Paloma-Viertel : So lebenswert werden die neuen Esso-Häuser

Das geplante Paloma-Viertel am Spielbudenplatz. Visualisierung: Bayerische Hausbau

Es geht voran mit dem Areal, auf dem einst die Esso-Häuser standen: Am Dienstag wurden die Neubaupläne konkretisiert. Im Paloma-Viertel wird es günstige Wohnungen und viel Platz für öffentliches Abhängen geben.

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60 Prozent öffentlich geförderte Wohnungen, die erst nach 25 Jahren aus der Sozialpreisbindung fallen; keine teuren Eigentumswohnungen, dafür viele, kleine Mietwohnungen: Wo früher die Esso-Häuser nebst legendärer Tanke ihren Platz hatten, soll das neue Paloma-Viertel entstehen.

Was dort genau gebaut werden soll, war jahrelang hoch umstritten. Bis jetzt: Der Investor Bayerische Hausbau, die PlanBude, ein Planungs-Büro aus Künstlern, Architekten, Stadtteilaktiven und Kulturwissenschaftlern sowie Vertreter vom Bezirksamt Mitte und rot-grüne Bezirkspolitiker präsentierten am Dienstag einträchtig die konkretisierten Pläne für das Viertel.

2300 Vorschläge von Hamburgern

Eigentlich wollte die Hausbau anstelle der Esso-Häuser, die sie 2009 gekauft hatte, 240 Wohnungen bauen. Ein Drittel davon Eigentumswohnungen, dazu großflächig Gewerbe. Kritiker wie die Esso-Initiative fürchteten einen Ausverkauf und kämpften lange, aber letztlich erfolglos, gegen den Abriss, der 2014 folgte.

Danach begann ein bis dahin beispielloser Beteiligungsprozess, bei dem sich die zerstrittenen Parteien sowie Vertreter des Bezirks Mitte und der Bezirkspolitik an einen Tisch setzten, um über die Zukunft des Areals zu verhandeln. Die PlanBude forderte die Hamburger auf, eigene Ideen und Vorschläge einzureichen: 2300 Hamburger machten mit.

Die Stimmung unter den Verhandlungspartnern am Dienstag bei der Vorstellung im St. Pauli-Museum: gelöst. „Es war nicht immer konfliktfrei, aber wir haben einen Dreh gefunden“, sagt Bodo Hafke, Dezernent Wirtschaft, Bauen und Umwelt beim Bezirk Mitte. Neben ihm und Bernhard Taubenberger von der Bayerischen Hausbau präsentierten Mitglieder der PlanBude sowie Henriette v. Enckevort (SPD) und Michael Osterburg (Die Grünen) den aktuellen Stand der Verhandlungen. Diese sind Grundlage für den städtebaulichen Vertrag, der als nächstes geschlossen werden soll.

Öffentliche Dachgärten und ein Basketball-Feld – zusätzlich zu den günstigen Wohnungen: das neue Paloma-Viertel konkretisiert sich. Foto: Bayerische Hausbau.

Günstige Wohnungen statt teurer Penthouses

Zwischen 180 und 200 Wohnungen sollen auf dem Kiez entstehen. Nur 40 Prozent davon frei finanziert, aber 60 Prozent öffentlich gefördert. 15 Prozent der geförderten Wohnungen sind reserviert für Menschen mit Paragraph 5-Schein.

In den Esso-Häusern gab es bis zu deren Abriss im Jahr 2014 insgesamt 110 Wohnungen, der Großteil günstig, weil die Mieter dort schon lange lebten. 40 von den Altmietern hatten sich damals ein Rückkehrrecht in die „neuen“ Esso-Häuser zusichern lassen, sagt Christina Röthig von der PlanBude. „Wir sind bis heute mit allen im Gespräch“, bestätigt sie gegenüber Hinz&Kunzt. Wer wieder in seiner alten Heimat wohnen wolle, könne dies auch, „zu den alten Konditionen“, sagt Bezirksamtsvertreter Hafke.

Dazu wird es Dachgärten geben, die für alle zugänglich sind. Plus: Günstige Gewerbemieten und viel Platz für Nachbarschaftsinitiativen. Die Rückkehr des beliebten Musikclubs „Molotow“ steht ebenso fest wie der Umzug der Bar und des Hostels „Kogge“ ins Paloma-Viertel. Im Erdgeschoß soll es einen Supermarkt, einen 24 Stunden-Shop (als „Ersatz“ für die alte „Esso-Tanke“, aber mit eingeschränkten Alkoholverkauf), sowie eine Drogerie „Da soll Kiez-affines Gewerbe hin, wir wollen hier keine Juwelier Wempes“, so Hafke.

Wir wollen hier keine Juweliere– Bodo Haffke, Bezirk Mitte

Auch ein Hotel für 150 Personen gehört zum geplanten Komplex. An dessen Rückseite soll eine Kletterwand für die Öffentlichkeit entstehen. Geplant sind daneben ein Dachareal speziell für Skateboarder und eines, auf dem Street Basketball gespielt werden kann. Auch ein Park Fiction 2.0 soll entstehen. „Wenn die Umsetzung hier gelingt, können damit ganz neue Maßstäbe im innerstädtischen Neubau und der Entwicklung von Quartieren gesetzt werden“, sagte Margit Czernki von der PlanBude.

Baugemeinschaft bekommt Platz

Statt uniformer Fassaden wünschten sich die 2300 Bürger, die am Beteiligungsverfahren der PlanBude teilgenommen haben, individuelle, kleinteilige Grundrisse, viel Platz für soziale und Nachbarschaftsinitiativen und günstige Gewerbemieten. Im Durchschnitt werden Gewerbemieter nun 12,50 Euro pro Quadratmeter netto zahlen.

2300 Hamburger brachten ihre Ideen für das Paloma-Viertel im Beteiligungsverfahren ein – und entwickelten einen spezifischen St. Pauli-Code. Foto: 2014 PlanBude / Margit Czenki.

Im so genannten Nachbarschafts-Cluster im ersten Oberstock sollen soziale Initiativen ebenso angesiedelt werden wie eine offene High-Tech-Werkstatt für Alle („FabLab“). Fünf Wohnungen werden speziell für Auszubildende reserviert, die nur wenig Miete zahlen können.

Hart wurde zuletzt um die Nutzungsfläche für eine Baugemeinschaft verhandelt – aber auch hier konnten sich die Vertragspartner einigen: auf einen Preis von 800 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche „Für uns steht an erster Stelle, dass dort eine förderfähige Baugemeinschaft angesiedelt werden kann“ so Grünen-Politiker Osterburg, „sie ist aus kommunalpolitischer Sicht das Herzstück des Projekts.“

Baugemeinschaft ist für uns Herzstück des Projekts– Michael Osterburg, Die Grünen

Christoph Schäfer von der PlanBude kann sich bei seiner Rede einen Seitenhieb nicht verkneifen. „Zu diesem Ergebnis wäre die Bayerische Hausbau ohne das Beteiligungsverfahren nie gekommen“, sagt er. Ausdrücklich lobt er hingegen die Bereitschaft der Politik, die Ideen der Bürger in ein Beteiligungsverfahren zu fördern. „Was hier passiert, ist beispielhaft.“

Bernhard Taubenberger von der Bayerischen Hausbau gibt seiner Hoffnung Ausdruck, dass man „die klaffende Wunde im Herzen St. Paulis“ nun doch bitte endlich schließen möge. „Das hat alles viel zu lange gedauert“, so Taubenberger. Laut Bezirksvertreter Hafke soll im Frühjahr 2019 Baubeginn sein, mit einer Fertigstellung wird Mitte 2022 gerechnet.

 

Über den Autor
Simone Deckner
Simone Deckner ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Kultur, Gesellschaft und Soziales. Seit 2011 arbeitet sie bei Hinz&Kunzt: sowohl online als auch fürs Heft.

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