Beim Filmen der Zwiebel

Die Journalistin Sigrun Matthiesen über ihre Dreharbeiten mit Günter Grass und die Aufregung über die SS-Mitgliedschaft des Schriftstellers

(aus Hinz&Kunzt 176/Oktober 2007)

Knapp zwei Jahre begleiteten die Journalistinnen Sigrun Matthiesen und Nadja Frenz den Schriftsteller Günter Grass mit der Kamera. In dieser Zeit erschien seine Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“ – mit dem anfangs übersehenen Hinweis, dass Grass in der Waffen-SS war. Für Hinz&Kunzt beschreibt Sigrun Matthiesen ihre Begegnung mit dem Literatur-Nobelpreisträger.

Von Anfang an hat Günter Grass zwei Sachen klargestellt. Erstens: Er redet nicht mit Leuten, die sein Werk nicht kennen. Das fanden wir selbstverständlich. Zweitens: „Ich geh nicht für Sie von links nach rechts durchs Bild.“ Es war also sehr früh klar, es gibt nicht die üblichen kleinen Inszenierungen für die Kamera.

Beim ersten Treffen sagte er: „Ich arbeite an einem neuen Buch, das können Sie ja ein bisschen begleiten. Es geht über meine jungen Jahre bis zur ‚Blechtrommel‘, bis ich berühmt werde.“ Mehr wussten wir darüber nicht.

Im Dezember 2005 hatte Grass sein Manuskript fertig. Und wie immer, wenn er so weit ist, las er seinen Mitarbeitern aus dem Verlag daraus vor. Das haben wir gefilmt, aber er las nicht das berühmt-berüchtigte Kapitel, in dem es um seinen Eintritt in die SS geht. Sondern ein anderes, sehr beeindruckendes, in dem er seine Zeit beim Reichsarbeitsdienst beschreibt. Da gibt es einen Jungen, der Zeuge Jehovas ist und kein Gewehr anfasst, dafür wandert er in den Bau.

Grass schreibt das in seinem Buch „Beim Häuten der Zwiebel“ so, wie er es als Junge sah: Wie kann man nur so blöd sein und sich solchen Ärger einhandeln! Heute sagt er: „Das war eine meiner frühen Lektionen, wie man nein sagt, und ich habe es nicht kapiert.“

Im Juni 2006 haben wir – wie alle anderen Redaktionen – die Vorabexemplare seiner Autobiografie bekommen und brav die 500 Seiten gelesen. Wir haben vieles darin wiedergefunden, was er uns schon erzählt hatte, einiges, was wir nicht wussten. Meine Kollegin Nadja und ich sind beide über die Stelle, in der er zur SS eingezogen wird, hinweggerutscht. Vielleicht weil er in Gesprächen und Interviews während der Dreharbeiten immer wieder gesagt hat: „Ich war ein kleiner glühender Nazi.“ Dass er sich freiwillig zu den U-Booten gemeldet hatte, mit 15 wieder nach Hause geschickt worden war und mit 17 eingezogen wurde, das wussten wir alles.

Seine Position heute habe ich immer so verstanden: „Gerade weil ich weiß, wie leicht man sich verführen lässt, bin ich jetzt kritisch und passe auf.“ Beim Lesen des Buches hat mich viel mehr erschüttert, dass er sich als 15-Jähriger freiwillig gemeldet hat. Dass er dann kurz vor Kriegsende eingezogen wurde in die SS, war für mich kein Quantensprung, sondern eine Facette. Und dann gehe ich Brötchen holen und sehe die FAZ mit der Schlagzeile: „Grass gesteht: Ich war in der SS.“ Ich war fassungslos. Ich dachte: Haben die etwas, das ich nicht habe?

Wir waren schon am Ende unserer Drehzeit und wollten noch das Erscheinen dieses Buches begleiten. Uns wurde himmelangst! Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir in Ruhe arbeiten können. Man könnte auch sagen, es hat eigentlich niemanden interessiert. Plötzlich fanden es dann alle ganz spannend. Wir waren mit dem Anspruch konfrontiert, nun auch kritische Stimmen zu bringen. Wir befürchteten, dass Grass mit uns gar nicht mehr über das Thema sprechen will. Und wir hatten Sorge, dass er, der Sprachmeister, sich auf die druckreifen, gestanzten Sätze zurückzieht, die er immer gesagt hat und die er im Schlaf abspulen kann: „Ich konnte nicht vorher drüber reden. Es hatte sich verkapselt.“

Aber dann hat sich bewährt, dass wir uns zu diesem Zeitpunkt schon so lange kannten. Wir haben ihm gesagt: „Herr Grass, wir machen uns vollkommen unglaubwürdig, wenn wir das nicht thematisieren.“ Wir haben gemerkt, dass ihn die ganze Sache wahnsinnig mitgenommen hat. Er hatte seit unserem letzten Treffen um die zehn Kilo abgenommen. In dem Moment hätte ich ihn am liebsten beschützt und ihm einen Kuchen gebacken. Und gleichzeitig war klar: Es muss halt sein.

Wir haben ihm gesagt, dass wir den Begriff von der Verkapselung nicht verstehen: Ob er das selbst 40 Jahre lang vergessen hatte? Er hat sich Zeit gelassen für die Antwort. Und es dann mit einer Schussverletzung aus den letzten Kriegstagen verglichen. Da bekam er einen Granatsplitter ab. Er sagte: „Jahrelang merke ich ihn nicht, und dann ist es kalt, und plötzlich ist der Schmerz da.“

Apropos Schmerz. Ich glaube, die Arbeit an diesem Buch, sich erinnern, alles noch einmal hervorholen, sich selbst auf die Spur kommen – das ist sowieso ein schmerzhafter Prozess, auch ohne die Reaktionen von außen. Ich finde es sehr berührend, dass ein Mann wie er, der sich locker zurücklehnen und seinen Ruhm genießen könnte, sich noch einmal so mit sich selbst auseinandersetzt.

Ich persönlich kann mich mit Grass gut identifizieren, weil er aus dem gleichen kleinbürgerlichen Milieu wie meine Großeltern kommt. In diesen Kreisen war ein Mitläufer wie Grass der Normalfall der Deutschen – nicht ein aufrechter Nazi-Gegner wie Joachim Fest. Und nicht jeder der ehemaligen Mitläufer hat die Größe besessen, sich mit seiner Vergangenheit so auseinanderzusetzen, wie Günter Grass es getan hat.

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