Gängeviertel

Es wird gefeiert

Vier Jahre Gängeviertel: Bis Sonntag, den 25. August wird gefeiert und getanzt. Damit das auch in Zukunft möglich ist, hat die Initiative „Komm in die Gänge“ eine Genossenschaft gegründet. Seit Neustem ist auch Hinz&Kunzt dort Mitglied!

Das G‰ngeviertel lebt!
Es wird wieder gefeiert: Am Wochenende feiert das Gängeviertel seinen Geburtstag.

Herzlichen Glückwunsch: Die Künstler im Gängeviertel feiern Geburtstag. Vor vier Jahren, am 22. August besetzten etwa 200 Unterstützer und Künstler die leerstehenden Häuser am Valentinskamp. Inzwischen ist ein lebendiges Viertel entstanden, voller Ateliers und Ausstellungen, Party- und Protestkultur.

Seit Tagen wird gebohrt, gebastelt und dekoriert, damit die große Geburtstagssause beginnen kann. Über der Brachfläche hinter dem Fabrikgebäude schweben bunte Leuchtkugeln. Künstler haben aus alten Regenschirmen diese Lichtinstallation zusammengesetzt. Alle begehbaren Häuser sind geöffnet. Ab nachmittags spielen zahlreiche Bands auf, Künstler öffnen ihre Ateliers oder verwandeln ihre Arbeitsräume in Tanzflächen. Noch bis Sonntag gibt es ein vielfältiges Programm zu bestaunen.

Um diese kulturelle Vielfalt und den Wohn- und Arbeitsraum zu erhalten, hat die Initiative „Komm in die Gänge“ die Gängeviertel Genossenschaft gegründet. Im Juni 2013 hatten bereits 369 Hamburger einen Genossenschaftsanteil gezeichnet.

Inzwischen zählt auch Hinz&Kunzt zu den Genossen. „Wir sind Kulturgenossen, weil Subkulturen zu Hamburg gehören wie Hinz&Kunzt“, sagt Isabel Schwartau, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit bei Hinz&Kunzt. „Wir haben das Projekt von Beginn an mit großem Interesse begleitet. Die Künstler im Gängeviertel erarbeiten Lösungsansätze, so wie wir auch.“ Neben den zahlreichen Ateliers und Arbeitsräumen soll Wohnraum entstehen, der sich nicht nach Profitinteressen ausrichtet. „Im Gängeviertel sind unterschiedliche Lebensmodelle möglich“, so Schwartau. „Das ist und bleibt erhaltenswert. Wir wünschen für die Zukunft alles, alles Gute.“

Text: Jonas Füllner
Fotos: Mauricio Bustamante

 

„Permanent geil!“
(aus dem Hinz&Kunzt Stadtführer „Enter Hamburg!“ von 2013)

Kunst, Kurioses und viel Politik: Die Kreativität der Aktivisten im Gängeviertel scheint grenzenlos. Ein Besuch lohnt immer:

Gaengeviertel
2009 kaufte die Stadt die Grundstücke von den Investoren zurück. Erst in diesem Jahr begann die Sanierung.

Da liegt es: Ein von Alberto Giacometti angebissenes Croissant. Der Blätterteig ist über die Jahre ausgetrocknet, Krümel bedecken das Podest, auf dem das Gebäck liegt. Auf einem weiteren, leuchtend weißen Sockel in der kleinen, aber schicken Galerie im Gängeviertel sind Zigarettenstummel des berühmten Bildhauers zu bestaunen. Wer möchte, der kann am Eingang sündhaft teure Tonklumpen erwerben. „Ohne seinen Wecker hat es Alberto Giacometti nie aus dem Bett geschafft. Wir hätten das Gerät gerne gezeigt, aber das war aus versicherungstechnischen Gründen leider nicht möglich“, sagt Matthias mit einem verschmitzten Lächeln. Natürlich sind es keine Exponate der regulären Alberto-Giacometti-Ausstellung, die hier im Gängeviertel gezeigt werden. Während die Hamburger Kunsthalle mit großen Namen Besucher lockt, nimmt man im Gängeviertel die Eventkultur mit einem breiten Grinsen auf die Schippe.

Das kreative Potenzial im Gängeviertel ist enorm. Ein Besuch lohnt sich daher immer: Am besten macht man sich allerdings erst am Nachmittag auf den Weg. Dann erwacht das Viertel allmählich aus dem Schlaf. Ein guter Startpunkt für einen Rundgang ist die Loge. In dem alten Fachwerkhaus am Valentinskamp befindet sich eine historische Ausstellung. In mühsamer Arbeit haben die Künstler die Geschichte des Viertels zusammengestellt. Der Ausstellungsraum geht über in ein Café: Hier trifft man Neulinge und Alteingesessene. Wer sich auf ein Gespräch einlässt, bekommt vielleicht eine der vielen verrückten Geschichten serviert, die den Reiz des Viertels ausmachen.

Viel öffentliche Kunst gibt’s zu sehen, in ständig wechselnden Ausstellungen, bei Veranstaltungen und Events. Ein spaßiger und zugleich kritischer Umgang mit dem „Unternehmen Hamburg“ ist dabei das Besondere. Eigentlich hatte die Stadt das Gängeviertel zum Abriss freigegeben. Bis Matthias gemeinsam mit anderen die Häuser im August 2009 besetzte. Mit ihrer Aktion haben sie deren Erhalt gesichert, die Sanierung der Gebäude durchgesetzt. Und sie haben Raum für Neues geschaffen. Matthias sagt: „Was wir hier machen, das ist Stadtplanung von unten.“ Der 28-jährige Student ist von Anfang an dabei. „Hier kann sich jeder ausprobieren und etwas versuchen. Was hier alles tagtäglich entsteht, das ist permanent geil“, ergänzt Hannah, die ebenfalls zu den Aktiven der ersten Stunde zählt.

Ein Mal im Jahr – um den 22. August, den Tag der Besetzung – kommt der ganze Wahnsinn zusammen: Im Stil einer Jahresausstellung präsentieren Künstler ihre Werke. Allerdings nicht nur in Galerien. Die Kunst im Gängeviertel spielt mit den Widersprüchen in der Stadt und der Welt. Hamburg und die Hausboote findet hier in Ausstellungen ebenso Platz wie das Nebeneinander von Tradition und Moderne in China. Der fotografische Katalog einer 66 Jahre währenden Ehe steht gleichberechtigt neben einer Dokumentation über das ehemalige jüdische Getto in Schanghai.

Auf der Brachfläche hinter den Altbauten kühlen sich verschwitzte, nur in Handtücher gehüllte Gestalten ab. Hinter ihnen ein ehemaliger Bauwagen, die öffentliche Sauna des Viertels. Eine Ecke weiter wirbelt Staub auf. Tanzwütige hüpfen wild durcheinander. Doch im Innenhof herrscht völlige Stille. Die Partygäste bewegen sich zur Musik aus Kopfhörern und bieten so den Lärmbeschwerden der Nachbarn die Stirn. Man muss nur gute Ideen haben und das Miteinander klappt, ohne dass sich jemand vom anderen gestört fühlen muss.

Vom alten Fachwerkhaus aus führt der Weg rund ums Viertel zu zahlreichen Galerien in die Speckstraße, die Caffamacherreihe und den Valentinskamp. An vielen Stellen kann man den Künstlern bei der Arbeit über die Schulter gucken und manch Skurriles entdecken. Wo gab es schließlich schon mal eine Fleischereifachausstellung, bei der Schmuck aus Mett feilgeboten und ein Buletten-Bratwettbewerb ausgetragen wurden? Apropos Buletten: Wen der Hunger treibt, der hat es im Gängeviertel schwer, denn eine Genehmigung zum Verkauf von Lebensmitteln besitzt niemand. Wobei die Pommesbude „Wat schräg“, die stets in einem anderen Haus aufgebaut wird, gar nicht um Erlaubnis fragen muss. Seine Pommes versteht „Wat schräg“- Erfinder Klaus als Kunst. Und nur als solche bietet der „Künstler“ seine Werke an. Wirkliche Öffnungszeiten gibt es hier, wie auch bei vielen anderen im Gängeviertel, nicht. „Offen ist, wenn jemand aufmacht“, lautet das Prinzip. Wer auf Nummer sicher gehen will, dem seien die offiziellen Führungen ans Herz gelegt: Jeden Sonntag gewähren ansässige Künstler mit einer Führung durch die Häuser einen Einblick ins Viertel. Wer nun denkt, das Gängeviertel sei lediglich ein Ort für junge Menschen, der liegt falsch: Die Ü60-Faltenrock-Partys sind immer gut besucht. Kein Scherz: Jüngeren ist nur in Begleitung eines über 60-Jährigen der Zutritt gestattet. Gefeiert wird nicht tief in der Nacht. Los geht es um 17 Uhr, Verschnaufpausen gibt’s genug. Der durchschlagende Erfolg führte bereits dazu, dass Bürgerzentren das Konzept nachzuahmen versuchten.

Doch bei aller Begeisterung: Die Auseinandersetzungen zwischen den Aktivisten und der Stadt über die Zukunft des Gängeviertels lief längst nicht konfliktfrei. Hat sich etwas verändert in den drei Jahren seit der Besetzung? Hannah muss nicht lange überlegen, etwas zerknirscht gibt sie zu: „Wir schreiben jetzt Businesspläne. Für die stadtpolitische Einmischung bleibt viel weniger Zeit.“ Trotzdem ist Matthias optimistisch, dass das Viertel auch nach der Sanierung seinen Charakter behalten wird. Immerhin sagte schon der ehemalige Bezirksamtsleiter Markus Schreiber gegenüber der Hamburger Morgenpost über die Aktivisten: „Das sind die rechtstreuesten Besetzer, die man sich vorstellen kann. Die machen alles sauber, sorgen ab 22 Uhr für Ruhe – und ihr Anliegen, die historischen Häuser zu erhalten, hat meine volle Sympathie.“

Komm in die Gänge: Am 22. August 2009 eröffneten 200 Künstler in den damals weitgehend leer stehenden Gebäuden des Gängeviertels Ausstellungsräume, Bars und Tanzflächen. So setzten sich die Künstler für den Erhalt des Viertels ein. Im Dezember 2009 kaufte die Stadt die Häuser von einem niederländischen Investor zurück. Es begannen zähe Verhandlungen, an deren Ende im Herbst 2011 ein Kooperationsvertrag zwischen der Stadt und dem Gängeviertel e. V. geschlossen wurde.

Tipps und Informationen

Zum Gängeviertel geht es mit öffentlichen Verkehrsmitteln über die U-Bahn-Station Gänsemarkt oder die Bushaltestelle Johannes-Brahms-Platz.

Info-Laden, Valentinskamp 35, geöffnet Di–Do, 15–19 Uhr
Siebdruck- und Fahrradwerkstatt, Speckstra.e 83–87
Rundgänge durch das Viertel mit Künstlern: Anmeldung unter rundgaenge@das-gaengeviertel.info

Galerien, wechselnde Ausstellungen, Eintritt frei
Raum linksrechts, Valentinskamp 37
Kutscherhäuser, Valentinskamp 28 A+B
Kupferdiebe, Caffamacherreihe 49
Galerie Speckstraße, Speckstra.e 83–87,

Cafés
Teebutze, Innenhof Valentinskamp 38 A+E,
Café Salome und Jupi-Bar, Ecke Caffamacherreihe/Speckstra.e

Regelmäßige Termine
Faltenrock-Tanzabend, Jupi-Bar, Caffamacherreihe 37–39, faltenrock-tanzabend@web.de, jeden ersten Sonntag im Monat, ab 17 Uhr, Eintritt frei, Getränke und Snacks gegen Spende, Jüngere nur in Begleitung eines/r über 60-Jährigen.

Da Galerien und Cafés hauptsächlich ehrenamtlich betrieben werden, wechseln die Öffnungszeiten. Am besten aktuell im Internet informieren und nicht enttäuscht sein, wenn Sie einmal vor verschlossenen Türen stehen. Weitere Infos zum Gängeviertel und ausführliches Veranstaltungsprogramm unter www.das-gaengevie

Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *