Verstärkte Kontrollen : Was ist los im Winternotprogramm?

Im Vergleich zum Vorjahr mussten bereits Mitte November deutlich mehr Obdachlose im Winternotprogramm schlafen. Foto: Dmitrij Leltschuk

Im Winternotprogramm geraten Bettler aus Rumänien zunehmend unter Druck. Die Stadt drängt sie dazu, in ihr Heimatland zurück zu reisen. Viele wissen nicht, was sie tun sollen.

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Unter den Rumänen vor dem Winternotprogramm im Schaarsteinweg ist die Unruhe groß. Es kursiert das Gerücht, dass sie in wenigen Tagen die Unterkunft verlassen müssen und sich einen anderen Schlafplatz suchen sollen. Einige weinen, andere fluchen lautstark. Die Sorgen sind spürbar.

Aber was ist dran an dem Gerücht? Tatsächlich hat die Stadt in diesem Jahr die Befragungen im Winternotprogramm verstärkt, um Menschen auszumachen, die nicht zur „Zielgruppe“ des Winternotprogramms gehören. Das bestätigte der Geschäftsführer des Unterkunftsbetreibers fördern&wohnen, Rembert Vaerst, im Interview mit Hinz&Kunzt. „Die Zielsetzung ist schon, dass diejenigen, die nicht zur Zielgruppe des Winternotprogramms gehören auch nicht ins Winternotprogramm kommen“, sagte Vaerst.

Bettler in Hamburg
Die Pendler von Namaesti
Dokumentarfilmer Andrei Schwartz besuchte zusammen mit Mitarbeiter des Vereins Hoffnungsorte und der Sozialbehörde Hamburger Bettler in ihrem rumänischen Dorf.

Gemeint seien damit zum Beispiel Bettler, die in Rumänien zwar kein Einkommen, aber ein Obdach hätten. Auch dann, wenn sie schon seit Monaten in Hamburg Platte gemacht haben. Sie seien zwar für wenige Tage, aber nicht dauerhaft im Winternotprogramm Willkommen. Nach Abendblatt-Informationen sollen sie in Hotels übernachten und die Übernachtung selbst bezahlen. Diese unterschiedlichen Aussagen verstärken derzeit die Verunsicherung unter den Obdachlosen.

Offensichtlich soll das Winternotprogramm so umorganisiert werden, dass Obdachlose ohne Anspruch auf Sozialleistungen sich dort nicht den ganzen Winter über aufhalten dürfen. Sie werden in der Beratung im Winternotprogramm vor die Wahl gestellt, mit einem Bus ins Heimatland zu reisen oder das Winternotprogramm zeitnah zu verlassen. Werden sie dann wirklich auf die Straße geschickt? Angeblich nicht, beteuert Vaerst: „Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, dass die Stadt Hamburg ihrer Verantwortung, für einen Erfrierungsschutz zu sorgen, nicht nachkommt.“

Nächte in der Tagesaufenthaltsstätte als Alternative

Die Sozialbehörde weist auf Nachfrage auf eine weitere Möglichkeit hin. Wem die „Beratung zu intensiv“ sei, aber eine Rückreise ins Heimatland ablehne, könne sich in der Hinrichsenstraße aufhalten. Dort befindet sich eine Tagesaufenthaltsstätte der Behörde, die auch nachts geöffnet ist. Betten gibt es dort allerdings keine.

Die Aufenthaltsstätte befindet sich nahe der S-Bahn-Station Landwehr. Nur wenige Obdachlose nutzten bislang das zusätzliche Angebot. Die Information scheint die Betroffenen allerdings noch nicht erreicht zu haben. Die meisten Obdachlosen, die wir vor dem Winternotprogramm und im Vertriebsraum von Hinz&Kunzt auf die zusätzlichen Aufenthaltsstätte ansprechen, haben von dem Angebot noch nichts gehört.

In einer gemeinsamen Stellungnahme hatten die Diakonie, hoffnungsorte hamburg und Hinz&Kunzt das Vorgehen kritisiert. „Bei Minusgraden Menschen so unter Druck zu setzen, dass sie den Erfrierungsschutz wieder verlassen und zurück auf die Straße gehen, ist absurd – und lebensgefährlich für die Betroffenen“, hatte darin Hinz&Kunzt-Chefredakteurin Birgit Müller gesagt.

Über den Autor
Benjamin Laufer
Schreiben, was schief läuft, damit es sich ändert: Benjamin Laufer arbeitet als Journalist in Hamburg hauptsächlich zu Sozial- und Innenpolitik.

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