taz-Salon : Wie Wien mit Housing First Obdachlosen hilft

Am Fischmarkt schützen sich Obdachlose mit Zelten vor der Kälte. Foto: Maurico Bustamante.

Im Haus 73 diskutierten Experten aus der Wohnungslosenhilfe darüber, ob die Stadt genug für Obdachlose tut. Mit dabei: Daniela Unterholzner von der Sozialorganisation neunerhaus, die in Wien Wohnraum für 570 wohnungs- und obdachlose Menschen bereit stellt. 

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Fünf Menschen sind in diesem Winter bereits auf Hamburgs Straßen gestorben. Zuletzt fand ein Spaziergänger Anfang Februar die obdachlose Edda (57) in einem Gebüsch im Wandsbeker Gehölz. Ist das reiche Hamburg nicht gewillt, die Situation obdachloser Menschen zu verändern? Oder übersteigen die Probleme die Möglichkeiten der Stadt, zu helfen?

Darüber diskutierten beim taz-Salon am Dienstagabend Experten aus der Wohnungslosenhilfe: Julien Thiele, Straßensozialarbeiter der Caritas sitzt auf dem Podium neben Hinz&Künztler Jörg Petersen und Chefredakteurin Birgit Müller. Aus Wien angereist war Daniela Unterholzner. Die 35-Jährige ist Geschäftsführerin der Sozialorganisation neunerhaus und neunerimmo, die sich in der österreichischen Hauptstadt um Wohnraum für bedürftige und obdachlose Menschen und deren medizinische Versorgung kümmert.

Obdachlos in Hamburg

Der taz-Salon findet statt am Dienstag, 19. Februar, Kulturhaus 73, Schulterblatt 73, 19.30 Uhr, Eintritt frei. Moderation: Friederike Gräff, Redakteurin taz nord.

Bereits seit 2012 wendet das neunerhaus das Prinzip Housing First an. Das heißt: Erst die Wohnung und dann kümmert man sich um alles weitere. „Es gibt einen eigenen Schlüssel, einen eigenen Briefkasten und: Privatsphäre“, sagt Daniela Unterholzner.

„Es geht um langfristige Perspektiven“

Daniela Unterholzner von der Sozialorganisation neunerhaus. Foto: Johanna Rauch.

Das neunerhaus bringt 570 ehemals Wohnungs- und Obdachlose in drei Häusern und 170 Wohnungen unter. Dass das überhaupt möglich ist, liegt daran, dass in Wien (anders als in vielen europäischen Großstädten) die Stadt noch rund 400.000 Wohnungen selbst besitzt oder verwaltet. Rund 62 Prozent der Wiener leben in einer geförderten Wohnung, einem so genannten Gemeindebau. Zum Vergleich: In Hamburg wohnen gerade einmal zehn Prozent der Mieter in einer geförderten Sozialwohnung – von denen gibt es mittlerweile nur noch knapp 78.000.

Aber nur wo es Zugriff auf günstigen Wohnraum gibt, kann Housing First funktionieren. Daniela Unterholzner kann deshalb auch Erfolgsgeschichten erzählen wie die von der Kindergärtnerin, die mit ihrem vierten Kind schwanger war, als ihr Mann starb und ihr dann auch noch die Wohnung gekündigt wurde. „Sie lebt heute mit allen Kindern in einer von uns vermittelten Wohnung“, sagt Unterholzner. Zentraler Punkt für die neunerhaus-Geschäftsführerin: „Wir müssen die Menschen aus der Wohnungslosigkeit herausbekommen und langfristige Perspektiven eröffnen“.

Die Erfahrungen, die das neunerhaus bisher mit Housing First gesammelt hat, sind ermutigend: 90 Prozent der ehemals wohnungs- und obdachlosen Menschen leben nach sechs Jahren noch in ihren Wohnungen, so Unterholzner.

Wien hat 900 Plätze im „Winterpaket“

Und auch in einem anderen Punkt kann Wien eine bessere Bilanz als Hamburg vorweisen: „Wir haben null Tote auf der Straße bislang in diesem Winter,“ sagt Unterholzner. Wie viele Menschen in Wien derzeit auf der Straße leben, ist nicht bekannt. Zuletzt wurde 2017 die gesamte Zahl der Wohnungs- und Obdachlosen in ganz Österreich mit 21.567 Personen beziffert.

Wohnungsbau
Was Hamburg von Wien lernen kann
Gibt der Hamburger Senat beim sozialen Wohnungsbau wirklich alles? Beim „Pegelstand“ in Wilhelmsburg zeigte der Stadtsoziologe Jens Dangschat, wo Hamburg noch lernen kann.

In Wien stehen 900 Notquartiersplätze im „Winterpaket“ zur Verfügung, ein Angebot, das mit dem hiesigen Winternotprogramm vergleichbar ist. Doch auch hier gehen die Wiener andere Wege: Nutzern müssen pro Nacht zwei Euro zahlen. Aufgenommen wird dort jeder Bedürftige – gleich welcher Nationalität, also auch Menschen aus Osteuropa, denen in Hamburg ein Platz im Winternotprogramm erschwert wird.

„Beide Großstädte, so unterschiedlich sie auch sind, stehen vor ähnlichen Herausforderungen – da ist es gut, sich auszutauschen und zu vernetzen“, sagt Daniela Unterholzner im Hinblick auf die Diskussion im taz-Salon.

Über den Autor
Simone Deckner
Simone Deckner ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Kultur, Gesellschaft und Soziales. Seit 2011 arbeitet sie bei Hinz&Kunzt: sowohl online als auch fürs Heft.

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