Zwei GroĂe im Schauspielhaus
Der Schauspieler Edgar Selge und der Statist Frank Kienitz stehen im âMenschenfeindâ gemeinsam auf der BĂŒhne
(aus Hinz&Kunzt 122/April 2003)
âIch will doch nur einsâ, sagt Edgar Selge nachdrĂŒcklich, âum meiner selbst willen geliebt werden â und erfahre doch zu wenig Liebe.â Ganz so persönlich, wie das jetzt klingen mag, meint Selge das allerdings nicht. Die Rede ist vom âMenschenfeindâ, den der 54-JĂ€hrige gerade im Schauspielhaus gibt. Der Wunsch nach besonderer und einzigartiger Beachtung macht Alceste fast verrĂŒckt.
Besondere Beachtung erfĂ€hrt allerdings ein ganz anderer. Alcestes Diener, gespielt von dem Statisten Frank Kienitz, der hinten auf der BĂŒhne so groĂ ĂŒber die Kulissenhecke hinausragt, dass einem ganz unheimlich zumute wird. Frank Kienitz ist in diesen Minuten auch ganz mulmig. Ein leichtes GefĂŒhl der Panik beschleicht ihn, undeutlich zu sprechen, seinen Text zu vergessen oder gar seinen Einsatz zu verpassen. Als Alcestes Diener dringt er ein in diesen illustren Kreis, und der Zuschauer sieht, was er lĂ€ngst ahnt: Hier kommt ein ganz GroĂer. Frank Kienitz ist 2,20 Meter groĂ, und er spielt das Bindeglied zwischen der AuĂenwelt und dem Kreis um Alceste und CelimĂšne. âIch bin das Sinnbild fĂŒr das Unheil, das ĂŒberall hereinkommtâ, sagt Frank Kienitz. âKeine Abgeschiedenheit ist groĂ genug.â
Dass er wegen seiner GröĂe abschreckend wirkt, hat Frank Kienitz schon hĂ€ufig erlebt. âDie Menschen tuscheln, drehen sich nach mir um oder machen blöde SprĂŒcheâ, zĂ€hlt er seine Erfahrungen auf. Bis 1996 sind ihm solche Erlebnisse tief unter die Haut gegangen. 1996 ist sein persönliches Wendejahr: Der GroĂ- und AuĂenhandelskaufmann wurde fĂŒrs Theater entdeckt. Er suchte in einer Buchhandlung gerade ein Geburtstagsgeschenk fĂŒr seine Frau. Da sprach ihn der kĂŒnstlerische Leiter vom Schauspielhaus an, âob ich nicht irgendwo mitmachen willâ. Frank Kienitz, gewohnt, dass sich die Leute ĂŒber ihn lustig machten, wollte schon lospoltern.
Nach dem Motto: âWas wollen Sie von mir? Lassen Sie mich in Ruhe!â Der 42-JĂ€hrige weiĂ immer noch nicht, was ihn damals geritten hat, dann doch nachzufragen⊠Auch Edgar Selge ist gewissermaĂen entdeckt worden. Als Kind. Im GefĂ€ngnis. Sein Vater war nĂ€mlich der Direktor, und die Gefangenen suchten noch Mitspieler in ihrem Theater. Der kleine Edgar war ideal, zumindest vor seinem Stimmbruch. Auf Frauenrollen war er abonniert. Und genoss es. HauptsĂ€chlich, weil er sich mal so richtig hervortun konnte. Denn ihn nervte, dass er bei seinen Ă€lteren BrĂŒdern keine Anerkennung fand.
âImmer wurde ich den Kleinen zugeschlagen.â Komik und Imitation, das merkte das Kind schnell, âsind Waffen und gleichzeitig Eintrittskarten in die Welt der Ălterenâ. So schnell fuhr dem Jungen, seit er mit den GroĂen auf der BĂŒhne stand, jedenfalls âkeiner mehr ĂŒbers Maulâ. Bis fĂŒr Frank Kienitz das Gleiche galt, dauerte es ein Weilchen. Er ging also ins Schauspielhaus und fragte nach der Rolle. Einen Riesen sollte er spielen, ausgerechnet, neben Zwergen und VerkrĂŒppelten, in einer Inszenierung von âKasimir und Karolineâ. Und was er nie geglaubt hĂ€tte: âEs machte mir wahnsinnig SpaĂ.â Auf einmal war es ihm egal, das zu spielen, worunter er sein Leben lang gelitten hatte. Das lag wohl am Regisseur, glaubt er. âDer hat mir nahegebracht: Warum sollte ich seltsamer oder unnormaler sein als andere?â
Ja, warum eigentlich? FrĂŒher, da hatte ihn seine GröĂe allerdings klein gemacht. LieĂ ihn in Deckung gehen vor anderen Menschen. Am liebsten hĂ€tte er sich in ein Mauseloch verkrochen. Seine Eltern, beide auch sehr groĂ, konnten ihm nicht helfen, im Gegenteil. Ihre Devise: bloĂ nicht auffallen. Einmal, da wagte er den Ausbruch, nahm an einem Wettbewerb teil und lieĂ sich zum gröĂten Mann kĂŒren. Aber die Eltern freuten sich nicht ĂŒber seinen Sieg, waren regelrecht sauer. Dabei hatte sich Frank so nach diesem Sieg gesehnt. Einmal jedenfalls wollte er belohnt und anerkannt werden. War wohl wieder nichts. Und so blieb er erst mal in seinem GefĂ€ngnis.
âGefĂ€ngnisâ â Edgar Selge lĂ€sst das Wort auf der Zunge zergehen. âDas ist ein GrundgefĂŒhl, das ich nicht mehr loswerde.â Allein die Vorstellung, in einem Raum zu sitzen, der keine TĂŒrklinken hat, mit âschwedischen Gardinenâ vor den Fenstern. âIch wusste als Kind schon, was es heiĂt, wenn die TĂŒr zugeschlossen wird und man nicht mehr rauskommt.â Frank Kienitz hat sein GefĂ€ngnis inzwischen verlassen, weitgehend jedenfalls. Ausgerechnet der Riese in âKasimir und Karolineâ hat ihm das ermöglicht. Inzwischen hat er noch andere kleine Rollen gespielt. Einen Vorzeitmenschen beispielsweise, seine erste Sprechrolle.
âWir brauchen keinen Fortschrittâ, sagt Kienitz â das waren seine Worte im StĂŒck, allerdings auch seine einzigen. Der Diener im âMenschenfeindâ ist fĂŒr ihn tatsĂ€chlich ein Fortschritt. Mehrere SĂ€tze muss er sprechen â und das auch noch in einem StĂŒck, mit dessen Protagonisten er sich total identifiziert. Edgar Selge, sagt er, spreche ihm als Mensch und Rolle direkt aus der Seele.
Selge schĂ€tzt den groĂen Mann ebenso: âEr hat etwas Kostbares, was einem als Berufsschauspieler unter der eigenen Rauheit und ProfessionalitĂ€t manchmal verloren geht.â
Besonders liebt Frank Kienitz den Satz: âIch will erkannt und unterschieden sein.â Das fordert Menschenfeind Alceste nicht nur von seiner CelimĂšne, sondern auch vom Rest der Welt. Frank Kienitz kann diese Worte auswendig, mindestens so gut wie seinen eigenen Text. Auch Edgar Selge liebt das StĂŒck. âDer Egoismus und der Wunsch nach besonderer Beachtung schlagen irgendwann in jeder Gesellschaft durch und bedrohen jede Gemeinschaftâ, ist eine seiner Interpretationen. âDem entkommt man nicht.â
Zum Schluss wĂŒnscht sich Alceste in die WĂŒste. Aber dieser Wunsch bleibt Illusion. âEs gibt keinen Wunsch, der auĂerhalb der Gesellschaft erfĂŒllbar wĂ€reâ, sagt Selge. âWir mĂŒssen miteinander zurechtkommen.â
Diesen in sich widersprĂŒchlichen Alceste dem Publikum nahezubringen, das versucht er bei jeder Vorstellung aufs Neue. Das ist ja der Reiz beim Theater: âEine gute Premiere heiĂt noch gar nichtsâ, sagt er. âBei jeder Vorstellung muss man die Zuschauer erwischen.â In diesem StĂŒck ist der Anfang fĂŒr ihn die HĂŒrde. âDen wĂŒrde ich am liebsten zweimal hintereinander spielen.â Dann dieses GlĂŒck, die Entspannung, wenn der Funke ĂŒbergesprungen und der Schlussapplaus aus vollem Herzen kommt. âIch spĂŒre, ob die Zuschauer einem die Gedanken schon von der Stirn ablesen.â
Der Schlussapplaus ist auch der groĂe Moment von Frank Kienitz, dem Statisten. âWenn die Zuschauer klatschen, habe ich das GefĂŒhl, dass ein Teil davon mir gilt.â Nach der Vorstellung entschwindet Edgar Selge wieder â bis zum nĂ€chsten Mal. Er probt in Frankfurt die âFrankfurter Verlobungâ. In dem StĂŒck spielt er einen Alt-68er, und Joschka Fischer kommt zumindest indirekt auch vor. Was bei Frank Kienitz als nĂ€chstes auf dem Spielplan steht, ist ungewiss. Er hofft, dass er bald wieder ein Angebot bekommt. Klar ist nur, dass er demnĂ€chst wieder bei âKasimir und Karolineâ in ZĂŒrich und Berlin dabei ist. Das Drama bleibt sowieso fĂŒr immer sein LieblingstĂŒck. âIch brauche den Namen des StĂŒckes nur zu hören, dann kribbelts im Bauchâ, sagt er. âDas ist wie mit der ersten Liebe, die vergisst man nie.â