Reichtumsforscher Christian Neuhäuser : „Niemand sollte mehr als eine Million Euro verdienen“

Christian Neuhäuser, 43, ist Professor für Philosophie an der TU Dortmund. Seine Forschungsschwerpunkte sind Theorien der Würde, der Verantwortung und des Eigentums. Foto: Roland Baege

Der Dortmunder Philosoph Christian Neuhäuser macht in seinem Buch Vorschläge, die auch aus der derzeitigen Krise führen sollen.

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Hinz&Kunzt: Professor Neuhäuser, Sie haben sich zuletzt viel mit Reichtum beschäftigt. Wie behält man dabei die Kehrseite der Medaille, die Armut, im Blick?

Christian Neuhäuser: An der Universität befindet man sich tatsächlich in einer Elfenbeinturm-Welt. Aber es ist nicht so, dass ich keine Debatten mehr außerhalb führe. Eines meiner schönsten Erlebnisse hatte ich vor zwei Jahren in einem Sozialkaufhaus in Stuttgart. Da waren bei einer Veranstaltung etwa 15 Obdachlose, alle hatten mein Büchlein in der Hand und diskutierten darüber wöchentlich in ihrem Lesekreis. Da ist mir das Herz aufgegangen! Ich selber komme aus einer Arbeiterfamilie. Wir waren nicht hart arm. Aber Dinge, die für meine Mitschüler*innen normal waren, waren für mich undenkbar. An der Universität habe ich erst zu Armut geforscht und später dann zu Reichtum. Auslöser war auch ein Job in der Schweiz, bei dem mir Reichtum in einer Opulenz begegnet ist, die ich so zuvor nicht kannte. Die Schweiz verbindet wohl jeder mit Geld.

Ab wann ist man in Ihren Augen reich?

Wir denken immer schnell an superreich. Ich arbeite deswegen gerne mit der 300-Prozent-Grenze. Reich ist, wer pro Kopf das Dreifache des durchschnittlichen Nettoäquivalenzeinkommens erhält. Das liegt aktuell bei etwa 1800 Euro. Wenn jemand 6000 Euro pro Monat zur Verfügung hat, finde ich es angemessen zu sagen, dass er oder sie reich ist.

Und diesen Reichtum würden Sie gerne abschaffen. Warum?

Reichtum beruht nie nur auf Leistung, sondern auf gesellschaftlichen Strukturen, von denen man profitiert, ohne sie selber geschaffen zu haben. Es gibt ja beispielsweise Menschen in der Pflege, die sehr hart arbeiten und trotzdem niemals reich werden. Dabei möchte ich gar nicht leugnen, dass auch Reiche für ihr Geld viel leisten. Ich würde auch nicht sagen, dass reich sein per se problematisch ist – so wie sexistisch oder rassistisch zu sein. Reichtum ist dann ein Problem, wenn er Dinge hervorbringt, die schlecht sind: politischer Lobbyismus oder eben sehr große Ungleichheit. Aus moralischer Perspektive muss man konstatieren, dass der Überfluss ab einem gewissen Punkt für Luxus verschwendet wird. Da stellt sich die Frage, ob man dieses Geld nicht viel besser ausgeben kann – etwa für Wohnungen für Menschen, die keine haben.

Reichtum als moralisches Problem

Das Buch „Reichtum als moralisches Problem“ von Christian Neuhäuser erschien 2018 im Suhrkamp Verlag und kostet 20 Euro.

Das würden die Hinz&Kunzt- Verkäufer*innen sicherlich begrüßen! Ungleichheit zeigt sich aber ja vor allem am Lohngefälle. Seit Monaten beschwert sich das medizinische Personal darüber.

Durch die Coronakrise ist die Ungerechtigkeit von Ungleichheit sichtbarer geworden. Wobei ich sagen muss: Eine Ärztin trägt im Unterschied zu einem Pfleger mehr Verantwortung und hat eine längere Ausbildung hinter sich. Als Chirurgin fällt sie womöglich Entscheidungen über Leben und Tod. Das sind ganz schöne Belastungen. Wenn so jemand dann zwei- oder dreimal so viel verdient, ist das in Ordnung. Aber oft verdienen Menschen in solchen Positionen zehn- oder 20-mal so viel. Da stellt sich schon die Frage, ob sich das noch mit der höheren Leistung und Verantwortung rechtfertigen lässt.

Die hohe Bezahlung liegt natürlich auch an der Knappheit an Ärzt*innen …

… richtig, wir müssen Anreize setzen, damit Menschen diese Jobs machen. Man stelle sich vor, jemand ist besonders gut darin, als Chirurgin oder als Philosophin zu arbeiten. Dann müssten wir ihr als Chirurgin deutlich mehr Geld zahlen. Wir brauchen einfach mehr Chirurginnen als Philosophinnen! Als Chirurgin leistet sie – das räume ich als Philosoph offen ein – einen größeren gesellschaftlichen Beitrag. Über die Entlohnung können wir Anreize setzen und müssen das bis zu einem gewissen Punkt auch machen. Aber das ist derzeit ziemlich aus dem Ruder gelaufen.

Die Pandemie spült Verteilungsdebatten auf die Agenda. Sehen Sie darin eine Chance?

Das wäre zu hoffen. Schließlich geht es jetzt um diejenigen, die ihre Arbeit aus Pflichtgefühl und Menschenliebe machen und nicht, um damit reich zu werden.

Der Zeitpunkt zur Abschaffung des Reichtums könnte also günstig sein. Was wären für Sie die notwendigen Schritte?

Die Idee ist, dass bei Einkommen die Progressionskurve der Steuern bis zu diesen 300 Prozent recht flach ist und dann rasant steigt. Alles, was ein Supereinkommen von einer Million Euro im Jahr übersteigt, sollte an den Staat gehen, also mit einem Steuersatz von 100 Prozent belegt werden. Mehr sollte niemand verdienen. Ähnliches sollte für Vermögen gelten. Ein 100-Prozent-Steuersatz dürfte auf Widerspruch stoßen. Dafür würden wir als Gesellschaft enger zusammenwachsen, wenn die Einkommens- und Vermögensunterschiede nicht so astronomisch ungleich wären. Außerdem lässt mein Vorschlag weiterhin Ungleichheit zu. Manche arbeiten hart, andere nicht, manche haben Glück, andere Pech. Für solche Faktoren muss Raum sein.

„Es ist also kein Sozialismus, was ich vorschlage.– Christian Neuhäuser

Der französische Sozialist François Hollande führte 2016 einen Spitzensteuersatz von 75 Prozent ein. Als Staatspräsident scheiterte er damit krachend.

Hollande hat in meinen Augen den Fehler gemacht, zu schnell zu viel zu wollen. Er hat nicht den breiten Rückhalt in der Bevölkerung gesucht. Vor allem hatte er keine langfristige Perspektive. Zum Vergleich: Die Idee der Demokratie ist rund 2500 Jahre alt. Umgesetzt wurde sie das erste Mal im 18. Jahrhundert in Nordamerika. Müssen wir uns also auf 1000-jährige Fristen bei der Abschaffung des Reichtums einstellen? Es gibt zwei Temperamente in der Philosophie: die marxistischen Revoluzzer, die denken, man müsse alles umdrehen, und die an John Stuart Mill orientierten sanften Reformer. Ich bin nicht so ein Krawallmacher. Mein Herz schlägt eher für den zweiten Weg. Auf der praktischen Ebene weiß ich aber manchmal nicht, was besser ist.

Was halten Sie davon, das Pferd von hinten aufzuzäumen: statt des Reichtums die Armut abzuschaffen, etwa durch ein bedingungsloses Grundeinkommen?

Ich glaube schon auch an Leistung. Dass also jemand mehr haben sollte, der viel leistet, als jemand, der das nicht tut. Und ich glaube an die Arbeitsgesellschaft. Es wird in der Bildung, Pflege und im Sozialen perspektivisch eher mehr Arbeit geben, statt das uns die Digitalisierung Arbeitsplätze kostet. Ich bin nur dann für ein staatlich finanziertes Grundeinkommen, wenn man aus gesundheitlichen oder psychischen Gründen einer Arbeit nicht nachgehen kann oder eine Arbeitsvermittlung gescheitert ist. Das Grundeinkommen wäre dann eine Art Schadenersatz.

Was soll mit denjenigen passieren, die scheitern und obdachlos werden?

Auch diese Menschen sollten ein Grundeinkommen bekommen, um gesellschaftlich teilhaben zu können. Für mich ist die entscheidende Frage die der Verantwortung. Ein Scheitern, wie Sie es benennen, hängt immer mit Faktoren zusammen, für die man nichts kann. Ich selbst hatte auch Krisen in meinem Leben. Aber da war dann immer jemand, der mir den Rücken gestärkt hat. Es wäre wahnsinnig arrogant so zu tun, als hätte ich es aus eigener Kraft geschafft. Genauso funktioniert das neoliberale Denken. Aber das ist ein Pseudo-Heldentum.

Auch viele große Unternehmen können sich derzeit nicht mehr aus eigener Kraft retten. Der Staat hat für sie große Rettungsschirme aufgespannt. Eine richtige Entscheidung?

Auf kurze Sicht ist das nachvollziehbar. Aber mittel- und langfristig sollten wir über ein Wirtschaftssystem nachdenken, das nicht so abhängig von einzelnen Unternehmen und damit krisenanfällig ist. Die Lehman-Brothers-Pleite hat damals einen riesigen Schaden hinterlassen. Sehr große Unternehmen stehen an Knotenpunkten unserer Wirtschaft. Wenn die reißen, dann bricht nicht nur ein Unternehmen weg, sondern ganze Branchen. Dann geraten wir in eine Rezession. Deswegen kann man jetzt nicht einfach zusehen, wie die Automobil- oder Luftfahrtindustrie verschwinden. Aber gleichzeitig finde ich, dass wir uns klarmachen sollten, was für ein schräges Wirtschaftssystem wir da haben. Es verleiht einzelnen Unternehmen so viel Macht, dass sie machen können, was sie wollen. Und wir als Solidargemeinschaft müssen immer einspringen, obwohl das Mechanismen der Umverteilung von unten nach oben sind.

„Wer sein Geld gerettet hat, wird jetzt noch stärker in Immobilien investieren.– Christian Neuhäuser

Wird sich durch Corona die Ungleichheit also verstärken?

Ich befürchte ja. Wer sein Geld gerettet hat, wird jetzt noch stärker in Immobilien investieren. Das treibt die Mietpreise nach oben und sorgt dafür, dass Wohneigentum noch ungleicher verteilt wird.

Sie formulieren kein neues kommunistisches Manifest. Aber das letzte Kapitel könnte man als sozialliberales Manifest interpretieren. Als einen Ruf nach einem Linksliberalismus, den es seit den 1970er-Jahren nicht mehr gibt …

… Sie meinen, ich sei ein Ewiggestriger? (Lacht.) Im Ernst: Der Weg einer sozialliberalen Alternative ist leider nie konsequent gegangen worden. Ich sehe da Chancen auf politischer Ebene. Die Grünen sind im Moment stark und müssen sich entscheiden: Wollen sie sozial-liberal oder ökologisch-konservativ sein? Wenn man die Klimakrise technologisch nicht in den Griff bekommt, dürfte nur die sozial-liberale Alternative bleiben. Dann wären auch linke Mehrheiten möglich.

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Autor:in
Jonas Füllner
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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