Kennedybrücke : Obdachloser greift Zeltnachbarn an

Unter der Kennedybrücke leben seit vielen Jahren Obdachlose in Zelten - offiziell geduldet von der Stadt. Archivfoto: Jonas Füllner

Unter zwei Obdachlosen auf der Platte an der Kennedy-Brücke ist es zu einem folgenschweren Streit gekommen. Einer der beiden kam schwer verletzt ins Krankenhaus.

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Mehrere Rippenbrüche, ausgeschlagene Zähne und eine gebrochene Nase: Die Folgen des Angriffs auf den 47-Jährigen Obdachlosen sind heftig. Am Abend des 1. November hat ihn mutmaßlich ein gleichaltriger Obdachloser in seinem Zelt unter der Kennedybrücke überfallen. Der Angreifer hat laut Polizei mit einem Holzstuhl auf sein Opfer eingeschlage, es anschließend aus dem Zelt gezerrt und dort liegen gelassen.

Dem Angriff sei ein Streit zwischen den beiden Männern vorausgegangen, der allerdings schon länger zurückgelegen habe, sagte eine Polizeisprecherin zu Hinz&Kunzt: „Der eine hat den anderen dann im Schlaf überrascht.“

Der angegriffene Obdachlose war am vergangenen Dienstag nach fünf Tagen aus dem Krankenhaus zunächst in die Obdachlosigkeit entlassen worden. Inzwischen ist der Mann nach Informationen von Hinz&Kunzt im Rahmen des Winternotprogramms in einem Wohncontainer bei einer Kirchengemeinde untergekommen.

Gefährliche Körperverletzung: Haftbefehl!

Den mutmaßlichen Angreifer verhaftete am Dienstag die Polizei. Gegen ihn erließ ein Richter einen Haftbefehl wegen des Vorwurfs der gefährlichen Körperverletzung. Der Verhaftete stammt aus Bulgarien – was im Internet bereits als Beleg für die Gewalttätigkeit von Migranten gehandelt wird. Verschwiegen wird allerdings: Auch das Opfer ist Bulgare.

Straßensozialarbeiter Johan Graßhoff kennt die beiden und widerspricht der These der Migrantenkriminalität: „Die Nationalität spielt bei solchen Fällen meistens keine Rolle“, sagt Graßhoff gegenüber Hinz&Kunzt. Vielmehr sei die Ursache in der Obdachlosigkeit der Beteiligten zu suchen: „Oft reicht unter Obdachlosen bereits ein geringfügiger Anlass, damit es zu Gewalt kommt.“

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Tatsächlich ist Gewalt unter Obdachlosen ein weit verbreitetes Phänomen. Aus Sicht von Menschen mit Wohnungen gehe es dabei häufig um Nichtigkeiten, sagte bereits im Frühjahr die Kriminologin Daniela Pollich von der Kölner Fachhochschule für öffentliche Verwaltung gegenüber Hinz&Kunzt. Eine Flasche Bier etwa oder eine ausgeliehene Zigarette könnten zum Auslöser für eine Schlägerei werden: „Da manifestiert sich die Anhäufung von Ungleichheit, schlechten Chancen, Frus­tration und Aussichtslosigkeit.“ Anders gesagt: Wer wie Obdachlose kaum schläft und lange Zeit auf der Straße verelendet, bei dem liegen die Nerven oft schlicht blank.

Über den Autor
Benjamin Laufer
Schreiben, was schief läuft, damit es sich ändert: Benjamin Laufer arbeitet als Journalist in Hamburg hauptsächlich zu Sozial- und Innenpolitik.

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