Wärmestube : Sitzen statt Schlafen

Von außen unscheinbar, von innen ungemütlich: Die Wärmestube für Obdachlose in der Hinrichsenstraße. Foto: JOF

Nein, sie erfrieren nicht. Aber viel mehr bietet die sogenannte Wärmestube Obdachlosen auch nicht. Kein Bett. Keine Duschen. Kein Essen. Nicht mal Trinken. Nur einen Stuhl – und in guten Nächten ein Stück Fußboden.

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„Wenn es nicht regnet, schlafe ich lieber draußen“, sagt Marcu*. Der Rumäne ist einer jener Obdachlosen, die der Senat nicht für hilfebedürftig hält – weil sie angeblich eine Bleibe in ihrer Heimat haben. Die Folgen sind gravierend: Menschen wie Marcu bekommen kein Bett im Winternotprogramm, sondern werden zur sogenannten Wärmestube in der Hinrichsenstraße geschickt – eine kuschelig klingende Umschreibung für sechs Räume, die mit Holzstühlen und kleinen Tischen möbliert sind. Und über die Marcu sagt, dass sie manchmal so voll sind mit Menschen, denen es an Waschgelegenheiten fehlt, dass es stinkt.

Obdachlose wie Marcu werden nicht ins Winternotprogramm gelassen, weil sie „Selbsthilfemöglichkeiten im Herkunftsland“ haben, erklärte Sozialsenatorin Melanie Leonhard kürzlich im taz-Interview. Wer trotzdem Hilfe sucht, wird unlauterer Motive verdächtigt: „Es geht darum, deutlich zu machen, dass wir bestimmte Missbrauchstatbestände im Winternotprogramm nicht hinnehmen können.“

Schlafen ist auf dem Fußboden erlaubt – wenn genug Platz ist

„Draußen schlafe ich wenigstens mal zwei oder drei Stunden durch“, sagt Marcu. In der Wärmestube ist das schwierig: Eigentlich sollen die Menschen dort die Nacht im Sitzen verbringen, Betten gibt es nicht. Kürzlich, erzählt Marcu, habe er ein Zimmer der Wärmestube mit 13 weiteren Obdachlosen geteilt. 14 Menschen, auf Stühlen sitzend, in einem nach seinen Schätzungen zwölf Quadratmeter kleinen Raum.

„Draußen schlafe ich wenigstens mal zwei oder drei Stunden durch.“– Marcu

Auch andere Besucher der Wärmestube haben gegenüber Hinz&Kunzt erklärt, sie hätten dort mehrere Nächte teilweise oder vollständig im Sitzen verbringen müssen. Der städtische Unterkunftsbetreiber fördern&wohnen (f&w) erklärte dazu auf Nachfragen, es hänge von der „aktuellen Belegungssituation“ ab, ob die Obdachlosen auf dem Boden liegen dürfen. „Solange die Kapazitäten es hergeben, ist die Nutzung eigener Schlafutensilien erlaubt und wird auch praktiziert.“

Laut f&w können in der Wärmestube bis zu 100 Stühle aufgestellt werden. In ersten 14 Nächten des Monats übernachteten dort den Angaben zufolge insgesamt 71 Menschen, gleichzeitig waren es bis zu 60. Das sind deutlich mehr als vergangenen Winter, als durchschnittlich 17 Menschen das Angebot nutzten. Voll belegt sei die Wärmestube diesen Winter noch nicht gewesen, so f&w-Sprecherin Susanne Schwendtke. Sollte das passieren, gebe es „geeignete Reserveangebote“ an anderen Standorten des Unterkunftsbetreibers.

Angesichts der aktuellen Diskussion über einen Kältebus, der Obdachlose vor dem Erfrieren bewahren soll, wies die Sozialbehörde darauf hin, dass derzeit noch fast 300 Betten im Winternotprogramm frei seien. Obdachlose wie Marcu dürfen sich leider nicht hineinlegen – und ziehen die Nacht in der Kälte mitunter der Wärmestube vor.

* Zum Schutz des Betroffen haben wir den Namen geändert.

Autor*in
Ulrich Jonas
Ulrich Jonas
Freier Journalist und Hinz&Kunzt-Autor aus Leidenschaft, schreibt seit vielen Jahren über Armutslöhne, Ausbeuter und Ideen für eine solidarische Gesellschaft.

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