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„Ballett ist mein Leben“

29. November 2012 | Von | Kategorie: 2012: Hinz&Kunzt 227-238, Archiv, Hinz&Kunzt 238/Dezember 2012

Florencia Chinellato und Alexandr Trusch entdeckten schon früh ihre Leidenschaft fürs Tanzen, heute gehören sie zu den Solisten beim Hamburg Ballett. Im Dezember sind sie in „Onegin“ als Liebespaar zu erleben.

(aus Hinz&Kunzt 238/Dezember 2012)

Von wegen altmodisch und verstaubt: Für Alexandra und Florencia ist Ballett Leidenschaft pur. Mit klassischen Stoffen wie „Onegin“ können sich die beiden Solisten des HAMBURG BALLETT gut identifizieren: „Die Probleme bleiben immer dieselben.“

Florencia hat Ja gesagt, da war sie gerade 14. Ja zu einem Leben in der Fremde, fern von der Familie und allen Freunden. Es war eine schwierige Entscheidung. Und doch zögerte die Argentinierin nicht lange, damals, bei dem Termin in Buenos Aires, als John Neumeier sie entdeckte. Mit ihrem Talent begeisterte sie Hamburgs Ballett-Chef so sehr, dass er ihr anbot, sie an seiner Schule aufzunehmen. „Das war eine einmalige Chance“, sagt die 26-Jährige, „da konnte ich nicht Nein sagen.“

Florencia Chinellato strahlt, sie scheint von innen zu leuchten, wenn sie von ihrer Liebe zum Tanzen erzählt. In diesem Jahr ist sie in Neumeiers Ensem- ble zur Solistin aufgestiegen, im Dezember tritt sie mit ihrem Tanzpartner Ale- xandr Trusch, ebenfalls Solist beim Hamburg Ballett, als Liebespaar in John Crankos „Onegin“ auf

Das 1965 in Stuttgart uraufgeführte Ballett basiert auf dem Versepos „Eugen Onegin“ von Alexander Puschkin aus dem Jahr 1830. Es geht um den Alltag in Russland, um Liebe und Leid, das Stück gilt als Meisterwerk. Aber ist das nicht ein etwas altmodischer, verstaubter Stoff für junge Leute in einer modernen Welt?

Florencia schüttelt entschieden den Kopf, auch Alexandr sieht das anders. „Nein“, glaubt der 23-Jährige, eigentlich habe sich seit Puschkin doch gar nicht viel verändert, die Texte des russischen Dichters seien zeitlos. „Klar, wir haben heute Smartphones und so“, meint er. „Aber die Dramen, die Probleme – die sind noch immer dieselben.“ Und welche Probleme genau? Auch da muss Alexandr nicht lange überlegen. Als ob das nicht offensichtlich wäre: „Na, die mit den Frauen!“

Alexandr grinst, dann lacht er lauthals los – sein Glück, vielleicht hätte er es sich sonst mit seiner Tanzpartnerin verscherzt. Aber so knufft Florencia ihn nur freundschaftlich in die Seite und lacht einfach mit. Zwischen ihren Figuren im Stück, Olga und Lenski, entwickelt sich eine leidenschaftliche Romanze. Alles könnte so schön sein – wenn da nicht dieses eine, bis heute aktuelle „Problem mit den Frauen“ wäre, wie Alexandr es formuliert: Eifersucht. Lens­ki kostet dieses Gefühl in „Onegin“ gar sein Leben. Da sein Freund, der
Titelheld Eugen Onegin, auf einem Fest vor seinen Augen demonstrativ mit Olga tanzt, fordert Lenski ihn zum Duell – und wird dabei getötet.

Eine dramatische Szene, überhaupt ist „Onegin“ ein spannendes, anspruchsvolles Stück. Florencia und Alexandr freuen sich auf diese Herausforderung. Sie trainieren viel und hart, eigentlich machen beide das schon fast ihr Leben lang: Florencia war drei, als sie in ihrem Heimatort Paraná in Argentinien das erste Mal Tanzunterricht bekam. „Ich konnte schon damals nicht still sitzen“, erzählt sie. „Da dachte sich meine Mutter wohl: Gib ihr bloß was zu tun!“ Anfangs tanzte sie neben Ballett auch Salsa und andere lateinamerikanische Tänze. Aber spätestens als die Familie nach Buenos Aires zog und sie dort mit elf Jahren an einer Ballettschule anfing, merkte sie: „Das ist es. Ich will nichts anderes mehr machen.“ Woran das lag – ob an den Posen, der Anmut, der Hingabe, die sie an anderen Balletttänzern sah –, kann sie selbst nicht erklären. „Ich habe es einfach gespürt“, sagt sie, und zeigt auf ihr Herz. „Hier.“

Alexandr Trusch liebte als Kind Volkstänze

Auch Alexandr entdeckte früh seine Leidenschaft für den Tanz – für Volkstanz, um genau zu sein. Er kommt aus Dnipropetrowsk in der Ukraine, rund 400 Kilometer südöstlich von Kiew. „Mit Ballett kam ich dort überhaupt nicht in Berührung“, erzählt er, „aber bunte Folklore gab es auf jedem Fest. Da habe ich als kleiner Junge immer mitgemacht, bis zum Umfallen.“ Ihn faszinierte vor allem die Unbeschwertheit und Leichtigkeit dieser Tanzform: „Ich konnte mich austoben, ich habe mich frei gefühlt.“

Als er zwölf war, wanderte die Familie nach Deutschland aus, die Kinder sollten in ihrer neuen Heimat eine bessere Zukunft bekommen. Sie zogen nach Pinneberg, Alexandr lebte sich schnell ein – und wollte unbedingt weitertanzen. „Aber mit professionellem Volkstanz hatte man es hier ja nicht so“, sagt er und grinst. „Zum Glück hörte meine Mutter dann von John Neumeiers Ballettzentrum.“ Alexandr bekam ein Stipendium, neugierig begann er sein Training an der renommierten Schule. „Zu Anfang war ich allerdings nicht so begeistert“, gesteht er. Auf einmal standen Kraftaufbau und Technik im Vordergrund, exaktes Halten der Posen anstatt unbeschwertes Drauflostanzen. „Heute weiß ich natürlich, wie wichtig das ist, um ein guter Tänzer zu werden.“

Freizeit hat er kaum noch. Wenn gerade Aufführungen laufen, gibt es bis zu sechs Wochen am Stück keinen einzigen tanzfreien Tag. Zum Ausgleich, in der Spielzeitpause im Sommer, macht Ale­xandr sich gerne die Hände schmutzig: Als kleiner Junge bastelte er mit seinem Bruder begeistert an Modellautos rum, mittlerweile ist aus dem Modell ein echtes Auto geworden, ein Mini. „Letzten Sommer habe ich den komplett restauriert, einen neuen Motor eingebaut und so was alles. Das hat unglaublich viel Spaß gemacht.“ Und dann darf auch wieder die neue Saison beginnen.

Florencia kennt das Wort „Freizeit“ ebenfalls kaum, auch für sie war der Start in Hamburg hart: „Ich fühlte mich einsam, besonders meine Mutter hat mir gefehlt.“ Die Konzentration aufs Tanzen half ihr aber schnell über ihr Heimweh hinweg, sie bereute ihre Entscheidung nicht eine Sekunde. Selbst dann nicht, als sie sich beim Training am Fuß schwer verletzte und fast anderthalb Jahre pausieren musste. „Eine Zeitlang war gar nicht klar, ob ich überhaupt weitermachen könnte“, erzählt sie. „Aber ich habe mich zurückgekämpft. Das Ballett ist nun mal mein Leben.“

Seit zwei Jahren bereichert ihr kleiner Sohn David ihr Leben, „mein Sonnenschein“. Mit ihm verbringt sie jede trainingsfreie Minute. Davids Vater ist ebenfalls Balletttänzer, zurzeit arbeitet er in einem Ensemble in Italien. Florencia sieht ihn deshalb nur selten. „Das ist natürlich kein klassisches Familienleben“, sagt sie. „Aber wir bekommen das, glaube ich, ganz gut hin.“

Aufhören, etwas anderes machen als zu tanzen, das kommt jedenfalls weder für sie noch für Alexandr infrage. Schließlich warten noch viele große Rollen auf sie. Schwanensee, der Nussknacker – „davon träumt doch jeder Profi“, sagt Alexandr.

Doch der Auftritt in „Onegin“, der einzigen Premiere in der Jubiläumsspielzeit zum 40-jährigen Bestehen des Hamburg Ballett, ist für Florencia und ihn ebenso wichtig. „Es war das erste Ballett, das ich in Argentinien gesehen habe“, erinnert sich Florencia. „Die Dramatik, besonders das Duell zwischen Eugen und Lenski, hat mich sofort mitgerissen.“ Alexandr ist mit dem Stück ebenfalls gut vertraut: „Puschkin wird in der Ukra­ine absolut verehrt. Wir haben seine Texte in der Schule gelesen.“ Wie viel Respekt er selbst dem russischen Dichter entgegenbringt, davon zeugt der Spitzname, dem ihm seine Mitschüler verpassten. Alexandr grinst: „Aus meinem Nachnamen Trusch haben sie kurzerhand Truschkin gemacht.“

Wir danken dem Hamburg Ballett für die Einladung des Hinz&Kunzt-Freundeskreises zum Nijinsky-Epilog.

Text: Maren Albertsen
Foto: Dmitrij Leltschuk 

Onegin: Premiere 2.12., 18 Uhr, Staatsoper Hamburg, Dammtorstraße 28, weitere Aufführungen 4., 7., 10., 12. und 16.12. Florencia Chinellato und Alexandr Trusch tanzen am 7. und 10. Dezember. , Eintritt 6 bis 158 Euro (Premiere), Karten unter Telefon 35 68 68 oder www.hamburgische-staatsoper.de

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