Erfrierungsschutz : Winternotprogramm für Obdachlose startet mit 780 Plätzen

Am 1. November hat das städtische Winternotprogramm begonnen. Foto: Mauricio Bustamante.

Am Freitag hat das Hamburger Winternotprogramm offiziell begonnen. Die Auslastung der Großunterkünfte ist bislang ähnlich hoch wie in den Vorjahren. Die Nachfrage nach Wohncontainern ist aber wieder höher als das Angebot.

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„Es ist besser als auf der Straße zu erfrieren“, sagt Marcelo. Gemeinsam mit seiner Freundin Laura steht er ganz vorne in der Schlange am Standort des Winternotprogramms in der Hammerbrooker Friesenstraße. Im vergangenen Winter hatten die beiden Glück und sind in einem Wohncontainer für obdachlose Pärchen untergekommen. Bei der Platzvergabe in diesem Jahr sind sie leer ausgegangen. Deshalb hoffen sie hier am großen Standort des Winternotprogramms auf ein Pärchenzimmer. Wie viele es davon gibt, wird laut fördern&wohnen je nach Auslastung entschieden.

Das Paar gehört zu etwa 100 Obdachlosen, die am Freitagabend im Nieselregen auf die Eröffnung des städtischen Winternotprogramms warten. Auch Dominika und Adam sind gekommen. Für die beiden ist es der erste Winter auf Hamburgs Straßen – und damit auch das erste Mal im Winternotprogramm. Adam schläft im Männerbereich, Dominika in einem abgetrennten Frauenbereich, erzählt sie drei Tage später. Stressig sei es, sagt sie – die ständigen Sicherheitskontrollen aber auch die vielen Menschen und Gewalt unter den Bewohnern: „Aber es ist schon in Ordnung.“

Ähnliche Auslastung wie in den Vorjahren

Insgesamt 780 Plätze stehen in diesem Jahr zwischen November und Ende März im Winternotprogramm zur Verfügung. 650 davon werden städtisch betrieben und befinden sich an den beiden Standorten in der Friesenstraße und der Kollaustraße. Nach Angaben des Betreibers fördern&wohnen waren an den ersten Tagen im Schnitt 198 von 400 Plätzen in der Friesenstraße belegt. In der Kollaustraße waren es 75. Die Auslastung ist damit bislang mit der der Vorjahre vergleichbar.

„Niemand wird abgewiesen.“– Susanne Schwendtke, Sprecherin von fördern&wohnen

Susanne Schwendtke, Sprecherin von fördern&wohnen, berichtet im Gespräch mit Hinz&Kunzt, dass grundsätzlich erst einmal jeder Hilfsbedürftige im Winternotprogramm aufgenommen werde: „Niemand wird abgewiesen“, betont sie. Wenn sich aber herausstelle, dass Menschen das Winternotprogramm in Anspruch nehmen, aber nicht in einer Notlage seien, etwa weil sie eine Wohnung oder genug Geld für ein Hostel hätten, würde ihnen „empfohlen, das Programm wieder zu verlassen.“

In den vergangenen Jahren gab es keine Empfehlungen, sondern klare Abweisungen. Vor allem Osteuropäer, die obdachlos auf Hamburgs Straßen wohnen, durften nicht im Winternotprogramm schlafen. Für sie blieb dann nur die Wärmestube in der Hinrichsenstraße mit ihren 100 Plätzen. Betten gibt es dort allerdings nicht. Wie die Praxis in diesem Winter aussieht, bleibt abzuwarten.

Marcelo und Laura hoffen auf ein Pärchenzimmer im Winternotprogramm. Foto: Mauricio Bustamante.

Hohe Nachfrage nach Wohncontainer-Plätzen

Besonders begehrt sind auch in diesem Jahr wieder die 130 Plätze in Wohncontainern, die von der Stadt finanziert aber von ehrenamtlichen Helfern betreut werden. Sie sind dezentral auf den Grundstücken von Kirchengemeinden untergebracht. Dort gibt es abschließbare Zimmer und mehr Privatsphäre als an den Großstandorten. Ein weiterer Vorteil: Die Bewohner müssen ihre Unterkünfte tagsüber nicht verlassen, sondern können dort den ganzen Winter über auch tagsüber bleiben.

Wie schon im vergangenen Jahr wurde ein Großteil dieser Containerplätze verlost. Denn die Nachfrage nach den Plätzen ist deutlich höher als das Angebot: „Es gibt leider keine gerechtere Methode, deshalb haben wir uns für das Losverfahren entschieden“, berichtet die Leiterin der Tagesaufenthaltsstätte (TAS) der Diakonie, Melanie Mücher im Gespräch mit Hinz&Kunzt: „Auf die 86 Männerplätze, die wir vergangene Woche vergeben haben, haben sich etwa 130 Menschen beworben.“

Anders sieht es bei den Plätzen für Frauen aus. Von den 15 vorhandenen Plätzen seien bislang erst 11 belegt, berichtet Elke Hoffmann vom Verein Kemenate Frauen Wohnen, der die Platzvergabe für obdachlose Frauen organisiert.

Über den Autor
Lukas Gilbert
Lukas Gilbert
Studium der Politikwissenschaft in Hamburg und Leipzig. Seit September 2019 Volontär in der Hinz&Kunzt-Redaktion.

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