250 Hotelbetten für Obdachlose : Netzwerk der Nächstenliebe

Kai Greve (Alimaus), Michael Kaib (Reemtsma), Dirk Ahrens (Diakonie), Stephan Karrenbauer (Hinz&Kunzt) präsentieren das Hotelprojekt für Obdachlose vor der Tagesaufenthaltsstätte Alimaus auf St. Pauli. Foto: Mauricio Bustamante

Hinz&Kunzt und die Tagesaufenthaltstätte Alimaus bringen zusammen mit der Diakonie Hamburg so schnell wie möglich bis zu 250 Obdachlose in Hotelzimmern unter. Finanziert wird das Hilfsprojekt durch die Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH.

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Wenn sich der heutige Tag dem Ende neigt, werden rund 40 Obdachlose in einem weichen Hotelbett liegen, die bislang die Nacht auf Hamburgs Straßen verbrachten. Es ist der Auftakt zu einem ungewöhnlichen Hilfsprogramm für Obdachlose, dass heute vor der Tagesaufenthaltsstätte Alimaus vorgestellt wurde.

Nach den Plänen von Hinz&Kunzt, Diakonie und Alimaus werden in den kommenden Tagen und Wochen 250 Obdachlose in Einzelzimmern in mehreren Hotels untergebracht und so vor dem Coronavirus geschützt. Bereits morgen beziehen weitere 20 Obdachlose ein Motel. „Besonders schutzbedürftige Obdachlose erhalten jetzt umgehend Hilfe“, erläuterte Kai Greve von der Alimaus bei der heutigen Pressekonferenz.

„Besonders schutzbedürftige Obdachlose erhalten jetzt umgehend Hilfe“– Kai Greve, Alimaus

Das Hotelprojekt ist das wohl größte zusätzliche Hilfsprogramm für Obdachlose der vergangenen Jahre. Ermöglicht hat es die Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH mit einer Spende über 300.000 Euro. „Alle erzählen uns, wir sollen Distanz halten. Doch nicht alle von uns können zuhause bleiben, weil sie ganz einfach kein Zuhause haben“, sagt Michael Kaib, Sprecher des Reemtsma-Vorstands. Es gehöre zur Tradition des Unternehmens, zu helfen, wenn Hilfe notwendig sei. Vor allem auch Obdachlosen.

Leider wäre viele Menschen auf der Straße in gesundheitlich schlechten Zustand, ergänzt Alimaus-Vorstand Greve. „Wenn wir bei unserer Tour mit dem Kältebus die Einzelschicksale auf der Straße sehen, dann kommt es manchmal vor, dass wir nach Feierabend einfach zusammensitzen und einige Minuten schweigen. Weil man erst einmal alleine damit klarkommen muss, bevor man darüber spricht.“ Um so wundervoller sei es, diesen Menschen jetzt endlich Hilfe bieten zu können.

Kampagne #openthehotels

Medibüro, Café Exil und die Gruppe Lampedusa starten zudem die Kampagne #openthehotels. Sie fordern die Sozialbehörde auf, Hotels und Airbnb-Ferienwohnungen anzumieten und für Menschen auf der Straße ohne Ausweispflicht zu öffnen. Ein Hotel unterstützt bislang die Kampagne. „Wir sind bereit undokumentierte Wohnungslose aufzunehmen, da uns die Notlage der Betroffenen bewusst ist“, so die Hotel-Betreiber*innen.

Die Stadt ist zwar nicht tatenlos. So hält die Sozialbehörde zwei Notunterkünfte wegen Corona offen und sie hat sogar für obdachlose Frauen eine zusätzliche Einrichtung eröffnet. Aber es gibt keine Einzelunterbringung. Viele Obdachlose blieben deswegen auf der Straße, sagt Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer. Sie scheuen Mehrbettzimmern und müssten zudem die Unterkünfte tagsüber verlassen. „Dabei besteht die Gefahr, dass sie sich anstecken und das Virus in die Sammelunterkünfte mitbringen. Wir befürchten, dass es sich dort wie in Altenheimen ungebremst verbreiten könnte“, sagt Karrenbauer. „Die Obdachlosen brauchen deswegen dringend eine Unterbringung, bei der sie Abstand halten können.“

Dank der großzügigen Reemtsma-Spende ist das jetzt möglich. „Seit Wochen und Monaten fordern wir von der Stadt eine Einzelunterbringung“, sagt Diakonie-Chef und Hinz&Kunzt-Herausgeber Dirk Ahrens. „Dass das jetzt auf diesem Weg direkt möglich ist, macht mich ungeheuer glücklich.“

„Wir sind ein wachsendes Bündnis, das Hilfe leistet.“– Dirk Ahrens, Diakonie-Chef

Untergebracht werden die Obdachlosen bislang in drei Hotels in Altona, St. Georg und Hamm. „Ihnen gilt unser großer Dank“, sagt Ahrens. „Sie alle gemeinsam schützen Menschen, die zu den verletzlichsten Gruppen unserer Gesellschaft gehören.“ Mehr als 200 Hotelbetten konnte die Diakonie inzwischen akquirieren. Weitere Hotels, die mitmachen, werden allerdings noch gesucht.

Vermittelt wurden die ersten Obdachlosen in die Hotel-Einzelzimmer durch Straßensozialarbeiter der Diakonie und Caritas. „Wir sind ein wachsendes Bündnis, das Hilfe leistet“, sagt Ahrens. „Seit vergangenen Freitag koordinieren wir die Unterbringung und beinahe täglich gibt es neue Partner.“ So wären neben Hinz&Kunzt, Alimaus und Diakonie, inzwischen auch Caritas und Hoffnungsorte Hamburg mit an Bord. Ahrens hofft, dass in Zeiten von Corona auf diesem Weg ein echtes „Netzwerk der Nächstenliebe“ entstehen könnte.

Autor*in
Jonas Füllner
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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