Brüder zur Sonne

Eine Genossenschaft im Süden Hamburgs treibt die Energiewende voran: Sie lässt Solaranlagen bauen.

(aus Hinz&Kunzt 230/April 2012)

BLICK über die Welt: Klaus Meyer-Greve (links) und Norbert Stein.

An einem Abend im Juni 2007 rutscht eine Handvoll Sonnenfreunde in einem Saal des Gasthauses Böttcher in Nenndorf unruhig auf den Stühlen hin und her. Ein gutes Jahr lang haben sie diesen Tag vorbereitet. Haben lange Abende an Küchentischen zusammengesessen und diskutiert, Flyer entworfen und gestaltet und in die Briefkästen ihrer Nachbarn geworfen und Plakate an Straßen aufgestellt. Nun wollen sie die Bürgersolarkraftwerke Rosengarten ins Leben rufen und so vor ihrer Haustür mit der Energiewende beginnen, und die bange Frage ist: Wollen das außer ihnen auch noch andere? „Sie hätten mal sehen sollen, wie wir gezittert haben“, sagt Klaus Meyer-Greve und schmunzelt bei der Erinnerung an die Geburtsstunde der Genossenschaft. „Um zehn vor acht war der Saal noch leer!“

Zwei Stunden später können sich der 57-jährige Unternehmensberater und seine Mitstreiter entspannen: 80 Neugierige sind gekommen, 60 von ihnen wollen Geld in die Idee stecken, dass Bürger kleine Solarkraftwerke betreiben und so Atom- und Kohlestrom verdrängen. Mindestens 250 Euro steuert jeder bei, damit die Genossenschaft eine Fotovoltaikanlage auf dem Dach des Kirchen-Gemeindehauses in Klecken errichten kann. Dafür bekommen die Mitglieder das gute Gefühl, eine umweltfreundliche Technologie zu fördern, und die unverbindliche Zusage von drei Prozent Zinsen. „Wir wollen vor allem den Kohlendioxid-Ausstoß in unserem Umfeld verringern“, sagt Meyer-Greve. „Die Rendite ist zweitrangig.“

Knapp fünf Jahre nach Gründung können die Genossenschaftler auf eine Erfolgsgeschichte zurückblicken: Vor einem halben Jahr haben sie in Wilhelmsburg ihre dritte Solaranlage in Betrieb genommen, 150 Mitglieder zählt die Genossenschaft inzwischen, „ganz normale Menschen, die sich engagieren wollen im Rahmen ihrer Möglichkeiten“, sagt Norbert Stein. Der 68-jährige Diplom-Ingenieur im Unruhestand hat wie Klaus Meyer-Greve ungezählte Stunden in das Herzensprojekt gesteckt und sagt selbstbewusst: „Wir sind Pioniere des Wandels.“

Ein Geheimnis des Erfolgs:
Die Genossenschaft wirbt vor allem dort Mitglieder, wo sie ein Kraftwerk errichten will. „In Marschacht sind uns die Leute nur so zugeströmt“, erinnert sich Meyer-Greve. Innerhalb eines Abends warben die Sonnenfreunde 70.000 Euro ein, gut die Hälfte der Kosten der Solaranlage auf dem Dach einer Sporthalle waren damit gedeckt. Ende 2009 ist das Kraftwerk ans Netz gegangen und gibt manchem Marschachter seitdem das gute Gefühl, etwas zu tun dafür, das Atomkraftwerk auf der anderen Seite der Elbe überflüssig zu machen.

In diesen Tagen steht der Genossenschaft allerdings Ärger ins Haus: Die Bundesregierung hat beschlossen, die Förderung von Solarstrom zum 1. April – drei Monate früher als bisher geplant – zu kürzen, aus Sicht der Sonnenfreunde ein Unding. Zwei neue Anlagen wollten sie bis zum Sommer errichten, hatten Standorte ausgeschaut, Angebote eingeholt und Kosten und Erträge kalkuliert. „Nun können wir alles in die Tonne werfen und müssen neu rechnen“, sagt Norbert Stein, und sein Vorstandskollege meint: „So kann man mit den Bürgern und der Wirtschaft nicht umgehen!“ Die Atomlobby habe ihre Finger im Spiel gehabt, meinen die beiden Kommunalpolitiker: „Letztlich steckt da die Energiewirtschaft dahinter“, sagt Klaus Meyer-Greve. „Die will nicht lauter kleine Kraftwerke, weil sie ihre großen dann nicht mehr gewinnbringend zur Verfügung stellen kann.“

Die beiden Männer steigen auf das Dach des sogenannten Open House in Wilhelmsburg, ein Mehrfamilien-Passivhaus, auf dem die Genossenschaft ihre neueste Anlage hat bauen lassen. In langen Reihen glitzern Module in der Vorfrühlingssonne. Für das Projekt haben die Bürger erstmals einen Kredit aufgenommen, „in zehn Jahren haben wir den getilgt“, sagt Meyer-Greve. Während die Bauarbeiter die letzten Wohnungen fertigstellen, hat das Kraftwerk seit September bereits 24.500 Kilowattstunden Strom produziert. „Das entspricht dem Jahresverbrauch von zehn vierköpfigen Familien“, sagt Norbert Stein stolz.

Da entdecken
die beiden plötzlich auf dem Dach eine neu installierte Fernseh-Empfangsschüssel, die ein Modul „verschattet“ und so die Leistung der gesamten Anlage mindert. Die Arbeit hört eben nie auf.

Mehr Infos gibt es unter www.buergersolarkraftwerke-rosengarten.de

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