Wilder Wald in Estebrügge : Zwölf Hektar Anarchie

Wilder Wald Loki Schmidt Stiftung Estebrügge
Wilder Wald Loki Schmidt Stiftung Estebrügge
Im Wilden Wald bei Estebrügge kann man so einiges beobachten, verschiedene Farne beispielsweise. Foto: Mauricio Bustamante

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Dem Wald geht es schlecht. Was wäre, wenn zur Abwechslung die Natur selbst mal wieder übernehmen würde? Auf Expedition im Alten Land.

Der Weg zum Wilden Wald führt entlang gepflegter Häuser, mit Rosen an roten Backsteinwänden und weißen Spitzengardinen in den Fenstern. Sieben Kilometer hinter Buxtehude steigt man über ein Weidetor, langhaarige Rinder drehen halbwegs interessiert den Kopf zur Seite. Schnell noch einmal über einen Zaun und man steht drin. In, nun gut, einem Wald. Hohe Bäume, moosiger Boden, überall Farn. Viel mehr ist noch nicht zu sehen.

Doch ist es nun ein Wurmfarn oder ein gewöhnlicher Dornfarn? Das ist eine der Fragen, die sich Laura Jürgens stellt. Jürgens ist Botanikerin der Loki-Schmidt-Stiftung, und sie ist heute hier, um diesen Wald bei Estebrügge zu zeigen (was gar nicht so einfach ist, aber dazu gleich mehr). Und auch, um diese zwölf Hektar grüne Fläche, die die Stiftung im Juni aufgekauft hat, gründlich zu kartieren. Hierfür betrachtet sie eine Pflanze vor sich, nimmt eines ihrer beiden Botanikbücher zur Hand, blättert darin, schlägt nach: Wie zackig sind die Blätter, wie krumm der Stängel? Solche Sachen. Und dann weiß sie, dass vor ihr ein Wald-Frauenfarn steht, zum Beispiel. Den Dornfarn und den Wurmfarn wird sie später übrigens auch noch finden, im Wilden Wald.

Tritt der moderne Mensch hier ein, darf er ruhig ­bemerken, dass er in diesem Wald eigentlich ein dämlicher Tölpel ist. Er weiß nichts über diesen Lebensraum, er hat nichts darin gepflanzt, nichts bewegt, nichts an ihm ver­ändert: 60 Jahre lang war dieser Wald einfach nur da. Wobei, auch das ist natürlich falsch, denn er wächst ja vor sich hin, es tobt ein ständiger Wettkampf unterschiedlicher Pflanzen: Welche schafft es bis ans Licht? Und nun kann man sich das tölpelhaft (oder professionell wie Botanikerin Jürgens) ansehen: Was ist hier entstanden? Wie lebt der Wald, wenn sich der Mensch einfach mal raushält?

Das ist sowieso eine interessante Frage, weil es dem Wald, ganz generell, schlecht geht. Was vermutlich die eigentliche Tölpelei ist, weil der Mensch erstaunlich viel weiß über Bäume: Dass sie aus CO2 Sauerstoff machen, da geht es ja schon los. Dass Bäume Trinkwasser mehren und die Luft kühlen, auch nicht ganz unwichtig, vor allem in Zeiten des Klimawandels. Im Waldbericht 2021 der Bundesregierung steht: Noch nie waren so viele Bäume abgestorben wie heute, durch Hitze, Stürme, Schädlingsbefall. Eine Fläche, etwas größer als das Saarland, müsste wieder aufgeforstet werden. Vier von fünf Bäumen haben lichte Kronen.

Und damit zurück in die Anarchie des wilden Waldes. Oder besser, an den Eingang des Waldes, denn der Weg hinein ins dunkle Dickicht beginnt erst jetzt. Für die „Expedition in den Wilden Wald“ gab es vorab eine detaillierte Kleidungsempfehlung der Loki-Schmidt-Stiftung: „lange Hose und Gummistiefel“, so der Rat.

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Artikel aus der Ausgabe:

wild wilder Wald

Warum Wälder in der Stadt unverzichtbar sind, wo man trotzdem noch Wohnungen bauen kann und wieso der Sachsenwald zwielichtige Gestalten anzieht. Außerdem: Armutsbetroffene protestieren und Bildungsforscher Aladin El Mafaalani erklärt, was Armut mit Kindern macht.

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Autor:in
Anna-Elisa Jakob
Anna-Elisa Jakob
Ist 1997 geboren, hat Politikwissenschaften in München studiert und ist für den Master in Internationaler Kriminologie nach Hamburg gezogen. Schreibt für Hinz&Kunzt seit 2021.

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