Bonnie und Clyde : Zurück auf die Straße

#kalterAsphalt
Zu dritt wollen sie draußen überwintern: Bonnie und Clyde mit ihrem neuen Hund Jack.

Bonnie und Clyde ziehen aus dem Winternotprogramm aus und machen wieder Platte. Eine freie Entscheidung – und eine gute, sagen sie. In ihrer Notunterkunft hätten sie keinen Hund aufnehmen können. Seit Freitagnachmittag ist Mischling Jack an ihrer Seite.

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„Für uns war es eine leichte Entscheidung“, sagt Bonnie. Dass Hunde im städtischen Winternotprogramm an der Münzstraße nicht zugelassen sind, war den beiden klar. Trotzdem sagten sie sofort zu, als ihnen Jack anboten wurde. Die frühere Besitzerin konnte ihn nicht behalten und suchte schweren Herzens Menschen, die sich um ihn kümmern wollten, wie das Paar berichtet. „Wir haben sofort gesagt: Ja!“, erzählt Clyde und fügt hinzu: „Heute Abend packen wir unsere Sachen, ziehen aus dem Container aus und gehen wieder auf unsere Platte.“

Unsere Schlafsäcke gehen bis minus 21 Grad– Bonnie

Es herrschen etwa minus fünf Grad auf der Straße, als Bonnie und Clyde vor dem Toreingang an der Altstädter Twiete von ihren Plänen erzählen. Als Jack anfängt zu zittern, zieht Clyde seine dicke Jacke aus, legt sie auf das Pflaster und lässt den Hund darauf Platz nehmen. „Mit so einer Jacke kann einem gar nicht kalt werden“, erklärt er.

Dass sie ihre Tage und Nächte nun auch bei Frost und Regen draußen verbringen werden, schreckt die beiden nicht. „Unsere Schlafsäcke gehen bis minus 21 Grad“, sagt Bonnie. „So kalt wird es in Deutschland gar nicht.“ Natürlich wären sie auch gerne im Container geblieben, wenn das erlaubt wäre. „Wir hätten schon gerne ein festes Plätzchen mit dem Hund.“ Eine Möglichkeit wäre das Pik As – sofern dort noch ein Raum für Paare mit Hund frei ist. Diese Option wollen sie als nächstes ausloten.

Die ganze Habe kommt ins Schließfach

Zunächst aber scheint ihnen die Straße die beste Lösung zu sein. Zu dritt werden sie sich schon warmhalten, hofft das Paar. Nervig sei nur das Gepäckschleppen: Jeden Morgen verstauen Bonnie und Clyde ihre Habe im Schließfach am Stützpunkt, abends holen sie alles wieder ab und tragen es in die Mönckebergstraße zu Peek&Cloppenburg. „Das ist das Schlimmste an der Sache“, findet Bonnie.

Kalter Asphalt

Obdachlosigkeit ist schon im Sommer echt hart – im Winter wird es richtig gefährlich. Wir begleiten einige Obdachlose durch die kalte Jahreszeit. Dieter wollte nie eine Wohnung, jetzt macht ihn die Straße krank. Bonnie und Clyde waren in ihrer Wohnung überfordert, jetzt finden sie vielleicht nicht mal einen Container. Und Marek, Krzysztof und „Papa“ ziehen mit ihrem Zelt von einem Platz zum anderen, weil sie überall vertrieben werden. Unsere Reihe beginnt im Oktober – bevor das Winternotprogramm startet. Werden Sie dort alle einen Platz bekommen? Und wie geht es dann mit ihnen weiter? Wir bleiben dran.

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Doch auch das wiegt die Freude über ihren neuen Schützling nicht auf. „Wir haben immer Hunde gehabt, wir können gar nicht ohne“, sagt Clyde. Die Hundemarke ihres früheren Hundes Ramstein, die der Hinz&Künztler monatelang als Talisman trug, hängt jetzt an Jacks Geschirr. Ramstein war schon dabei, als die beiden nach ständigem Streit mit Vermieter und Nachbarn auf der Straße landeten. Er begleitete sie nach Hamburg, lebte mit ihnen auf der Platte und beschützte sie – bis zum Wintereinbruch 2015.

Trennung von Ramstein

Damals gingen Bonnie und Clyde zum ersten Mal ins Winternotprogramm. Ramstein gaben sie abends im Tierheim an der Süderstraße ab. Doch als sie den Hund im Frühjahr wieder zu sich holten, sei er ganz verändert gewesen, findet Bonnie. Der Mischling – halb Berner Sennenhund, halb irischer Schäferhund – war für die zwei kaum noch zu kontrollieren. „Da haben wir ihn mit blutendem Herzen abgegeben“, sagt Clyde. Heute wohnt Ramstein auf einem großen Hof. „Immerhin hat er es da gut.“

Jack ist nicht der erste Hund nach Ramstein. Als wir Bonnie und Clyde im Oktober kennenlernten, hatten sie sich gerade Chari angeschafft, einen kleinen Welpen. Doch schon nach wenigen Tagen war Chari verschwunden. Der Hundekontrolldienst hatte ihn aufgegriffen und ins Tierheim gebracht. Schließlich landete Chari wieder beim Vorbesitzer. Mit Jack wird ihnen das nicht wieder passieren, beteuern die zwei. „Auf den passen wir jetzt richtig gut auf“, sagt Bonnie.

Jack soll das Paar beschützen

Jack scheint es ihnen leicht zu machen. Der etwa einjährige Mischling ist gut erzogen, hört auf seinen Namen und fremdelt kaum. Das ist auch wichtig, sagt Bonnie, denn Jack soll die beiden auf der Platte auch beschützen. „Da wird gerne mal geklaut“, sagt sie. „Aber wenn da ein Hund sitzt, gehen Diebe meistens gar nicht ran.“ Beißen soll Jack nicht, aber er soll sich melden, wenn nachts jemand kommt.

Jack wird unruhig, und Bonnie fröstelt auf dem Bürgersteig. „Wir gehen gleich wieder rein, er muss nur noch kurz austrinken“, sagt sie und deutet auf ihren Partner. Clyde kann nicht ohne Bier, aber im Aufenthaltsraum bei Hinz&Kunzt ist Alkohol verboten. Ein paar Schlucke sind noch übrig in der Flasche. „Ach“, sagt Clyde, „ich kipp das Bier weg.“ Er schüttet die Neige in die Rabatten am Straßenrand, hebt seine Jacke auf und schlüpft hinein. „Was ein Hund nicht alles schafft“, sagt Bonnie lächelnd. Und Clyde grummelt: „Für den Hund mache ich alles.“

Über den Autor
Annabel Trautwein
Annabel Trautwein schreibt als freie Redakteurin für Politik, Gesellschaft und Kultur bei Hinz&Kunzt - am liebsten über Menschen, die für sich und andere neue Chancen schaffen.

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