„BAP ist, wenn ich singe und die Band brennt“

Wolfgang Niedecken über seine Kölner Heimat, die Beatles und drei Jahrzehnte mit seiner Kult-Rockgruppe

(aus Hinz&Kunzt 157/März 2006)

Etwas erschöpft ist er ja doch: Wolfgang Niedecken, der ungekrönte König von Köln. Der Chef der Kult-Rockgruppe BAP hat gerade ein Riesenheimspiel gewonnen: Zum 30 jährigen Jubiläum war die Kölnarena an zwei Tagen ausverkauft! Ein furioser Auftakt für die Deutschlandtournee, die ihn am 3. und 4. April auch nach Hamburg führt. Mit Hinz&Kunzt sprach der 54-Jährige darüber, wie alles begann und was ihn bewegt.

Vor ein paar Wochen war eine Simone am Telefon. Sie rufe im Auftrag von Wolfgang Niedecken an, sagte sie. Sie wolle mal fragen, ob wir Lust hätten, was mit „dem Wolfgang“ zu machen… Ich glaube, viel weiter kam sie nicht. Ich war begeistert. Wolfgang Niedecken von BAP, den Kult-Rockern? Ich hatte nun wirklich wenig Idole in meiner Jugend – außer Winnetou alias Pierre Brice natürlich –, aber BAP und vor allem Wolfgang Niedecken gehörten auf jeden Fall dazu: Den fand ich nicht nur toll, der hat mein ganzes Lebensgefühl verkörpert. Ich fühlte mich komplett verstanden, damals in meiner alternativen Zeit, in der ich lila Latzhosen trug, frauenbewegt war und keinen Bock auf die Konsumgesellschaft hatte. Und natürlich war ich beim Live-Konzert, als er in der spießigsten aller Städte spielte, in der ich damals lebte: in Bonn. Mit BAP geriet selbst die langweilige Bundeshauptstadt aus den Fugen: fetziger Rock, witzige oder poetische Texte, auf jeden Fall persönlich – und das Ganze auf Kölsch. Aber wann war das bloß? 1978, 1979?

„1980“, sagt Wolfgang Niedecken, als wir 26 Jahre später in seinem Kölner Büro sitzen. „1980, in den Rheinterrassen. Es war wahnsinnig kalt und…“ Ich kann mich nicht richtig konzentrieren, weil ich so erleichtert bin: Fast könnte ich schwören, er hat das Gleiche an wie damals. Ausgeblichene schwarze Jeans, ein schwarzes Hemd und Lederweste. Ich hatte befürchtet, dass er eingebildet geworden sei, dass er beim Interview ständig auf die Uhr schauen würde oder unnahbar wäre nach all den erfolgreichen Jahren. Aber nichts dergleichen. Da sitzt er am Kaiser-Wilhelm-Ring in einem leicht abgeschrabbelten Büro, das auch unseres sein könnte. Dort stapeln sich gerade die Kisten mit den neuen CDs und den „3×10 Jahre“-Kapuzenjacken. „Den Vertrieb machen wir selbst“, hat uns eine junge Frau erklärt, die sich als Tanja vorstellt.

Und an der Wand all die Plattencover. „Einige Songs ausgenommen, sind die Texte meine Autobiografie“, sagt der 54-Jährige, als er meinen Blick sieht. Auch das Lied, mit dem BAP zum ersten Mal groß rauskam.

In der Nacht, als es geboren wurde, gings ihm „janit jot“, wie der Kölner sagt, wenn es ihm verdammt schlecht geht. Sie hatte ihm das Herz gebrochen. Mit seiner Gitarre verzog sich Wolfgang Niedecken in sein Zimmer und klampfte vor sich hin. Mit „Cowgirl in the sand“ von Neil Young wollte er sich trösten. „Aber ich kannte die Akkorde nicht.“ Das störte ihn nicht. Inbrünstig sang er sich seinen ganzen Liebeskummer von der Seele. Heraus kam „Helfe kann dir keiner“.

Zu dieser Zeit hatten er und seine damaligen Bandkollegen „immer nur einen Kasten Bier leer geprobt“, behauptet Niedecken. Ohne echten Ehrgeiz, groß rauszukommen. Na, wer’s glaubt!

Denn schon mit 13, 14 hatte ihn fast der Schlag getroffen, als er zum ersten Mal „From me to you“ von den Beatles hörte. „Da war alles zu spät!“ Mit seinen Freunden gründete er im katholischen Internat gleich eine Band. „Ich bin nahtlos vom Indianerspielen zu den Beatles übergegangen“, sagt er. Bis er Bob Dylans „Like a Rolling Stone“ hörte und so sein wollte wie der. Aber wer wollte das damals nicht?

Jedenfalls studierte Niedecken zunächst Malerei. Aber immer häufiger wurde seine Band gebucht, weil die einfach tolle Stimmung machte. Nach dem Durchbruch wurde deutlich: Sie mussten sich entscheiden. Entweder jetzt richtig durchstarten oder weiter dilettieren. Die erste große Trennung. Die Musik änderte sich: Nicht mehr Cover-Versionen von den Kinks, den Stones oder Bob Dylan, sondern eigene Lieder. Auf Kölsch. Öfter ist er dabei übers Ziel hinaus geschossen, gibt er zu: Die Trennung von seiner ersten Frau hat er ebenfalls in seinen Songs verarbeitet. „Da waren Dinge dabei, die gehen keinen etwas an.“

Viele Texte sind ja politisch, sage ich wissend. Und er antwortet, ein kleiner Schock: „Ich war erst gar nicht so politisch interessiert, ich war eher zynisch drauf.“ Dann seien er und die Band immer öfter für politische Anlässe gebucht worden. „Meistens wussten wir kaum, worum es ging.“ Und dann sagt er, „diese Alternativen“ seien ihm und den anderen irgendwie auf den Wecker gegangen, zumal die auch so merkwürdig angezogen waren. Das tut weh! „Auf der Rückfahrt saßen wir oft im Tourbus, beispielsweise nach einer Veranstaltung gegen die Nachrüstung, und dachten nach: ‚Komisch sehen die Leute ja aus, aber Recht haben sie trotzdem.‘“ Da hat er ja noch mal die Kurve gekriegt!

Das Lied „Der Müsliman“ enstand damals, eine liebevolle Parodie auf die Alternativen, was Niedecken und seiner Band den Ruf eintrug, selbst zu den Ökos zu gehören. Ein bisschen geärgert hat ihn das doch. Und ich kann eine gewisse Schadenfreude nicht verhehlen! Aber dass er links war, stimmte schon. Und stimmt bis heute: Er engagierte sich für Rot-Grün und derzeit für „Gemeinsam für Afrika“.

„Ich hab nie vergessen, woher ich komme“, sagt er. Nämlich aus der Südstadt in Köln, einem Arbeiterviertel. Seine Eltern hatten einen kleinen Lebensmittelladen. Der Chlodwigsplatz war und ist sein Lebensmittelpunkt. Das Chlodwigseck war Jahrzehnte lang so eine Art zweite Heimat. Manchmal kam ein Obdachloser rein, erzählte aus seinem bewegten Leben. „Wilde Geschichten. Dass sie erfunden waren, merkte ich sofort“, sagt Niedecken. „Aber sie waren so spannend, dass ich ihm dafür einen ausgab.“ Den Mann mit seiner fingierten Biografie hat er später in einem Song verarbeitet: Jupp.

Apropos Jupp und Alkohol: Wenn ich mich richtig erinnere, waren die BAP-Musiker auch keine Kinder von Traurigkeit… „Ganze Nächte haben wir durchgesoffen im Chlodwigseck“, gibt Wolfgang Niedecken offen zu. Dann fing er sich auf einer Tournee Hepatitis ein. „Ich sollte eine Zeitlang keinen Alkohol mehr trinken und hatte richtig Angst, dass ich das nicht schaffe“, sagt er. Das wiederum führte ihm seine Abhängigkeit richtig vor Augen. Seine Reaktion war entsprechend rigoros. „Zehn Jahre hab ich mir den Ghandi gegeben“, singsangt er auf Kölsch. Die Zeiten sind allerdings auch wieder vorbei. Aber so richtig „den Gong“ gibt er sich selten – höchstens nach solchen Erfolgen wie in der Kölnarena.

Und dieser Erfolg ist hart erarbeitet. Nie versucht er, den leichteren Weg zu gehen. Die Melodien für seine Songs liefern ihm immer seine Musiker. „Wie im Schlaraffenland“ fühlt er sich, wenn er die Bänder seiner Leute in Empfang nimmt, „diese Soundtracks für den Alltag“.

Die Ideen für seine Texte bekommt er, wenn er das richtige Musikstück hört und durch die Gegend streift. Oft sogar, wenn er mit seinem besten Freund Männerurlaub macht. Nach Tourneen zum Beispiel. „Dann muss ich erst wieder runterkommen“, sagt Niedecken. „Das ist die Zeit, in der ich manchmal einen kleinen Mann im Ohr höre: ‚Bist doch ganz schön klasse!‘ Wenn ich in diesem Zustand zu Hause einfalle, dann erkläre ich meiner Frau gerne mal, wie man den Kühlschrank richtig einsortiert.“

Nicht immer herrschte eitel Sonnenschein bei BAP. „In der einen Nacht gab es die Band nicht mehr, in der anderen traten wir wieder auf.“ Meistens gingen die Auseinandersetzungen darum, dass einige Musiker kommerzieller werden wollten: mehr Geld verdienen, weniger Live-Auftritte, sagt Niedecken. Und die Songs sollten auch gefälliger werden. Was er verabscheut. „Kaum war die Musik etwas softer, sollte gleich ein Liebeslied draus werden.“ Niedecken mag es lieber, wenn Text und Musik sich reiben. Wie etwa bei „Amerika“. Prädestiniert für einen Love-Song, stattdessen wurde es ein Lied über den Einmarsch der Amerikaner in der Südstadt.

Inzwischen ist klar, dass Niedecken den Kurs vorgibt. (Ehrlich gesagt: Das war schon 1980 in den Rheinterrassen so!) Er ist der Einzige in all den Jahren, der nicht ausgetauscht wurde, nicht austauschbar war. Inzwischen definiert er das so: „BAP ist, wenn ich singe und die Band brennt.“

Birgit Müller

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