Bezirk droht Obdachlosen erneut mit Vertreibung

Das Bezirksamt Mitte droht erneut Obdachlosen mit Vertreibung. Spätestens am Donnerstag sollen sie ihre „Platte“ an der Kennedybrücke räumen. Ansonsten würde man „Zwangsmaßnahmen“ gegen die Obdachlosen anwenden.

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Sieben Obdachlose nächtigten zuletzt in den sechs Zelten an der Alster.

Zum wiederholten Mal droht Obdachlosen die Vertreibung von ihrer „Platte“. Dieses Mal sind sieben Obdachlose betroffen, die seit Anfang April auf der Grünfläche zwischen der Kennedy- und Lombardsbrücke campierten. Die Monate zuvor hätten er mit Freundin Emma im Wohncontainer einer Kirchengemeinde gelebt, erzählt Rolf, einer der Obdachlosen. Doch mit Ende des Winternotprogramms mussten sie wieder raus auf die Straße.

Jetzt sollen sie spätestens am Donnerstag um 16.15 Uhr ihre „Platte“ räumen. Ansonsten würden Zwangsmaßnahmen eingeleitet, heißt es in einem Schreiben des Bezirksamtes Mitte. Dass sie der Aufforderung folge leisten werden, steht für Rolf und die anderen Obdachlosen außer Frage. „Was auch sonst? Außerdem brauchen wir unsere Zelte ja noch“, sagt der Endzwanziger. Aber warum jetzt Schluss ist, versteht er nicht. „Wir haben niemanden belästigt und unsere ‚Platte’ stets sauber gehalten.“ Die Hinz&Kunzt-Nachfrage, warum die Obdachlose ihre „Platte“ jetzt räumen sollen, lässt das Bezirksamt bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Wie es nach einer Räumung weitergehen soll, wissen Rolf und die anderen nicht. Angebote hätte man ihnen keine gemacht, sagt Rolf. Und auf dem Schreiben des Bezirksamtes finden sich lediglich Hinweise auf das Elbe Camp und den Campingplatz Buchholz an der Kieler Straße. Doch dafür fehlt den Obdachlosen das Geld.

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Zum Abschied von ihrer „Platte“ schmeißen die Obdachlosen ein letztes Mal den Grill an.

Und warum suchen Rolf und Emma nicht Zuflucht in der Obdachlosenunterkunft wie dem Pik As? „Wir sind trocken und clean, wir wollen nicht in solch eine Drogenhölle“, sagt Rolf. Aussicht auf ein Pärchenzimmer dort hätten sie auch nicht. Das aber sei für sie unerlässlich. „Dass wir ohne Drogen auskommen, liegt daran, dass wir uns gegenseitig stärken“, sagt Rolf. „Deswegen müssen wir auch weiterhin zusammenleben.“

Dass Obdachlose an der Kennedybrücke nächtigen, hat eine lange Tradition. Viele Jahre war das ohne größere Probleme mit Anwohnern oder Spaziergängern möglich, auch weil die Obdachlosen ihre „Platte“ stets in Ordnung hielten.

„Vertreibung ist keine Lösung“, sagt Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer. „Jeder Mensch braucht ein Dach über dem Kopf.“ Wie wichtig das ist, zeigt unsere Geschichte über eine ehemalige Obdachlosen-Gruppe, die lange Zeit unter der Kennedy-Brücke lebte. „Unsere Kennedys“ leben inzwischen Dank der Hilfe einer Hinz&Kunzt-Leserin in einem kleinen Haus. Geschlafen habe er unter der Brücke selten gut, räumt Bewohner Jürgen rückblickend ein. „Wenn man Platte macht, ist man immer auf dem Sprung. Wer den Schlafsack schließt, hat schon verloren.“

Text und Fotos: Jonas Füllner

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