Nach dem Winternotprogramm : 600 Obdachlose gehen zurück auf die Straße

Mehr als 600 Obdachlose haben nach dem Ende des Winternotprogramms kein Bett mehr. Foto: Dmitrij Leltschuk

Am 1. April endete das städtische Winternotprogramm für Obdachlose. Obwohl die Stadt im Vergleich zum Vorjahr etwa doppelt so viele Menschen in eine Unterkunft vermitteln konnte, mussten mehr als 600 Obdachlose wieder zurück auf die Straße.

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Die vergangenen drei Nächte haben Johanna und Robert wieder auf der Straße geschlafen. Ihnen geht es wie mehr als 600 weiteren Obdachlosen, die nach Ende des Winternotprogramms kein Bett mehr haben. Dabei hatte die Sozialbehörde Ende März noch eine Erfolgsmeldung veröffentlicht: 245 Obdachlose wurden aus den Notunterkünften in reguläre städtische Unterkünfte vermittelt.

Der Großteil von ihnen hatte bereits in den vergangenen Wochen und Monaten eine Alternative angeboten bekommen. Als am 1. April das Winternotprogramm endet, schleppen die letzten Obdachlosen dieser Gruppe ihre schweren Taschen aus der Notunterkunft in der Münzstraße, um anschließend einen Platz in der ganzjährigen Übernachtungsstätte Pik As zu beziehen. „Ich schaue mir das mal an“, sagt ein deutscher Obdachloser, der lieber unerkannt bleiben wollte. „Ich suche eine Wohnung, Arbeit und will nicht als Obdachloser abgestempelt werden.“

Im Winter suchte Bernd Schutz vor der Kälte im Winternotprogramm. Weil er nicht im Pik As schlafen will, macht der Hinz&Kunzt-Verkäufer wieder „Platte“. Foto: Dmitrij Leltschuk

83 der insgesamt 245 vermittelten Menschen aus dem Winternotprogramm erhielten so wie dieser Wohnungslose nur einen Platz im Pik As. Die Unterkunft hat unter Obdachlosen einen schlechten Ruf. Diebstähle, Gewalt und betrunkene Zimmernachbarn würden ihn davon abhalten, im Pik As zu schlafen, sagt beispielsweise Bernd. Gegen 8 Uhr, eine Stunde vor Ende des Winternotprogramms, verlässt der Hinz&Kunzt-Verkäufer die Notunterkunft in der Münzstraße. Er habe zwar einen Platz im Pik As. „Aber da gehe ich nicht hin, da schlafe ich lieber auf der Straße“, sagt Bernd.

„Wir suchen uns jetzt einen Platz in einem Wald.“– Johanna

Den meisten Obdachlosen, die am Morgen des 1. Aprils die Notunterkunft verlassen, ist die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. „Wir wissen nicht, wo wir jetzt schlafen sollen“, sagt Johanna. Die gebürtige Polin lebt genauso wie Robert seit mehr als fünf Jahren in Hamburg, erzählt sie. In ihre Heimat wollen sie nicht mehr zurückkehren. Sie haben keine Familie mehr und Arbeit gäbe es für sie in Polen nicht. In Hamburg hingegen fanden sie immer wieder Arbeit – allerdings schwarz. Doch ohne Arbeitsvertrag haben sie keinen Anspruch auf Sozialleistungen und erhalten auch keine Unterstützung bei der Vermittlung in eine Unterkunft für sie gemeinsam.

Verloren stehen Johanna und Robert am Morgen des 1. Aprils auf der Münzstraße. Sie wissen noch nicht, wo sie die nächsten Nächte verbringen werden. Foto: Dmitrij Leltschuk

Im Winternotprogramm sei es ihnen gut ergangen, sagt Johanna. Sie lebten in einem Paarcontainer. Die Mitarbeiter des städtischen Unterkunftsbetreibers fördern und wohnen sowie der Sicherheitsdienst wären nett gewesen. Gerne hätten sie auch weiterhin die Nächte geschützt in der Unterkunft verbracht. „Wir suchen uns jetzt einen Platz in einem Wald“, sagt Johanna.

Über den Autor
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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