Aufstand in Langenhorn

Im Hamburger Norden geht die Angst um: Die alte Wulffsche Siedlung soll abgerissen und danach um 250 Wohnungen erweitert werden. Klingt eigentlich gut, doch die Bewohner haben Sorge, dass sie von zahlungskräftigen neuen Mietern verdrängt werden sollen. Deshalb kämpfen sie in der Bürgerinitiative „Stoppt Langenhorn 73“ um ihre Siedlung.

(aus Hinz&Kunzt 217/März 2011)

Die Wohnblocks der Wulffschen Siedlung entstanden in den 40er- und 50er-Jahren. Nun soll hier  alles abgerissen und neu gebaut werden.
Die Wohnblocks der Wulffschen Siedlung entstanden in den 40er- und 50er-Jahren. Nun soll hier alles abgerissen und neu gebaut werden.

„Willkommen im Abrissviertel“, scherzt Bernd Wille und öffnet die Tür zu seiner Erdgeschosswohnung. Er geht voran, zeigt die Zimmer: eine kleine Wohnstube, ein schmales Arbeitszimmer, ein Schlafzimmer, die Küche. Er tritt einmal fest auf den Fußboden: „Ist nur zur Hälfte unterkellert. Aber fußkalt? Nicht dass ich wüsste.“

Als er vor sieben Jahren hier einzog, wurde alles neu gemacht: die Heizung, die Wasserleitungen, die Elektroleitungen. Auch das Fundament, alles aufgegraben damals und abgedichtet. Nicht nur hier, auch bei den Häusern gegenüber. Er klopft mit den Fingerspitzen gegen den Türrahmen: „Und auch die Zargen, alles in bester Ordnung.“ Und dann der Garten! Ein kleines Stück Rasen erstreckt sich nach hinten, plus Terrasse, plus Rosenstrauch. Demnächst holt er die Gartenmöbel raus, und dann gibt es Kaffee und Kuchen für ihn und für die Nachbarn.Wille wohnt gerne hier in der Wulffschen Siedlung, ein paar hundert Meter hinter dem Langenhorner Markt. Entstanden sind die gut 30 weißen, meist zweistöckigen Blocks in den 40ern und 50ern, eine damals typische Gartensiedlung mit einfachem Standard. Er sagt: „Klar, das Wohnzimmer könnte größer sein, ist es aber nun mal nicht.“ Ruhig und beschaulich sei das Wohnen hier. Doch damit könnte es bald vorbei sein, fürchtet nicht nur Bernd Wille. Denn die Siedlung soll in den nächsten Jahren komplett abgerissen und neu erbaut werden. Danach gäbe es hier nicht mehr nur 546 Wohnungen, sondern mehr als 800. Und größer sollen die vom Grundriss her werden. Und die Häuser höher von den Stockwerken her, überhaupt alles viel massiver. Wille macht erst mal einen Kaffee.

Noch ist die Wohnung für ihn bezahlbar. Knapp 500 Euro kostet ihn sein etwa 50 Quadratmeter großes Reich. Warm. Das sind zehn Euro für den Quadratmeter – auch nicht gerade billig. „Wohnungsnot gab es doch schon immer in Hamburg“, sagt er. Korrigiert sich dann: „Also Not an bezahlbarem Wohnraum.“ Er weiß, wovon er spricht. Eine Erkrankung zwang den ehemaligen Flugzeugtechniker, früh aus dem Job auszusteigen, mit entsprechenden Kürzungen bei der Rente. Dieses Jahr wird er 66, es geht ihm nicht schlecht. Aber er hat auch nicht 200, 300 Euro übrig, die eine neu erbaute Wohnung womöglich mehr kosten würde. Deshalb will er kämpfen. Was ihn wundert: „Die Eigentümer sagen, die Wohnungen seien nicht geeignet für ältere und alte Leute.“ Er lacht hell auf: „Hier wohnen doch jede Menge alte Leute!“ So, der Kaffee ist fertig.

Wille findet, dass nicht einzusehen ist, dass eine intakte Siedlung mal eben abgerissen wird. „All die Jahre hat die Verwaltung geschwärmt, was das für eine tolle Siedlung wäre. So was gäbe es in Hamburg gar nicht mehr. Aber seit letztem Sommer ist hier plötzlich nur noch marode Bausubstanz, von einem Tag auf den anderen.“ Leerstand gäbe es nicht. Im Gegenteil: „Wenn mal etwas frei wird, dann sieht man da eine Schlange von zwanzig Leuten stehen und auf den Verwalter warten, mindestens.“ Bernd Wille wundert auch, dass die Verwaltung ihre sechs Handwerker entlassen hat. Angeblich seien diese unterbeschäftigt gewesen. Aber wie verträgt sich das mit der Aussage, dass die Häuser, um die sich die Handwerker zu kümmern hatten, so renovierungsbedürftig seien?


Wegen all dieser Merkwürdigkeiten
ist er auch in der Bürgerinitiative. „Stoppt Langenhorn 73“ nennt die sich, nach dem gleichnamigen Entwurf des Bebauungsplans. Es sind nicht die klassischen Protestler, es sind brave Bürger, die jetzt an Wochenenden auf den umliegenden Märkten und in den Einkaufsstraßen Unterschriften sammeln. Sie wollen ein Bürgerbegehren durchsetzen; wollen erreichen, dass ihre Interessen berücksichtigt werden, und dass man sie nicht nur einmal im Jahr mit Prospekten und Powerpoint-Präsentationen informiert. 6500 Unterschriften müssen es werden. Bis zum Mai.
Die Bauherren und die Verwaltung verstehen die Aufregung nicht. Die Häuser sollen doch modern und energieeffizient werden! Mit Solaranlagen auf dem Dach. Wärmegedämmt. Im Inneren behindertengerecht. Zugleich erklären sie, niemand solle verdrängt werden und eine Umwandlung in Eigentumswohnungen sei nicht beabsichtigt. Doch die Bürgerinitiativler bleiben skeptisch: Warum sind sie dann nicht über die geplante Veränderung ihrer Siedlung vorzeitig informiert, sondern vor die fertigen Bauskizzen gesetzt worden? Immerhin gab es einen ersten Entwurf des Bebauungsplans schon im Februar 2009.

Was werden die Folgen sein, wenn ihre Siedlung von einem „reinen Wohngebiet“ in ein „allgemeines Wohngebiet“ umdefiniert wird, in dem dann Gewerbe angesiedelt werden darf? Wie sollen die Grünflächen erhalten bleiben, wo doch auf einem Grundstück nicht mehr zwei, sondern drei Wohnblöcke stehen sollen? „Es muss im Bebauungsplan festgeschrieben werden, dass hier nichts passiert, was sich gegen die jetzigen Bewohner richtet“, sagt Michael Kuckhoff, Sprecher der Bürgerinitiative. Bloßen Zusagen vertrauen er und seine Mitstreiter nicht: „Was ist denn, wenn die heutigen Investoren es sich plötzlich anders überlegen, alles weiterverkaufen und die neuen Besitzer frühere Absprachen nicht interessieren?“ Eben erst haben die alten Besitzer eine Hälfte an ein Versicherungsunternehmen aus Süddeutschland verkauft.

Unterstützt wird die Initiative vom Verein Mieter helfen Mietern. Deren Juristin Sylvia Sonnemann teilt die Skepsis der Bewohner: „Vieles klingt nach schönen Absichtserklärungen, denn fragt man die Eigentümer, ob sie ihre Zusagen wie ‚keine Kündigungen‘ nicht in die Mietverträge aufnehmen wollen, heißt es schnell: ‚Ach, der allgemeine Mieterschutz reicht doch.‘“ Sonnemann weiß zudem aus ihrer Praxis, wie schnell Fakten geschaffen werden: „Wenn erst mal die ersten Mieter ausziehen, bekommt das eine ungeheure Dynamik. Es wird laut, es wird ungemütlich, es wird im Winter nicht mehr geheizt, dann hat man die Mieter relativ schnell raus – allein durch die Macht des Faktischen.“ Sie rät daher, sich rechtzeitig beraten zu lassen, mindestens eine Rechtsschutzversicherung abzuschließen. Und den Tatsachen ins Auge zu sehen: „Gerade ältere Menschen – und in der Siedlung wohnen ja viele Alte – lassen sich gerne beschwichtigen, weil sie glauben mögen, dass redlich mit ihnen umgegangen wird.“ Bernd Wille jedenfalls will nicht weichen. Er sammelt weiter Unterschriften. Und sagt zum Abschied: „Als ich damals hier einzog, hab ich mir gesagt: Hier möchte ich bleiben, bis sie mich raustragen.“ Und dabei bleibt es.

Text: Frank Keil
Foto: Mauricio Bustamante

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