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Der City so nah, so fern

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2005: Hinz&Kunzt-Ausgaben 143 – 154, Archiv, Hinz&Kunzt 145/März 2005

An Visionen für die Veddel fehlt es nicht. Doch werden ihre heutigen Bewohner davon profitieren?

(aus Hinz&Kunzt 145/März 2005)

Der Oberbaudirektor bastelt am „Sprung über die Elbe“, die erste Tapas-Bar steht vor der Eröffnung, und bald wird der Senat den 100. studentischen Mieter auf der Veddel begrüßen. Und die Wohnungsgesellschaft GWG erhöht drastisch die Mieten. Ansichten aus einem Quartier im Umbruch.

„Das ist eine ruhige Gegend hier. Und sauber“, sagt Rexhep Ismani. Der 30-Jährige, Sohn mazedonischer Einwanderer, schlürft Kaffee. Es ist früher Nachmittag. Ein gutes Dutzend Landsleute, rauchende Männer mit Karten in der Hand, füllen die „Espresso-Bar“ im Herzen der Veddel. Seit 16 Jahren lebe er im Stadtteil, sagt der klein gewachsene, kräf-tige Mann mit der zerschlissenen Lederjacke. Hier ist er zur Schule gegangen, hier leben viele Verwandte. Ein Stück Heimat sei das. „Wir verstehen uns, alle halten zusammen.“ Doch Ismani drücken die Sorgen. Seit zwei Wochen ist er arbeitslos. Zuletzt hat er auf dem Airbus-Gelände Rohre verlegt für die Abwasserkanäle. Nun wartet er darauf, dass es weiter-geht, dort oder auf einer anderen Baustelle. Sonst könnte es eng wer-den mit dem Geld. 580 Euro warm koste seine 75-Quadratmeter-Wohnung, in der er mit Frau und zwei Kindern lebt. „Ein bisschen viel“, meint Ismani und erwägt fortzuziehen, obwohl er weiß: „Das würde mir schwer fallen.“

Sein Vermieter, die städtische Wohnungsgesellschaft GWG, ist ins Gerede gekommen: Um 20 Prozent habe sie die Miete angehoben, klagten Veddeler kürzlich gegen-über der Presse. Das böse Wort von der Vertreibung macht seitdem die Runde. Rund 5000 Menschen leben in den Rotklinker-Bauten südlich der Elbe, zwischen S-Bahntrasse und Autobahn. Mindestens jeder vierte Bewohner ist auf staatliche Hilfe angewiesen; wer einer Arbeit nachgeht, verdient nicht viel. Verdrän-gung sei nicht beabsichtigt, erklärt die GWG. 170 der gut 1000 GWG-Wohnungen im Quartier seien von der Mieterhöhung betroffen, bei den größeren steige die Miete zudem „nur“ um 15 Prozent. Außerdem, so Sprecher Mario Spitzmüller: „Das ist eine Erhöhung auf niedrigem Niveau. Wir liegen dann immer noch zwei Euro pro Quadratmeter unter dem mittleren Wert des Mietenspiegels.“ 45 Millionen Euro habe die GWG in die Modernisierung der 20er-Jahre-Häuser gesteckt, von denen einige jetzt aus der Sozialbindung fallen.

„Früher war die Veddel schön!“, ruft Johanna Klaucke, und ihre Freun-dinnen nicken. Die temperamentvolle 76-Jährige sitzt im „Seniorentreff“ der Arbeiterwohlfahrt und spielt Karten. An den Wänden erinnern Schwarzweiß-Fotografien an die alte Veddel, aus einem Rekorder dudeln deutsche Schlager. „Früher reihte sich hier Geschäft an Geschäft. Wir hatten alles“, schwärmt die Rentnerin, die seit mehr als einem halben Jahrhundert im Stadtteil lebt. Eine schöne Kirche und 42 Lokale gab es zum Beispiel, erzählt sie. „Heute haben wir nicht mal mehr eine Haspa, und ob die Post bleibt, ist auch in der Schwebe.“ Die alten Damen reden aufgeregt durcheinander. Nicht mal ein frisches Kastenbrot bekomme sie noch, ruft die eine. Der Supermarkt führe kein Schweineschmalz mehr, klagt die andere. „Ich glaub, die haben 75 Prozent Türken hier“, meint Johanna Klaucke. „Dann führen die auch kein Schweineschmalz mehr.“

Tatsächlich haben drei von fünf Einwohnern keinen deutschen Pass. Dass die Veddel deshalb gerne zum Problemviertel stilisiert wird, findet Stadtteilentwicklerin Francine Lammar falsch. Nicht die Einwanderer seien das Problem, sondern Armut und schlechte Infrastruktur. Seit zwei Jahren kümmert sich die 48-Jährige im Auftrag des Bezirks um die „vergessene Insel“. Manches ist seitdem besser geworden: Die neue Stadtteilkantine versorgt Bewohner mit preiswertem Essen. Im Stadtteilladen treffen sich türkische Frauen zum Klönen. Und die Studenten, angelockt durch subventionierte Billig-Mieten, bringen das mit, was sich nicht nur die Quartiersentwicklerin für die Veddel wünscht: „ein bisschen bunter und liberaler und etwas mehr Mittelschicht“. Doch seit ein Lokalpolitiker die GWG-Mieterhöhung mit den Worten kommentiert hat, man könne so doch die Bevölkerungs-struktur verändern, fürchtet Francine Lammar Schlimmes. „Ich möchte, dass möglichst viele der Menschen hier wohnen bleiben.“ Die Ausdehnung der City unter dem Schlagwort „Sprung über die Elbe“ biete dem Quartier „eine ungeheure Chance, die Insellage aufzubrechen“; der Oberbaudirektor plant Wohn- und Gewerbeparks und eine weitere Elbbrücke. Doch mahnt Francine Lammar: „Ich kann nicht kühne Visionen realisieren, wenn die Gebiete gleichzeitig sozial- und bildungspolitisch ausbluten.“

Auf den Stufen zum Billardcafé „Zonck“ treten Söhne türkischer Einwanderer auf der Stelle. „Schreib als Überschrift, dass es uns scheiße geht!“, sagt ein 25-Jähriger mit jungenhaftem Grinsen. Keine Arbeit gebe es, keine Freizeitangebote, erklärt ein anderer. „Ins Haus der Jugend lassen sie dich ab 18 nicht mehr rein.“ Noch hat das Café geschlossen, so warten sie, sie haben sonst nichts zu tun. „Ich würde gern arbeiten, egal was“, sagt Ali (Name geändert). Doch hat der 22-Jährige nicht nur die Ausbildung abgebrochen. Er hat auch im Gefängnis gesessen. „Das macht es echt schwer, was zu finden.“

Um ihren Schützlingen solche Tristesse zu ersparen, hat Hiltrud Kneuer, Leiterin der einzigen Grund- und Hauptschule Slomanstieg, eine Kooperation mit der Norddeutschen Affinerie gestartet. Neuerdings gehen ihre Achtklässler einen Tag die Woche in den Betrieb und lernen dort die Arbeitswelt kennen. Was der Veddel helfen könnte, weiß sie auch: ein besseres Bildungsangebot. „Die Realschule muss her.“ So könnten junge Familien angelockt werden, „die Impulse geben für mehr Miteinander“. Derweil erlebt die Schulleiterin, wie kurzsichtige Sparpolitik den Bemühungen der Engagierten entgegenwirkt: Um 22 Prozent habe die Behörde die Gelder für die Sprachförderung gekürzt, zwei Lehrer weniger bedeute das für die Migrantenkinder. „So ein Stadtteil verträgt das absolut nicht.“ Zwar wird auch auf der Veddel neuerdings bei den Viereinhalbjährigen geschaut, was ihnen fehlt zur Schulreife. Doch nachdem der Senat beschlossen hat, die Eltern für die Vorschule zur Kasse zu bitten, „folgen deutlich weniger unserer Aufforderung zum Test als vergangenes Jahr“.

In der „Buchausgabestelle“, Überbleibsel der Bücherhallen, sorgt Minire Nesimi gemeinsam mit ihrer Freundin zwei Mal die Woche dafür, dass die Kinder aus dem Quartier neues Lesefutter bekommen. Zu Unrecht werde die Veddel schlecht geredet, meint die forsche 34-Jährige und erzählt von einer ehemaligen Nachbarin. Da wo sie jetzt wohne, lasse sie ihre Kinder abends nicht mehr auf der Straße spielen, habe die erzählt und wehmütig gesagt: „Auf der Veddel konnte ich das.“ Minire Nesimi beschreibt die Vorzüge ihres Quartiers so: „Hier ist mehr Gemeinschaft. Man redet nicht viel miteinander. Aber jeder kennt hier jeden und man tut einander nichts.“

Ulrich Jonas

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