#ichbinarmutsbetroffen : Schluss mit dem Versteckspiel

Flashmob One Worry Less am Hauptbahnhof, 11.8.2022

Seit Mai formiert sich eine neue Protestbewegung von unten: erst im Netz, jetzt auch auf der Straße. Drei Frauen erzählen, warum sie bei #IchBinArmutsbetroffen mitmachen.

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Ein Samstagnachmittag am Hauptbahnhof, alles ist wie immer: Der Sound von klappernden Rollkoffern, Junggesellenabschieden und quengelnden Kindern liegt in der Luft. Kaum jemand beachtet das Grüppchen, das sich am Glockengießerwall auf dem Gehweg postiert hat. Dabei halten die Frauen und ein Mann auffällig bunte Plakate in die Höhe. „In die Armut gerutscht durch die Krebserkrankung meines Papas. Als ich 9 war, wurde ich Halbwaise + kranke Mama. Ich habe Angst davor, es nicht aus der Armut zu schaffen. Wer arm ist, bleibt arm. Statistisch gesehen“, steht auf einem. „Ich will genug Geld zum Leben. Punkt. Schluss mit der Erniedrigung. Macht die Tafeln überflüssig. Teilhabe statt Almosen. Jetzt und sofort für alle Menschen“, heißt es auf einem anderen. Alle Plakate sind mit #IchBinArmuts­betroffen überschrieben.

Am 17. Mai benutzte Twitter-Userin @Finkulasa erstmals den Hashtag, der viral gehen sollte. „Hi, ich bin Anni, 39 und habe die Schnauze voll! Ich lebe von Hartz IV und es reicht ganz einfach nicht!“ Ihre Tweets gipfelten in der Aufforderung, dass sich endlich etwas ­ändern muss: „Wir können nicht mehr. Wir sind weit überm Limit.“ Binnen kurzer Zeit berichten Tausende, wie sie ihr Leben bestreiten, ohne dass das Geld dafür reicht. Sie erzählen von Schikanen und Scham. Davon, wie man sie als „faul“ und „Schmarotzer“ beleidigt. Es sind Einblicke in einen ­Alltag mit durchgelegenen Matratzen, altersschwachen Computern, unbezahlten Rechnungen und der Traurigkeit von Kindern, die wegen ihrer ab­getragenen Klamotten in der Schule gemobbt werden.

Manche Betroffene trauen sich, ein Selfie zu ihrer Geschichte hochzu­laden. Lange genug haben sie sich versteckt. Bis Anfang August werden 363.500 Tweets zum Thema gepostet. Die „OneWorryLess Foundation“ unterstützt die Bewegung politisch und materiell, unter @sorgeweniger werden Hilfsgesuche und -angebote koordiniert. Eine neue Protestbewegung ist geboren – ungeplant.

Erst Onlineprotest, dann in Präsenz

Sie bleibt nicht im Netz. Bereits ­Ende Mai wird in Hamburg erstmals in Präsenz protestiert. Wiken Bronst ist von Anfang an dabei. „Wir wollen einfach nicht mehr unsichtbar sein“, sagt die 46-Jährige. Bronst ist arm, obwohl sie Arbeit hat: 25 Stunden in der Woche betreut sie Senior:innen in einem Pflegeheim, spielt „Mensch ärgere Dich nicht“ mit ihnen und hört geduldig zu, wenn die Angehörigen keine Zeit für Besuche haben, weil sie Geld verdienen müssen, „vielleicht auch im Niedriglohnsektor“ wie sie. Von den 1000 Euro netto, die sie verdient, gehen 530 Euro für Miete, 110 Euro für Strom, 90 Euro für Internet und Handy drauf. Ihr Auto hat sie erst vor Kurzem abschaffen müssen. „Es hilft schon, dass ich 250 Euro im Monat für Sprit spare“, sagt sie. Die Entscheidung fiel ihr schwer, denn mit dem Auto verlor sie auch ihren alten Job als Betreuerin. „Ich wäre nie freiwillig gegangen. Ich konnte es mir durch die gestiegenen Spritpreise schlichtweg nicht mehr leisten, dort zu arbeiten“, sagt sie.

Extras sind in ihrem Alltag trotzdem nicht vorgesehen, sagt die allein­erziehende Mutter eines 14-jährigen Jungen und meint damit doch nur Dinge, die für viele selbstverständlich sind: „Mein Kind und ich haben noch nie wirklich Urlaub gemacht. Wegfahren können wir uns nicht leisten. Selbst das Schwimmbad ist eigentlich nicht drin, aber natürlich kann mein Sohn hin, alleine. Ich bleibe zu Hause und über­lege, wo ich den Eintritt und die ­Pommes wieder einsparen kann“, sagt Bronst. Vor dem Hauptbahnhof hält sie den Vorübereilenden Flyer hin, nur wenige greifen zu. „Wenn die Lebenshaltungskosten weiter so steigen, ist auch die Mittelschicht bald betroffen. Vielleicht kriegen wir die ja auch noch dazu, hier mitzumachen.“

Armut in Hamburg

17,3 Prozent der Hamburger:innen gelten laut aktuellem Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes als armutsgefährdet (Bundesschnitt: 16,6 %). Das heißt, sie haben weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte zur Verfügung. Bei Einzelpersonen liegt die sogenannte Armutsschwelle bei 1148 Euro, bei Familien mit zwei Kindern bei 2410 Euro. Arbeitslose, Allein-erziehende, kinderreiche Familien und Menschen mit Migrationshintergrund haben ein überdurchschnittliches Armutsrisiko ebenso wie Rentner:innen. Während der Pandemie stieg die Zahl der armutsgefährdeten Selbstständigen stark an.

Martina Oehmichen muss niemand mehr überzeugen, sich zu engagieren. Die 62-Jährige lehnt an ihrem Rollator: „Armut ist wie Inkontinenz: Viele sind betroffen, aber keiner redet darüber“, sagt sie und guckt erwartungsfreudig, ob die Reporterin über die Pointe ­lachen kann. Jetzt nicht noch am Humor
sparen, wenn man sich schon sonst nichts leisten kann: „Jeder Cent wird fünf Mal umgedreht. Meine Klamotten sind alt. Ich gehe nicht zum Friseur, bestelle nie etwas zu Essen“, sagt sie. Das meiste Geld geht für Lebensmittel drauf – und für Katzenfutter. Seit 2003 ist sie berufsunfähig. Chronische, erb­lich bedingte Muskelkrankheit. Vorher fuhr sie Lkw. Den Job als Fernfahrerin hat sie geliebt. Heute lebt sie von 800 Euro Rente, stockt mit Grundsicherung auf Hartz-IV-Niveau auf. Die Miete allein beträgt 600 Euro. „Blöd ist, dass es keinen Fahrstuhl gibt und ich nicht mehr gut laufen kann. Aber die Aussicht ist super“, sagt sie über ihre Wohnung.

Als chronisch Kranke hat sie ein anderes Problem: „Nach meinen vier Darm-OPs brauche ich Vitamine, aber die zahlt die Kasse nicht. Und meine Windel­hosen gelten auch als Luxus.“ Im Hartz-IV-Regelsatz sind für Gesundheitspflege monatlich nicht mehr als 17 Euro vorgesehen.

In einem offenen Brief haben die Menschen hinter #IchbinArmuts­betroffen aufgeschrieben, was sie von der Politik fordern: Erhöhung des ­Regelsatzes auf 678 Euro etwa und für erwerbsunfähige Rentner:innen wie Martina eine Mindestrente in Höhe von 1293 Euro. Den Mindestlohn erhöhen. Unbürokratische und ­nachhaltige Unterstützung bei den explodierenden Energiekosten. Eine eigene Kindergrundsicherung.
Immerhin Letztere will die Bundesregierung bald einführen. „Die meisten Leute wissen nicht, dass man weder von der Kindergeld-Erhöhung noch vom Unterhalt etwas hat, weil alles angerechnet wird“, sagt Janina Klein. Die alleinerziehende Mutter einer 9-jährigen Tochter hat Abitur und eine abgeschlossene Ausbildung als Erzieherin, ist aber wegen ihrer Depressionen erwerbsunfähig. „Ich bin zwar derzeit stabil, aber der Überlebensstress durch Preiser­höhungen, Corona und die Unsicherheit, wie es mit den Gaskosten weitergeht, tut mir nicht gut. Ich habe Angst“, sagt die 46-Jährige.

Seitdem sie unter #IchbinArmutsbetroffen ihre Geschichte erzählt hat und regelmäßig bei den Protesten dabei ist, fühlt sie sich jedoch nicht mehr so allein, sagt sie. „Ich habe mir nicht ausgesucht, krank und arbeitsunfähig zu werden. Ich bin ehrlicher zu mir selbst und anderen Menschen und verstecke meine Armut nicht mehr vor anderen, das ist sehr befreiend.“

Als die Gruppe vor dem Hauptbahnhof langsam die Plakate einpackt, bleibt doch noch ein junger Mann stehen. Ob er ein Foto schießen dürfe? „Ich finde das richtig gut, dass ihr das macht und nicht nur redet“, sagt er und hebt beim Weggehen den Daumen. Wiken Bronst lächelt. „Es muss sich etwas ändern. Dieses Mal werden wir nicht ruhig bleiben.“

Artikel aus der Ausgabe:

wild wilder Wald

Warum Wälder in der Stadt unverzichtbar sind, wo man trotzdem noch Wohnungen bauen kann und wieso der Sachsenwald zwielichtige Gestalten anzieht. Außerdem: Armutsbetroffene protestieren und Bildungsforscher Aladin El Mafaalani erklärt, was Armut mit Kindern macht.

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Autor:in
Simone Deckner
Simone Deckner
Simone Deckner ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Kultur, Gesellschaft und Soziales. Seit 2011 arbeitet sie bei Hinz&Kunzt: sowohl online als auch fürs Heft.

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