Hintergrund : Warum immer mehr Obdachlose Opfer von Gewalt werden

Brandanschläge, Körperverletzungen, Vergewaltigungen: Gewalt gegen Obdachlose ist an der Tagesordnung. Und Jahr für Jahr werden es mehr Übergriffe, zeigt eine Statistik des BKA. Ein Experte fordert gezielte Präventionsmaßnahmen.

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Der erste Schlag geht direkt ins Gesicht. Nach dem zweiten geht der Mann zu Boden. Acht oder neun weitere Male schlägt der Malerlehrling hart und gezielt auf den Kopf seines Opfers ein, der sich jetzt die Hände schützend vor das Gesicht hält. Erst Passanten können den 22-Jährigen stoppen, der im April 2017 in der Mönckebergstraße auf einen Obdachlosen losgeht. Dessen Platzwunde am Hinterkopf muss im Krankenhaus genäht werden. Der Schläger wird später zu acht Monaten Haft verurteilt, ausgesetzt zur Bewährung. „Einen nachvollziehbaren Grund für seine Tat gab es nicht“, befinden die Richter am Amtsgericht.

Es ist einer von zahlreichen Übergriffen auf Obdachlose im vergangenen Jahr auf den Straßen Hamburgs. Hinz&Künztler berichten uns, wie sie im Schlaf ins Gesicht getreten oder auf einer Parkbank verprügelt wurden. Mindestens viermal sind Obdachlose in Hamburg 2017 sogar Opfer von Brandanschlägen geworden – zum Glück ohne tödliche Folgen. „Die Hemmschwelle scheint gesunken zu sein“, sagt Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer. Und zwar bei Bürgern, die Obdachlose angreifen – scheinbar einfach so oder aber, weil sie sie verachten. Aber auch bei Obdachlosen selbst, die wegen des zunehmenden Konkurrenzdrucks auf der Straße oft vor ­Gewalt untereinander nicht zurückschrecken.

Laut BKA nehmen die Gewalttaten stark zu

Ein Blick in die Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts bestätigt den Eindruck, dass die Gewalt auf der Straße zugenommen hat. Seit 2012 werden dort Straftaten gegen Obdachlose gesondert ausgewiesen. Es gibt immer mehr davon: Hatten die Kriminalbeamten 2012 noch 258 Gewalttaten gegen Obdachlose gezählt, waren es 2017 schon 592. Das ist ein Zuwachs von 129 Prozent in nur fünf Jahren. In Hamburg schwanken die Zahlen zwischen 56 und 70 im Jahr, trauriger Höhepunkt auch hier das Jahr 2017. Sogar ein Mord und zwei Fälle von Totschlag waren in den vergangenen Jahren da­runter. Und das sind nur die Fälle, die bei der Polizei angezeigt wurden.

Wie kann das sein? Eine mögliche Erklärung ist, dass immer mehr Menschen auf der Straße leben und dort zu Opfern werden können. Nach einer Schätzung der Bundesarbeits­gemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) hat sich ihre Zahl von 24.000 im Jahr 2012 innerhalb von vier Jahren mehr als verdoppelt: 2016 waren demnach 52.000 Menschen in Deutschland obdachlos. Und daher oft geschwächt und wehrlos, sagt die Kriminologin Daniela Pollich von der Kölner Fachhochschule für öffentliche Verwaltung. Damit wären sie für Gewalttäter ein leichtes Opfer.

Tätern drohen kaum gesellschaftliche Konsequenzen

Pollich hat untersucht, aus welchen Gründen Obdachlose Opfer von Gewalt werden. Oft sei es schlicht die Gelegenheit, aus der heraus sie angegriffen würden. „Gerade nachts sind häufig Wohnungslose auf der Straße verfügbar, wenn jemandem gerade danach ist, jemanden zu verprügeln.“ Dazu käme das Desinteresse, mit der die Gesellschaft Wohnungslosen begegne: „Wenn man seinen Nachbarn vermöbelt“, sagt Pollich, „muss man eher mit gesellschaftlichen Konsequenzen rechnen, als wenn man sich jemanden aussucht, der in einer dunklen Ecke sehr schutzlos und unbeachtet von der Gesellschaft lebt.“

Die Motive der Täter seien schwierig zu erforschen, räumt Pollich ein. Aber oft gehe es ihnen darum, sich selbst besser zu fühlen, indem sie auf Schwächere losgehen. „Wenn es noch jemanden unter einem gibt, ist man selbst nicht der gesellschaftliche Verlierer“, sagt die Forscherin. Die Gewalt­täter kämen daher oft selbst aus Milieus, die gar nicht so weit weg von dem der Wohnungslosen seien. „Die suchen sich jemanden, an dem sie sich persönlich hochziehen können, indem sie ihn abwerten.“ So wie der Schläger von der Mönckebergstraße: Als Malerlehrling verdient der frühere Hauptschüler gerade einmal 370 Euro im Monat.

Neonazis ermorden mindestens 26 Obdachlose

Oft schlagen Täter auch zu, weil die Obdachlosen nicht in ihr Weltbild passen, weil sie sie für nutzlos halten, für faul, für Schmarotzer. Einige haben diese Vorurteile verinnerlicht, andere in ihr geschlossen rechtsextremes Weltbild fest eingebunden. Nach einer Zählung der Amadeo-Antonio-Stiftung sind seit 1990 mindestens 26 Obdachlose von Rechtsextremisten umgebracht worden, denen Obdachlose seit jeher als „unwert“ gelten. Hate Crime – oder vorurteilsmotivierte Kriminalität.

Mit Vorurteilen kennt Andreas Zick sich aus. Er leitet das Bielefelder Zen­trum für Konflikt- und Gewaltforschung und untersucht regelmäßig, welche Vorurteile in der deutschen Gesellschaft verbreitet sind. Es ist mitnichten so, dass nur Neonazis Vorurteile gegenüber Obdachlosen haben. Seit Beginn der Untersuchungen vor 14 Jahren hat etwa ein Drittel der Deutschen solche Ressentiments, findet zum Beispiel, dass Bettler „aus den Fußgängerzonen entfernt werden“ sollten.

Jeder Dritte hat Vorurteile gegen Obdachlose

Verändert hat sich in den vergangenen 14 Jahren, wer genau diese Vor­urteile hegt. Anfangs waren es noch insbesondere ungebildete Menschen mit geringem Einkommen. Inzwischen finden die Forscher solche Ressentiments in allen Schichten. Die Menschen geben den Obdachlosen selbst die Schuld für ihre Lage, unterstellen ihnen all­gemeine Inkompetenz und emotionale Kälte. „Man möchte Obdachlose nicht sehen“, sagt Zick. „Und aus dem Vorurteil kann Handeln entstehen, wenn sich die Gelegenheit ergibt.“

„Die Gewalt gegen gesellschaftliche Randgruppen steigt an – und sie steckt an.“– Konfliktforscher Andreas Zick

Nach wie vor hat etwa jeder dritte Deutsche diese Vorurteile, wie schon vor 14 Jahren – dennoch nehmen die Gewalttaten gegen Obdachlose zu. Der Forscher erklärt sich das mit einer generellen Entwicklung: „Die Gewalt gegen gesellschaftliche Randgruppen steigt an – und sie steckt an“, sagt Zick. Wer etwa gewaltbereit gegenüber Flücht­lingen sei, habe oft auch das Potenzial, Obdachlose anzugreifen.

Weil längst nicht alle Fälle aufgeklärt werden, kann man oft über die Motive der Täter nur spekulieren. Im Januar endete vor dem Landgericht allerdings der Prozess gegen einen 32-Jährigen, der im vergangenen April in St. Georg den Schlafplatz eines Obdachlosen angezündet hatte. Nur weil binnen kürzester Zeit Passanten das Feuer löschten, war dem Obdachlosen nichts weiter passiert.

Die Täter sind oft selbst obdachlos

Ein Verbrechen, das viel über das Leben auf der Straße in Hamburg erzählt. Denn auch der Brandstifter war obdachlos, und er kannte sein Opfer. „Ich wollte ihm mit Sicherheit nicht sein Leben nehmen“, hatte der Angeklagte Constantin in der Verhandlung beteuert. Vielmehr wollte er dem Opfer – dem 49-jährige Costel – eine Lektion erteilen, denn der war unter Obdachlosen für seine Neigung zu Gewalt bekannt. Immer wieder machte er anderen die Schlafplätze streitig. „Ich wollte, dass er sein Verhalten ändert“, begründete Constantin seine Tat. Tatsächlich hatte Costel vor Gericht ausgesagt: „Ich werde in Zukunft zweimal nachdenken, bevor ich jemanden schlage.“

Viele der Täter, die Obdachlose angegriffen haben, leben selbst auf der Straße. Wie viele es genau sind, darüber macht das Bundeskriminalamt keine Aussagen. In der Auswertung der Medienberichte über Gewalttaten der Bundesarbeits­gemeinschaft Wohnungslosenhilfe trifft es etwa auf die Hälfte der Fälle zu. Die meisten Übergriffe unter Obdachlosen landen jedoch wahrscheinlich weder in der Statistik des BKA noch in der der BAGW, weil die Betroffenen sie für sich behalten.

Schlafplatz-Neid als Motiv

Als im vergangenen September der Obdachlose Dorian vom Landgericht wegen versuchten Mordes verurteilt wurde, weil er aus Neid auf den Schlafplatz die Platte zweier anderer Obdachloser angezündet haben soll, hatte es die Urteilsbegründung in sich. Das „plausible Motiv“, das der Richter bei Dorian sah, war der angebliche Neid auf den „Premium-Schlafplatz“ der beiden. Er sprach wohlbemerkt nicht von einer Penthouse-Wohnung, sondern von einer zwar wenigstens trockenen, aber zugigen Ecke in einem Parkhaus am Hafen.

„Konkurrenz auf der Straße hat es schon immer gegeben, aber sie hat in den letzten Jahren zugenommen.“– Sozialarbeiter Johann Graßhof

„Konkurrenz auf der Straße hat es schon immer gegeben, aber sie hat in den letzten Jahren zugenommen“, sagt Johan Graßhof, Straßensozialarbeiter bei der Diakonie. Der Druck auf die Obdachlosen nehme ständig zu, gerade auf die aus Osteuropa, die kaum Hilfe von der Stadt bekämen und immer wieder vertrieben würden. Schon kleine Streitereien wären dann für sie oft ­bereits Anlass genug für körperliche Auseinandersetzungen.

Aus Sicht von Menschen mit Wohnungen gehe es dabei häufig um Nichtigkeiten, sagt Kriminologin Pollich. Eine Flasche Bier etwa oder eine ausgeliehene Zigarette könnten zum Auslöser für eine Schlägerei werden. „Da manifestiert sich die Anhäufung von Ungleichheit, schlechten Chancen, Frus­tration und Aussichtslosigkeit.“ Anders gesagt: Wer wie Obdachlose kaum schläft und lange Zeit auf der Straße verelendet, bei dem liegen die Nerven oft schlicht blank.

Präventionsprogramme könnten helfen

Den Opfern kann es letztlich egal sein, ob der Täter eine Wohnung hat oder nicht. Im vergangenen ­November in Ohlsdorf soll ein 27-Jähriger im S-Bahnhof im Vorbeigehen zunächst seine Bierflasche über einem schlafenden Obdachlosen ausgeschüttet haben. Und als wäre das noch nicht entwürdigend genug, soll er anschließend die Flasche zerschlagen und dem Obdach­losen eine zwölf Zentimeter lange Schnittwunde am Hals zugefügt und ihn so schwer verletzt haben. Später stellte er sich der Polizei. „Das Tatmotiv bleibt unklar“, heißt es von der Staatsanwaltschaft. Seit Ende Mai muss sich der Mann wegen gefähr­licher Körperverletzung vor Gericht verantworten. Er ist 27 Jahre alt und lebt noch bei seiner Mutter.

„Die ­Gesellschaft sollte sich deutlich dazu verhalten.“– Kriminologin Daniela Pollich

Trotz der vielen Gewalttaten gegen Obdach­lose auf Hamburgs Straßen blieb ein großer Aufschrei in der Stadt bislang aus. Dabei wäre es laut Kriminologin Pollich so wichtig, dass man diese Taten ächtet, weil die Schläger sonst von einer Art „sozialen Rückendeckung“ ausgingen. „Die ­Gesellschaft sollte sich deutlich dazu verhalten“, sagt sie. „Das würde sicher einige Täter davon ­abhalten, zuzuschlagen.“

Konfliktforscher Zick betont, wie wichtig ­Aufklärung sei, um solche Übergriffe zu verhindern. „Menschen, die Kontakt mit Wohnungslosen haben und etwas über ihre Welt erfahren, haben deutlich weniger Vorurteile“, sagt er. Deshalb ­plädiert er für Programme, die Obdachlose und Menschen mit Wohnung zusammenbringen: „Entweder macht unsere Gesellschaft da ein bisschen mehr, oder wir müssen uns nicht wundern, wenn wir Gewalt sehen.“

In der Sozialbehörde sieht man jedoch keine Notwendigkeit für gezielte Präventionsmaß­nahmen, sondern verweist auf ein allgemeines Programm der Stadt gegen Rechtsextremismus. „Wir brauchen nicht für jede Gruppe ein eigenes Programm, sondern müssen alle im Blick haben“, sagt Sprecher Marcel Schweitzer. Und mit Gewalt gegen Obdachlose befasse sich die Behörde nicht explizit: „Das ist Polizeisache.“
Die Polizei aber macht zwar ihre Ermittlungsarbeit, erfasst die ­Gewalttaten gegen Obdachlose – anders als andere Bundesländer – jedoch nicht einmal gesondert. Um zu erfahren, wie viele Fälle es in Hamburg gab, muss man das BKA in Wiesbaden fragen.

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über den Autor
Benjamin Laufer
Schreiben, was schief läuft, damit es sich ändert: Benjamin Laufer arbeitet als Journalist in Hamburg hauptsächlich zu Sozial- und Innenpolitik.

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