touren rüberbringen, als Brückenbauer zwischen Menschen, deren Lebenswelten sich sonst nicht berühren. Das möchte auch Harald: „Nach den Stadtrundgängen sehen die Leute Obdachlose in einem anderen Licht“, glaubt er. „Aus ‚Pennern‘ werden dann einfach Leute, die keine Wohnung haben.“

Text: Sybille Arendt, Maren Albertsen, Beatrice Blank, Benjamin Laufer
Fotos: Mauricio Bustamante

Der nächste Stadtrundgang ist am Sonntag, 17.11., 15 Uhr. Anmeldung unter Telefon 32 10 83 11 oder info@hinzundkunzt.de, 10/5 Euro

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