BKA-Statistik : Immer mehr Obdachlose werden Opfer von Gewalttaten

Obdachlose haben keine Rückzugsräume: Auf Platte sind sie Gewalttätern schutzlos ausgeliefert. Foto: Mauricio Bustamante

Brandanschläge, Körperverletzungen, Vergewaltigungen: Gewalt gegen Obdachlose ist an der Tagesordnung. Jahr für Jahr werden es mehr Übergriffe, zeigt eine Statistik des BKA, über die Hinz&Kunzt in der Juni-Ausgabe berichtet.

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In Hamburg sind im vergangenen Jahr 70 Gewalttaten gegen Obdachlose von den Behörden registriert worden. Das geht aus Zahlen des Bundeskriminalamts hervor, über die das Straßenmagazin Hinz&Kunzt in seiner Juni-Ausgabe exklusiv berichtet (erscheint Mittwoch). Es ist die höchste Zahl seit Beginn der BKA-Statistik im Jahr 2012, als die Ermittler 60 Gewaltdelikte gegen Obdachlose registrierten.

Bundesweit stiegen diese Gewalttaten im gleichen Zeitraum rasant an: Von 258 im Jahr 2012 auf 592 in 2017, ein Zuwachs von 129 Prozent in fünf Jahren. Und dies sind nur die Fälle, von denen die Polizei erfuhr: Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus.

In der Juni-Ausgabe

Die Obachlosen Maggy, Asen und Sascha berichten in der Juni-Ausgabe von Hinz&Kunzt, was die Gewalt auf der Straße für ihren Alltag bedeutet. Die Experten Andreas Zick und Daniela Pollich erklären ausführlich, wieso Obdachlose Opfer von Gewalttaten werden – und wieso es auch unter Obdachlosen so viel Gewalt gibt. Ab Mittwoch auf Hamburgs Straßen!

Experte fordert Präventionsprogramm

Der Leiter des Bielefelder Instituts für Konflikt- und Gewaltforschung, Andreas Zick, berichtet gegenüber Hinz&Kunzt, dass etwa ein Drittel der Bevölkerung Vorurteile gegenüber Obdachlosen hegt. „Man möchte Obdachlose nicht sehen“, sagt Zick. „Und aus dem Vorurteil kann Handeln entstehen, wenn sich die Gelegenheit ergibt.“ Außerdem die die Gewaltbereitschaft gegenüber Flüchtlingen angestiegen, sagt Zick. Das wirke sich auch auf Obdachlose aus: „Die Gewalt gegen gesellschaftliche Randgruppen steigt an – und sie steckt an“, sagt Zick.

Zick ­plädiert für geförderte Programme, die Obdachlose und Menschen mit Wohnung zusammenbringen, um Vorurteile abzubauen: „Entweder macht unsere Gesellschaft da ein bisschen mehr, oder wir müssen uns nicht wundern, wenn wir Gewalt sehen.“ Die Kriminologin Daniela Pollich von der Kölner Fachhochschule für öffentliche Verwaltung spricht sich zudem für Reaktionen aus der Zivilgesellschaft auf die Gewalttaten aus: „Die ­Gesellschaft sollte sich deutlich dazu verhalten“, sagt sie. „Das würde sicher einige Täter davon ­abhalten, zuzuschlagen.“

Korrektur: Zunächst hatten wir berichtet, dass 2012 56 Gewaltdelikte und 2017 64 gegen Obdachlose in Hamburg registriert wurden. Bei diesen Zahlen handelte es sich um die tatsächlich vollzogenen Straftaten, nicht berücksichtigt waren versuchte Straftaten. Eigentlich gab es also sogar noch mehr Übergriffe: Das BKA berichtet 2012 von 60 versuchten und vollzogenen Gewaltdelikten gegen Obdachlose in Hamburg, 2013 von 56, 2014 von 63, 2015 von 59, 2016 von 68 und 2017 von 70. Bundesweit stiegen die versuchten und vollendeten Gewalttaten gegen Obdachlose von 258 im Jahr 2012 um 129 Prozent auf 592 im Jahr 2017. Im gedruckten Magazin haben wir für 2017 fälschlicherweise den Wert 512 angegeben. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Über den Autor
Benjamin Laufer
Schreiben, was schief läuft, damit es sich ändert: Benjamin Laufer arbeitet als Journalist in Hamburg hauptsächlich zu Sozial- und Innenpolitik.

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