Kennedys neue Freunde

Von der Platte ins Häuschen im Grünen: Dank einer beherzten Hamburgerin haben die Hinz&Künztler Dani, Jürgen, Fritz, Willy und Torsten endlich wieder eine eigene Wohnung. Und tolle Nachbarn dazu!

(aus Hinz&Kunzt 270/August 2015)

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Zur Feier des Besuchs gibt es ein Gruppenbild (von links): Fritz mit seiner neuen Hündin Jette, Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer, Dani, Jürgen, Vermieterin Gisela Schäfer und das Ehepar Haack. Torsten und Willy wollten nicht mit aufs Bild.

„Schau mal“, sagt Dani. Sie deutet auf ein kleines grünes Etwas, das zaghaft aus dem Boden wächst. „Hm?!“, sage ich ratlos. „Das sind meine Erbsen“, sagt Dani. „Ach ja?“, sage ich skeptisch. Aber jetzt erkenne ich sie auch, die zwei kleinen Schoten. Daneben wächst noch was, das aussieht wie Rauke oder Löwenzahn. „Ich glaube, das ist Grünkohl“, sagt Dani unsicher. Zugegeben, so richtig doll läuft’s in ihrem Beet noch nicht. Aber ist das wichtig?

Nicht die Bohne! Wichtiger ist was ganz anderes: Dani hat seit Jahren erstmalig wieder ein echtes Zuhause. Zusammen mit Jürgen, Fritz, Willy und Torsten. Früher haben alle zusammen Platte gemacht unter der Kennedybrücke. Weshalb wir die Gruppe bis heute „die Kennedys“ nennen. Später wohnten sie zwei Jahre in unserem Notquartier, wo sie noch enger zusammengewachsen sind. Und jetzt leben sie seit einem Jahr in einem kleinen Einfamilienhaus. Und das ist in diesen Zeiten, in denen der Wohnungsmarkt für Menschen mit wenig Geld leergefegt ist, schon fast ein Wunder.

Eines Tages meldete sich Gisela Schäfer bei uns. Ihre Mutter war ins Altersheim gekommen und jetzt stand das Haus leer, sogar mit Möbeln. Da dachte sie: „Vielleicht wäre das etwas für Hinz&Kunzt.“ Berührungsängste mit Obdachlosen hat sie nicht. „Aber ich wollte die neuen Mieter natürlich kennenlernen“, sagt sie, als wir uns zum Kaffee im Garten treffen. Es war Sympathie auf den ersten Blick zwischen den Kennedys und Frau Schäfer. Mieter ist jetzt Hinz&Kunzt, die Miete wird für die Hartz-IV-Empfänger allerdings vom Amt bezahlt. „Aber ich hätte das Haus nicht an Hinz&Kunzt vermietet, wenn meine Nachbarn dagegen gewesen wären.“

Mit den Haacks verbindet die Schäfers eine lebenslange Freundschaft. „Wir haben früher viel zusammen gefeiert und einfach zusammengehalten.“ So vertraut waren sich die Nachbarn, dass sie einen Zugang von Garten zu Garten hatten, der immer offen war. „Und das ist noch heute so“, sagt Irmgard Haack, die mit ihrem Mann jetzt auch herübergekommen ist. Auch mit den neuen Nachbarn „ist alles ganz unkompliziert“, betont sie.

Ganz unterschiedlich sind die Zimmer geworden. Jürgen, Torsten und Fritz wohnen unten. Jürgen hat sich fast vollständig mit Möbeln der Schäfers eingerichtet, mit Schrankwand und Sitzgarnitur. Fritz hat natürlich eine St.-Pauli-Tagesdecke und im Winter Platz für das Aquarium; im Sommer leben die Goldfische im Teich, den er im Garten angelegt hat. Fritz hat auch ein kleines Treibhaus, in dem er Tomaten züchtet, und hat überhaupt den Garten im Auge. Dani und Willy haben jeweils ein gemütliches Zimmer unterm Dach.

Sie verstehen sich gut, auch wenn es durchaus manchmal Streit gibt. Am Wochenende kocht Jürgen meist. Und oft treffen sie sich alle nach dem Zeitungsverkauf im Garten. Da ist immer was zu tun. Der ein oder andere könnte mehr im Haushalt oder Garten machen, findet Jürgen. Fritz und er stehen schon morgens um 3.30 Uhr auf, das sind sie noch so von der Platte gewohnt. „Das geht nicht mehr raus.“ Dafür gehen sie schon abends früh ins Bett. Da nervt es sie dann, wenn Dani erst um 21 Uhr nach Hause kommt und sich dann noch in der Küche zu schaffen macht.

Aber das ist alles harmlos im Vergleich zu der Krise, die Paulas Tod ausgelöst hat. Paula war Fritz’ Hund und der Liebling von allen. Fritz hatte sie bekommen, als sie ein kleiner Welpe war. Vor ein paar Monaten starb sie. Fritz hatte einen regelrechten Zusammenbruch und keinen Lebensmut mehr. Alle machten sich große Sorgen um ihn. Immerhin: Er hat nicht wieder angefangen zu trinken. Die Kennedys trinken nämlich kaum noch Alkohol, seit sie ein Dach über dem Kopf haben. Angeblich Zufall, behauptet Jürgen. Er habe es schon länger mit dem Magen gehabt … Aber die Krise scheint überwunden.

Vor ein paar Wochen fand Susanne Wehde, die bei uns unter anderem die Konten der Hinz&Künztler betreut, einen Hund im Internet. Das war Jette. Ganz anders als Paula. „Das war mir auch wichtig“, sagt Fritz. Paula war alt und ruhig. Jette ist jung und temperamentvoll. „Natürlich ist sie gleich durch den Garten galoppiert und hat die Beete umgegraben“, sagt Jürgen, „und dazu noch freudig gekläfft.“ Und das nicht nur im Garten der Kennedys, sondern auch gleich bei den Haacks. Inzwischen haben die Kennedys Abhilfe geschaffen: Ein Teil des Gartens ist jetzt eingezäunt. Kläffen tut Jette allerdings immer noch. „Ach, das ist doch halb so wild“, sagt Frau Haack. „Alles gut.“

„Alles gut“, das finden wir auch. Umso mehr, als die Kennedys sich das Plattemachen immer schönredeten. Im Sommer, also ein paar Tage im Jahr, wirkte es unter der Kennedybrücke auch richtig idyllisch: die Zelte direkt neben der Alster, Grillen mit Freunden und Entenküken. „Was willst du mehr?“, versicherte die Gruppe immer.

Aber Plattemachen ist eben kein Campingurlaub. Die meiste Zeit war es nass, und immer war es gefährlich. Zuletzt fackelte ein Jugendlicher ein Zelt ab. Geschlafen, räumt Jürgen ein, habe er selten gut. „Wenn man Platte macht, ist man immer auf dem Sprung. Wer den Schlafsack schließt, hat schon verloren.“ Und dann fügt er hinzu: „Dani wäre auf der Straße auf Dauer kaputtgegangen.“

Text: Birgit Müller
Fotos: Mauricio Bustamante

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