Nr.3: Sozialticket muss bleiben!

Zehn Jahre Hinz&Kunzt – zehn Geburtstags-Forderungen

(aus Hinz&Kunzt 124/Juni 2003)

Darum geht es:

Die Sozialbehörde will rund 3,3 Millionen Euro sparen und Ende des Jahres das Sozialticket abschaffen. Bislang nutzen rund 20.000 Sozialhilfeempfänger und Arbeitslose in Hamburg die Monatsfahrkarte, für die sie monatlich 15,50 Euro bezahlen; die Sozialbehörde zahlt 13,25 pro Karte Verlustausgleich an den HVV. Nutzbar ist das Ticket in ganz Hamburg, allerdings außerhalb der Hauptverkehrszeiten.

Die Begründung:

Das Sozialticket muss unbedingt erhalten bleiben, denn es hat sich bewährt. Wir befürchten, dass die Zahl der Schwarzfahrer sich wieder erhöhen wird, weil sich viele eine CC-Karte für 27 Euro (22 Euro im Abo) nicht leisten können. Schließlich machen dann die Fahrkosten 9,2 bzw. 7,5 Prozent der Sozialhilfe aus (voller Satz: 293 Euro). Wer kein Konto hat, kann die CC-Karte auch nicht abonnieren. Und die CC-Karte gilt sowieso nur in drei Zonen.

Der Hintergrund:

Die Sozialbehörde will mit der Abschaffung des Sozialtickets rund 3,57 Millionen Euro sparen. Ein kleines Minus kalkuliert sie für den erhöhten Verwaltungsaufwand ein: rund 300.000 Euro. Der Hilfeempfänger muss nämlich für jede Fahrt einen Antrag stellen: weil er zum Arzt muss oder sich bei einem potentiellen Arbeitgeber bewirbt. Ein ziemlich aufwändiges Verfahren. Die Kritiker glauben deshalb nicht, dass die Behörde mit einkalkulierten Summen hinkommt. „Unterm Strich wird kein Cent gespart“, so Dorothee Freudenberg, die sozialpolitische Sprecherin der GAL.

„Es ist doch völliger Blödsinn, die Mitarbeiter jetzt Anträge auf einzelne U-Bahn-Karten bearbeiten zu lassen“, kritisiert auch Petra Brinkmann, sozialpolitische Sprecherin der SPD. „Das widerspricht dem von der CDU forcierten Ziel, möglichst viele Leistungen der Sozialhilfe pauschal zu bezahlen.“

Ein weiterer Punkt, warum Rot-Grün das Ticket 1998 beschloss, übrigens auf Anregung von Hinz & Kunzt und anderen sozialen Einrichtungen: die Zahl der notorischen Schwarzfahrer, die nur deshalb im Knast saßen (und somit wieder das Stadtsäckel belasteten), weil sie ihre Geldstrafe nicht bezahlen konnten (siehe S.4/5). Laut Sozialbehörde hat sich die Einführung des Sozialtickets auf die Gesamtzahl der Schwarzfahrer nicht signifikant ausgewirkt. Aber es gibt überhaupt keine Statistik darüber, wie viel Prozent der früheren und heutigen Schwarzfahrer Sozialhilfeempfänger waren. Die Erfahrungen von Hinz & Kunzt: „Seit der Einführung des Tickets habe ich kaum neue Fälle von Schwarzfahrerei bearbeiten müssen“, sagt Anwältin Maria Peter, die Hinz & Künztler vertritt. „Jetzt befürchte ich, dass das Ganze wieder von vorne losgeht.“

Ein anderer Grund, warum Rot-Grün das Sozialticket befürwortet – damals wie heute: „Wer wieder Arbeit sucht, muss mobil sein“, sagt die Sozialdemokratin Petra Brinkmann. Dass die Hilfeempfänger für jede Fahrkarte einzeln zum Sozialamt gehen und dort einen Antrag stellen müssen, findet sie nicht nur bürokratisch, sondern auch für die Betroffenen nicht praktikabel. „Vielleicht baut die Senatorin darauf, dass Sozialhilfeempfänger gar nicht erst Anträge auf Einzelfahrten stellen“, so die sozialpolitische Sprecherin. „Das wäre unredlich.“

Außer sparen bezweckt die Sozialbehörde auch noch, „die Besserstellung von Menschen im Sozialhilfebezug gegenüber Menschen mit geringerem Einkommen“ zu beenden. Allerdings gibt es da einen kleinen Denkfehler. Jeder Arbeitnehmer kann seine Monatsfahrkarte bei der Steuererklärung geltend machen.

So müsste es laufen:

Wir fordern, dass die Sozialbehörde das Sozialticket weiter subventioniert. Aber wir fordern auch den HVV auf, der Behörde ein besseres Angebot zu machen. Schließlich dürfte die Sozialbehörde bei derzeit 20.000 Nutzern einer der größten Kunden sein.

Birgit Müller

Schwitzen statt sitzen

Wie man auf einen Schlag Geld sparen und Straftäter resozialisieren kann

(aus Hinz&Kunzt 124/Juni 2003)

In der Tagespflege Poppenbüttel ist alles tipptopp in Schuss. Dafür sorgt Hausmeister Aarao Teixeira. „Der Mann sieht die Arbeit, dem muss man sie nicht hinterhertragen“, sagt sein Chef, Ekkehard Janas, über den Portugiesen. Als Janas merkte, dass der 45-Jährige „goldene Hände hat“, stellte er ihn vom Fleck weg ein. Ein Glücksfall für beide, aber vor allem für Teixeira. Der hatte bis dahin in der Poppenbütteler Einrichtung für Demente gemeinnützige Arbeit geleistet, weil er eine Geldstrafe nicht bezahlen konnte.

„Ich war gerade am Tiefpunkt meines Lebens angekommen und wusste nicht mehr, wie es weitergehen sollte“, sagt er über die Zeit, „die glücklicherweise hinter mir liegt“. Teixeira gehört zu den Menschen, die im vergangenen Jahr kleinere Delikte begingen wie Ladendiebstahl oder Schwarzfahren. Solche Straftäter werden meist nicht zu einer Haftstrafe verdonnert, sondern sollen bezahlen. Und das ist im Prinzip auch gut so. Aber viele Täter haben das Geld nicht – und landen dann doch im Knast. Das bringt kein Geld ins Stadtsäckel, sondern kostet obendrein: mindestens 90 Euro pro Tag. Ganz zu schweigen davon, dass die Gefängnisse sowieso überfüllt sind.

Wesentlich sinnvoller ist es deshalb, dass die Täter schwitzen statt sitzen. Und das tun sie seit Jahren und immer häufiger. Im Jahr 2001 arbeiteten Straftäter 20.540 Hafttage ab, im Jahr 2002 sogar 22.340. So wanderten 820 Menschen, die ihre Geldstrafe nicht bezahlen konnten, nicht in den (teuren) Knast, sondern leisteten gemeinnützige Arbeit. „Dadurch hat Hamburg zwei Millionen Euro eingespart“, sagt Justizsenator Roger Kusch (CDU). Gleichzeitig biete diese Sanktion die Möglichkeit, „sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren.“

Genau das hat Aarao Teixeira geschafft. Der 45 Jahre alte gelernte Präparator hatte vergangenes Jahr eine regelrechte Pechsträhne. Alles fing damit an, dass er seinen alten Betrieb verkaufen und zusammen mit seiner Familie ein Café eröffnen wollte. Doch der Käufer zahlte nicht, und Teixeira hatte nicht das Geld, um das Café zu bezahlen oder gar zu eröffnen. Der Traum vom Familienbetrieb platzte wenige Wochen später sowieso: Seine Frau trennte sich von ihm.

„Mir wuchs alles über den Kopf“, sagt Aarao Teixeira. „Fast hätte ich alles hingeschmissen.“ Seine Briefe aufzumachen, das traute sichTeixera schon lange nicht mehr. „Ich hatte immer Angst, das da nur neue Rechnungen drin sind, die ich nicht bezahlen kann.“ Aber es kam noch dicker: Aarao Teixeira fuhr bei Rot über eine Ampel – und da er seine Post nicht mehr öffnete, bemerkte er erst spät, zu spät, dass er eine Geldstrafe bezahlen sollte. Weil er wochenlang nicht reagierte, wurde er per Haftbefehl gesucht. Sein Schwager überzeugte ihn davon, dass er nicht weiter vor der Situation davonlaufen dürfe. „Also ging ich mit einem Köfferchen zur Polizei und stellte mich.“
Und dann fuhr er noch bei Rot über eine Ampel

Teixeira hatte Glück im Unglück. Er bekam noch eine Chance: Statt ihn in den Knast zu schicken, erzählte der Staatsanwalt ihm von der Möglichkeit, gemeinnützige Arbeit zu leisten. Richtig glücklich war der gebürtige Portugiese, dass er sogar unter mehreren Einrichtungen wählen konnte. Er entschied sich für die Tagespflege Poppenbüttel. „Ich hatte das Gefühl, dass die mich brauchen können“, sagte Teixeira. Inzwischen fühlt er sich dort so wohl, „dass ich am liebsten von hier aus in Rente gehen würde“.

Übrigens ist das in der Tagespflege Poppenbüttel schon der zweite Fall, in dem gemeinnützige Arbeit statt Knast in eine Festanstellung mündete. Und das, obwohl Tagespflege-Leiter Janas keinen Schmusekurs fährt: „Wer nicht mitarbeitet oder nicht reinpasst, ist auch schnell wieder draußen.“

So ein Happy End wie bei Teixeira ist natürlich selten. Aber auch die kleinen Erfolge sind es wert, lieber zu schwitzen als zu sitzen. „Viele Langzeitarbeitslose kommen völlig geduckt hier an“, sagt Halka Voss, in der Justizbehörde mit zuständig für die Vermittlung von gemeinnütziger Arbeit, „und wenn sie wieder gehen, sind sie zehn Zentimeter größer, weil sie etwas erreicht haben.“ Die gemeinnützige Arbeit habe für einige „regelrecht eine therapeutische Wirkung“.

Keine Frage: Die Hamburger Zahlen sind gut, aber es könnte noch besser sein. Denn bisher werden die zahlungsunwilligen oder -unfähigen Täter erst angeschrieben, wenn ihre Zahlung nicht erfolgt ist. Angeschrieben, wohlgemerkt. Hätte der Staatsanwalt Aarao Teixeira nicht von der gemeinnützigen Arbeit erzählt, wäre er nie in der Tagespflege, sondern doch hinter Gittern gelandet. Und so ergeht es einer ganzen Reihe von Menschen. Denn die meisten Nicht-Zahler haben oft massive Probleme, ihr Leben auf die Reihe zu bekommen – und dazu gehört oft, dass sie aus Angst ihre Post gar nicht lesen.

Gesetz zur gemeinnützigen Arbeit lässt auf sich warten.

Die ehemalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin SPD) brachte unter anderem deshalb einen Gesetzesentwurf auf den Weg, um gemeinnützige Arbeit alternativ zur Geldstrafe als eigenständige Sanktion zu verhängen. Ob rechts oder links – die meisten Justizminister unterstützten sie darin. Dass man von dem Entwurf momentan wenig hört, liegt daran, dass er in der vergangenen Legislaturperiode nicht über die erste Lesung im Bundesrat hinauskam. Aus formalen Gründen muss das Gesetz jetzt neu eingebracht werden.

So bleibt es bislang dabei, dass der Richter bei der Verurteilung den Delinquenten auf die Möglichkeit zur gemeinnützigen Arbeit nur hinweist. Nur wirklich fitte Leute schaffen es, sich in der Justizbehörde direkt bei der Abteilung Soziale Dienste zu melden, die die gemeinnützige Arbeit vermittelt.

Vielleicht wissen noch zu wenige, dass sie dort nicht nur Strafe, sondern auch Hilfe erwartet. Denn die Sozialarbeiterinnen versuchen zumindest, in Notfällen an soziale Einrichtungen und Beratungsstellen weiterzuvermitteln. Und was die gemeinnützige Arbeit anbelangt, haben die Mitarbeiterinnen einen großen Ehrgeiz: „Wir achten darauf, dass jeder dahin kommt, wo er seinen Fähigkeiten und Interessen gemäß am meisten gebraucht wird“, sagt Sozialarbeiterin Halka Voss.

Das müsste eigentlich auch klappen. Immerhin kann man in Hamburg in 400 sozialen, kirchlichen oder staatlichen Einrichtungen mitarbeiten. Und vielleicht geht es dem einen oder anderen ja so wie Aarao Teixeira: „Meine Probleme sind natürlich noch nicht alle gelöst“, sagt der Hausmeister. „Aber ich habe wieder Halt und Zuversicht gewonnen. Ich werde es jetzt schon schaffen.“

Birgit Müller

Solo für zwei

Die Zwillinge Otto und Jirí Bubenícek tanzen bei John Neumeier

(aus Hinz&Kunzt 124/Juni 2003)

Da weiß man doch sofort, welcher der Zwillingsbrüder Bubenícek welcher ist: Der da im blauen T-Shirt, der da so ruhig und manierlich mit seinen Tänzerkollegen am Kantinentisch sitzt und parliert, muss Otto sein, Erster Solist am Hamburg Ballett, Entdeckung von John Neumeier. Und der da, der gerade reinkommt, sich schwungvoll hinsetzt und gleich den ganzen Tisch zum Lachen bringt, ist natürlich sein Zwillingsbruder Jirí, ebenfalls Erster Solist am Hamburg Ballett und natürlich auch eine Entdeckung von John Neumeier. Denn Otto, so weiß der Experte, ist der Zurückhaltendere von beiden, der oft die melancholischeren oder tieferen Rollen bekommt, Jirí der Quirligere, der jetzt auch eigene Choreografie-Projekte hat.

Pustekuchen, natürlich ist es genau umgekehrt. Aber später beim Gespräch in der Bibliothek des Ballettzentrums rückt alles wieder an seinen Platz. Jirí, der gerade eine Miniskusoperation hinter sich hat, trommelt mit den Fingern auf die Tischplatte, antwortet schnell und man spürt, da will einer ganz schnell wieder auf die Bühne. Otto dagegen sinniert den Bruchteil einer Sekunde länger – und kommt deswegen oft nicht ganz so schnell zu Wort.

Zehn Jahre sind die 28-jährigen eineiigen Zwillinge jetzt bei John Neumeier in Hamburg. Der Ballettchef hatte die Brüder einige Zeit zuvor bei einem Wettbewerb in Lausanne entdeckt. Neumeier saß mit in der Jury, die beiden gewannen den ersten Preis, und Neumeier bot ihnen an, in seine Ballettschule nach Hamburg zu kommen. Aber die beiden zeigten gutes Selbstbewusstsein. „Wir gingen in Prag schon auf eine gute Schule“, sagt Jirí. „Die wollten wir zu Ende machen.“

Nach dem Konservatorium, beide waren inzwischen 18 Jahre alt, fragten sie nochmal bei Neumeier an und wurden ins Ensemble aufgenommen. Wieder mal ein Abschied. Das kannten die Gebrüder Bubenícek schon seit ihrer Kindheit. Otto fiel er immer besonders schwer.

Die beiden Brüder stammen aus einer tschechischen Zirkusfamilie. Bis sie acht Jahre alt waren, fuhren sie mit ihren Eltern, Akrobaten, mit den anderen Artisten und Tieren durch die Lande. Unterrichtet wurden sie mit acht anderen Kindern in einer Art Zwergenschule. „In der ersten Reihe saßen die Erstklässler, in der zweiten die Zweitklässler, in der dritten die Drittklässler“, zählt Jirí auf. Und so weiter. Für die Geschwister gabs allerdings kein Undsoweiter, sondern ihren ersten großen Abschied. Sie sollten auf eine richtige Schule gehen – und tanzen lernen. „Darauf legte unser Vater großen Wert“, sagt Jirí. Ballett galt zumindest in ihrer Familie nicht etwa als affektiert und als nur etwas für Mädchen. „Unser Vater war der Meinung, dass man so am besten eine elegante Haltung und Körperbeherrschung lernt.“

Richtig Lust dazu hatten die Jungs zuerst trotzdem nicht, denn sie mussten ihr Zirkusleben aufgeben und nach Prag zu ihrer Großmutter übersiedeln. „Das war zwar toll“, sagt Otto, aber er erinnert sich immer noch daran, dass die Eltern mal fünf Monate lang auf Tournee in Japan waren. „Ich hab sie schon sehr vermisst.“

Trotzdem: Das Tanzen wurde zur großen Leidenschaft. Prag zu verlassen und weg in die große Welt zu gehen, „war immer unser Traum“, sagt Jirí heute. Unbekümmert sagt er das. Auch den Umzug in den Westen hat er gut gewuppt. „Ich habe gerade anfangs meine Freunde sehr vermisst“, sagt Otto. „Und auch, dass ich nicht mehr in meiner Sprache sprechen konnte.“

Nicht nur in dieser Zeit waren sich die beiden eine große Stütze. Schließlich verbringen sie den ganzen Tag in der Ballettschule zusammen. Getrennt waren die Brüder höchstens mal für einen Monat. In den Ferien. Und selbst da reißt die innere Verbindung nicht ab: Vor ein paar Jahren waren sie beide – wieder mal – getrennt im Urlaub. Otto in Monte Carlo und Jirí in Florida. „Wir riefen gleichzeitig bei unserer Mutter an, der eine auf der einen Leitung, der andere auf der anderen, um sie zu fragen, wie es dem jeweils anderen geht.“ 

Wohnen tun die beiden allerdings nicht zusammen. Otto lebt in der Nähe der Schule in Hamm, Jirí in Winterhude. Und worauf alle Geschwister neidisch sein können: „So etwas wie Eifersucht gibt es zwischen uns nicht“, sagt Jirí, und sein Bruder nickt. Nicht mal in puncto Frauen. „Wir haben einen unterschiedlichen Geschmack“, sagt Otto. „Jirí hat immer ruhigere Freundinnen, ich eher verrückte.“ Davon hat Otto allerdings gerade genug. „Ich bin momentan Single.“ Natürlich streiten sich die beiden auch mal, „allerdings nur über die Arbeit.

Wir sind schließlich zwei ganz unterschiedliche Persönlichkeiten.“ Und selbst eine Trennung können sich die beiden vorstellen. „Wenn wir beide Frauen haben“, sagt Otto. „Es ist schließlich leichter, nur für zwei Menschen zu entscheiden als für vier.“ Jirí hofft, dass das bald der Fall sein wird. Er wünscht sich eine Familie. Und: „Ich bin auch bereit, mein eigenes Leben zu leben. Und ich glaube jetzt schon manchmal, dass wir ein zu enges Verhältnis haben.“

Auf der Bühne allerdings kann es beiden nicht eng genug sein. „Ich will nicht besser sein als Otto“, sagt Jirí über gemeinsame Auftritte. „Aber ich will ihm ganz nah sein, nur mit ihm kann ich eine richtige Harmonie herstellen“, sagt er. „Deswegen können wir hervorragend synchron tanzen.“ Besonders macht sich das beim Pas de Deux bemerkbar. „Das ist schon sehr speziell“, sagt Jirí. Nicht zuletzt deshalb, weil diese Schrittfolge für Zwei normalerweise ein Mann und eine Frau tanzen.

Vorerst allerdings freuen sich die Brüder auf ihren Wiedereinstieg ins aktive Tanzen. Denn nicht nur Jirí war krank, sondern, wie es sich für einen Zwilling gehört, auch Otto. Wenn er auch etwas völlig anderes hatte: eine Entzündung am Fuß. In „Peer Gynt“ wird Otto den Eros tanzen und sein Bruder die Aggression. „Eine Pause, wie wir sie jetzt hatten, ist manchmal ganz wertvoll“, sagt Jirí. „Denn wer tanzt, lebt manchmal zu wenig – und ist erschöpft.“

Dazu braucht man unbedingt ein Privatleben. Dabei ist es ganz nützlich, dass die beiden auf der Straße nicht unbedingt erkannt werden. Nicht so wie eine von Ottos Freundinnen: eine gewisse Juliette, Ex-Superstar, die früher übrigens auch mal im Ballettzentrum tanzte. „Die muss jetzt ständig Autogramme geben“, sagt Otto. „Wer ein Privatleben hat, bekommt wieder neue Impulse“, sagt Otto und folgt Jirí in den Übungsraum. „Und wer erfüllt ist, dem merkt man das auch auf der Bühne an.“

Birgit Müller

Das Fest im Meer

Der Komponist Jörn Arnecke zur Uraufführung seiner ersten Oper – und über den Klang der Wirklichkeit

(aus Hinz&Kunzt 124/Juni 2003)

Plötzlich, ein magischer Moment. Mitten in diesem vollkommen unglamourösen Probenraum, wo Kreidelinien noch nicht mal ahnen lassen, wie später das Bühnenbild aussehen wird, wo das Licht hart ist und die Luft verbraucht, wo es natürlich noch kein Orchester gibt und das ganze „Fest im Meer“ noch als ein ziemlich loses Gebilde erscheint aus Texten und Tönen. Trotzdem: Als die beiden Mezzosoprane ein Duett anstimmen, als dann der Rest des Ensembles einfällt – da ereignet sich das Wunder Oper. Im Gesang erzählen die Stimmen etwas von unserem Leben, das in Worten allein nicht zu fassen ist.

In der Ecke, hinter der Pianistin, dem Dirigenten und dem Regisseur, sitzt still lächelnd derjenige, der maßgeblichen Anteil hat an diesem Wunder: Jörn Arnecke, 29, Komponist. Er widerspricht so ziemlich jedem Wunderkind- oder Wirrkopf-Klischee, das man über diesen Beruf haben kann. Schmal, blond, freundlich, unprätentiös wie seine verwaschenen Jeans. Einer, der mit dem Fahrrad fährt, gerne mit seiner Freundin ins Kino geht, interessiert Zeitung liest und über Politik diskutiert.

So wie andere in diesem Alter eben, nur dass Jörn Arnecke als Zehnjähriger begann zu komponieren: „Weil meine große Schwester Klavier spielte, wollte ich das auch lernen, und dabei habe ich dann auf meinem Keyboard angefangen so rumzuprobieren, was schön klingt.“ Er erzählt das, wie andere von ihrer Modellbauleidenschaft sprechen, und offenbar war es auch so – spielerisch und frei. „Da gab es keinerlei Erwartungsdruck, meine Eltern haben mir einfach einen geschützten Raum geboten, für den ich ihnen heute noch dankbar bin.“ So wie andere Kinder sich ihre eigene kleine Fußball- oder Eisenbahnwelt aufbauen, war es bei ihm die Musik – und in dem Maße, wie er sich im Leben entwickelte, habe es auch seine Musik getan. „Sie hat mich als Person bestärkt und auch von bestimmten Hemmungen befreit.“

Konsequent freiwillig bekam er zuerst Unterricht beim Kirchenkantor seiner Heimatstadt Hameln, nach dem Zivieldienst studierte er an der Hamburger Musikhochschule Komposition und Musiktheorie, später war er Stipendiat am Pariser Conservatoire National Supérieur. Er gewann mehrere bedeutende Nachwuchs-Preise, unter anderem bei der Komponisten-Werkstatt der Hamburgischen Staatsoper, die ihm anschließend den Auftrag erteilte, eine Oper zu komponieren.

Am Anfang stand eine Romanvorlage, ausgewählt von dem jungen Regisseur Christoph von Bernuth, mit dem der Komponist schon früher zusammengearbeitet hat. Daraus wurde ein Libretto geschrieben – die endgültige Textfassung für die Oper. Die zeitgenössische Geschichte „Das Fest im Meer“ kommt Jörn Arneckes Anspruch entgegen, neue Kompositionen müssten sich mit „unserer Wirklichkeit“ befassen. Damit meint er nicht nur offensichtliche Bezüge wie das Thema HIV, sondern Grundsätzliches: „Wie treffen wir heute Entscheidungen, wenn wir ständig mit unzähligen Möglichkeiten konfrontiert sind – das fängt ja schon im Joghurtregal an. Wie definieren wir Liebe, und was sind wir bereit, dafür zu tun? Wie finden wir zu einer wahrhaftigen Haltung? Solche Fragen versuche ich in Musik umzusetzen.“

Er vermeidet Phrasen, wenn er über solche Dinge spricht, sucht nach präzisen Formulierungen. So sorgfältig, wie er auch beim Komponieren nach den treffenden Tönen sucht. Dabei fühlt er sich keiner bestimmten „Schule“ oder irgendeinem Trend verpflichtet. Allerdings legt er, anders als viele zeitgenössische Komponisten, besonderen Wert auf die menschliche Stimme, „vielleicht, weil bei uns zu Hause viel gesungen wurde“.

Ansonsten zählt für ihn nur, „kein billiges Gefühl zu vermitteln und keine Klischeefolien zu verwenden“ – was in einer so lauten Welt, in der so ziemlich jede musikalische Äußerung irgendwann als Werbe-Jingle recycelt oder zumindest als Cover-Version verbraten wird, eine schwere Aufgabe ist. „Genau deshalb brauchen wir Komponisten, die unverbrauchte Klänge finden“, sagt Jörn Arnecke entschieden, „und die brauchen zuerst einmal Stille.“

Das meint er ganz wörtlich. Während er komponiert, hört er keine andere Musik, stöpselt das Telefon aus und zieht sich auch schon mal in ländliche Einsamkeit zurück. Doch im Alltag geht er dafür als ein Hörender durch die Welt, sammelt Geräusche und Klänge wie andere Menschen Gerüche oder Bilder. „Das ist natürlich häufig Musik, vor allem Klassik, manchmal auch Pop, aber auch Stimmen von Menschen, oder etwas ganz Banales wie das nächtliche Klacken meines Heizungsrohrs.“

Für Jörn Arnecke war dieser Auftrag vor allem „ein großes Glück“. Aber natürlich ist es für einen jungen Komponisten auch ein enormer Karriereschritt, der dazu verführen könnte, ein paar Effekte einzubauen, um die Fachwelt zu beeindrucken. „Natürlich nutzt man die Chance zu zeigen, was man handwerklich drauf hat“, sagt er, „aber die Versuchung, sich da eine Visitenkarte zu schreiben, sinkt, je weiter man ins Komponieren eintaucht. Dann entwickelt es seinen eigenen Sog“, beschreibt er die Arbeit der letzten anderthalb Jahre.

Bei einem so langen Werk wie „Das Fest im Meer“ müsse man erst ein Gerüst schaffen, einen Anfang und einen Schluss finden und für jede Figur einen Grundklang komponieren – „ähnlich wie ein Architekt. Und wenn man das hat, bewegt man sich von Zimmer zu Zimmer weiter und schmückt es aus.“ Sehr einsame Gänge seien das, oft voller Zweifel und offener Fragen, sagt Jörn Arnecke, „aber ich kann mir nichts anderes vorstellen, mit dem ich so ausgefüllt wäre.“ Um so mehr habe er die anschließende Probenzeit genossen, wo Dirigent und Regisseur, Orchester und vor allem die Sänger zum Leben erwecken, was bis dahin nur eine Idee war: „Wenn sich die Intensität, die man beim Komponieren angestrebt hat, bestätigt, wenn die Töne plötzlich etwas enthalten, was man vorher selbst nicht gewusst hat, dann geht einem schon das Herz auf.“ Magische Momente, wie sie nur die Musik bereithält.

Sigrun Matthiesen

Barbaras Hummer-Welt

Eine Entdeckungsreise in die Keller des Fischmarkts

(aus Hinz&Kunzt 123/Mai 2003)

Hein Gas präsentiert die Dart-Reportage: Hamburg hat viele unbekannte Ecken. Mit Häusern voller Geschichte und Menschen mit besonderen Lebensläufen. Um sie zu finden, werfen die Reporter einen Dartpfeil auf den Stadtplan. Die Geschichten erzählen von viel menschlicher Wärme oder dem Mangel daran. Diesmal: die Große Elbstraße.

Benommen von der fischigen Salzluft, stolpere ich ziellos zwischen pompösen Designer-Bauten und tristen, schäbigen Häusern durch die Große Elbstraße. Ein Lkw donnert dicht an mir vorüber. Achtern teilt ein Ozeanriese majestätisch das Elbwasser in Back- und Steuerbord. Kreischende Möwen streiten über seiner Heckwelle um aufgewirbelte Fischfetzen.

Am gegenüberliegenden Hafenkai rollen hochbeinige Containerbrücken, wie von Geisterhand gesteuert, exakt über blaue Eisencontainer. Doch den Star dieser Reportage sehe ich nicht. Denn Barbara Pötke arbeitet unter Land, im Keller XII des Altonaer Fischmarkts. Nur wenige Meter unterhalb der Fischbaracken-Tristesse beginnt hier eine andere Welt: die Welt der Barbara Pötke. Die Welt der Hummer.

Es ist mehr Zufall, dass ich ausgerechnet die Treppe zur Großen Elbstraße 210 erklimme. Und großes Glück, dass mich Betriebsleiter Jörg Pöhlmann mit „Hummer-Bärbel“, wie sie von ihren Kollegen gerufen wird, bekannt macht: „Unsere Barbara ist genau die Richtige für Sie. Eine absolute Koryphäe. Selbst die renommierte Hummeraufzuchtstation auf Helgoland bittet sie immer wieder um Rat.“

Wer Bärbel bei der Arbeit zusieht, dem wird schnell klar, warum sie als Expertin gilt. Denn nicht nur ihre 28-jährige Erfahrung mit Hummern beim Fischgroßhändler Goedeken begründet ihre Kompetenz. Vielmehr lernt sie durch den liebevollen Umgang mit den Gliederfüßern, was keine Versuchsreihe jemals herausbekäme: Sie versteht ihre „Lieblinge“ und weiß, was sie wollen.

Wenn Barbaras weiche Finger die empfindsame Schlundpartie der rotbraunen Hummerleiber kraulen, recken sie sich wohlig aus dem Wasser. Tatsächlich scheinen sie ihr taffes Frauchen in den weißen Schlabber-Hosen zu erkennen. Bärbel beugt sich dann noch tiefer über die Salzwasserbecken und kost die Hummer sanft mit „meine Süßen“. Dann greift sie barhändig zwei Hummerrücken heraus und erklärt fachfrauisch den Unterschied zwischen Männchen und Weibchen.

Schon Barbaras Mutter war bei Goedeken beschäftigt. Das Faible für Fisch scheint bei Familie Pötke also bereits in den Genen verankert, und so erstaunt es nicht, wenn die 52-Jährige strahlt: „Ich bin mit den Hummern verheiratet.“ Für einen Ehegatten bleibt da, nach eigenem Bekunden, keine Zeit. Verwendet Bärbel doch ihr ganzes Geschick darauf, die natürliche Umgebung vor der kanadischen Atlantikküste so naturgetreu wie möglich nachzuempfinden: Die Wassertemperatur beträgt acht Grad Celsius, die Luft ist lediglich zwei Grad wärmer.

Drei Pulloverschichten und feste schwarze Stiefel schützen Barbara vor der Kälte. Eine blau-weiße Wollmütze bändigt ihre langen dunkelblonden Haare und hält den Fransenpony aus dem Gesicht. Gegen kneifende Kampfscheren helfen jedoch nur fest sitzende Gummibänder, die die Zangen zusammenhalten, und eine Menge Erfahrung. Deshalb überprüft Bärbel, wie jeden Morgen um sechs, die 15 Wasserbecken auf kraftlose Tiere und gelöste Gummis. Denn nicht nur Barbaras rechter Unterarm wurde bereits Opfer einer Kneifattacke. Die kannibalischen Hummer stürzen sich auch auf geschwächte Artgenossen und „versauen“ anschließend mit ihren Fäkalien das saubere Salzwasser. Normalerweise scheiden die Tiere während ihres Bassinaufenthalts nämlich gar nichts aus: Sie werden einfach nicht gefüttert, denn so bleibt die Wasserhygiene am ehesten erhalten.

Bevor ein Hummer bei Bärbel im Becken landet, wird er vor der kanadischen Küste aus dem Atlantik gezogen. Der Transport von Toronto bis in die Große Elbstraße dauert per Flugzeug zwei Tage, bis zur Verarbeitung vergehen maximal weitere sieben. Denn Frische ist in Bärbels Branche oberstes Gebot.

Täglich frische Aufträge meldet der Flachbildschirm an der weißgekachelten Wand. Gourmets aus ganz Deutschland bestellen hier. Heute sind zehn Tütchen zu je 200 Gramm Hummerfleisch angefordert. Also stiefelt Bärbel hinüber zu den Salzwasserbecken, in denen sich an die hundert Tiere gleicher Gewichtsklasse in den Ecken stapeln. Geschickt greift Barbara einige heraus und setzt sie auf den Boden.

Die Krustentiere genießen es, frei über die Kacheln fegen zu dürfen, bis sie aufgrund von Sauerstoffmangel langsam „schlaff“ werden. Denn Hummer besitzen Kiemen, sie brauchen das Wasser, um atmen zu können. Dies mag brutal klingen, doch Hummerexpertin Barbara ist sicher, dass ihr „Trick“ für die Gliederfüßer angenehmer ist, als bei vollem Bewusstsein in das kochende Wasser geschmissen zu werden: „Als ich unerfahren war, habe ich das noch gemacht. Einige Hummer versuchten dann aus dem Kochtopf heraus zu springen. Schrecklich. Heute lasse ich sie vorher dösig werden, dann bekommen sie vom Abkochen gar nichts mehr mit.“

Und so fischt Bärbel die „betäubten“ Hummer nach einigen Stunden aus den Ecken und sammelt sie in einem Sieb. Sie lehnt sich gegen die schwere Eisentür und trägt ihre dösigen „Lieblinge“ hinüber zum Verarbeitungsraum. Doch diese Tür ist für Bärbel nicht nur eine Tür, nicht nur eine Möglichkeit von einem Raum in den nächsten zu gelangen. An dieser Tür legt Barbara ihre Gefühle ab. Die reglosen Tiere in ihrem Sieb sind jetzt bestellte Hummerware, 200-Gramm-Tütchen, und nicht mehr ihre „Süßen“. Ein Glück, dass Barbara scheinbar so rigoros zwischen beiden Bereichen trennen kann: „Sonst würde das jemand anders machen. Und der wäre sicher nicht so rücksichtsvoll“, sagt sie, und es klingt fast, als wolle sie sich bei den Tieren entschuldigen. Also versenkt Bärbel das Sieb mit den dahindämmernden braunen Hummern im schäumenden Wasser des riesigen Kochbassins und schließt den Deckel. Nach zehn Minuten wuchtet sie die nun wunderschön rotleuchtenden Tiere heraus und schreckt sie, „wie Frühstückseier“, unter kaltem Wasser ab.

Doch nicht alle Hummer landen in Keller XII zwangsläufig unterm Messer. Der schöne Leo genoss für sechs Jahre das angenehme Leben eines Hummer-Dressmans. „Wie ein treuer Hund“ flitzte er jeden Morgen zur Schaubeckenscheibe, um sein Frauchen zu begrüßen. Und abends schien es Bärbel, als wolle er sie nach Hause begleiten. Als Leo weiter wuchs und seine dritte Häutung nicht überlebte, begrub Barbara ihren „Liebling“ im heimischen Garten in Bergedorf.

Einen neuen Leo hat sie derweil noch nicht gefunden, und so legt sie die Hummerleiber auf ihre Papierunterlage und beginnt die noch dampfenden Tiere zu zerteilen. Mit geübten Schlägen knackt sie die harten Panzer, Fleischstückchen spritzen durch den Raum, ein Fetzen bleibt auf ihrer Stirn kleben. Tack, tack, tack klingt der Dreiertakt, mit dem ihr kleines schwarzes Messer über die Hummerscheren tanzt. Als sich schließlich ein weiß-roter Fleischberg angesammelt hat, holt Barbara die 200-Gramm-Plastiktütchen und portioniert die Delikatesse nach Augenmaß.

Gegen 16 Uhr säubert „Hummer-Bärbel“ ein letztes Mal den Arbeitsplatz, sagt ihren Lieblingen „Gute Nacht“ und löscht das Licht. Für die Tiere ist die Dunkelheit das Signal zur Beutejagd, und so beginnen sie triebgesteuert in ihren kleinen Bassins umherzuwuseln, auch wenn es gar nichts zu erlegen gibt. Manchmal schleicht Barbara dann mit der Taschenlampe durchs Dunkel und beobachtet ihre „Süßen“. „Wenn es den Tieren gut geht, geht es auch mir gut“, verabschiedet sie sich und stellt das letzte Tütchen mit Hummerfleisch in den Styroporkarton.

Jannika K. Schulz

Hafen: Im Namen des Herrn unterwegs

Die Seemannsmission hilft Seeleuten an Bord und an Land

(aus Hinz&Kunzt 123/Mai 2003)

Wenn Kurt Robert Drobnik mit seinem Wagen durch den Hafen brettert und Autofahrer als Idioten oder Schlimmeres beschimpft, kann man kaum glauben, dass dieser Mann im Namen des Herrn unterwegs ist. Der 59-Jährige ist Seemannspastor. Etwa 5000 Schiffe hat er in den vergangenen Jahren besucht.

Morgens um sieben Uhr startet seine Tour. Die beste Chance, gesprächsbereite Seeleute anzutreffen, ist beim Frühstück. Dass viele Menschen an Bord ein Gespräch brauchen, davon ist der ehemalige Militärpfarrer überzeugt. Schließlich werden auf See doppelt so viele Selbstmorde verübt wie an Land. „Das Leben auf einem Schiff ist wie ein Leben im Gefängnis, auch wenn einen niemand dazu gezwungen hat“, sagt Drobnik. „Immer dieselben Menschen, immer zusammengepfercht.“ Zudem sind die Liegezeiten heutzutage so kurz, dass die Männer kaum noch von Bord kommen. „Da ist nichts mit Seemannsromantik, Land und Leute kennen lernen. Die meisten sind nur deshalb an Bord, weil sie Geld verdienen müssen.“

Das erste Schiff an diesem Morgen ist ein Containerriese. Der erste Offizier, ein Japaner, ist noch ziemlich jung und ganz irritiert über den Besuch. Der Seemannspastor muss sogar seinen Ausweis zücken, bevor er ins Innere des Schiffs vordringen darf. „Das ist mir ja noch nie passiert“, brummt Drobnik. Neuer Ärger wartet in der Mann-schaftsmesse. Die paar Seeleute, die gerade frei haben, stehen um einen Mann herum, der Geld in der Hand hält. Das sieht im ersten Moment aus wie ein Glücksspiel. Da ist der Pastor völlig uninteressant.

Drobnik schimpft vor sich hin und macht auf dem Absatz kehrt. „Der verkauft Telefonkarten“, sagt Drobnik genervt. Und das zu horrenden Preisen. „Ich hätte denen die Karte drei bis vier Dollar billiger geben können.“ Telefonieren spielt an Bord eine zentrale Rolle – es ist die beste Verbindung in die Heimat und zur Familie, die die meisten ein halbes bis ein ganzes Jahr nicht sehen.

Heimweh und Einsamkeit sind denn auch die häufigsten Probleme, die die Männer an Bord haben. Aber auch schwere Schicksalsschläge müssen sie normalerweise allein bewältigen und sind dann froh, einen Menschen zu haben, dem sie ihr Herz ausschütten können.

Wie etwa der philippinische Koch auf dem nächsten Containerschiff. Er sitzt in der Messe und trinkt einen Abschiedskaffee mit einem Freund und Kollegen. Der wird heute von Bord gehen, der Koch bleibt noch ein paar Monate. Traurig sieht er aus, und Kurt Robert Drobnik sieht ihm gleich an, dass ihn nicht nur der Abschied von seinem Kollegen schmerzt.

Zeit ist knapp an Bord, deshalb kommt er gleich zur Sache. Ob er verheiratet sei und Kinder habe, will er wissen. Stolz erzählt der Mann von seinen drei Kindern, aber sein Blick ist verhangen. „Er ist Witwer“, assistiert der Freund. Stockend erzählt der Koch, dass seine Frau vor drei Jahren gestorben sei. Drobnik nickt – und erzählt von sich. Seine erste Frau ist bei einem Autounfall gestorben. Mit den Toten könne man aber auch nach dem Tod im Gespräch bleiben, durch das Gebet.

Der Koch hängt an den Lippen des Pastors. Jeder im Raum spürt: Das ist sein Thema. „Du musst wieder eine neue Frau in dein Leben lassen“, hilft Drobnik. „Deine Kinder brauchen wieder eine Mutter.“ Schuldgefühle dürfe er nicht haben. „Ihr wart verheiratet, bis dass der Tod euch scheidet – und er hat euch geschieden.“ Mit Sicherheit sei seine Frau nicht böse darüber – im Gegenteil.

Der Koch nickt, lächelt. Drobnik macht noch einen kernigen Witz. Die Seeleute lachen. Der Abschied ist herzlich.

Doch Drobnik kann auch anders. Vor einiger Zeit traf er einen ägyptischen Seemann. Er spürte gleich, mit dem stimmt etwas nicht. „Er redete wirr, ich hatte den Eindruck, dass er selbstmordgefährdet ist.“ Mit keinem Wort kam er auf die Probleme des Mannes zu sprechen. Im Gegenteil. Er vermied jeden Tiefgang. Stattdessen sprach er mit ihm über die ägyptische Hochkultur. Der Mann wurde immer stolzer. „Ich verstärkte ihn positiv“, sagt er fachmännisch. „Ich wollte nur, dass er bis Alexandria nicht über Bord springt. Mehr konnte ich für ihn nicht tun.“ Er informierte auch den Kapitän nicht. „Warum? Dann halten alle den Seemann für eine Pflaume – und er verliert auch noch seinen Job.“

Freundliche Begrüßung auf dem nächsten Schiff. Der italienische Offizier begleitet den Pastor sogar in die Messe. Auf dem Weg dorthin spricht Drobnik ein paar Philippinos an. Keiner kennt den Seemannsclub, der nur ein paar Meter entfernt ist, keiner war bislang von Bord, obwohl der Frachter schon zwei Tage da ist. Die Messe ist leer, der Offizier lässt extra einen Seemann kommen. Der grinst zwar, aber eher aus Verlegenheit. Sprechen will er eigentlich nicht. Auch er war noch nicht von Bord. „Keine Zeit, keine Zeit“, sagt er leise.

Drobnik vermutet, dass er keine Interna ausplaudern soll. Beispielsweise, dass hier nicht tarifgerecht bezahlt wird oder sonstige Dinge an Bord schief laufen. Ob er in solchen Fällen die Gewerkschaft einschalte? „Auf keinen Fall, dann bekommen die an Bord ja erst recht Ärger.“

Mitleid ist seine Sache nicht. Er will, dass es den Seeleuten durch seinen Besuch besser geht, dass sie fähig sind, weiterzumachen – nicht mehr und nicht weniger. Schließlich musste er das selbst schmerzhaft lernen, nicht erst beim Tod seiner ersten Frau. Mit 17 Jahren hatte er einen schweren Unfall, bei dem er sein Bein verlor. Nicht Mitlied half ihm damals, sondern Härte. Als er beim ersten Mal mit Krücken hinfiel und sich verzweifelt ins Bett verkriechen wollte, herrschte ihn der Pfleger an: „Du machst sofort einen neuen Versuch oder ich trete dir in den Hintern.“ Drobnik machte also weiter…

Zur Seemannsmission, deren Geschäftsführer der Pastor heute ist, gehört auch eine Unterkunft am Krayenkamp, gegenüber vom Michel. „Mutter“ des Hauses ist die 54-jähige Gisela Weber. Sie kümmert sich zum Beispiel darum, wenn Abu Bakari, ein Stammgast, verzweifelt ist. Seit 1982 fährt der Ghanaer auf deutschen Schiffen, seit Jahren für dieselbe Reederei. Wie jedes Jahr musterte er im Dezember ab und bekam ein Schreiben, dass er im April wieder dazusein habe.

Das war er auch, aber die Reederei brauchte ihn nicht und stellte ihm auch die Bescheinigung nicht aus, mit der er Arbeitslosengeld hätte beantragen können. Jetzt wartet Bakari im Seemannsheim und hofft, dass andere ihm mal was abgeben, wenn sie kochen. Die Seemannsmission stundet ihm die Miete.

Abu Bakari ist nicht der einzige, der in der Mission darauf wartet, endlich wieder an Bord gehen zu dürfen. Der Chilene Juan etwa ist 30 Jahre lang bei derselben deutschen Reederei gefahren. Auch er ist extra wieder nach Hamburg gekommen, weil er wieder anheuern sollte. Keiner hatte es für nötig gehalten, dem Maschinisten zu sagen, dass sein Schiff inzwischen ausgeflaggt wurde und er jetzt von einem billigeren Mann aus China ersetzt wird.

Für mindestens ein Drittel der Bewohner ist der Traum von der Seefahrt endgültig ausgeträumt. Sie sind zu alt, zu teuer, nicht fit genug für die moderne Seefahrt oder haben Alkoholprobleme. Viele von ihnen sind durch die Seefahrt völlig entwurzelt. Ihr Zuhause ist inzwischen das Seemannsheim geworden. Und hier können sie auch für immer vor Anker gehen. Dafür hat die Seemannsmission gesorgt.

Nr. 2: Hausbesuch statt Räumung

Zehn Jahre Hinz&Kunzt – zehn Geburtstagsforderungen

(aus Hinz&Kunzt 123/Mai 2003)

Darum geht es:

Arbeitslosigkeit, Krankheit, Scheidung, Tod eines Familienangehörigen: Es gibt viele Gründe dafür, im Leben plötzlich aus der Bahn geworfen zu werden. Dann ist auf einmal nichts mehr wichtig – auch nicht die monatliche Mietüberweisung. Gut 2500 Hamburger werden Jahr für Jahr aus ihren Wohnungen geräumt, zumeist weil sie ihre Miete nicht mehr zahlen (können). Sie landen in städtischen Notunterkünften – oder auf der Straße.

Die Situation in Hamburg:

Zwar richtete die Stadt Anfang der neunziger Jahre „Bezirksstellen zur Wohnungssicherung“ ein, die den Betroffenen schnell helfen und so Zwangsräumungen verhindern sollen – etwa durch Schuldnerberatung, befristete Mietübernahme oder Verhandlungen mit dem Vermieter. Doch sind die rund 40 Mitarbeiter der sieben Bezirksstellen hoffnungslos überlastet. 6000 bis 7000 neue Räumungsklagen zählen die Hamburger Gerichte jedes Jahr.

Eine Bezirksstellen-Mitarbeiterin kommentiert ihre Arbeitssituation: „Hausbesuche machen wir nur selten. Kündigungen reiche ich ungelesen an die Sozialämter weiter. Wir reagieren erst, wenn eine Klage eingereicht wird – aus Kapazitätsgründen.“ Schon vor anderthalb Jahren räumte die zuständige Referentin der Sozialbehörde ein: „Das Personal reicht nicht aus.“

Prävention sei wichtig, sagte dann Sozialsenatorin Birgit Schnieber-Jastram (CDU) zum Amtsantritt und versprach mehr Geld für die Räumungs-Verhinderer. Auf neue Mitarbeiter warten die Bezirksstellen aber bis heute vergeblich. Im Gegenteil, die Arbeitsbedingungen haben sich verschlechtert: „Wir haben kein Geschäftszimmer mehr. Deshalb können wir Termine nicht mehr schnell vergeben“, so die Bezirksstellen-Mitarbeiterin frustriert.

Die Folgekosten dieser Politik sind hoch: Zwischen 2500 und 5000 Euro jährlich zahlt die Stadt für die Unterbringung eines wohnungslosen Menschen. Rund 3000 Hamburger (ohne Flüchtlinge) leben in den städtischen Notunterkünften, viele von ihnen seit Jahren. Und: Je länger sie dort leben, desto schwieriger gestaltet sich der Weg zurück in eigene vier Wände. Nur jeder zehnte Bewohner einer Notunterkunft, so der Senat, habe vergangenes Jahr den Sprung zurück in die Wohnung geschafft. Tendenz: sinkend.

Wie andere es besser machen:

„Zwangsräumungen? So etwas gibt es bei uns nicht mehr“, sagt Peter Reiss, Leiter der Fachstelle für Wohnungsnotfälle in Duisburg. In der 535.000-Einwohner-Stadt haben die Behörden schon lange begriffen, dass Vorbeugung nicht nur viel besser, sondern auch viel billiger ist als Nichtstun: mindestens zehn Mal billiger, hat der gelernte Bankkaufmann und Sozialarbeiter Reiss ausgerechnet. Mehrere Millionen Euro habe die Stadt auf diese Weise gespart.

„Hausbesuch statt Räumung“ lautet die Devise in Duisburg, und die wirkt. „Wir bekommen sofort Wind davon, wenn jemand Schwierigkeiten hat“, erklärt einer der 45 Fachstellen-Mitarbeiter das ebenso einfache wie einleuchtende Erfolgsrezept: schnelle, umfassende und unbürokratische Hilfe für die Mieter in Not. „Im Haushalt hast du ganz andere Chancen, an die Menschen ranzukommen“, so der Duisburger „Akuthelfer“. Ergebnis der Präventionspolitik: Nur noch knapp 100 statt früher 2500 Menschen leben in städtischen Notunterkünften. Das Vorzeige-Modell wird inzwischen von vielen Städten nachgeahmt.

Die Zukunft:

Hamburg bastelt seit Jahren erfolglos an einer „Neustrukturierung des Hilfesystems“. Senat, Bezirke, Wohnungswirtschaft und Parteien finden einfach keinen gemeinsamen Nenner. Es geht vor allem ums Geld: Wer soll die präventive Sozialarbeit bezahlen, der Senat oder die Bezirke? Und wie lassen sich die Wohnungsunternehmen in die Pflicht nehmen, damit sie wieder mehr Wohnungen an Sozialschwache vermieten?

Die internen Papiere hören sich gut an und könnten aus Duisburger Feder stammen: „Die Prävention soll über die Fachstellen so verstärkt werden, dass Kündigungen und Räumungsverfahren durch die Vermieter zum frühestmöglichen Zeitpunkt abgewendet werden, um einen drohenden Wohnungsverlust zu verhindern“, heißt es in einem der vielen Konzeptentwürfe, die über die Behördenschreibtische gewandert sind. Ein fertiger Entwurf soll nun den Bezirken vorliegen, der muss dann mit den Änderungswünschen durch den Senat. „Richtigen Dissens gibt es nicht mehr“, sagt die Sprecherin der Sozialbehörde. „Es geht nur noch um Details – und um die Frage der Finanzierbarkeit.“ Sie hofft im Sommer Ergebnisse vorstellen zu können. Aber versprechen kann sie das nicht.

So sollte es laufen:

– Mehr Mitarbeiter in den Fachstellen, damit das „Frühwarnsystem“ funktioniert.

– Hausbesuche müssen die Regel sein und nicht die Ausnahme.

– Die Mitarbeiter der Fachstellen müssen eigenständig mit den Vermietern verhandeln dürfen und dafür eigene Etats bekommen.

– Die Fachstellen müssen Zugriff auf freie Wohnungen haben.

– Keine Zwangsräumung ohne vorherigen Schlichtungsversuch.

Ulrich Jonas

Hafen: Das Container-Dorf

Wie aus Altenwerder ein Terminal wurde

(aus Hinz&Kunzt 123/Mai 2003)

Manchmal kann Steve Kalinowski es gar nicht fassen, dass sein Traum so schnell in Erfüllung gegangen ist. Fahrer einer dieser Containerbrücken wollte der ehemalige Dachdecker werden. Und jetzt sitzt der 22-jährige Berliner hoch oben in seinem gläsernen Häuschen und überblickt das modernste Containerterminal der Welt: Altenwerder. Dass in dieser Sandwüste einst ein Dorf stand, kann sich der Neu-Hamburger gar nicht vorstellen. Wie auch: Von Altenwerder steht nur noch die Kirche.

„Altenwerder?“, schnaubt Heinz Oestmann. „Für mich heißt das nur noch Sandhausen, alles Spülfläche und Beton.“ Keinen Fuß mehr will der Fischer auf den Boden seiner einstigen Heimat setzen. „Damit habe ich abgeschlossen“, behauptet der 53-Jährige, der inzwischen im Nachbarort Finkenwerder lebt.

Dabei gehörte der Fischer zu den letzten 35 Bewohnern, die sich weigerten, dem Terminal zu weichen. Schließlich lebte seine Familie seit Generationen auf der Elbinsel. Um genau zu sein, seit 1740. Damals waren zwei Vorfahren im Ruderboot von Blankenese nach Altenwerder geflohen, um dem Militärdienst zu entgehen. Absolutes Ödland fanden sie vor.

„Die wenigen Bewohner lebten wie auf einer Hallig.“ Wie die meisten anderen auch wurden die Oestmanns Fischer – im Winter mussten sie mit Schlitten übers Eis zum Festland, wo sie auf dem Hopfenmarkt den Fang verkauften. Es war ein karges Leben. Keiner der Oestmanns wurde jemals wohlhabend oder gar reich.

Das Altenwerder, das Heinz Oestmann, Fischer in der achten Generation, kennen lernte, sah anders aus. In den fünfziger Jahren erlebte das Dorf seine Blütezeit: 2500 Einwohner lebten hier, die meisten arbeiteten im Hafen oder hatten etwas mit Schifffahrt zu tun. Auch bei den Oestmanns gings bergauf. Vater Oestmann hatte sich von Verwandten Geld geliehen und den Bau eines Fischkutters in Auftrag gegeben. „Die ‚Nordstern‘ und ich haben das gleiche Baujahr“, sagt Heinz Oestmann, der immer noch auf dem selben Kutter fährt.

„Der Einschnitt kam, als ich elf Jahre alt war“, sagt Heinz Oestmann. 1961 beschloss die Bürgerschaft, Altenwerder zum Hafenerweiterungsgebiet zu erklären. Die Folge: Bauverbot im Dorf – und der Plan, die Bewohner umzusiedeln. Richtig ernst wurde es allerdings erst 1973: Da beschloss die Bürgerschaft einstimmig und binnen weniger Minuten die endgültige Räumung des Dorfes. Den Bewohnern flatterte ein Brief ins Haus: die Aufforderung, ihre Häuser an die Sadt zu verkaufen. Alle zwei Wochen rückten Bagger an und rissen ein Haus ab.

Bis dahin hatte sich Oestmann „keinen Kopf“ gemacht. „Wer zur See fährt, hat sowieso zwei Zuhause“, sagt er. „Eins an Land und eins an Bord.“ Sein Vater war gestorben, und er hatte mit 20 Jahren den Betrieb übernommen. „Richtig weh“ tat es erst, als er herausbekam, dass seine Mutter das Elternhaus verkauft hatte. „Hinter meinem Rücken!“ Fünf Jahre lang redete der Fischer kein Wort mehr mit ihr.

Die Familie blieb zwar zur Miete in ihrem Haus wohnen, aber der Abschied rückte spürbar näher. Immer mehr Bewohner verkauften ihr Anwesen. Die Natur eroberte sich das Land zurück. „Altenwerder wurde immer schöner, ein richtiger Ökopark“, erinnert sich Oestmann – und die verbleibenden Bewohner rückten immer enger zusammen. Noch mehr als er selbst hing seine Frau Renate an dem Dorf. „Hier kannte jeder jeden, wir gehörten einfach zusammen“, sagt der Fischer. Aber er wollte nicht nur aus Sentimentalität bleiben. Er hatte Existenzangst. „Ich hatte kein Geld, um woanders neu anzufangen. Ich sah einfach keine Perspektive.“

Und er fand es „völlig unsinnig“, dass Menschen Containerterminals weichen sollten. Terminals, auf denen erklärtermaßen mehr Boxen umgeschlagen, aber weniger Menschen arbeiten sollten. Genau das empörte auch andere. Hafen ja, war die Devise, aber nicht auf Kosten der Menschen. Altenwerder wurde für viele ein Symbol für Freiheit und Solidarität, vielleicht ähnlich wie Bambule und die Bauwagenplätze heute.

Der Kampf dauerte Jahrzehnte. Für die Oestmanns bis 1997. Da gab es nur noch eine Handvoll Bewohner, alle bekannt durch Funk und Fernsehen. Beinahe schien es so, als würde sich die Stadt an ihnen die Zähne ausbeißen. Das Leben im Dorf brach immer mehr zusammen. An manchen Tagen waren sogar die Telefonleitungen tot. Alles hielten die letzten Mohikaner aus. Scheinbar jedenfalls. Letztendlich haben alle aufgegeben.

Bei Oestmann waren es ausgerechnet zwei Bäume, die seinen Kampfgeist gebrochen haben. Eines Tages rückten artenarbeiter an und fällten zwei Kastanien in der Nachbarschaft. „Da war für mich Schluss“, sagt Oestmann. Denn an diesen Bäumen hing der Fischer mehr, als ihm je bewusst war. „Als Kinder haben wir hier Kastanien gesammelt. Ich dachte: Wenn die jetzt schon so etwas Schönes abholzen, dann will ich hier auch nicht mehr leben.“

Er tat etwas Ungeheuerliches, fast das Gleiche, wofür er mit seiner Mutter jahrelang nicht mehr gesprochen hatte. Im Januar 1997 schrieb er heimlich an Wirtschaftssenator Erhard Rittershaus einen kurzen Brief: Er solle ihm ein Angebot machen. Schon ein paar Tage später fuhr der Senator in seiner Limousine vor, etwas ängstlich, so schien es Oestmann, ob ihn nicht doch Schläge statt Gespräche erwarteten. Aber Oestmann wars ernst. „Ich wollte nur, dass sie mir zu einem bezahlbaren Preis ein Grundstück anbieten, auf dem ich neu anfangen kann.“ Ritterhaus, so erinnert sich Oestmann, soll platt gewesen sein. „Wie, das ist alles, was sie wollen?“, soll er gesagt haben. Die Verhandlungen gingen zu beider Zufriedenheit aus. Renate Oestmann war allerdings ziemlich sauer auf ihren Mann. Zumindest im ersten Moment. „Wir beschlossen, in Finkenwerder ein Fischrestaurant zu eröffnen – in dieser Idee ging sie völlig auf.“

Ein Happy End hat es trotzdem nicht gegeben. Ein Jahr nach der Eröffnung starb Renate Oestmann an Krebs. Die Freunde von damals hat der Fischer so gut wie nie wieder gesehen. Vielleicht nahm jeder dem anderen übel, wie und wann er verkauft und die Insel mitsamt dem Traum von der Freiheit aufgegeben hat.

Wenn das modernste Terminal der Welt in Altenwerden ganz fertig ist, wird es 14 Brücken für Containerriesen geben – bisher sind es sieben – und eine für Feederschiffe, sagt Steve Kalinowski und setzt sich wieder in sein Führerhäuschen. Eigentlich könnte er jetzt eine ruhige Kugel schieben und „nur“ überwachen, wie seine Brücke die Arbeit erledigt. Aber wie die meisten hier will er ein „richtiger“ Hafenarbeiter sein. Wenigstens eine der beiden „Katzen“ – so werden die Containerkräne genannt – will er selbst bedienen. Regelrecht langweilig findet es Kalinowski, wenn die Katze den Container automatisch hochhebt und eine vorgesehene Bahn in einer vorgesehenen Zeit absolviert. Man spürt seine Begeisterung, wenn er seinen Job erklärt: „Ich picke den Container an – und lass ihn fliegen“.

Birgit Müller

Tagebuch eines Seitenwechsels

„Kurzweilig, spannend, schockierend“: Was Beiersdorf-Manager Volker Holle in einer Woche bei Hinz & Kunzt erlebte

(aus Hinz&Kunzt 123/Mai 2003)

Warum ich mir Hinz & Kunzt ausgesucht habe? Die Zeitung war mir – wie vielen in Hamburg – natürlich ein Begriff. Mit dem Problem Obdachlosigkeit hatte ich mich allerdings bisher nicht näher beschäftigt. Für mich war „der Obdachlose“ ein Mensch, der es nicht schafft, sein Leben in die eigene Hand zu nehmen und etwas daraus zu machen.

Montag: Mein erster Tag bei Hinz & Kunzt. Ein ungewöhnlicher Arbeitstag, es fängt schon damit an, dass Anzug und Krawatte im Schrank bleiben, ich halte Pullover und Jeans für angebracht. Auch der Wagen bleibt zu Hause. Ich fahre nach langer Zeit mal wieder mit Bahn und Bus. Stephan Karrenbauer, So-zialarbeiter und mein „Betreuer“ für die nächsten fünf Tage, zeigt mir die Räume. Kleine Büros, Computer der vorvorletzten Generation, spartanische Möblierung – Welten von meinem Arbeitsambiente entfernt.

9 Uhr: Die ersten Verkäufer kommen herein. Eigentlich hatte ich erwartet, kritisch beäugt zu werden, aber ganz im Gegenteil: Ich werde gleich angesprochen. Diese Direktheit, aber auch die Bereitschaft, auf meine Fragen einzugehen, erlebe ich in den nächsten Tagen ständig. Die Möglichkeit zu reden, vom eigenen Leben zu berichten, scheint für viele sehr wichtig zu sein. Ebenso, wie hier eine Anlaufstelle für Probleme zu haben, seien es Schwierigkeiten im Umgang mit Behörden, Vermietern oder Rechtsstreitigkeiten.

11.45 Uhr: Verkäuferversammlung. Ich wundere mich über die friedliche Atmosphäre, die übrigens in der gesamten Woche zu spüren ist. Allerdings wird auch sehr strikt auf die Einhaltung der Hausordnung geachtet (z.B. Alkoholverbot). Die Redaktion stellt die neue Ausgabe vor. Kritik wird laut, weil die März-Ausgabe vor Monatsende vergriffen war und nicht nachgedruckt wurde. Dadurch konnten einige Verkäufer zwei Tage lang nicht verkaufen. Für viele, die täglich kommen und nur kleine Mengen verkaufen – gerade so viel, dass sie mit dem Geld über die Runden kommen – ist ein Tag ohne Zeitung hart. Ich erfahre aber auch die Schwierigkeit, die Auflage genau planen zu können. Ein Nachdruck in geringer Auflage ist überproportional teuer und wird durch den Verkaufserlös nicht gedeckt.

12 Uhr: Die Zeitungsausgabe beginnt. Geduldig stehen die Verkäufer am Tresen Schlange, bis sie dran sind. Ein elektrischer Geldzähler und ein computergestützes Erfassungssystem erleichtern die Arbeit. Ich setze mich an einen der Tische und komme ins Gespräch mit R. Er hat sich 50 Exemplare geholt, steht immer an der Paul-Roosen-Straße. Wie vielen anderen, hat das Projekt ihm geholfen: R. hat mittlerweile eine Unterkunft. Er verkauft immer so viel, um genug Geld für Schnaps und Zigaretten zu haben.

„Ganz anders als mein Bild vom Obdachlosen“

Dass Verkäufer auch aus der Alkoholabhängigkeit aussteigen, ist wohl, zumindest kurzfristig gesehen, die Ausnahme. Der Verkauf zwingt aber dazu, seltener zu trinken, da Verkäufer nicht alkoholisiert sein dürfen, sonst wird ihnen der Ausweis entzogen. Auf dem Heimweg stelle ich fest, dass ich meine Umgebung genauer als bisher betrachte. Vielleicht entdecke ich ja schon bald bekannte Gesichter.

Dienstag: Heute findet mein erster Einsatz „vor Ort“ statt. Ich begleite Elke, 37, zu ihrem Standplatz. Sie ist gelernte Verkäuferin, hat zusätzlich eine sozialpädagogische Ausbildung und kommt aus gut situiertem Elternhaus. Sie hat schon früh mit Alkohol angefangen. Kurz nacheinander verlor sie Wohnung und Arbeit und lebte dann auf der Straße. Unterstützung vom Sozialamt möchte sie nicht, weil dann ihre Eltern zahlen müssten. Mittlerweile hat sie eine kleine Wohnung – und sie hat aufgehört zu trinken. Sie träumt davon, irgendwann mal wieder im sozialen Bereich arbeiten zu können. Sie strahlt Zuversicht und eine positive Lebenseinstellung aus und passt so gar nicht in mein Bild vom typischen Obdachlosen.

Ich stehe drei Stunden mit ihr auf ihrem Platz, einer zugigen Verbindung zwischen U-Bahn und Einkaufspassage. Trotz warmer Jacke wird mir kalt, der Rücken fängt langsam an zu schmerzen. Es muss hart sein, den ganzen Tag auf einer Stelle zu verbringen. Einige Leute bleiben stehen und unterhalten sich mit ihr, Stammkunden, die sie zum Teil seit Jahren kennt. Im Laufe der Zeit ergeben sich sogar Freundschaften, erzählt Elke. Viele dieser Stammkunden sind ältere Frauen, auch das hatte ich nicht erwartet. Ich verstehe, wie wichtig es für viele Verkäufer ist, durch den Verkauf der Zeitung eine Regelmäßigkeit in die Woche zu bringen, so etwas wie eine richtige Berufstätigkeit eben.

19.30 Uhr: Ich fahre mit dem Mitternachtsbus mit. Es geht über die Reeperbahn zur Roten Flora bis zur Mönckebergstraße. Aber auch einzelne Schlafstellen werden aufgesucht. Bei unserer Ankunft strömen aus allen Richtungen Obdachlose herbei. Besonders beliebt sind heißer Kakao mit viel Zucker und süße Backwaren. Junkies haben, so erzählen die Ehrenamtlichen, einen besonders hohen Bedarf an Kohlenhydraten und decken diesen durch Zucker. Das passt zu meinen Beobachtungen, dass kaum ein Obdachloser ein halbwegs gesundes Gebiss hat. Einigen Obdachlosen merkt man die Dankbarkeit an, andere sind eher fordernd und meckernd.

Für mich hat diese Fahrt den Charakter einen alternativen Standrundfahrt. Mir war vorher nicht bekannt, wie viele Obdachlose es in Hamburg gibt und wo sie sich nachts aufhalten. Die Funktion des Busses sehe ich zwiespältig. Ich finde, der Bus erfüllt eher eine Service-Funktion und schwächt damit die Eigenverantwortung. Auf der anderen Seite wird aber dem Obdachlosen menschliche Wärme vermittelt – für viele vielleicht der wichtigste Aspekt.

„Den Mitternachtsbus sehe ich zwiespältig“

Mittwoch: Am Nachmittag besuchen wir das Wohnprojekt Wartenau, wo für Hinz & Künztler übergangsweise Zimmer zur Verfügung stehen, bis der Betroffene eine feste Bleibe gefunden hat. In einem kleinen Zimmer liegt M., Mitte 60, in seinem Bett. Er ist seit Anfang an bei Hinz & Kunzt, kann jetzt aber nicht mehr verkaufen, ist ans Bett gefesselt und wird von einem Pflegedienst betreut. Der Fernseher läuft die ganze Zeit und ist sein einziger Kontakt zur Außenwelt.

Donnerstag: Zum ersten Mal sehe ich das Landessozialamt in der Kaiser-Wilhelm-Straße, das für Obdachlose zuständig ist, von innen. Vor dem Eingang steht eine Gruppe mit Bierflaschen in der Hand. Wartezeiten von vier bis fünf Stunden sind nicht ungewöhnlich. Der Warteraum ist voll besetzt. Auffallend, dass die dort Wartenden sich nicht unterhalten, sondern nur resigniert vor sich hin starren. Kein Aufbegehren, nichts. Die meisten haben sich wohl in ihr Schicksal ergeben.

Später treffe ich Herbert, Mitte 50, gelernter Dachdecker, der es bis zum eigenen Bauunternehmen brachte und damit Erfolg, Geld, eine große Wohnung – also eigentlich alles hatte. Dann kam von einem auf den anderen Tag der Sturz ins Bodenlose. Sein Kompagnon verschwand mit den Firmengeldern, seine Lebensgefährtin, mit der er 22 Jahre zusammen war, verließ ihn. Eine Enttäuschung, die tief sitzt und ihm noch heute anzumerken ist. Immerhin hat er inzwischen wieder eine kleine Wohnung in Altona. Er erzählt mir von seinen Albträumen in der ersten Zeit. Er träumte, man habe ihm seine Tasche gestohlen – für einen Obdachlosen wohl das Schlimmste, was passieren kann, wenn der Rest von dem, was man überhaupt noch hat, abhanden kommt.

Herbert passt auch überhaupt nicht in mein Bild vom Obdachlosen. Genauso wenig wie Jürgen vom Vertrieb. Mit ihm fahre ich zum AK Altona. Im Krankenhaus besuchen wir Peter, 32. Er liegt mit Geschwüren an den Beinen im Bett und würde am liebsten schnell dort abhauen. Er ist schwer alkoholkrank und braucht Medikamente, um die Entzugsschmerzen auszuhalten. Wir überbringen Grüße, Tabak und Süßigkeiten. Er freut sich sichtlich, etwas „von draußen“ zu erfahren.

Freitag: Mein letzter Tag. Es ist schon in Stück Berufsalltag für mich geworden, jeden Morgen hierher zu kommen und mittlerweile vertraute Gesichter zu sehen – ich könnte es durchaus noch länger aushalten. Mein Resümee des „Seitenwechsels“: sehr kurzweilig, sehr spannend, manchmal schockierend, oft frustrierend. Das zielorientierte Problemlösen klappt in der Regel hier nicht. Die Messlatte für Erfolge orientiert sich eher an den kleinen, machbaren Schritten. Und dann gibt es immer einzelne Lichtblicke: Menschen, die es geschafft haben, Arbeit zu bekommen, ihre Schulden abzubauen und ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen.

Für mich persönlich hat die Woche eine Art Bewusstseinserweiterung gebracht. Ich habe die schockierende Erkenntnis gewonnen, dass Obdachlosigkeit eigentlich jeden treffen kann und dass es den typischen Obdachlosen nicht gibt: zu unterschiedlich sind die Menschen und ihre Geschichten.

Volker Holle, 39, ist studierter Pharmazeut und Qualitätsmanager für medizinische Produkte bei Beiersdorf.

Seitenwechsel für Manager
Vermittelt von der Patriotischen Gesellschaft hospitieren Manager jeweils eine Woche in sozialen Einrichtungen. „Seitenwechsel“ startete im Oktober 2000. Seitdem haben 145 Führungskräfte aus 32 Hamburger Unternehmen teilgenommen. Informationen: www.seitenwechsel.com

Tatort Hafen

Der Zöllner Volker Biermann über die „Schwarze Gang“ und Rauschgift-Schmuggler

(aus Hinz&Kunzt 123/Mai 2003)

Eine Sommernacht. Niemand beachtet das kleine Motorboot, das sich dem kolumbianischen Frachter im Hafen nähert. Lautlos gleitet ein Taucher ins Wasser. Er weiß, was er sucht: einen anderthalb Kubikmeter großen Kasten, der an der Außenhaut des Schiffes montiert ist. Einige Zeit später taucht der Mann im Neoprenanzug auf – mit dem Kasten. Jetzt wird es hektisch an Bord.

Der Komplize hievt die Beute an Deck. Das Sportboot verschwindet wieder in der Nacht. An Land werden die Männer den Kasten aufschweißen und rund 60 Kilogramm Marihuana bergen. Die Schmuggler sind über alle Berge, aber der Zollbeamte Volker Biermann und seine Kollegen von der Schwarzen Gang stehen nicht mit leeren Händen da. Offensichtlich wurden die Männer gestört. Denn später finden die Rauschgiftfahnder den Neoprenanzug und die aufgeflexte Kiste. Eindeutige Hinweise auf die Arbeitsmethoden der Schmuggler. Und was die Tricks der Rauschgiftmafia angeht, kommt den Fahndern noch ein Zufall zu Hilfe: Ein Seemann hat ausgepackt.

Was nur selten geschieht. Wer sich mit dem organisierten Verbrechen einlässt, weiß, dass er besser schweigt. „Wer auspackt, ist dran“, sagt Biermann. Wer den Mund hält, kann sich halbwegs sicher sein, dass seine Kinder weiter unbehelligt zur Schule gehen dürfen und der Familie kein Härchen gekrümmt wird.

Früher suchte der 52-Jährige in den Seezollhäfen nach Schnaps, Zigaretten und sonstigen verbotenen Waren. „Man kann sich vorstellen, dass wir im Hafen nicht gerade beliebt waren“, sagt er. Dann allerdings wurde das Drogenproblem immer größer. 1986 wurde eine zusätzliche Abteilung, die „Rauschgiftgang“, gegründet. Einsatzgebiet ist der Freihafen. Bevor Volker Biermann beim Zoll anfing, fuhr er 14 Jahre lang zur See. Angefangen hat er als Schiffsjunge, später dann sein Kapitänspatent gemacht. Biermann ist übrigens kein Einzelfall: Fast alle 15 Kollegen in seiner Gang sind Seeleute. Ist ja auch sinnvoll: „Wir kennen uns an Bord der Schiffe aus und wissen, wo man etwas verstecken kann.“

Immer wieder finden die Beamten Päckchen in Luken oder im Maschinenraum. Wobei die Suche im Maschinenraum durch den Geruch von Schmieröl deutlich erschwert wird. Der Einsatz von Spürhunden ist dabei fast unmöglich. „Da verlieren die Hunde die Witterung“, sagt Biermann. Häufig wird der Stoff im Laderaum unter den Holzgrätings versteckt, eine Art Holzfußboden mit Hohlraum, damit die Luft zirkulieren kann. „Dort fanden wir oft auch so genannte Schmuggelwesten“, erzählt Biermann. Das sind Westen mit Taschen im Futter, sodass Pakete unauffällig transportiert werden können. Besonders beliebt ist das im Winter. Wer mit einer solchen Weste bei Schichtwechsel mit dem Pulk den Hafen verlässt, hat beste Chancen, nicht erwischt zu werden.

Meistens ist nur einer aus der Mannschaft in den Schmuggel verwickelt, so die Erfahrung der „Schwarzen Gang“. Wenn Biermann von diesen Männern spricht, schwingt Mitgefühl in seiner Stimme. „Ich bin so lange zur See gefahren und weiß, wie arm die Menschen in den betreffenden Ländern sind, so ohne jede Perspektive.“ Deswegen seien sie auch anfällig, wenn sie ein Angebot bekämen: Rund 3000 Dollar bekommen die Schmuggler oft für ihren ersten Job. Dass sie danach nie wieder aussteigen können und für immer in den Händen der Mafia sind, ist ihnen meistens nicht klar. „Das Schlimme ist, dass wir immer nur die Kleinen erwischen“, sagt Biermann. „Und die Großen lässt man laufen.“

Neuerdings wird auch der Seekasten gerne als Versteck genutzt, eine Öffnung in der Außenhaut, wo das Kühlwasser für die Maschine angesogen wird, oder der Schlingerkiel (eine Art Stabilisator) des Schiffes: „Da können wir nichts machen, da müssen wir Polizeitaucher anfordern.“ Oder die Drogenpakete werden nicht im Hafen, sondern schon irgendwo auf der Elbe außenbords geworfen. Gut verpackt und beispielsweise an einen leeren Bohnerwachska-nister gebunden, der als Auftrieb fungiert. Ein Motorboot nimmt die Fracht auf, und die Schmuggler lagern die Ware in Erddepots im Alten Land. „Klappe zu, Grasnarbe drauf, und keiner kann etwas erkennen.“

Die Suche nach den Drogen ist wie die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Biermann „nervt es, dass die Schnaps- und Zigarettengang zwei bis drei Mal in der Woche fündig wird“ – und seine Gang alle zwei bis drei Monate mal einen Coup landet. Immerhin ist seit 1996 auch eine Containerprüfanlage im Einsatz. Mit der kann ein ganzer Container geröntgt werden. „Ein geschultes Auge kann durch diese Technik die Ladung identifizieren und Abweichungen von den Zollpapieren feststellen“, sagt Biermann.

Nicht immer haben die Beamten so viel Glück wie neulich. Die Schwarze Gang hatte einen Tipp bekommen. Auf einem bestimmten Schiff sollte Rauschgift zu finden sein. Und dann fuhr ein schwarzer Mercedes in den Freihafen, und ein elegant gekleideter Mann fragte, ob ein bestimmter Container – der just an Bord besagten Schiffes stand – schon da sei. „Es fragen zwar viele Spediteure nach ihren Containern, aber diesen Mann kannte keiner.“

Ein Mitarbeiter in der Umschlagsfirma verständigte die Schwarze Gang. Vorsichtshalber hatte er sich auch gleich die Autonummer seines Besuchers gemerkt. „Wenn es um Rauschgift geht, hält der ganze Hafen zusammen wie eine Familie. Das ist völlig anders als früher in der Schnaps- und Zigarettengang“, sagt Biermann. „Denn jeder Schauermann, jeder Festmacher, jeder Schlepperfahrer und jeder Hafenarbeiter hat Kinder – und jeder von denen hat ein großes Interesse daran, dass wir auftreten“, sagt Volker Biermann. „Auch wenn wir selten erfolgreich sind, so zeigen wir doch Flagge.“

Birgit Müller