Soulsänger Charles Bradley

„Die U-Bahn war mein Zuhause“

Mit 62 hatte er sein Debüt als Musiker – jetzt bringt Charles ­Bradley seinen herzzerreißenden Soul in die Große Freiheit.

(aus Hinz&Kunzt 255/Mai 2014)

Charles Bradley musste sehr früh lernen, stark zu sein. Geboren 1948 in Gainesville (Florida), lässt ihn seine Mutter bei den Großeltern zurück. Seinen Vater lernt er nie kennen. Erst als Charles acht Jahre alt ist, holt die Mutter ihn und seinen Bruder zu sich. Sie leben in einer Kellerwohnung. Mit 14 hält er es nicht mehr zu Hause aus.

Hinz&Kunzt: Sie sind von zu Hause abgehauen und haben auf der Straße gelebt. Wie sah Ihr Alltag in New York damals aus?
Charles Bradley: Voller dunkler Wolken. Ich habe Tag für Tag nach einem Dach über dem Kopf gesucht. Es sind viele Dinge geschehen, über die ich nicht gerne spreche. Dinge, die ich tun musste, um zu überleben.

Wo haben Sie geschlafen?
In den Zügen der U-Bahn. Das war mein Zuhause. Ich habe mich auf den Sitzen so lange schlafen gelegt, bis mich Polizisten aufgeweckt haben. Dann musste ich raus. Sobald sie weg waren, bin ich in einen Zug der Gegenrichtung gestiegen und habe mich dort wieder hingelegt. Zu dieser Zeit gab es auf den Bahnhöfen auch noch Waschräume. Dort habe ich mich schnell gewaschen und bin dann wieder zurück auf die Straße. Ein hartes Leben, aber so war es damals.

Die Hilfsorganisation Job Corps rettet den jungen Charles vorm totalen Absturz. Er wird zum Koch ausgebildet. Viele Jahre arbeitet er in der Küche, zieht oft um. In seiner Freizeit spielt er Konzerte als James-Brown-Doppelgänger. Seit er den Godfather of Soul als Kind sah, ist der sein großes Vorbild. Als Charles krank wird und seine Mutter, zu der er jahrelang kaum Kontakt hatte, einen Herzinfarkt hat, kehrt er nach New York zurück. Im Herzen immer noch den Traum, eines Tages als Musiker groß rauszukommen.

Sie sind jahrelang mit Perücke und Glitzer­anzug als James-Brown-Doppelgänger ­aufgetreten. Eines Abends haben Sie ihn sogar persönlich kennengelernt. Wie war es, sein Idol zu treffen?
Oh, das war nervenaufreibend, wirklich! Er gab mir damals einen Rat, den ich nie vergessen habe: „Versuche immer, das zu erreichen, was du dir am meisten wünschst. Wenn du es erreicht hast, leg dein ganzes Herz und deine Seele hi-nein.“ Ich habe von ihm gelernt, stark zu sein, was immer auch kommen mag.

Haben Sie nie daran gedacht, Ihren Traum zu begraben?
Nein. Mein Leben auf der Straße und später auch mit wenig Geld hat mich gelehrt zu improvisieren. Ein Freund sagte einmal zu mir: „Jesus war ein Zimmermann.“ Ich habe gelernt, ein Zimmermann zu sein, ein Heimwerker. Das hat mir in sehr vielen problematischen Situationen geholfen. So hatte ich immer etwas zu tun und Kleingeld in der Tasche. So konnte ich überleben.

Einen großen Anteil daran hat auch Ihr Glaube an Gott?
Ja, das ist meine Energie, das ist meine Stärke. Ich muss dafür nicht in die Kirche gehen. Ich glaube an die Kirche in meinem Herzen. Mein Glaube verbindet mich fest mit meinen Mitmenschen.

Als Charles Bradley den Mitbegründer des Labels Daptone Records kennenlernt, ändert sich sein Leben. Das Label ist auf klassischen Soul spezialisiert und immer auf der Suche nach unbekannten Talenten. Bradley wird mit 62 Jahren der älteste Debütant, den es dort je gab. „No Time For Dreaming“ wird ein unverhoffter Erfolg – weltweit. Bradley tourt damit in mehr als 17 Ländern, gibt Hunderte Konzerte. Und hinterlässt allerorten Zuschauer, die von der explosiven Energie des „Screaming Eagle of Soul“ schwärmen.

Sind Sie jetzt da, wo Sie immer hinwollten?
Nein, ich bin noch nicht da angekommen, wo ich gerne hin möchte.

Wo möchten Sie denn hin?
Ich möchte in der Lage sein, meine Hand auszustrecken nach Musikern, die durch ähnlich harte Zeiten gegangen sind wie ich. Die mir die Tiefe geben können, die ich brauche. Ich habe sehr viele Musiker kennengelernt, die technisch sehr gut spielen können, aber wenn ich tief in meine Seele gehe und ganz nah an meine Gefühle heran, dann verliere ich manchmal die Verbindung zu ihnen. Ich liebe meine Mitmusiker, das sind alles wunderbare Menschen. Aber manchmal erreichen sie mich nicht.

Bei Ihren Konzerten gehen Sie bis an den Rand der Erschöpfung …
Ja, absolut. Wissen Sie, ich bin nicht so der große Redner. Wenn ich auf die Bühne gehe und mich in den Songs mit meinen harten Zeiten verbinde, erzähle ich alles von mir. Ich will immer noch tiefer gehen. Darum arbeite ich doppelt so hart wie zuvor, um diese Tiefe zu erreichen, die ich erreichen will.

Gibt es etwas, was Sie all die Jahre über Wasser gehalten hat?
Ich versuche immer, mich an meine goldene Regel zu halten: Sei ehrlich und liebe alle Menschen. Es bringt nichts, wenn wir uns gegenseitig verletzen. Meine Mutter sagte einen Tag, bevor sie starb: „Sohn, ich wollte dir nie etwas Böses tun. Wenn ich es doch gemacht habe, verzeih mir bitte.“ Und ich sagte zu ihr: „Mama, mach dir keine Sorgen. Aber wenn ich dir jemals etwas Böses angetan habe, verzeih mir.“

Charles Bradley & his Extraordinaires: Große Freiheit 36, So, 1.6., 19 Uhr, Tickets gibt es ab 30,20 Euro, mehr Infos finden sich unter http://thecharlesbradley.com

Interview: Simone Deckner

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