Navigation
Kontakt

„Alleine komme ich nicht klar“

29. August 2011 | Von | Kategorie: 2011: Hinz&Kunzt-Ausgaben 215–226, Archiv, Hinz&Kunzt 223/September 2011

Matthias (40) verkauft seit 1993 mit Unterbrechungen Hinz&Kunzt. Er steht in der Nähe seiner Notunterkunft: U-Bahn Alsterdorf.

(aus Hinz&Kunzt 223/September 2011)Die Zusage hat Matthias: Sobald ein Platz frei wird, wird er in einer Einrichtung für betreutes Wohnen unterkommen und endlich ein neues Zuhause haben – ein weiterer Versuch, seinem Leben eine neue Wendung zu geben. Matthias’ Leben schlug sehr früh eine verhängnisvolle Richtung ein. Seine Mutter war Alkoholikerin und starb, als er 13 Jahre alt war.Es fehlte ihm an Halt und Aufmerksamkeit. Für Letzteres sorgte er selbst: „Als schwarzes Schaf der Familie machte ich den großen Zampano, den Gangster, schaut her, ich bin der Größte!“ Zuletzt klaute er die Ersparnisse seines Vaters. Das war zu viel: Der Vater setzte Matthias vor die Tür! Ein harter Einschnitt, er fand sich auf der Straße wieder. Und das bedeutete auch das Ende seiner Kochlehre. Matthias hatte Glück, er bekam einen Platz in einer Jugendeinrichtung. Hier fand er zurück in die Spur und beendete sogar seine Lehre. Alles schien einen guten Lauf zu nehmen. Als gelernter Koch arbeitete er für längere Zeit in renommierten Hotels. Drei Jahre später musste Matthias seinen Wehrdienst antreten. Nach wenigen Tagen unterschrieb er einen Vertrag als Zeitsoldat: „Das brachte mir einfach mehr Geld.“ Aber es wuchsen auch die Probleme: „Beim Bund fing ich das Saufen an. Wer das bis dahin nicht konnte, der hat es hier gelernt.“

Seine Zeit als Soldat endete schließlich, aber das Kampftrinken ging weiter. Außerhalb des streng geregelten Bundeswehralltages verlor Matthias jeglichen Halt. Er hangelte sich von einer Nacht zur nächsten: „Feiern ist leichter, als sein Leben in den Griff zu kriegen.“ Voll gepumpt mit Kokain und Alkohol überfiel er mit seinem Bruder eine Tankstelle, um die leere Drogenkasse wieder zu füllen: „Die Party sollte weitergehen.“ Sie endete in der JVA.
Abgeschottet von seinem Kiez, gelang es Matthias, trocken zu werden.Nach der Entlassung aber war er sich selbst überlassen; er wollte keine Hilfe, er wollte seine Freiheit. Diese führte ihn wieder direkt zur Flasche und auf die Straße. Der Alkohol blieb sein gefährlicher Begleiter. Acht Jahre lang, dann zog Matthias die Reißleine: Erst kam die Entgiftung, dann die Therapie. Zu spät, der exzessive Alkoholkonsum forderte seinen Tribut. Matthias erlitt eine Lungenembolie, er musste zwei Mal wiederbelebt werden: „Ich wusste, wenn du so weitermachst, dann ist bald Schluss.“ Im Augenblick ist er trocken. Von Menschen, die trinken, versucht er sich fernzuhalten; aber das ist nicht so einfach. Er lebt mit drei Obdachlosen in einem Zimmer – zwei davon trinken.

H&K: Welchen Wunsch hast Du für die Zukunft?
Matthias: Eine eigene Wohnung kommt für mich nicht infrage, alleine komme ich nicht klar. Ich wünsche mir ein gesichertes soziales Umfeld.

H&K: Dein Lieblingbuch?
Matthias: „Alk“ geschrieben von einem Betroffenen. Mein Lieblingssatz: „Das Leben ist ein Jammertal und jeder hat ein verbrieftes Recht auf Rausch. Nur sollte jeder wissen, was die Folgen sind!“

Schreibe einen Kommentar