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„Hinfallen darf man. Aufstehen muss man!“

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2008: Hinz&Kunzt-Ausgaben 179 – 190, Archiv, Hinz&Kunzt 185/Juli 2008

Schwergewicht Wladimir Klitschko geht mit Sportjournalist Oliver Wurm über zwölf Runden

(aus Hinz&Kunzt 185/Juli 2008)

„The Champ comes home“ – Der Champion kommt nach Hause, steht auf den Plakaten, die das Box-Highlight des Jahres ankündigen. Der Champ – das ist Wladimir Klitschko. Sein Zuhause: Hamburg. Ein Zuhause, müsste es korrekt heißen. „Hamburg ist meine Wahlheimat“, sagt der 32-Jährige im Gespräch mit Hinz&Kunzt. „Daher war es mein Herzenswunsch, nach acht Jahren wieder einen großen Kampf hier zu veranstalten.“ Am 12. Juli ist es soweit: Klitschko verteidigt seine WM-Titel der Verbände WBO, IBF und IBO gegen den Amerikaner Tony Thompson. Mit Hinz&Kunzt ging Klitschko vorab über zwölf Runden. Genauer: über zwölf Stichworte.

Familie: Das wichtigste Gut. Ich habe ein liebenswertes Verhältnis zu meinen Eltern. Vitali und mich verbindet ein unzerstörbares Band. Er ist nicht nur mein Bruder, sondern auch mein bester Freund und engster Vertrauter. Wir wissen alles übereinander. Auch wenn unser Umgang für Außenstehende manchmal fast kühl wirkt: Bei uns reicht ein kurzer Blick in die Augen, um zu wissen, wie es dem anderen geht. Vitali hat mal über uns gesagt: Wo einer ist, sind zwei. Das sagt alles. Natürlich hoffe ich, in nicht zu ferner Zukunft auch selbst Frau und Kinder zu haben.

Liebe: Danach sehnt sich doch jeder Mensch. Die wahre Liebe ist allerdings nicht leicht zu finden. Zumal wenn man wie ich in der Öffentlichkeit steht. Eine Beziehung, wie ich sie mir wünsche, kommt jedenfalls ohne große öffentliche Anteilnahme aus. Nicht, weil ich etwas zu verbergen hätte. Aber wenn ich verliebt bin, geht es darum, dass ich etwas bewahren möchte. Eine Zweisamkeit, in der eine Beziehung in Ruhe gedeihen kann.

Gewalt: Ich distanziere mich von jeglicher Form von Gewalt. Mit Worten und Diplomatie kann man ohnehin mehr bewegen. Es gibt noch immer Kritiker, die den Boxsport mit Gewalt gleichsetzen. Die haben leider nichts verstanden. Im Gegenteil. Boxen kann helfen, Gewalt und negative Energie abzubauen. Zum Beispiel in Projekten mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten. Im Ring werden sie gefordert. Bei klaren Regeln und fairem Umgang mit dem Gegner. Boxer sind keine Schläger!

Werte: Sie sollten einem von den Eltern und Lehrern vermittelt werden. Ehrlichkeit ist für mich sehr wichtig. Ich will damit nicht sagen, dass es im Leben ganz ohne Flunkereien geht. Aber ich vertrage es nicht, wenn mir jemand Märchen auftischt. Nur Ehrlichkeit führt zu Vertrauen.


Flugzeug:
Ich benutze das Flugzeug fast so wie andere das Auto oder den Zug. Es ist eigenartig: Für viele Menschen bedeutet Fliegen Stress. Ich hingegen genieße die Stunden über den Wolken. Im Grunde genommen komme ich nur auf den weiten Flügen nach Amerika oder Asien ein bisschen zur Besinnung. Da oben kann mich niemand auf dem Handy erreichen. Ich fühle mich im Flugzeug wie zu Hause. Abgeschirmt, geborgen, niemand stört.

Heimat: Meine Heimat ist und bleibt die Ukraine. Aber Hamburg ist seit 1996, seitdem ich hier wohne, wirklich zu einer zweiten Heimat geworden. Grundsätzlich fühle ich mich überall zu Hause, wo ich auf Freunde und offene Menschen treffe. An Orten, an denen ich häufiger bin, versuche ich in den gleichen Apartmentanlagen oder Hotels zu wohnen. So schaffe ich mir auf der ganzen Welt ein jeweils kleines Zuhause.

Luxus: Ich bin nicht mit goldenen Löffeln aufgewachsen, aber wir hatten zu Hause immer genug. Heute verdiene ich vergleichsweise viel Geld. Dennoch waren und sind mir die materiellen Dinge nicht besonders wichtig. Luxus – das ist eine Runde Golf mit Freunden oder gute Gespräche mit spannenden Menschen. Manchmal ist der größte Luxus auch einfach nur ein Tag ohne Termine. Wenn ich die Muße finde, mal wieder ein gutes Buch zu lesen.


Disziplin:
Vielleicht die wichtigste Tugend, um Ziele zu erreichen. Nicht nur, aber besonders im Leistungssport. In der gezielten Kampfvorbereitung lebe ich sehr asketisch. Natürlich wäre man in dieser Phase auch mal lieber auf einer schönen Gala, einer Party oder einem guten Konzert. Aber der Erfolg überstrahlt am Ende alles. Wenn der Ringrichter meinen Arm hebt und mich zum Sieger erklärt, hat sich die ganze Schinderei gelohnt.

Drogen: Lehne ich ausnahmslos ab. Man kann auch ohne Aufputschmittel sehr gut drauf sein.

Sieg und Niederlage: Beides gehört im Leben wie im Sport dazu. Auch ich habe im Ring schmerzhafte Niederlagen erlitten, hatte Selbstzweifel und habe vieles in Frage gestellt, an das ich zuvor fest glaubte. Ich habe daraus gelernt und meine Schlüsse gezogen. Niederlagen waren eine wichtige Grundlage für spätere Siege und Titel. Ich denke, dass der Sport – speziell das Boxen – eine schöne Metapher auf das Leben darstellt. Hinfallen darf man. Aufstehen muss man!

Adrenalin: Ich habe schon viel ausprobiert, gehe zum Beispiel gerne Kitesurfen. Nur einmal hatte ich wirklich Angst: beim Bungeejumping aus einem Hubschrauber. Da hat mein Verstand gesagt: „Tu es nicht, das ist gefährlich, vielleicht tödlich.“ Da musste ich eine Grenze übertreten. Noch nie in meinem Leben hat mein Körper so viel Adrenalin produziert! Nach dem Sprung wollte ich sofort wieder springen – der Kick war irre. Aber ich wollte kein Adrenalin-Junkie werden, darum habe ich es gelassen.

Armut: Es deprimiert mich, wie viele Menschen auf unserer Erde noch immer in Armut leben. Ich war mit meinem Bruder für die Unesco in Namibia, wo wir viel Not und Leid erlebt haben (Anm. d. Red.: Die Klitschkos sind Unesco-Sonderbotschafter des Sports). Dort unterstützen wir den Bau von Schulen und Krankenhäusern. Wir versuchen zu helfen, wo immer wir können. Auch mit Hilfe des Sports. „Sport has the power to change the world“, Sport kann die Welt verändern, hat Nelson Mandela uns einmal bei den Laureus World Sports Awards mit auf den Weg gegeben. Aber man sollte nicht so viel über soziales Engagement reden – sondern handeln.

Oliver Wurm

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