Momentaufnahme : Eine eigene Wohnung wäre schön

Auf ein gepflegtes Äußeres legt Petra Wert. Deshalb gehöre sie auch in den „Nobelstadtteil“ Winterhude, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Foto: Mauricio Bustamante

Petra verlor vor drei Jahren ihre Wohnung – seitdem schläft sie bei Freunden auf der Couch. Tagsüber verkauft sie Hinz&Kunzt vor Edeka in Winterhude. Ihr größter Wunsch: Eine eigene Wohnung.

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„Mein Verkaufsplatz fühlt sich wie mein Zuhause an. Dort bin ich regelmäßig – irgendwas muss ja die nicht vorhandene Wohnung ersetzen“, sagt Hinz&Künztlerin Petra (55). Sie steht sechs Tage die Woche vorm Edeka in Winterhude, fünf bis sechs Stunden täglich. Im Sommer mehr, im Winter wegen der Kälte weniger. Petra nimmt selten frei, nur im Sommer gönnt sie sich fünf Tage auf dem „Wutzrock“-Festival. „Wenn ich dann mal nicht da war, sagen mir meine Kunden danach immer, wie froh sie sind, mich wiederzusehen.

„Auch als echte Hamburgerin bin ich Bremen-Fan!“– Petra

Natürlich wird man von den Magazinen nicht reich – dafür aber reich an Begegnungen.“ Petra „klönt“ mit ihren Kunden über das, was in der Welt los ist, die Fußballergebnisse des HSV oder FC St. Pauli („Auch als echte Hamburgerin bin ich Bremen-Fan!“)  – und natürlich über Hunde.

Ihre Hündin Luna (13) ist ihr Ein und Alles – wenn sie mal nicht gehorcht, nennt sie sie liebevoll „Else“. „Für mich bringen die Leute aus dem Supermarkt manchmal einen Kaffee oder irgendetwas anderes mit – Luna bekommt Hundefutter. Das muss ich fast gar nicht mehr selbst kaufen.“ Sogar eine „Gassi-Tante“ hat Luna mittlerweile. Das Verkaufen ist für die Hündin manchmal langweilig – da ist Petra froh, wenn sie bespaßt wird: „Luna geht wirklich nur mit ihr los. Andere haben es auch schon versucht – ohne Erfolg.“

Seit drei Jahren wandert Petra von Couch zu Couch

„Die Hauptsache ist, ich muss nicht auf der Straße schlafen.“– Petra

Obdachlos wurde Petra vor drei Jahren. Vorher wohnte sie bei ihrem Vater in Lohbrügge – zusammen mit ihrer Schwester und ihrem Sohn (eine Tochter hat sie auch, zu beiden Kindern hat sie guten Kontakt). Als der Vater starb, konnte das Mietverhältnis nicht verlängert werden – Petras Schwester war nur Unter- und nicht Mitmieterin. Seitdem wandert Petra von Couch zu Couch bei Freunden. „Die Hauptsache ist, ich muss nicht auf der Straße schlafen. Regelmäßig duschen kann ich immer. Was das betrifft, passe ich als Verkäuferin also gut in den Nobelstadtteil Winterhude.“ Bei der Aussage muss Petra schmunzeln.

„Ich kann eine kleine Cholerikerin sein.“– Petra

Sie ist Hartz-IV-Empfängerin, hat leider nie eine Ausbildung abgeschlossen. „In meiner Jugend hatte ich andere Sachen im Kopf, habe viel gefeiert und nicht ans Lernen gedacht.“ Vor Hartz IV hatte Petra Jobs in Kneipen oder Callcentern: „Mein erster Callcenter-Job hat Spaß gemacht, da konnte ich Menschen durch gute Beratung helfen. Bei späteren Jobs habe ich gemerkt, dass das wohl eine Ausnahme war – oft musste ich die Leute anschwindeln. Das ist nicht mein Ding.“

Petra weiß, dass sie kein einfacher Mensch ist: „Ich kann eine kleine Cholerikerin sein. Mit Beziehungen habe ich es nicht so. Ich habe keine Lust, Rechenschaft abzulegen.“ Solange sie ihre Kinder, ihren Hund und ihre Freunde hat, ist alles gut. Glücklich wäre sie, wenn sie wieder eine eigene Wohnung hätte: „Ich möchte mit Luna zur Ruhe kommen. Nicht mehr diese ständigen Wanderungen und meine Sachen wieder auf einem Fleck. Das wäre schön.“

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über den Autor
Frederike Arns
Frederike Arns ist ganz frisch bei Hinz&Kunzt. Nach ihrem Volontariat bei der Hamburger Morgenpost ist sie nun freie Journalistin. Schwerpunkte: Musik, Kultur und Gesellschaft.

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