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Besser scheitern

27. Februar 2013 | Von | Kategorie: 2013: Hinz&Kunzt 239-250, Archiv, Hinz&Kunzt 241/März 2013

Die Hamburger Kunsthalle zeigt Filme und Videos über Dinge, die misslingen. Die Botschaft heißt: Bloß nicht aufgeben!

(aus Hinz&Kunzt 241/März 2013)

Kurz vor dem UNTERGANG: ­Performancekünstler Bas Jan Ader im Moment seines Sturzes  in eine Amsterdamer Gracht

Kurz vor dem UNTERGANG: ­Performancekünstler Bas Jan Ader im Moment seines Sturzes
in eine Amsterdamer Gracht

Die Topfpflanze will partout nicht antworten. Da kann John Baldessari noch so oft auf seine Buchstabentafeln zeigen und um korrekte Aussprache bitten. Das Grünzeug bleibt stumm. 18 Minuten dauert der Film „Teaching a Plant the Alphabet“ aus dem Jahr 1972. Ab dem 28. Februar ist er in der Hamburger Kunsthalle zu sehen – als Teil der Ausstellung „Besser scheitern“.

Insgesamt zeigen 17 Künstler ihre Filme und Videos, in denen sie sich mit Misserfolg auseinandersetzen – unter ihnen bekannte Namen wie die Performerin Marina Abramovic, der 2010 verstorbene Theater­macher Christoph Schlingensief, Bruce Nauman und Fischli/Weiss, aber auch ein Geheimtipp wie der Performancekünstler Bas Jan Ader, der auf dem Titelbild der Ausstellung mit seinem Hollandrad in eine Gracht fällt. Ader ist in seiner Kunst immer wieder an Grenzen gegangen: 1975 segelte er mit einem kleinen Boot von Amerika nach Europa. Gedacht war die Tour sowohl als Performanceaktion wie als Versuch, den Weltrekord für die Atlantiküberquerung mit dem bisher kleinsten Segelboot aufzustellen. Das Schiff wurde später vor Irland leer aufgefunden – Ader blieb verschwunden.

„Es war mir wichtig, unterschied­liche Facetten des Scheiterns zu zeigen“, sagt Dr. Brigitte Kölle. Sie hat die Ausstellung kuratiert und ist dabei selbst manches Mal an ihre Grenzen gestoßen: Wunschfilme waren verschollen. An alte 16-mm-Filmprojektoren war kaum heranzukommen.

In der Ausstellung geht es im Vergleich dazu um Radikaleres. Um das Gefühl: bis hierhin und nicht weiter. Um Brüche im Leben. „Manche Geschichten greifen das Thema eher tragisch auf, wie Gillian Wearing, die eine Alkoholikerin porträtiert, manche eher slapstickartig, wie im Film von Steve McQueen, um den herum ein Haus zusammenbricht, während er gelassen dasteht“, sagt Kölle. „Am Ende geht es ­darum, trotz allen Scheiterns nicht aufzugeben.“

Das Interesse an der Ausstellung war bereits im Vorfeld groß. „Alle reagieren sehr direkt auf das Thema, denn jeder kann etwas dazu sagen“, so Kölle. Annika Kahrs etwa. Die junge HfBK-Absolventin zeigt in der Kunsthalle ihre mehrfach preisgekrönte Arbeit „Strings“ aus dem Jahr 2010. Die Ausgangssituation: Vier Kammermusiker eines Streichquartetts sitzen auf Stühlen und spielen eine Sonate von Beethoven. Nach ein paar Minuten rücken sie zum nächsten Stuhl auf; übernehmen das Instrument ihres Nachbarn. „Die wichtigste Vereinbarung war, dass die Musiker vorher nicht üben durften“, sagt die Künstlerin. „Dann haben wir geschaut, was passiert.“ Was passierte? Die Musiker verspielten sich, lachten erst schüchtern, dann immer offener. „Die fanden es schön und spannend, mal aus ihrer Perfektion rauszukommen“, sagt Kahrs. Es gestaltete sich für sie jedoch unerwartet schwierig, überhaupt ein klassisches Ensemble zu finden, das sich auf das Experiment einlassen wollte. Viele scheuten die Möglichkeit, öffentlich zu scheitern. Kahrs Antrieb: darzustellen, welch große Wirkung eine noch so kleine Verschiebung im System haben kann. Scheitern sieht Kahrs die Musiker in ihrem Film aber nicht. Für sie ist das Stück trotz oder gerade wegen der schiefen Töne ein „künstlerisches Ereignis“.

Dazu passt, was Brigitte Kölle sagt. Sie zitiert den Schriftsteller Wilhelm Genazino: „Der hat Künstler als die Vorturner des Scheiterns bezeichnet, das finde ich sehr treffend“, so die Kuratorin. Künstler, die nie scheitern? Unvorstellbar öde. Und mal ehrlich: Wer in der Welt braucht schon Topfpflanzen, die buchstabieren können?

„Besser scheitern – Film + Video“, Hamburger Kunsthalle, Galerie der Gegenwart, Glockengießerwall. Die Ausstellung läuft bis zum 11. August, Öffnungszeiten Di–So, 10–18 Uhr, Do, 10–21 Uhr, montags geschlossen,12/5 Euro, Kinder unter 18 Jahre Eintritt frei, weitere Infos unter: www.hamburger-kunsthalle.de

Text: Simone Deckner
Foto: Mary Sue Ader-Andersen: „Bas Jan Ader, Fall 2, Amsterdam 1970“

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