Vom Leichten und Schweren

Der Schauspieler Peter Franke über „Die Jungs mit dem Tüdelband“ und den Abschied von den Hamburger Kammerspielen

(aus Hinz&Kunzt 123/Mai 2003)

„Das waren brilliante Entertainer: Frech, ein bisschen obszön, ein bisschen politisch, haben die beiden als ,Fietje und Thetje‘ ihr Publikum mit Liedern und Sketchen unterhalten, ohne es je zu verraten.“ Voller Hochachtung, geradezu schwärmerisch spricht der Schauspieler Peter Franke über seine Kollegen, die Gebrüder Wolf. Mit ihrer bodenständig-lokalpatriotischen Revue „Rund um die Alster“ feierten sie ab 1911 internationale Erfolge, in Hamburg besaßen sie das Operettenhaus an der Reeperbahn und zwei weitere Theater. Bis 1933. Dann verhängten die Nazis Auftrittsverbot. Die Theater wurden enteignet. Flucht, Exil, Vergessen. Übrig blieb ein Lied: An der Eck steht nen Jung mit nem Tüdelband.

Das kennt noch heute fast jeder Hamburger, „aber die allermeisten denken, es sei von Heidi Kabel“, bemerkt Peter Franke trocken. Ihm selbst, 62-jähriger leidenschaftlicher Wahlhanseat, war es ja auch nicht anders ergangen, bis er vor ein paar Jahren gemeinsam mit Regisseur Ulrich Waller den Filmemacher Jens Huckeriede traf. Der wusste, dass ein gewisser Ludwig Isaac, Künstlername Wolf, das Lied vom Tüdelband geschrieben und 1917 erstmals gemeinsam mit seinem Bruder Leopold im Hamburger Biebercafé vorgetragen hatte.

Zwei von dreizehn Kindern eines Fleischers aus der Neustadt seien die beiden gewesen. Ludwig, der unbedingt als Sänger Karriere machen wollte, begann auf Rummelplätzen, überredete dann seine Brüder Leopold und James, als „Trio Wolf“ aufzutreten. 1906 wird daraus ein Duo, weil James in der Bismarckstraße einen Zeitungskiosk eröffnet. 1926 stirbt Leopold an einem Herzinfarkt, sein Sohn James übernimmt von nun an seinen Part bei den Gebrüdern Wolf.

Der Filmemacher hatte geforscht, erzählte, wie das Publikum den beiden „plietschen Hamburger Jungs“ in den zwanziger Jahren zu Füßen lag – und wie sie kaum zehn Jahre später als Juden verfolgt wurden. Die Lieder, die sie berühmt gemacht haben, dürfen sie unter den Nazis nicht mehr singen – sie seien zu hamburgisch für ein jüdisches Gesangsduo.

„Je mehr wir erfuhren, umso klarer war für uns, dass wir diese Geschichte auf die Bühne bringen müssen“ erinnert sich Peter Franke. Mit Unterstützung von Jens Huckeriede und dem Museum für Hamburgische Geschichte spürten sie den in aller Welt verstreuten Nachlass der Gebrüder Wolf auf, stöberten durch Briefe, Tagebücher, Notenblätter und Programmzettel.

Im Januar 2002 war es dann soweit: Uraufführung der Gebrüder-Wolf-Story „Die Jungs mit dem Tüdelband“. Buch und Regie Ulrich Waller, auf der Bühne zwei Stunden lang Gerhard Garbers und Peter Franke. Als Fietje und Thetje singen sie die Gassenhauer der Gebrüder Wolf, natürlich das Tüdelband, „Mariechen mein Viehchen“ oder „Snuten und Poten“, das sich auf ein einstiges Hamburger Traditionsgericht aus Schweinepfoten und Schnauzen mit Sauerkraut bezieht, über das Peter Franke tapfer sagt, man könne es wirklich essen.

Doch zwischen diesen Döntjes und Spottversen, den Kalauern und dem Klamauk wird er immer wieder ernst. Ganz beiläufig erzählen Fietje und Thetje dann über James Wolf, den Kioskbesitzer, der 1943 mit seiner Frau in Theresienstadt ermordet wurde. Sie erinnern an den talentierten Sänger Ludwig, der, mit einer Nicht-Jüdin verheiratet, in den Hütten der Neustadt untertauchte. Und an James, den Jüngeren, dem es gelingt, mit seinem Bruder Donat nach Shanghai zu fliehen und von dort nach San Francisco. Donats Frau und die Kinder schaffen es nicht mehr, sie werden von den Nazis nach Riga deportiert und 1941 ermordet.

„Dieses Wechselbad ist für uns auf der Bühne eine Herausforderung, aber vor allem fürs Publikum“, sagt Peter Franke. „Aber das Faszinierende ist: Es funktioniert! Die Leute haben geweint, und am Ende fast 20 Minuten geklatscht.“ Nicht nur in Hamburg, sondern auch in anderen Städten, in denen das Stück zu sehen war, habe er jedes Mal diese Erfahrung gemacht, dass man den Zuschauern eben sehr wohl so etwas zumuten könne. Für ihn, den ein Journalist treffend als „Rampentiger“ bezeichnet hat, ist das eine große Bestätigung und eine kleine Genugtuung.

Schon als Kind im Internat hat er kleine Stücke geschrieben und aufgeführt, später spielte er sich aus Kneipen- und Kellertheatern auf die großen Staatsbühnen und hat dabei immer an „offensives Theater“ geglaubt. „Manche Schauspieler haben regelrecht Angst vor den Zuschauern, aber ich wollte mich immer ans Publikum ranspielen“, resümiert er. Deshalb liebt er Dario Fo, dessen Stücke er fürs deutschsprachige Theater entdeckte, mehr als die psychologisierenden Figuren eines Strindberg.

Mit dieser Vorliebe fürs Direkte, manchmal Derbe, für „das Leichte, das so schwer ist, wenn man es ernst nimmt“, eckte er bei manchem bedeutenden Regisseur an. Schließlich fühlte er sich im Stadttheater nicht mehr recht zu Hause und verließ 1994 das Thalia-Ensemble. „Es gab zu wenig Kontakt zum Publikum, aber auch untereinander. Ein gleichberechtigtes Miteinander, wo man sich auch mal gegenseitig kritisiert und das für mich Theater ausmacht, war in so einem Großbetrieb gar nicht mehr möglich“, meint er heute.

Diese Nähe, die er braucht wie den Wind zum Segeln, fand er in kleineren Privattheatern wie den Kammerspielen wieder. Er hofft, sie in Zukunft auch im St.-Pauli-Theater zu finden, „da, wo diese Art von Unterhaltung ja schließlich ihre Wurzeln hat“. Und natürlich hat er sie immer gehabt bei den Liederabenden in seiner Ottenser Stammkneipe: „Da bekommt man sofort mit, wer wann lacht, und weiß, jetzt hat man gepatzt – oder man war gut.“ Eine Erfahrung, die ihm die Gebrüder Wolf sicher bestätigt hätten. Deshalb ehrt es sie ebenso wie Gerhard Garbers und Peter Franke, wenn das Publikum bei der Zugabe den Refrain vom Jung mit nem Tüdelband mitsingt – singt, und nicht grölt.

Wo Männer malochen

Obdachlose bauen ein Containerdorf

(aus Hinz&Kunzt 123/Mai 2003)

Sanft gleitet der gläserne Aufzug in die Höhe. Das blitzblanke High-Tech-Gerät, mit dem die Fahrgäste dem Bahnsteig der U-Bahn Hamburger Straße entgegenschweben, wirkt wie von einem anderen Stern, so unvermittelt wächst es direkt neben einer Brachfläche aus Sand und Schutt aus dem Boden. 250.000 Euro hat das Ding gekostet – mehr als das Containerdorf für Obdachlose, das auf der Brachfläche entstehen soll.

Eine Handvoll Männer in verbeulten Jeans und Turnschuhen schlurft dort umher, manche tragen Rauschebart, andere ein Käppi gegen die Sonne auf dem Kopf. Alle haben Werkzeug in der Hand. Dazwischen wuselt ein kleiner, strubbeliger Hund hin und her – und wieder zurück zu einem ebenfalls strubbeligen, weißhaarigen Mann. Das ist Michael Struck, 54, Herrchen von Strolchi und Sozialarbeiter bei Neue Wohnung, einer gemeinnützigen GmbH der Wohnungslosenhilfe, die schon in Altona erfolgreich ein Container-Projekt für Obdachlose betreibt.

Strucki – wie ihn hier alle nennen – hat seinen Arbeitsplatz auf das städtische Gelände hinter dem frisch renovierten U-Bahnhof Ham-burger Straße verlegt. Hier bauen er und Kollegen gemeinsam mit Obdachlosen und Ex-Obdachlosen das neue Containerdorf auf. 17 Menschen sollen sich dort nach Monaten auf Platte wieder an ein Dach über dem Kopf gewöhnen können.

„Das hier ist der Feldherrenhügel“, sagt Struck grinsend und zeigt auf den klapprigen Tisch mitten auf dem rund 1200 Quadratmeter großen Platz. Darauf liegt – von Steinen am Wegfliegen gehindert – der Dorf-Grundriss. Elf weiße Wohn-Container mit Fenstern und bunten Türen stehen schon, dazwischen jeweils ein Container, in dem Nasszellen entstehen.

„Hier hab ich was zu tun“

Gerade mischt Kurt, der bei Neue Wohnung in Altona wohnt, mit einer Maurerkelle Zement in einer Schubkarre an. Die Fundamente für die letzte Container-Reihe müssen gegossen werden. „Wir lernen ja aus unseren Fehlern“, sagt Michael Struck. „In Altona haben wir die Dinger einfach in den Sand gesteckt, und nach dem ersten Regen haben die Bewohner die Türen nicht mehr aufgekriegt.“

Fehler sollen in Barmbek nicht passieren, und so messen Bernd Weber, Angestellter bei Neue Wohnung, und der Architekt Ulrich Fahr akribisch die Abstände für die letzte Container-Reihe aus. „Herr Weber, hast du genug Band?“, ruft Fahr quer über den Platz. „Zieh mal bisschen strammer, was ist das für ein Schlabberkram!“ – da reißt auch schon die Leine. Die Prozedur beginnt von vorn.

Der Ton ist ruppig-freundschaftlich, jeder wird geduzt. „Mich nennen sie nur noch Moosi“, sagt Olaf und lacht, „seit ich die Moosbänder zwischen die Container geklebt habe“. Mit 64-Jahren ist er der Älteste auf der Baustelle. Olaf wohnt im Wohnprojekt für Obdachlose Wartenau, aber „hier hab ich wenigstens was zu tun“. Hinz & Künztler Kalle, der gerade Bauschutt und Müll in einen blauen Sack stopft, pflichtet ihm bei. Auch er wohnt derzeit bei Neue Wohnung in Altona, „aber bevor ich da rumhänge, pack’ ich lieber hier mit an.“ Ehrenamtlich, versteht sich.

Natürlich wäre der Bau des Dorfes schneller erledigt, wenn nur Firmen beschäftigt würden. „Aber das Geld haben wir nicht“, sagt Struck, „und die Männer haben Lust zu helfen.“ Harte Verhandlungen um das Grundstück und der strenge Winter verzögerten lange den Beginn der Baumaßnahmen. Jetzt wird ordentlich rangeknufft. Und wann ist das Dorf fertig? „Es ist fertig, wenn es fertig ist“, so Struck. „Aber wir beeilen uns“, sagt er schnell, „wir brauchen die Übernachtungsplätze ja sehr dringend.“ Schließlich hatte Senatorin Birgit Schnieber-Jastram (CDU) nach ihrem Amtsantritt im September 2001 die Finanzierung von 60 Einzel-Übernachtungsplätzen in dezentraler Lage versprochen. Seither ist nichts passiert.

Kaffeepause. Pausen sind wichtig, besonders für Leute wie Kurt. Vor zwei Jahren erkrankte der muskulöse Mann schwer. „Ich kämpfe immer noch“, so der einstige Bergmann und zeigt auf eine lange Narbe am Hals, „die Arbeit macht Spaß, aber ist ganz schön schwer“. „Du solltest dir lieber mal einen Hut aufsetzen, oder willst du eine braune Glatze bekommen?“, necken die anderen, die nicht wollen, dass er sich überanstrengt. Und dann: „Wer hat denn den Kaffee gekocht? Der ist ja ungenießbar!“

Einen ordentlichen Kaffee gibt es bei Uwes Imbiss. Uwe thront in seiner Holzbaracke, die direkt an das Neue Wohnung-Grundstück angrenzt, streicht über seine Schürze und sagt: „Alle waren dagegen, dass das Containerdorf hierher kommt. Ich auch.“ Man hatte schlechte Erfahrungen mit Obdachlosen gemacht, die in den öffentlichen Toiletten der U-Bahn gehaust hatten. Dann sei der Bahnhof renoviert worden, und alle waren froh, dass die Obdachlosen verschwanden.

Inzwischen ist Uwe dem Projekt gegenüber positiver eingestellt. Bei runden Tischen erklärte Michael Struck den Nachbarn das Konzept der Neuen Wohnung. Dass es einen Nachtdienst geben werde, der vor allem im Sommer für Ruhe sorgt. Dass sich ein Sozialarbeiter um die Leute kümmert und sie bei Alkoholproblemen oder Schulden an nahe gelegene Beratungsstellen für allein stehende Wohnungslose vermittelt. Dass die Container hübsche Dächer bekommen und das Gelände begrünt werden soll. „Das hört sich alles ganz vernünftig an“, meint Uwe. „Und wenn’s gut läuft, warum nicht.“

„Das Eis ist gebrochen“

Kaum zurück auf der Baustelle, serviert Olaf einen großen Becher heißen Kaffee. „Uwe hat uns aufgezogen, wir würden wohl keinen Kaffee kochen können“, sagt er und lacht. Die Kommunikation zwischen den neuen Nachbarn funktioniert offenbar. Mit anderen ist das schwieriger: Gerade verlässt ein braun gebrannter Mann aus der Wohngegend das Grundstück mit den Worten: „Die gehören doch alle ins Lager.“ „Manche Menschen werden sich durch nichts überzeugen lassen“, schnaubt Struck.

Doch der Lichtblick folgt schon Minuten später: Herr Rademann aus dem Wohnhaus nebenan schaut vorbei. „Begeistert bin ich nicht, dass die Container hierher kommen“, gibt er zu, „aber wir wollen mal abwarten.“ Rademanns Füße stecken in grünen Gummistiefeln, er arbeitet im Garten und braucht Sand. Den borgt er sich jetzt bei Neue Wohnung, und die geben gern. „Da ist das Eis doch gebrochen, wenn sich jemand etwas borgt“, freut sich Michael Struck.

Inzwischen brennt die Mittagssonne vom Himmel. Die Männer haben die Jacken ausgezogen und keine Zeit mehr für Gespräche. „Wolln’ uns mal wieder ins Arbeitsgetümmel stürzen“, sagt Olaf. „Aber du kannst ja mal wieder vorbeikommen“ – sprichts und schultert die Schaufel.

Annette Bitter

Zurück auf die Straße

Ende des Winternotprogramms

(aus Hinz&Kunzt 123/Mai 2003)

Das Winternotprogramm ist vorbei. Kirchencontainer, Wohnschiffe und Notquartiere in Fachhochschulen schließen ihre Türen. Für hunderte von Obdachlosen heißt es jetzt: Zurück auf die Straße. Denn selten zuvor schienen die Aussichten auf eine eigene Wohnung so schlecht zu sein wie in diesem Jahr.

„Es sieht ganz düster aus. Die großen Wohnungsgeber sträuben sich immer häufiger, Sozialhilfeempfänger aufzunehmen“, sagt Sigrid Hochdörfer vom Verein „Trotzdem“, der Haftentlassenen hilft, eine Wohnung zu finden. „Wahrscheinlich denken die, wer den ganzen Tag zuhause hockt, der randaliert schnell mal. Und die Saga ist ja zur Zeit auf einem totalen Sanierungskurs.“ Da passen Problemmieter wie ehemalige Obdachlose, Haftentlassene und Sozialhilfeempfänger nicht mehr ins Bild.

Das Integrationsprojekt unterhält 30 Übergangswohnungen für Haftentlassene und schaffte es bislang noch, zwischen 67 und 70 Prozent der Ex-Knackies in eigene feste Wohnungen zu vermitteln. „Aber es wird immer schwieriger“, sagt Sigrid Hochdörfer. Im zweiten Halbjahr 2000 fanden noch 19 Männer mit Hilfe des Vereins eine eigene Wohnung, 2001 waren es nur elf. Zahlen für das vergangene Jahr liegen noch nicht vor.

Ähnliche Erfahrungen macht auch das Bodelschwingh-Haus, eine stationäre Einrichtung des Diakonischen Werkes, in der 70 Männer vorübergehend wohnen können: Die Männer würden im Schnitt zwei bis drei Monate länger im Bodelschwingh-Haus wohnen. Einfach deshalb, weil sie trotz großer Anstrengung keine eigene Wohnung finden. Dieser Trend verschärfe sich in den kommenden Monaten noch, weil das Winternotprogramm ausgelaufen sei. Dann werden die etwa 215 Männer und Frauen, die den Winter über in zusätzlich eingerichteten Notunterkünften hausten, zusätzlich auf den Wohnungsmarkt drängen.

Doch den Beratungsstellen bleibt oft nichts anderes übrig als die Leute an Notlösungen wie das Pik As zu vermitteln. Der Traum von der eigenen Wohnung bleibt für viele ein frommer Wunsch. Denn die Vermittlungszahlen der sieben Beratungsstellen für Personen mit Wohnungsproblemen sprechen eine deutliche Sprache: Konnten die Sozialarbeiter vor fünf Jahren noch 40 Prozent der Wohnungslosen bei der Saga oder der Gesellschaft für Bauen und Wohnen GWG unterbringen, waren es im Jahr 2001 nur noch 20 Prozent.

Besonders dramatisch macht sich die Weigerung der stadteigenen Wohnungsunternehmen in der Beratungsstelle Billstedt bemerkbar. Dort nahmen Saga und GWG im Jahre 1998 fast 90 Prozent aller Menschen auf, die die Beratungsstelle der Caritas in Billstedt und Bergedorf vermittelt hatte. Im Jahr 2001 waren es nur noch acht Prozent. Für das vergangene und das laufende Jahr erwarten die Sozialarbeiter vor Ort keine Besserung. Und das, obwohl die beiden Wohnungsunternehmen mit insgesamt 134.000 Wohnungen nicht nur wirtschaftlichen Grundsätzen, sondern auch sozialen Aspekten verpflichtet sind.

Da hilft es auch wenig, dass die Organisatoren des Winternotprogramms zumindest keinen Anstieg der Obdachlosenzahlen bemerkt haben: „Die Zahl der Obdachlosen, die im Winternotprogramm Schutz vor der Kälte suchten, ist ungefähr gleich geblieben“, sagt Kay Ingwersen, Sprecher von pflegen & wohnen. Insgesamt wurden auf dem Wohnschiff „Bibby Altona“ in Neumühlen vom 1. November 2002 bis Anfang April dieses Jahres 12.400 Übernachtungen gezählt. „Das sind 3100 Übernachtungen weniger als im Vorjahr“, so Ingwersen. Dafür seien im gleichen Zeitraum wesentlich mehr Obdachlose ins Pik As gezogen. „Dort sind wir eigentlich ständig mit Überlast gefahren“, sagt Ingwersen. Obwohl das Pik As eigentlich nur 190 Schlafplätze bereitstelle, seien bis zu 245 Männer pro Nacht dort gewesen. Das Haus sei im Schnitt zu 125 Prozent überbelegt gewesen.

Warum in diesem Winter mehr obdachlose Männer ins Pik As gingen, könne er nur vermuten. Im Vorjahreszeitraum zählten die Mitarbeiter von pflegen & wohnen auf dem damaligen Wohnschiff „Bibby Challenge“ immerhin noch 15.500 Übernachtungen. „Ein Grund könnte sein, dass die ‚Bibby Challenge‘ damals einen großen Schlafsaal hatte, der sehr beliebt war“, so Ingwersen. „Es gab dort insgesamt mehr Platz für den Einzelnen.“ Doch auch das könnte ein Grund für sinkende Zahlen sein, wird in der Szene vermutet: In den vergangenen Jahren hätten Drückerkolonnen das Winternotprogramm der Wohnschiffe missbraucht, um ihre Mitarbeiter kostenlos unterzubringen. In diesem Jahr müssen die Männer auf dem Wohnschiff ihre Ausweise vorzeigen. Es sollen nur noch wirkliche Obdachlose an Bord. Selbst zum Ende des Programms im April seien die Belegzahlen noch immer sehr hoch gewesen. „Das liegt“, so Ingwersen, „auf jeden Fall an dem langen Winter, den wir dieses Jahr hatten.“

Zu einer anderen Bilanz kommen dagegen die Mitarbeiter der Tagesaufenthaltsstätte Bundesstraße, die die Containerplätze vermittelt hat: „Der Andrang war riesig“, sagt Mitarbeiterin Rika Klauzsch. „Am Anfang standen die Männer bis auf die Straße hinaus Schlange. Wir haben absolut steigende Zahlen und hätten noch mehr Kapazitäten gebraucht. Sowohl beim Winternotprogramm als auch bei der Essensausgabe: Zum ersten Male haben wir über das Jahr gesehen mehr als 20.000 Essen ausgegeben.“

Auch Peter Lühr, der Leiter der Beratungsstelle für Haftentlassene in der Kaiser-Wilhelm-Straße, sieht wenig Anlass zu Optimismus: In Hamburg werden täglich fünf Strafgefangene aus der Haft entlassen, die keine Wohnung haben, so Peter Lühr. Die Chancen für diese Männer, in absehbarer Zeit in eine eigene Wohnung zu kommen, hätten sich drastisch verschlechtert. „Die Stadt gibt gern Menschen zu uns in die Haftanstalten ab“, sagt Peter Lühr, „aber wieder nehmen will sie sie nicht.“

Petra Neumann

„Innendrin ein Verlierer“

Wie der verurteilte Mörder Iwan Kirr sein Leben änderte

(aus Hinz&Kunzt 123/Mai 2003)

Wenn Iwan Kirr etwas zu seiner Jugend einfällt, dann ein bestimmtes Wort. „Totalitär. Ich wuchs in einer totalitären Familie und in einem totalitiären Regime auf“, sagt der 36-jährige Rumäniendeutsche. Er sagt das nicht als Entschuldigung, er will seiner Geschichte auf den Grund gehen. Einer Geschichte von Ohnmacht und Wut, Gewalt und Hass.

Als Kind war er Opfer, als Erwachsener wurde er Täter. Erst Jahre nach seiner Verurteilung als Mörder entwickelte er Scham und Schuldbewusstsein und überwand seine immer lauernden Aggressionen. Kirr, der seit 1988 in Hamburg im Gefängnis sitzt, wurde sogar Mitbegründer von „Gefangene helfen Jugendlichen“, einem Projekt zur Gewaltprävention.

Ein Außenseiter war Iwan Kirr schon immer. In Rumänien galten die Deutschen als suspekt. Der Vater, für den Jungen unerreichbar und unberechenbar, schwor die Familie darauf ein, kein Sterbenswörtchen von Gesprächen nach außen dringen zu lassen. Schon eine harmlose Frage von Iwan an seinen Vater, etwa „Warum triffst du dich mit diesem Mann?“, genügte, und sein Vater rastete aus und verprügelte ihn. Das Ergebnis: „Ich hatte kaum Kontakt zu anderen.“

Andere Kinder wurden für ihn zu einer ständigen Bedrohung. „Ich fühlte mich immer angegriffen oder verspottet.“ In ihm brodelte es, ständig stand er unter Spannung, ein Gefühl zwischen Ohnmacht und wilder Aggression. Schon damals griff er zu dem einzigen Mittel, das er kannte: Wer ihn blöd anguckte, wurde vertrimmt.

Die einzigen Freunde, die er hatte, waren die Pferde. „Ich spielte ihnen auf der Flöte etwas vor und sprach mit ihnen.“ Mit zwölf Jahren gewann er die rumänischen Jugendmeisterschaften im Dressur- und Springreiten. Und schon als Jugendlicher ritt er Pferde zu. In gewisser Weise identifizierte er sich mit den Tieren. Als Deutschstämmiger, so glaubt er, bekam er zum Zureiten sowieso die schwächsten Tiere. „Ich versuchte, das Beste aus ihnen herauszuholen.“ So wie aus sich. Aber zwischen den Pferden und ihm herrschte nicht nur reine Liebe. „Ich habe es genossen, dass sie von mir abhängig waren und mir bedingungslos gehorchten.“ Die Kehrseite, trotz aller Siege: „Ich fühlte mich klein und mickrig.“

Als Iwan 15 war, beschloss der Vater zu fliehen – mit ihm. Die Mutter und die Großmutter sollten später nachkommen. Die Ankunft im Westen war für ihn ein Schock. Die Trennung von der Mutter, die Uniformierten an der Grenze, die falschen Papiere, die Odyssee von Lager zu Lager. „Und diese Farben!“ Iwan glaubte, noch nie so viel Buntes gesehen zu haben. „Ich kam aus einer grauen Welt“, sagt er. Und jetzt: Alles war zu haben – sofern man Geld hatte. Auch er wollte etwas vom großen Kuchen abhaben.

Aber vorerst musste er malochen ohne Ende: „Wir mussten Mutti zurückkaufen.“ Denn umsonst wollte Rumänien die Hausfrau nicht gehen lassen. Wer dran glauben musste, waren ausgerechnet Pferde. Iwan ritt Pferde zu; zehn, elf bewegte er am Tag. Aber nicht so, wie er es gewohnt war: Er barrte sie, das heißt, er trieb sie mit Gewalt kurzfristig zu Höchstleistungen an, so dass sie sich gut verkaufen ließen.

„Wir Türsteher waren die Könige der Nacht“

Apropos harte Hand: Iwan fürchtete sie, nämlich die des Vaters, suchte sie aber gleichzeitig. Mit 18 ging er zur Fremdenlegion. Bedingungsloser Gehorsam und der Wille zum Töten wurden antrainiert. Hier konnte Iwan seine Aggressionen legal ausleben. Nach einem Jahr desertierte er zwar, aber nicht wegen der Gewalt in der Legion. „Ich wollte leben wie andere junge Menschen, lachen, ausgehen – und nicht immer gedrillt werden.“

In Hamburg, wo seine Mutter lebte, unternahm er noch einmal einen Anlauf, Abitur zu machen. Aber es ging nicht: „Alles wurde ausdiskutiert, ich war es gewohnt, Sachen zu pauken. Diesem Unterricht war ich nicht gewachsen.“ Und: „Nach der Fremdenlegion konnte ich mit dem pubertären Geplänkel meiner Mitschüler nichts anfangen.“

Es war kein Zufall, dass Iwan Kirr in die Türsteherszene geriet. Denn hier fand er alles, was er suchte: Er hatte Macht, Menschen nach Belieben einzulassen – oder ihnen den Zutritt zu verwehren. Frauen bewunderten ihn, Männer hatten Angst vor ihm. „Wir Türsteher“, sagt Kirr, „waren die Könige der Nacht.“ Aber das genügte trotzdem nicht: „Innendrin fühlte ich mich wie ein Verlierer. Ständig hatte ich das Gefühl, dass sich alle über mich lustig machen.

Kirr fühlte sich völlig im Recht, jedem, der ihn „irgendwie“ ärgerte, „eine reinzuhauen“. Immer tiefer geriet er in die kriminelle Szene, Schlägereien waren für ihn normal, und manchmal trieb er auch Schutzgelder ein.

Eines Tages wurde ein Freund beleidigt. Kirr rastete aus, sah nur noch rot. „Ich hatte das Gefühl, der Mann verhöhnt nicht meinen Freund, sondern mich.“ Er packte zu, wie er es bei der Fremdenlegion an Strohpuppen geübt hatte, der Mann war tot – innerhalb von Sekunden. Nichts, rein gar nichts empfand er nach dem Mord, keine Schuld, kein Entsetzen. „Für mich war der Krieg ausgebrochen – so wie in der Fremdenlegion.“

Im Gefängnis fand sich Kirr blendend zurecht: Hier gilt das Recht des Stärkeren, und zu denen gehörte er allemal. Dann geriet sein Weltbild plötzlich aus den Fugen. Eine Freundin, die während der ganzen Jahre zu ihm gehalten hatte, fragte ihn eines Tages: „Was ist damals eigentlich passiert?“ Diese an sich simple Frage war ein Schock für ihn. „Zum ersten Mal empfand ich so etwas wie Scham und Schmerz.“

Das war 1996, sechs Jahre nach seiner Inhaftierung. Seitdem ist Iwan auf der Suche nach sich selbst. Er fing sogar eine Therapie an, was im Knast oft verpönt ist, etwas für angebliche „Weicheier“. Dabei ist das Gegenteil der Fall. „So hart habe ich noch nie gearbeitet“, sagt Iwan. Immer wieder musste er sich und seine Taten in Frage stellen – und langsam lernen, die Verantwortung dafür zu tragen. „Alleine hätte ich es nie geschafft“, sagt er und meint damit natürlich seine Freundin, die heute seine Lebensgefährtin ist, aber auch seinen Therapeuten Horst Uherek. Beide hielten unbeirrt zu ihm.

Wer ihn von früher kennt, glaubt einen anderen Menschen vor sich zu haben: offen, freundlich, liebevoll. Die unterschwellige Aggression, sonst immer spürbar, ist weg. Aber Iwan, der sich inzwischen im offenen Vollzug auf das Leben draußen vorbereitet, ist auf der Hut vor sich selbst. „Manchmal, da spüre ich sie noch, die Aggressionen“, sagt er. Aber sie überfallen ihn nicht mehr. Alle inneren Alarmanlagen gehen dann an. Und er weiß, wie er sich „runterschrauben“ kann. „Wenn mich jetzt ein Autofahrer ärgert, sage ich mir: Mensch, der hat einen schlechten Tag, vielleicht ist er wirklich ein Idiot. Na und, hat doch nichts mit mir zu tun.“

Neustart: Kopfüber in ein anderes Leben

Drei Geschichten über einen Neubeginn

(aus Hinz&Kunzt 122/April 2003)

Alles auf Sieg

„Es geht um den Erfolg“, sagt Torwart Heinz Müller, „wer auf dem Platz sportlich erfolgreich ist, der verdient irgendwann auch gutes Geld.“ Wenn der 24-jährige Fußballprofi von seinem Neustart beim Zweitligisten FC St. Pauli spricht, dann versucht er zunächst, Gefühle zu unterdrücken. So sei halt das Business, sagt der Torwart.

In der Winterpause war er vom Bundesligisten Arminia Bielefeld an das Millerntor gewechselt zum scheinbar hoffnungslos abgeschlagenen Tabellenletzten der 2. Liga. In Bielefeld saß er nur auf der Bank oder Tribüne. „Bei Pauli habe ich die Chance zu beweisen, was ich kann.“ Deshalb, so Müller, sei es für ihn keine Frage und eine rational begründete Entscheidung gewesen, den Wechsel zu wagen. Obwohl manche Beobachter befürchteten, auch mit dem neuen sportlichen Umfeld gebe es für ihn keinerlei Aussicht auf Erfolg.

Dass die Mannschaft in der Rückserie zunächst hoffnungsvoll begonnen hatte, galt unter anderem als Erfolg des neuen Torwarts. Mittlerweile steckt das Team nach dem glücklichen Neustart wieder tief in der sportlichen Krise. Der Abstieg ist nahe – trotz der Leistung des Keepers. Die Fans und die Presse haben ihn schnell in ihr Herz geschlossen. Und der Torwart sagt: „Das war schon richtig, diese Veränderung zu wagen.“ Bis auf weiteres: Zumindest der Start ist geglückt.

Im Leben privat oder beruflich neu zu starten, mag von außen betrachtet manchmal wie ein dramatischer Schritt erscheinen. Das Eintauchen in Neues soll helfen, eine zunehmend als untragbar empfundene Last zu überwinden. „Man muss im Leben sehen, dass man durchkommt, darf nicht den Glauben an sich selbst verlieren“, sagt Torwart Müller nüchtern. Und: „Gerade als junger Spieler wird man oft einfach ins kalte Wasser geworfen.“ Das, so meint er, sei auch ein großer Reiz an der neuen Aufgabe beim FC St. Pauli – gemeinsam dafür kämpfen, nicht unterzugehen.

Ein Neustart also für ihn ausschließlich unter sportlichen Gesichtspunkten? Nein, antwortet der junge Profi, „das ist Stress vor allem für die Seele.“ Seine Freundin ist vorerst in Bielefeld geblieben, beendet dort ihre Ausbildung, und in Hamburg hat er privat noch keine neuen Freunde. „Ich spiele Fußball“, sagt Müller, „und im Fußball gibt es keine Freunde, das ist hartes Geschäft.“ Heute bist du der König, fügt er noch hinzu, und vielleicht schon morgen bloß noch der Depp. Im Augenblick gehört ihm die Krone.

Annette Bitter

Die große Freiheit

„Das ist super, bombig, klasse!“, freut sich Kai. Der 30-jährige Hinz & Kunzt-Verkäufer ist vor zwei Wochen in seine neue Wohnung gezogen. Ein Zimmer, Küche, Balkon – für ihn allein. Als Neustart will er das Ende seiner Wohnungslosigkeit zwar nicht verstanden wissen. „Ich werde wohl nicht die nächsten 20 Jahre darüber reden.“ Aber klar, der Gegensatz zu seiner Einzelzelle im Knast, zum Leben auf Platte und zu seiner letzten Unterkunft in einem Hotel am Nobistor ist gigantisch.

„In meiner Wohnung habe ich meine Ruhe. Hier gibts keine Kakerlaken. Ich kann aufs Klo gehen, ohne Angst, mir irgendwas wegzuholen. Ich hab ’ne Küche, in der ich mir jeden Tag was koche, und es ist mein Ding, ob die sauber ist oder nicht.“ Die Wohnung hat eine große Fensterfront, sagt Kai, da kommt viel Licht rein, so dass er sich nicht eingesperrt fühlt. Einen tollen Nachbarn habe er außerdem.

Einen echten Neustart plant Kai trotzdem – und mit der Wohnung ist der Grundstein für sein Vorhaben gelegt: „Wenn du 30 bist, fängst du was Richtiges an mit deinem Leben, habe ich mir geschworen.“ Nun ist es soweit. Beim Berufsinformationszentrum war er schon. Jetzt will er sein Fachabitur Sozialpädagogik machen. Ein Jahr wird er dafür brauchen und danach – man kann ja schon mal träumen – vielleicht Sozialpädagogik studieren. „In so ’nem Berberheim ist es immer laut, da kommt man nicht mal zum Pennen“, sagt Kai. „Wie soll man da arbeiten oder lernen?“

Kai meint, dass er schon lange sein Abitur hätte machen können, und auch sein Studium hätten ihm die Eltern finanziert. „Ich bin nämlich ein verdammtes Bonzenbalg“, sagt er und grinst. Aber dann war ihm das Kiffen wichtiger als Schule oder Uni. „Jetzt will ich mir was Neues aufbauen“, sagt er ernst. Und damit nichts dazwischenkommt, soll kein Foto von ihm in der Zeitung erscheinen. „Es müssen ja nicht gleich alle wissen, was der neue Typ da in der Wohnung für ’ne Geschichte hat.“

Annette Bitter

Ende eines Traums

„Noch nie war ich den Wurzeln der Unterhaltungskultur so nah“, sagt Ulrich Waller über seinen Neustart als künstlerischer Leiter des St. Pauli Theaters. Es werde es keine „Kammerspiele im Exil“ geben, sondern einen eigenen, „dem Ort angemessenen Umgang mit den Formen des Unterhaltungs- und Volkstheaters“. Gerade weil rund um die Reeperbahn so viel geboten wird, wolle er mit anspruchsvollen eigenen Produktionen ein neues Publikum „auf die Meile führen und verführen“.

Das klingt euphorisch und lässt fast vergessen, dass Waller die Kammerspiele nicht freiwillig verließ. Doch, da sei auch Wehmut, schließlich seien die Kammerspiele „ein Traum“ gewesen. „Man lässt dieses Haus mit seiner 85-jährigen Tradition zurück und weiß es nicht wirklich in guten Händen.“

Da ist noch immer die Wut zu hören, die ihn wohl auch zu seinem Neustart getrieben hat. Denn der kampferprobte Theatermann ist kein Typ für Dauerklagen. Seine Einschätzung, „dass man sich auch zu Tode verhandeln könne“, sieht er dadurch bestätigt, dass selbst der kompromissbereite Dominique Horwitz am Ende aufgegeben habe. Da versucht Waller doch lieber auf seine Weise zu retten, was zu retten ist. Die Menschen, die zum Erfolg der Kammerspiele beigetragen haben, sollen möglichst auch auf St. Pauli eine neue Heimat finden: „Ich werde versuchen, meine Familie mitzunehmen!“

Ungemütlich findet er vor allem die finanzielle Unsicherheit seiner neuen Arbeit. Anders als die Kammerspiele muss das St. Pauli Theater bisher ohne Subventionen auskommen. So gesehen, ist das Wasser sehr kalt, in das er springt. „Da kann man nur hoffen, dass man schnell wieder spürt, dass man schwimmen kann!“, sagt er tapfer und gibt dann selbst vor, an was er sich zukünftig wird messen lassen: „Wenn es Thomas Collien und mir gelingt, auch das St. Pauli Theater zu einem charismatischen Ort zu machen, das wäre mein größtes Glück.“

Sigrun Matthiesen

Neustart: Wir haben einen Traum

Vieles neu bei Hinz & Kunzt

(aus Hinz&Kunzt 122/April 2003)

Uwes Traum: Einmal Helgoland

Wenn diese Zeitung erscheint, bin ich noch gar nicht 60. Aber ich werde es am 22. April. Große Geburtstagswünsche habe ich nicht, habe ich nie gehabt. Wer sollte mir schon groß was schenken? Aber einen Traum hat ja wohl jeder. Meiner ist, nein war: eine Schiffsreise nach Helgoland. Ich habe die Lange Anna im Fernsehen gesehen und diese bunten, kleinen Häuser, ich nenne sie die „Papageiensiedlung“.

Als mir die Redaktion von den Fotos erzählte und mich nach meinem Traum fragte, da wusste ich erst gar nichts – und dann fiel es mir wieder ein: Helgoland. Ich hatte nie daran gedacht, mal wirklich dahin zu kommen. Immer fehlte das Geld. Ich war früher ja auch noch spielsüchtig. Als die mir dann sagten, dass wir wirklich und wahrhaftig nach Helgoland fahren, habe ich, das muss ich ehrlich sagen, fast geweint. Das war ein richtiger Schock. Ich nach Helgoland – und nicht alleine, sondern mit den beiden Fotografen Martin und Mauricio, ein richtiger Ausflug also.

Morgens um 8 Uhr holten sie mich ab. Meine erste Schiffsreise – das war wahnsinnig. Wir hatten gutes Wetter, die Sonne schien, ich war richtig aufgeregt. Die Lange Anna und die netten Häuser in Natur zu sehen, das war umwerfend. Martin und Mauricio haben mich ganz schön gescheucht: berg-auf, bergab. So hab ich auf jeden Fall viel gesehen. Nachts um 22 Uhr war ich wieder zu Hause. Ich fiel nur so ins Bett und war sofort weg. Also, ohne zu lügen, das war der schönste Tag, seit ich bei Hinz & Kunzt bin – und das ist schon lange, mehr als neun Jahre.

Uwe Dierks, 59 Jahre

Das neue Gesicht

Haben Sie’s gemerkt? Hinz & Kunzt hat ein neues Gesicht. Und damit meinen wir nicht nur unseren Verkäufer Uwe, der auf der Titelseite prangt und der schon immer davon träumte, einmal nach Helgoland zu fahren.

Wir werden in diesem Jahr zehn Jahre alt und fragen uns, was aus unserem eigenen Traum eigentlich geworden ist. Dem Traum, so vielen Obdachlosen wie möglich eine sinnvolle Aufgabe zu geben. Ihnen den Weg zurück in die Gesellschaft zu ebnen und gegen soziale Kälte in dieser Stadt anzugehen. Vieles ist uns gelungen, manche Missstände müssen wir wieder und wieder benennen. Deshalb haben wir zehn Geburtstags-Wünsche, die wir von diesem Heft an jeden Monat an die Öffentlichkeit richten. Der erste Wunsch: mehr Krankenbetten für Obdachlose.

Bei unserer Arbeit stehen Obdach- und Wohnungslose im Vordergrund. Deshalb haben wir uns gefragt: Warum bringen wir sie nicht aufs Titelblatt? Die Hinz & Kunzt-Verkäufer sind unsere Promis. Sie sind überall präsent, tragen zum besonderen Bild der Stadt bei. Daraus entstand die Idee, unsere Verkäufer mal nicht als Obdachlose zu zeigen, sondern sie nach ihren Träumen zu fragen und diese fotografisch umzusetzen. Dass sich mancher Traum sogar verwirklichen lässt, daran hatten wir zunächst gar nicht gedacht…

Mit dem Titelbild-Konzept geht auch unser verändertes Layout an den Start, kreiiert vom neuen Layouter Martin Kath: größere Fotos, aufgeräumtere Seiten, übersichtlichere Heftstruktur. Bei so viel Neuem lag es nahe, den Schwerpunkt dieser Hinz & Kunzt-Ausgabe unter das Motto „Neustart“ zu stellen.

Neu ist auch die Dart-Reportage. Die Reporter werfen mit geschlossenen Augen einen Dartpfeil auf den Stadtplan. Dort, wo er stecken bleibt, muss der Schreiber eine Geschichte suchen. Die ersten Reportagen schreiben übrigens Journalistik-Studenten, unter Leitung von Dr. Rudolf Großkopff (ehemals Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt).

Schon mal was von der Kunzt-Kommission gehört? In dieser Kommission „sitzen“ Literaten, Musiker, Kinder, Sportler und Hinz & Künztler, die abwechselnd kleine Kulturkolumnen schreiben. In diesem Heft empfiehlt Jurai, das Zoologische Museum zu besuchen, Schriftstellerin Tina Uebel rät zur Lektüre des „Mädchenbuches“ von Sven Amtsberg, und Ex-Box-Champion Jürgen Blin stellt junge Boxer vor, deren Namen man sich dringend merken muss…

Tatkräftig unterstützen Hamburger Krimi-Autoren Hinz & Kunzt: Sie schenken uns Kurzgeschichten. Darunter sogar Erstveröffentlichungen – wie die von Gunter Gerlach.

Sie merken: Uns hat dieser Neustart wahnsinnig Spaß gemacht. Jetzt kommt’s nur noch darauf an, dass Sie ihn genauso spannend finden.

Birgit Müller

Nr. 1: Mehr Betten für kranke Obdachlose

Zehn Jahre Hinz&Kunzt – zehn Geburtstags-Forderungen

(aus Hinz&Kunzt 122/April 2003)

Darum geht es:

Wer Fieber hat, gehört ins Bett. Für Menschen, die auf der Straße leben müssen, gelten andere Gesetze: Sie können sich nirgends auskurieren, ob bei Grippe oder offenen Beinen. Denn ein Fall fürs Krankenhaus ist das nicht. Zwar betreibt die Caritas eine Krankenstube für Obdachlose. Aber die hat nur 14 Betten – viel zu wenig für die mindestens 1281 Menschen, die laut der jüngsten Zählung der Sozialbehörde auf der Straße leben. Pflegedienstleiter Klaus Scheiblich: „Wir sind immer überbelegt.

Die Situation heute:

Obdachlose, die ein Bett ergattert haben und gepflegt werden müssen, sind trotzdem nicht aus dem Schneider. „Die häusliche Krankenpflege ist an die Bedingung geknüpft, dass es einen Haushalt gibt“, erläutert AOK-Sprecherin Renate Hillig die aktuelle Gesetzeslage. Diese wird strikt ausgelegt: Selbst Kassen-Mitglieder, die lange in einem Nachtasyl wie dem Pik As oder in einem Hotelzimmer leben, aber keine eigene Küche haben, haben bei schweren Krankheiten keinen Anspruch auf häusliche Pflege – ein Umstand, den laut Hillig auch manch Senior in einem Altenheim zu spüren bekommt.

Auch Obdachlose, die nicht krankenversichert sind und für deren Behandlungskosten eigentlich das Sozialamt aufkommt, gehen nach dieser Definition leer aus: „Krankenhilfeleistungen sind laut Gesetz entsprechend den Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung zu entrichten“, sagt die Sprecherin der Sozialbehörde, Anika Wichert, und gesteht: „Da gibt es eine Lücke.“

Pflegen & wohnen (p&w), Betreiber der Übernachtungsstätte Pik As, führt derzeit Gespräche, um Pflegekosten in den Übernachtungsstätten erstattet zu bekommen. „Der Bedarf ist da“, so Sprecher Kay Ingwersen. „Es ist immer ein fürchterlicher Kampf um den Einzelfall“, ergänzt ein ehemaliger Sozialarbeiter.

Immerhin: Die Sozialbehörde unterstützt die Krankenstube für Obdachlose mit 280.000 Euro jährlich, 230.000 Euro beträgt schon heute der Eigenanteil der Caritas. Die Krankenkassen zahlen nichts, dabei waren laut Caritas allein im vergangenen Jahr 27 Prozent der Krankenstuben-Patienten bei der AOK versichert. Eine vom Hamburger Diakonischen Werk 2002 vorgelegte Studie belegt, dass sogar 60 Prozent der Wohnungslosen Mitglied einer Krankenkasse sind.

Die Zukunft:

Künftig wird alles noch schlimmer: Vom Jahr 2004 an brauchen auch diejenigen ein Bett, die sich bisher im Krankenhaus auskurieren konnten. Denn Krankenhäuser sind künftig gesetzlich verpflichtet, Behandlungen nicht mehr nach Krankenhaustagen, sondern nach so genannten Fallpauschalen (DRG) abzurechnen.

Das vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen überwachte System hat zum Ziel, Behandlungskosten bundesweit zu vereinheitlichen, Leistungen transparent zu machen und teure Liegezeiten im Krankenhaus zu verkürzen. Aus wirtschaftlicher Sicht und für das Gros der Patienten, die schneller nach Hause entlassen werden, um sich dort in vertrauter Umgebung auszukurieren, ist diese Regelung von Vorteil. „Für Obdachlose und alleinstehende Wohnungslose ist sie fatal“, so die Ärztin Dr. Frauke Ishorst-Witte, die in der Tagesaufenthaltsstätte Bundesstraße (TAS) eine Sprechstunde für Obdachlose anbietet. Sie müssen auf die Straße entlassen werden.

Eine soziale Indikation, die es Ärzten bisher erlaubt hat, auf Probleme eines Patienten einzugehen und ihn länger als aus medizinischer Sicht erforderlich im Krankenhaus zu behalten, ist künftig kaum mehr möglich. Aufwändige Gespräche und Zeitverluste, die durch wenig kooperative Patienten entstehen, können nicht abgerechnet werden. Obdachlose gelten aber als besonders schwierige – und somit künftig unwirtschaftliche Patienten.

Doch darf Wirtschaftlickeit auf Kosten der Patienten gehen? Für Lungenentzündung hat eine US-Studie vor und nach Einführung der Fallpauschalen ergeben, dass die Verweildauer im Krankenhaus tatsächlich um 35 Prozent zurückging, die Sterblichkeit dort um 15 Prozent sank und die Krankenhauskosten um 25 Prozent. Dafür aber stieg die Sterblichkeit außerhalb des Krankenhauses innerhalb der ersten 30 Tage um 35 Prozent.

„Es ist notwendig, das ambulante System jetzt schon auszuweiten“, so Dr. Ishorst-Witte – und auf finanziell sichere Beine zu stellen. Denn: „Wohnungslose haben so viele Probleme, da sind manche selbst mit der regelmäßigen Einnahme ihrer Medikamente überfordert.“ Die Ärztin plädiert für eine stärkere Vernetzung zwischen niedergelassenen und Krankenhausärzten und der Obdachlosenhilfe: „Ärzte sollten sich mit der Caritas-Krankenstube in Verbindung setzen und, wenn die kein Bett haben, zumindest die Mobile Hilfe oder die TAS informieren.“ Manch Rückfall oder Krankenhausaufenthalt, der wegen Verschleppung einer Krankheit nötig wird, könnte vermieden werden.

Schon heute liegt die Lebenserwartung Obdachloser bei nur 44,5 Jahren, so eine Studie des Instituts für Rechtsmedizin an der Hamburger Uniklinik. Das sind 30 Jahre weniger als der Bevölkerungsdurchschnitt in Deutschland.

So sollte es laufen:

– Mehr Krankenstuben-Betten für Obdachlose, wo geschultes Personal auch mit schwierigen Patienten umzugehen weiß.

– In Übernachtungsstätten muss häusliche Pflege möglich sein und finanziert werden.

– Krankenkassen und Sozialbehörde müssen auch bei Obdachlosen die Kosten für häusliche Pflege übernehmen.

– Stärkere Vernetzung zwischen niedergelassenen Medizinern, Krankenhausärzten und der Obdachlosenhilfe.

Annette Bitter

Dartreportage: Zu Gast bei Karl-Heinz

Eine ungewöhnliche Begegnung in der Alsterdorfer Straße

(aus Hinz&Kunzt 122/April 2003)

Hein Gas präsentiert die Dart-Reportage: Hamburg hat viele unbekannte Ecken. Mit Häusern voller Geschichte und Menschen mit besonderen Lebensläufen. Um sie zu finden, werfen die Reporter einen Dartpfeil auf den Stadtplan. Die Geschichten erzählen von viel menschlicher Wärme oder dem Mangel daran. Diesmal: die Alsterdorfer Straße.

Ich stehe im Regen – und will nicht mehr. Nichts ist los. In der Alsterdorfer Straße zwischen Sengelmannstraße und Hindenburgstraße wird nur gewohnt. Ein paar alte Patriziervillen stehen hier, mit grünen Parks drumherum. Sonst Reihenhäuser, wie überall in Hamburg. Mit Wäscheleinen und Satellitenschüsseln auf den Balkons. Keine Geschäfte, in denen sich die Hausfrauen zum Klönen treffen. Keine Kneipen, in denen die Männer Fußball gucken. Und es ist niemand auf der Straße. Manchmal sieht man einen Menschen die schützende Wohnung verlassen, dann heißt es rennen, bevor er sein Auto erreicht und wegfährt, zu spannenderen Orten. An vier Tagen bin ich immer wieder hingefahren. Doch mein Notizblock bleibt beunruhigend leer.

In der Redaktion klang die Idee gut. Ein Wurf mit dem Dartpfeil auf Hamburgs Stadtplan, und eine Geschichte über den getroffenen Ort finden. Einfach hin, ein bisschen plaudern und die vielen Schicksale und Anekdoten, die einem dort unzweifelhaft zufliegen, aufschreiben. Denn Geschichten gibt es überall – angeblich.

Meine Verzweiflung wächst, da sehe ich plötzlich zwei Spaziergänger. Sie geben ein seltsames Bild ab. Sie stellen sich als Karl-Heinz und Volker vor. Karl-Heinz sieht zerbrechlich aus neben seinem hochgewachsenen Begleiter. Langsam und vorsichtig sind die Bewegungen des kleinen Mannes mit dem dünnen weißen Haar. Als er lacht, durchziehen unzählige Falten sein Gesicht. Er ist alt geworden in Alsterdorf. 68 Jahre ist er, und das ist „uralt“. „Ich denke, Karl-Heinz ist der älteste Mensch mit Down-Syndrom in Europa“, sagt der Betreuer.

Vielleicht liegt es daran, dass sie Mitleid mit mir haben, weil es regnet. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich mittlerweile irgendwie glaubwürdig erklären kann, warum ich in der Alsterdorfer Straße stehe. Auf jeden Fall darf ich mitkommen und mir anschauen, wie und wo sie leben. Karl-Heinz wohnt in einer alten weißen Fachwerk-Villa. Sie steht in einem hügeligen Garten mit Tannen. Sie hat einen Fachwerkgiebel und auf der Freitreppe wächst Moos. Eine alte Pferdekutsche parkt in einem verrotteten Unterstand neben dem Haus. Vor einem Jahr ist er hergezogen. Das Haus, in dem er vorher wohnte, wurde abgerissen. Es stand auf dem Gelände der „Evangelischen Stiftung Alsterdorf“, die fast alle noch „Alsterdorfer Anstalten“ nennen. Doch die Anstalten verändern sich, deswegen musste Karl-Heinz’ Haus weichen. Auf dem Stiftungsgelände entsteht der „Alsterdorfer Markt“, mit Büros, Geschäften und Wohnhäusern. Er soll das neue Zentrum des Stadtteils werden.

In der Villa leben neun Menschen, aber die meisten sind gerade unterwegs, als ich komme. Das Leben spielt sich im Wohnzimmer ab. Es tobt nicht gerade, denn die Bewohner der Villa sind alle schon etwas älter. Der Fernseher läuft. Am Couchtisch sitzt Marion, vor ihr ein „Mensch ärgere dich nicht“-Spiel, die Figuren sind schon aufgestellt. Sie wartet nur noch auf einen Mitspieler, woraus wohl nichts wird, weil ich da bin, und man sich unterhalten muss. In einer Ecke sitzt Jonny und fragt mich immer wieder misstrauisch, ob ich seinetwegen da bin.

Gerahmte Fotos an den Wänden erzählen von gemeinsamen Ausflügen, Gartenfesten und ausgezogenen Bewohnern. Über die Jahre ist einiges zusammengekommen. Die Wohngruppe ist eine der ersten gewesen, die aus dem Gelände der Stiftung ausgegliedert wurde. „Jetzt wird wohl ganz Alsterdorf entvölkert“, befürchtet Betreuer Volker. Das ist Teil eines neuen Konzeptes, das die behinderten Menschen besser integrieren soll. „Community Care“ heißt es. Die behinderten Menschen sollen unter Nichtbehinderten wohnen und unter Leitung eines Betreuers auch in herkömmlichen Betrieben arbeiten. Klingt gut, aber Volker ist skeptisch. „Gut kompatible Leute kommen dann in die Wohngebiete“, sagt er, „die schweren Fälle werden dann wohl nach weit draußen verfrachtet.“

Vereinsamung droht auch in den Wohngebieten, wenn die Integration nicht funktioniert. Und das ist nicht unwahrscheinlich. In den 20 Jahren, in denen in der Villa geistig behinderte Menschen untergebracht sind, blieben die Kontakte mit den Nachbarn äußerst spärlich. „Wer will schon mit Behinderten zu tun haben?“ fragt Volker. Auf dem Stiftungsgelände war das anders. Dort gibt es eine eigene Infrastruktur, mit Läden, Werkstätten und Ärzten. Ein Ghetto, sagen die einen. Eine Stadt in der Stadt, die anderen.

Hier jedenfalls bleibt die kleine zusammengewürfelte Wohngruppe unter sich. Streitigkeiten, Reibereien und Unzufriedenheit mit den Mitbewohnern bleiben bei den unterschiedlichen Charakteren nicht aus. Karl-Heinz betont in so einem Moment, dass seine Haare nur deswegen grau sind, weil „ihn die Jungs immer ärgern“. „Auch hier hat sich niemand ausgesucht, mit wem er zusammenlebt“, stellt der Betreuer klar. Außer Marion, die einzige Frau in der Villa, sie ist mit einem anderen Bewohner liiert, sogar verlobt, schon ziemlich lange. Umständlich zieht sie den dünnen goldenen Ring von ihrem runden Finger. „Joachim“ steht drinnen, und „9.2.96“. Sieben Jahre – eigentlich Zeit für eine Heirat. Marion lacht, reibt Daumen und Zeigefinger aneinander: „Zu teuer!“ Später, als sie mir ihr Zimmer zeigt, lerne ich ihre zweite große Liebe kennen. Elvis, sein Bild hängt über ihrem Bett. Und ihr Hobby – eine umfangreiche Autogrammkartensammlung.

Volker und seine Kollegen verlassen die Villa jeden Abend. Von 20 bis neun Uhr sind die Bewohner allein. Am schwarzen Brett hängt die Telefonnummer des Betreuers, der Bereitschaftsdienst hat. Aber nur zwei der Bewohner sind in der Lage zu telefonieren. „Es ist immer ein Spagat: Einerseits will man größtmögliche Selbstständigkeit ermöglichen, andererseits Risiken vermeiden“, kommentiert Volker. Er ist froh, dass nur einer der Bewohner auf seinem Zimmer raucht. Bald soll die Betreuung in den Wohngruppen noch weiter reduziert werden. Dann kommen Betreuer nur noch zu festen Terminen vorbei, um konkrete Probleme mit den Bewohnern durchzusprechen.

Volker vermutet Kostengründe. Die geräumige Villa, die Betreuung – alles nicht umsonst zu haben. Deswegen muss die Wohngruppe demnächst auch in neue Häuser umziehen. Die Zimmer sind kleiner, und mehr Menschen können auf geringerer Fläche untergebracht werden. Dann wird eine der letzten Villen in der Alsterdorfer Straße abgerissen, Platz für ein modernes Wohnhaus geschaffen.

Auch Karl-Heinz zeigt mir sein Zimmer. Es ist im Erdgeschoss, der alte Mann würde die Treppen nicht mehr schaffen. „Das schönste Zimmer im ganzen Haus“, meint Volker anerkennend. Weiße Wände, eine hohe Decke und viel Platz. Der Blick aus dem Fenster geht auf die Gewächshäuser hinterm Haus, in denen Mitbewohner Klaus Zierpflanzen anbaut und auf dem Winterhuder Markt verkauft. Kein Lärm von der Straße dringt hierher. Ein Haufen Stofftiere auf dem Schrank, über dem Bett hängen Lebkuchenherzen. „Karl-Heinz ist der Beste“ steht mit weißem Zuckerguss verschnörkelt drauf geschrieben, daneben ein Kalender mit Katzenfotos.

Karl-Heinz setzt sich auf die bunte Bettdecke. Er hält kurz inne und erzählt dann von seiner Gartenlaube. So nennt er sein ehemaliges Domizil auf dem Anstaltsgelände. Viele Bäume wuchsen vor seinem Zimmer, das rundherum Fenster hatte. Er hatte das Gefühl, mitten im Wald zu sitzen. Das vermisst er. „Dabei ist es hier doch viel schöner!“, redet Volker auf den 68-Jährigen ein, „viel heller.“ Die alten Bäume vor dem Fenster im alten Haus schluckten alles Licht. Der alte Mann sagt nichts, lächelt nur etwas ratlos auf seinem Bett in dem hellen großen Zimmer.

Marc-André Rüssau

Ein ganz normaler Held

„Jesus von St. Pauli“: Streetworker Erich Esch

(aus Hinz&Kunzt 122/April 2003)

Um den Hals von Erich Esch baumelt ein langes Band. Daran, gut sichtbar, ist ein Kreuz befestigt. Der 59-Jährige trägt seine religiöse Überzeugung deutlich vor sich her. „Jesus von St. Pauli“ nennen die Leute den Streetworker deswegen, der im Schanzenviertel arbeitet und am Schanzenbahnhof auch einen Kiosk betreibt. Die Kunden bekommen dort alles – nur keinen Alkohol, überhaupt keine Drogen. Noch vor zehn Jahren hätte Esch wohl selbst am lautesten gelacht, hätte man ihm eine solche Zukunft vorausgesagt. Damals war er obdachlos und drogenabhängig. Und sein Leben schien keinen Pfifferling mehr wert. Aber er hat den Teufelskreis durchbrochen.

Abgeschrieben, auf verlorenem Posten, war Erich Esch schon als er auf die Welt kam. Sicher ist, dass er ausgesetzt wurde. Unsicher ist, wo und wann genau. Denn Erich Esch war ein Findelkind. Die Schwestern, die ihn fanden, schätzten „so Pi mal Daumen“, dass er drei Monate alt sein müsse. Das Amt legte sein Geburtsdatum auf den 28. Januar 1944 fest. Ausgesetzt wurde er – vermutlich – in Gardelegen in der ehemaligen DDR. Kompletter Fehlstart ins Leben.

Und so ging es weiter: Im Waisenhaus bei Moers wurde er oft geschlagen und mit neun Jahren von einem Erzieher vergewaltigt. „Und alles unter dem Mäntelchen des Christentums“, sagt Esch. Kurz darauf begann er, Alkohol zu trinken und Aceton zu schnüffeln. Manchmal, wenn er ganz traurig war, legte er sich nachts zu einem anderen Kind ins Bett, weinte und ließ sich trösten. Aber der arme Kerl musste seine Hilfe bitter büßen. „Am anderen Tag habe ich ihn garantiert verprügelt“, so der vermutlich 59-Jährige. „Ich konnte es nicht ertragen, schwach zu sein und Hilfe anzunehmen.“

Dabei habe er sich immer so nach Liebe und Zuneigung gesehnt. „Aber menschlicher Kontakt hat mir regelrecht Schmerzen bereitet“, sagt er. „Körperliche Schmerzen.“ Der Grund dafür war wahrscheinlich die Vergewaltigung. Der Erzieher missbrauchte ihn auch weiterhin. „Ich war ihm hörig. Er war der einzige, der sich um mich kümmerte.“ Kümmerte – das Wort klingt makaber. Denn der Mann schickte Erich auf den Kinderstrich. Sah zu, wie er immer mehr in einen Strudel der Abhängigkeit geriet: Alkohol, Drogen – Erich nahm alles, was er in die Finger bekam.

Mit 17 Jahren eine Verschnaufpause. Er schaffte es, sich von seinem Peiniger und Freund loszusagen, lebte ein paar Jahre bei Pflegeeltern in Moers und machte sich mit ihnen zusammen auf die Spurensuche. Vergeblich. Zwar fand er heraus, dass seine Mutter mit einem Herrn Heilmann verheiratet war, er jedoch wahrscheinlich aus dem Verhältnis mit einem Besatzungssoldaten stammte. Aber Kontakt zu seiner Mutter bekam er nicht. Bis heute nicht.

Immer tiefer driftete Erich in die Sucht und in die Kriminalität. Wenn er gut drauf war, hielt er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, wenn er schlecht drauf war, lebte er auf der Straße, schnorrte, soff und prügelte sich. Selbst als er einen Saufkumpanen so zurichtete, dass der an den Folgen starb, machte er weiter wie gehabt. Bis 1994. Da ging es ihm körperlich so schlecht, dass er zum Arzt ging. Die Diagnose war tödlich: Leberzirrhose im Endstadium und Magen- und Darmgeschwüre. „Ich mach mich weg“, beschloss er und versuchte, seinem Leben ein Ende zu bereiten. Aber er wurde gefunden und lag im Koma in einem Krankenhaus in Gütersloh. Die Ärzte hatten ihn aufgegeben.

„Dann geschah ein Wunder“, sagt Erich Esch. Er erwachte aus dem Koma – mit einem wahnsinnigen Schrei: „Lieber Gott, wenn es dich wirklich gibt, mach aus mir einen neuen Menschen.“ Aber Esch erwachte nicht nur: „Ich war auf einmal kerngesund.“ Keine Leberzirrhose, keine Geschwüre, nicht mal ein Leberschaden ist zurückgeblieben. Nichts, er war absolut gesund. „Es war ein Geschenk, eine Gnade“, sagt Erich Esch. „Ich war ein neuer Mensch.“ Kein Wunder, feixt er, schließlich sei er nur noch Haut und Knochen gewesen, selbst das Blut wurde ausgetauscht. „Es war alles neu an dem Kerl“, sagt er und deutet auf sich selbst. „Wie Schleudergang in der Waschmaschine“ kam ihm die Runderneuerung vor.

Nie wieder trank er einen Tropfen Alkohol. Von einem Tag auf den anderen änderte er sein Leben. Merkwürdig, alles ging auf einmal wie von selbst. „Ich bekam eine Wohnung und eine Arbeit.“ Drei Jahre lang arbeitete er in einer Arbeitslosenwerkstatt, brachte es dort sogar zum Projektleiter. „Aber irgendetwas fehlte“, sagt er. Den Glauben an Gott hatte er schon gefunden. „Der zog sich sowieso und trotz der Erfahrungen wie ein roter Faden durch mein Leben, er war nur noch nicht festgezurrt.“

Eines Tages hörte er vom Jesus Center in Hamburg. Ein christliches Zentrum in der Schanze, das Drogen- und Alkoholabhängigen hilft. Das faszinierte ihn. Nur zu Besuch wollte er mal wieder nach Hamburg fahren, wo er früher schon jahrelang gelebt hatte. Da saß er dann hinter der Roten Flora, unterhielt sich öfter mit einem drogenabhängigen Mädchen. Fast noch ein Kind war sie. Er brachte ihr Kaffee und hörte ihr zu. Plötzlich packte sie ihn an der Nase und drehte sie ihm um. Das war kein Spaß, das war die pure Verzweiflung. „Du willst mir also wirklich helfen?“, stieß sie ungläubig hervor. Ob er es vorgehabt hatte, weiß Erich Esch gar nicht mehr so genau. Auf jeden Fall wusste er auf einmal, was ihm gefehlt hatte und was er in Zukunft machen wollte: anderen, die in seiner Situation waren, helfen. Er fuhr nur noch einmal nach Gütersloh zurück – um seine Sachen zu packen.

Seit 1999 arbeitet er im Jesus Center, betreibt ausgerechnet den Kiosk am Schanzenbahnhof, an dem er früher selbst gesoffen hat. Allerdings verkauft er heute keinen Alkohol mehr. Buletten, Würstchen, Getränke gibts zu günstigen Preisen – und vor allem hört er all den Junkies und Alkis am Platz zu.

Eines Tages traf er einen jungen Mann wieder, den er sofort wiedererkannte: Der alte drogen- und alkoholabhängige Esch hatte ihn als Kind zum Trinken verführt. „Er musste mir am Kiosk Bier holen, dafür durfte er mittrinken.“ Der „neue“ Esch ging zu ihm hin und bat um Vergebung. Der junge Mann hatte ihn auch sofort wiedererkannt. „Er schaute mich nur mit großen Augen an – und weinte.“ Weinte, weil er in seinem Leben schon viel auf den Kopf bekommen hatte, aber niemand war bislang auf die Idee gekommen, sich dafür bei ihm zu entschuldigen.

Solche Begegnungen gehen Erich Esch unter die Haut. Auch wenn ihm ein Junkie oder Alki zitternd die Hand auf seinen Arm legt und sagt: „Danke!“ Egal wofür, für ein Gespräch, für eine Suppe oder nur für eine Tasse Kaffee. „Das konnte ich früher nicht, mich bedanken, ich war da wie verstockt.“

Die Junkies und Trinker der Umgebung lieben ihn oder schätzen ihn zumindest. Auch wenn sie selbst nicht gläubig sind. Auf jeden Fall, weil man sich auf sein Wort verlassen kann, weil er ihre Sprache spricht und auch nicht erwartet, dass andere das gleiche glauben wie er. Obwohl: Wenn er predigt, „dann bekommen die Jungs biblisch schon was auf den Sack“, sagt er. Und bei Totenfeiern am Kiosk lässt er auch gerne mal „Großer Gott wir loben dich“ singen. Das hört sich unglaubwürdig an? Esch lacht. „Von wegen! Die singen alle mit – ich wette, das wird noch zum Schanzenschlager.“

Birgit Müller

Geborene Wilde

Sau rauslassen im Lehmitz auf der Reeperbahn

(aus Hinz&Kunzt 122/April 2003)

Gleich werden sie wieder dort oben auf dem Tresen stehen, die Gitarren in den Händen und unten das Publikum direkt vor den Füßen. Partytime im Lehmitz auf der Reeperbahn, auch diese Nacht spielt nachher die Band so, als wäre sie live im Fernsehen. Noch gehört der Tresen nur dem Publikum und all den vielen Bierflaschen. Doch bald springen dort die Musiker umher und versuchen, dabei nicht auszurutschen in glitschigen Pfützen. Mit Cowboystiefeln, sagt Otto aus der Band, darfst du nie dort hochsteigen. Und immer schön im Auge behalten, wo gerade erschöpfte Häupter schlafen.

Dem Burschen, der hier vorne auf einem Barhocker hängt, ist längst der Kopf durch die Hände und bis auf den Tresen gerutscht. Auch sein Schal klebt in einer Lache verschütteter Reste von Bier und Tequila. Morgen ist großer Fußball im Viertel. Aber heute, hofft Rudi, der Mann neben dem Kopf im Bier, „woll’n wa nur lustig sein“. Auch er trägt schreiendes Rot über dem Pullover, ein Trikot seines Berliner Lieblingsvereins. Und bestimmt ganz doll puppenlustig kommt ihm inzwischen der Abend vor, so angestrengt wie er jetzt versucht, mit den Augen bloß noch etwas Halt zu finden irgendwo an der gegenüberliegenden Wand.

Dann rutscht auch Rudi vom Hocker; und nachdem er seinen Körper wieder gerichtet hat, belohnt er sich erst mal mit neuem Bier. „ßvei Wlaschen“, befiehlt Rudi der Bedienung, die sogleich versteht, und dann beschließt er mit starrem Blick auf den willenlos betäubten Kopf links: „Schaff ich ooch alleene.“ Auf der Reeperbahn, nachts um halb elf im Lehmitz. Alle sind sie wieder erschienen an diesem Samstag, die Trinker und die Träumer, erlebnishungrige Pistengänger aus den Szenevierteln ebenso wie vereinsamte Herzen aus entfernteren Vororten. Junge und ältere Menschen, manche aus gutem Hause und andere, die schon länger ohne wirkliche Heimat sind. Und jedes zweite Wochenende auch die auswärtigen Fußballfans. Die schon mit Schals und Shirts verkleidet angereist kommen aus Berlin, Frankfurt oder Braunschweig.

Es ist wieder einmal überfüllt im engen Raum; nur wer frühzeitig erscheint, hat vielleicht Aussicht auf einen der Barhocker. Deren Sockel stecken starr verankert im Betonboden, und auch beim Spiel mit dem Tischfußballgerät gleich an der Eingangstür verhindern Gitterstäbe vor dem Münzeinwurf Manipulationen. Der Kicker ist mit einer dicken Glasplatte versiegelt, was sich immer wieder als ganz praktisch erweist. Verschüttete Biere können so niemals das Spielfeld verkleben. Sie fließen lediglich seitwärts ab, nur ab und zu auf Hosen oder Schuhe.

Der Laden ist wie ein Handtuch geschnitten, keine hundert Quadratmeter groß. Längs durch den Raum windet sich ein wuchtiger Tresen in Form zweier Hufeisen. Dazwischen ein paar schmale Korridore mit Platz für das Publikum. Bier wird in Flaschen ausgeschenkt, und die Bedienung kommt manchmal kaum nach mit der Beseitigung des Leerguts.

„Tequila!“, singt Offel, ein Wort Text nur in diesem Song der „Champs“ aus den fünfziger Jahren, einer schnellen und rockigen Instrumentalnummer. Offel ist Sänger und Gitarrist der Hausband im Lehmitz, und das Stück ist heute der Opener, ein klassischer Warmmacher zu Beginn ihres Auftritts. Genau genommen eröffnet die Hausband jede Samstagnacht mit „Tequila“, so wie sie das auch später an den Abenden bei jedem weiteren Set macht. Ein Gläschen Tequila wird dann jedem aus der Band gereicht, auch gemeint als Trinkanregung für das Publikum.

Der Berliner Fan mit dem Schal um den Hals hat diese Aufforderung nicht mehr nötig. Schwerfällig versucht er, ganz langsam den Kopf zu heben. Und sinkt doch gleich wieder kraftlos zurück zu seinen leeren Flaschen. Rudi sitzt kerzengerade schwankend und sucht Blickkontakt mit der Wand.

Oben auf der Tresenbühne covern sich derweil Otto und Offel, die zwei Gitarristen, durch die Geschichte der Rockmusik, von Hendrix zu den Doors, über die Chilli Peppers zurück zu Chuck Berry. Davor ergibt sich das Publikum trinkend und rauchend, lärmend oder schlafend der Nacht. Draußen könnte es tote Vögel regnen – vermutlich bliebe das Leben im Lehmitz davon gänzlich unberührt.

Jan sitzt am Schlagzeug, aufgebaut auf einem winzigen Fleckchen Raum direkt beim Abgang zum Klo. „The Devil“ nennen sie ihn, weil er die Trommeln so schnell schlägt wie jemand aus einer anderen Welt. Er ist der jüngste im Quartett, 25 Jahre alt, und er trommelt immer dann, wenn Jörg, Lehmitz-Besitzer und ebenfalls Schlagzeuger, pausiert. Er ist glücklich, dass bisher noch niemand die Idee hatte, auch ihn inmitten seiner Trommeln über dem Tresen zu platzieren. „Bei meinem ersten Auftritt“, sagt Jan, „da hab ich gedacht: Wer ist hier nicht durchgeknallt? Und was ist normal?“

Die musikalische Magie des „Roadhouse Blues“ von den „Doors“ zieht an diesem Abend eine junge Frau hinauf auf den Tresen. Da tanzt und rappt sie jetzt ganz ohne Scheu. Neben sich die zwei Jungs mit den Gitarren, dort unten die anderen, ihr Publikum. „Ich wollte, dass mich alle mal sehen“, sagt sie später, „alle haben plötzlich zu mir nach oben geschaut. Das war ein schönes Gefühl.“ Wenn nicht Samstagnacht, wann sonst schon kann der Mensch auch mal ein wenig seine Moral vergessen? Am Montag wird sie wieder die unauffällige Studentin sein, und ihr blonder Freund gesteht ganz schnell, doch immer noch irritiert: „Klar, ich fand das schon ganz gut. Aber eifersüchtig war ich auch.“

Und die Musiker? Wie spielt es sich dort oben auf dem Tresen vor 70, manchmal mehr als 100 Leuten, von denen nur ein Teil wegen der Band gekommen ist? „Oft kriegen wir sie zu fassen mit unserer Musik“, sagt Offel, der 34-jährige Sänger. Und Otto, der kahl geschorene 44 Jahre alte Gitarrist, fügt hinzu: „Bei einigen tut es schon weh, zu sehen, wie fertig sie sind. Die haben ein Scheiß-Leben hinter sich und meist auch noch vor sich. Aber Anerkennung kriegen wir irgendwann von jedem.“

So wie jetzt von dem jungen Mann mit dem langen, schwarzen Haar. Den ganzen Abend hat er vorne am Tresen gesessen, inmitten all der anderen und dabei doch nur für sich. Ein wenig bierschwer fällt ihm nun das Gehen, nachdem er aufsteht, das ist nicht zu übersehen. Doch dann ergreift er vor der Bühne das Mikrofon und singt mit Werner, dem Bassisten, erstaunlich stimmsicher „Born to be wild“. „Mir gefällt, wie die Band sich und die Musik präsentiert“, sagt er später, „zum Quatschen könnte ich auch zu McDonalds gehen.“

„Man muss sich arrangieren können, wenn man so eng zu dem Publikum steht“, sagt Otto irgendwann, „man schwitzt den Leuten ja direkt in die Bierflasche.“ Früher hat er schon auf den ganz großen Bühnen gestanden, unter anderem mit seiner eigenen Gruppe „Ottodox und die Reformierten“ oder auch bei „Charly Schreckschuss“ in der Bluesband. Sie alle sind professionelle Musiker, basteln gerade an neuen Gruppen oder helfen aus in befreundeten Kapellen. „Die Arbeit hier hilft uns, künstlerische Routine zu bewahren“, sagt der 39-jährige Werner, der früher mit seinem Bass bei „Cats“ im Orchestergraben gegenüber auf der anderen Straßenseite anzutreffen war.

Trotz anderer Träume kommen die Musiker gerne jede Samstagnacht ins kleine verräucherte Lehmitz. Der da vorhin mitgesungen hat, sagt Otto, der hat Spaß gemacht. „Aber ob wir nun dort stehen und Musik machen oder nicht“, fügt Otto nach einer Weile hinzu, „wer im Leben einfach nur noch röcheln kann, der wird das sicher auch ohne uns tun.“

Peter Brandhorst