Zwei Große im Schauspielhaus

Der Schauspieler Edgar Selge und der Statist Frank Kienitz stehen im „Menschenfeind“ gemeinsam auf der BĂŒhne

(aus Hinz&Kunzt 122/April 2003)

„Ich will doch nur eins“, sagt Edgar Selge nachdrĂŒcklich, „um meiner selbst willen geliebt werden – und erfahre doch zu wenig Liebe.“ Ganz so persönlich, wie das jetzt klingen mag, meint Selge das allerdings nicht. Die Rede ist vom „Menschenfeind“, den der 54-JĂ€hrige gerade im Schauspielhaus gibt. Der Wunsch nach besonderer und einzigartiger Beachtung macht Alceste fast verrĂŒckt.

Besondere Beachtung erfĂ€hrt allerdings ein ganz anderer. Alcestes Diener, gespielt von dem Statisten Frank Kienitz, der hinten auf der BĂŒhne so groß ĂŒber die Kulissenhecke hinausragt, dass einem ganz unheimlich zumute wird. Frank Kienitz ist in diesen Minuten auch ganz mulmig. Ein leichtes GefĂŒhl der Panik beschleicht ihn, undeutlich zu sprechen, seinen Text zu vergessen oder gar seinen Einsatz zu verpassen. Als Alcestes Diener dringt er ein in diesen illustren Kreis, und der Zuschauer sieht, was er lĂ€ngst ahnt: Hier kommt ein ganz Großer. Frank Kienitz ist 2,20 Meter groß, und er spielt das Bindeglied zwischen der Außenwelt und dem Kreis um Alceste und CelimĂšne. „Ich bin das Sinnbild fĂŒr das Unheil, das ĂŒberall hereinkommt“, sagt Frank Kienitz. „Keine Abgeschiedenheit ist groß genug.“

Dass er wegen seiner GrĂ¶ĂŸe abschreckend wirkt, hat Frank Kienitz schon hĂ€ufig erlebt. „Die Menschen tuscheln, drehen sich nach mir um oder machen blöde SprĂŒche“, zĂ€hlt er seine Erfahrungen auf. Bis 1996 sind ihm solche Erlebnisse tief unter die Haut gegangen. 1996 ist sein persönliches Wendejahr: Der Groß- und Außenhandelskaufmann wurde fĂŒrs Theater entdeckt. Er suchte in einer Buchhandlung gerade ein Geburtstagsgeschenk fĂŒr seine Frau. Da sprach ihn der kĂŒnstlerische Leiter vom Schauspielhaus an, „ob ich nicht irgendwo mitmachen will“. Frank Kienitz, gewohnt, dass sich die Leute ĂŒber ihn lustig machten, wollte schon lospoltern.

Nach dem Motto: „Was wollen Sie von mir? Lassen Sie mich in Ruhe!“ Der 42-JĂ€hrige weiß immer noch nicht, was ihn damals geritten hat, dann doch nachzufragen
 Auch Edgar Selge ist gewissermaßen entdeckt worden. Als Kind. Im GefĂ€ngnis. Sein Vater war nĂ€mlich der Direktor, und die Gefangenen suchten noch Mitspieler in ihrem Theater. Der kleine Edgar war ideal, zumindest vor seinem Stimmbruch. Auf Frauenrollen war er abonniert. Und genoss es. HauptsĂ€chlich, weil er sich mal so richtig hervortun konnte. Denn ihn nervte, dass er bei seinen Ă€lteren BrĂŒdern keine Anerkennung fand.

„Immer wurde ich den Kleinen zugeschlagen.“ Komik und Imitation, das merkte das Kind schnell, „sind Waffen und gleichzeitig Eintrittskarten in die Welt der Älteren“. So schnell fuhr dem Jungen, seit er mit den Großen auf der BĂŒhne stand, jedenfalls „keiner mehr ĂŒbers Maul“. Bis fĂŒr Frank Kienitz das Gleiche galt, dauerte es ein Weilchen. Er ging also ins Schauspielhaus und fragte nach der Rolle. Einen Riesen sollte er spielen, ausgerechnet, neben Zwergen und VerkrĂŒppelten, in einer Inszenierung von „Kasimir und Karoline“. Und was er nie geglaubt hĂ€tte: „Es machte mir wahnsinnig Spaß.“ Auf einmal war es ihm egal, das zu spielen, worunter er sein Leben lang gelitten hatte. Das lag wohl am Regisseur, glaubt er. „Der hat mir nahegebracht: Warum sollte ich seltsamer oder unnormaler sein als andere?“

Ja, warum eigentlich? FrĂŒher, da hatte ihn seine GrĂ¶ĂŸe allerdings klein gemacht. Ließ ihn in Deckung gehen vor anderen Menschen. Am liebsten hĂ€tte er sich in ein Mauseloch verkrochen. Seine Eltern, beide auch sehr groß, konnten ihm nicht helfen, im Gegenteil. Ihre Devise: bloß nicht auffallen. Einmal, da wagte er den Ausbruch, nahm an einem Wettbewerb teil und ließ sich zum grĂ¶ĂŸten Mann kĂŒren. Aber die Eltern freuten sich nicht ĂŒber seinen Sieg, waren regelrecht sauer. Dabei hatte sich Frank so nach diesem Sieg gesehnt. Einmal jedenfalls wollte er belohnt und anerkannt werden. War wohl wieder nichts. Und so blieb er erst mal in seinem GefĂ€ngnis.

„GefĂ€ngnis“ – Edgar Selge lĂ€sst das Wort auf der Zunge zergehen. „Das ist ein GrundgefĂŒhl, das ich nicht mehr loswerde.“ Allein die Vorstellung, in einem Raum zu sitzen, der keine TĂŒrklinken hat, mit „schwedischen Gardinen“ vor den Fenstern. „Ich wusste als Kind schon, was es heißt, wenn die TĂŒr zugeschlossen wird und man nicht mehr rauskommt.“ Frank Kienitz hat sein GefĂ€ngnis inzwischen verlassen, weitgehend jedenfalls. Ausgerechnet der Riese in „Kasimir und Karoline“ hat ihm das ermöglicht. Inzwischen hat er noch andere kleine Rollen gespielt. Einen Vorzeitmenschen beispielsweise, seine erste Sprechrolle.

„Wir brauchen keinen Fortschritt“, sagt Kienitz – das waren seine Worte im StĂŒck, allerdings auch seine einzigen. Der Diener im „Menschenfeind“ ist fĂŒr ihn tatsĂ€chlich ein Fortschritt. Mehrere SĂ€tze muss er sprechen – und das auch noch in einem StĂŒck, mit dessen Protagonisten er sich total identifiziert. Edgar Selge, sagt er, spreche ihm als Mensch und Rolle direkt aus der Seele.

Selge schĂ€tzt den großen Mann ebenso: „Er hat etwas Kostbares, was einem als Berufsschauspieler unter der eigenen Rauheit und ProfessionalitĂ€t manchmal verloren geht.“

Besonders liebt Frank Kienitz den Satz: „Ich will erkannt und unterschieden sein.“ Das fordert Menschenfeind Alceste nicht nur von seiner CelimĂšne, sondern auch vom Rest der Welt. Frank Kienitz kann diese Worte auswendig, mindestens so gut wie seinen eigenen Text. Auch Edgar Selge liebt das StĂŒck. „Der Egoismus und der Wunsch nach besonderer Beachtung schlagen irgendwann in jeder Gesellschaft durch und bedrohen jede Gemeinschaft“, ist eine seiner Interpretationen. „Dem entkommt man nicht.“

Zum Schluss wĂŒnscht sich Alceste in die WĂŒste. Aber dieser Wunsch bleibt Illusion. „Es gibt keinen Wunsch, der außerhalb der Gesellschaft erfĂŒllbar wĂ€re“, sagt Selge. „Wir mĂŒssen miteinander zurechtkommen.“

Diesen in sich widersprĂŒchlichen Alceste dem Publikum nahezubringen, das versucht er bei jeder Vorstellung aufs Neue. Das ist ja der Reiz beim Theater: „Eine gute Premiere heißt noch gar nichts“, sagt er. „Bei jeder Vorstellung muss man die Zuschauer erwischen.“ In diesem StĂŒck ist der Anfang fĂŒr ihn die HĂŒrde. „Den wĂŒrde ich am liebsten zweimal hintereinander spielen.“ Dann dieses GlĂŒck, die Entspannung, wenn der Funke ĂŒbergesprungen und der Schlussapplaus aus vollem Herzen kommt. „Ich spĂŒre, ob die Zuschauer einem die Gedanken schon von der Stirn ablesen.“

Der Schlussapplaus ist auch der große Moment von Frank Kienitz, dem Statisten. „Wenn die Zuschauer klatschen, habe ich das GefĂŒhl, dass ein Teil davon mir gilt.“ Nach der Vorstellung entschwindet Edgar Selge wieder – bis zum nĂ€chsten Mal. Er probt in Frankfurt die „Frankfurter Verlobung“. In dem StĂŒck spielt er einen Alt-68er, und Joschka Fischer kommt zumindest indirekt auch vor. Was bei Frank Kienitz als nĂ€chstes auf dem Spielplan steht, ist ungewiss. Er hofft, dass er bald wieder ein Angebot bekommt. Klar ist nur, dass er demnĂ€chst wieder bei „Kasimir und Karoline“ in ZĂŒrich und Berlin dabei ist. Das Drama bleibt sowieso fĂŒr immer sein LieblingstĂŒck. „Ich brauche den Namen des StĂŒckes nur zu hören, dann kribbelts im Bauch“, sagt er. „Das ist wie mit der ersten Liebe, die vergisst man nie.“

Birgit MĂŒller

Betreuen, verfolgen, sperren

Eine kleine Chronik der Arbeitsmarktpolitik

(aus Hinz&Kunzt 122/April 2003)

27. Februar

„Suche eine Herausforderung“, schreibt ein Arbeitsloser nach 120 erfolglosen Bewerbungen auf ein Plakat und mietet eine drei mal dreieinhalb Meter große WerbeflĂ€che an der Ost-West-Straße. Kosten der ungewöhnlichen Anzeige des 34-jĂ€hrigen Werbekaufmanns: 550 Euro. Resonanz: 120 Anrufe, „fast durchgĂ€ngig von Medienvertretern“, sowie 60 bis 70 Arbeits-Angebote per E-Mail, „dabei acht von zehn auf freiberuflicher Basis, etwa als Finanzberater“. Zwischenstand vier Wochen spĂ€ter: „Bei zwei bis drei Sachen bin ich im Endspurt.“

Ein anderer Arbeitsloser versteigert sich im Internet und verkĂŒndet das per Pressemitteilung, um auf seine Qualifikation als Kommunikationswirt aufmerksam zu machen. Der Fernsehkanal „Neun Live“ kĂŒndigt einen „inhaltlichen QualitĂ€tssprung“ an: Er will in einer neuen Show Arbeitslose vermitteln.

1. MĂ€rz

Unter dem Titel „Arbeit ist fĂŒr alle da“ erscheint das Buch von Florian Gerster, Chef der Bundesanstalt fĂŒr Arbeit (BA). „Neue Wege in die VollbeschĂ€ftigung“ (Untertitel), so die Kritiker, zeige das Buch aber nicht.

12. MĂ€rz

BA-Chef Gerster bezeichnet den Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit als „Illusion“. „Das kann man sich nicht bei vielen Menschen leisten“, so der Behörden-Leiter auf einer Veranstaltung. Je nach Statistik gelten ein Drittel bis die HĂ€lfte aller 4,7 Millionen Menschen ohne Job als langzeitarbeitslos. CSU-Chef Edmund Stoiber fordert, die Sozialhilfe fĂŒr ArbeitsfĂ€hige um 25 Prozent zu kĂŒrzen – ein Alleinstehender ohne Job mĂŒsste dann von rund 230 Euro monatlich leben. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Sozialhilfeinitiativen teilt mit, dass sie aus Geldnot ihre Arbeit einstellen muss. Ihr wurden die BundeszuschĂŒsse gestrichen.

14. MĂ€rz

„Niemandem wird kĂŒnftig gestattet sein, sich zulasten der Gemeinschaft zurĂŒckzulehnen“, sagt Bundeskanzler Gerhard Schröder in seiner RegierungserklĂ€rung und kĂŒndigt massive KĂŒrzungen an: Arbeitslose bis 55 Jahre sollen nur noch zwölf Monate, Ältere nur noch 18 Monate Arbeitslosengeld erhalten.

Derweil wachsen die Haushaltslöcher bei der BA mit den Arbeitslosenzahlen. Bis Ende Februar hat die Behörde 1,5 Milliarden Euro mehr ausgegeben als eingenommen, so der „Tagesspiegel“. Im Vorjahr habe das Minus zum gleichen Zeitpunkt bei 666 Millionen Euro gelegen.

17. MĂ€rz

Das Arbeitsamt LĂŒbeck lĂ€sst nach Alkohol riechende Arbeitslose kĂŒnftig pusten. Wer mehr als 0,5 Promille im Blut hat, bekommt die Hilfe fĂŒr den Tag gekĂŒrzt. BegrĂŒndung: Er sei „nicht arbeitsfĂ€hig“. Weigert sich ein Betroffener, zum Amtsarzt zu gehen, streicht ihm das Amt fĂŒr zwei Wochen die UnterstĂŒtzung.

Kritiker zweifeln an der RechtmĂ€ĂŸigkeit des Vorgehens, ein Sprecher des Hamburger Arbeitsamts hĂ€lt von dem Vorgehen wenig: „Wir wollen die Leute nicht drangsalieren.“ Am gleichen Tag stellen gewerkschaftlich organisierte Arbeitsamts-Mitarbeiter eine ErklĂ€rung ins Internet. Da die BA dieses Jahr Arbeitslosengeld-Einsparungen in Höhe von 2,89 Milliarden Euro fordere, laute das neue amtsinterne Zauberwort „Verfolgungsbetreuung“. Jede Möglichkeit zur VerhĂ€ngung von Sperrzeiten solle genutzt werden. „Es werden Hitlisten eingerichtet mit dem Ziel zu schauen, wer in welcher Zeit wie viele Sperrzeiten verhĂ€ngt.“

18. MĂ€rz

Nach PlĂ€nen des Wirtschaftsministeriums sollen Arbeitslose unter 25 Jahren, die einen Job oder eine Weiterbildung verweigern, die Hilfe komplett gestrichen bekommen. Im Gegenzug erklĂ€rt die Regierung nicht zum ersten Mal, sie wolle jedem jungen Menschen zu einem Arbeits- oder Ausbildungsplatz verhelfen. Derzeit sind bundesweit 580.000 junge Leute arbeitslos gemeldet. Die Zahl der Lehrstellen sinkt, bundesweit fehlen dieses Jahr mindestens 100.000 AusbildungsplĂ€tze. Wegen der KĂŒrzungen bei der ĂŒberbetrieblichen Ausbildung fallen vermutlich weitere 80.000 Lehrstellen weg.

Ulrich Jonas

Neustart: Ali Turans teurer Name

Das wahre MĂ€rchen vom großen Konzern, der einen kleinen Mann um seinen Nachnamen bitten musste

(aus Hinz&Kunzt 122/April 2003)

„Bezahlen Sie einfach mit Ihrem guten Namen!“ Dieser Werbeslogan hat fĂŒr Ali Turan aus Rothenburgsort seit ein paar Wochen einen neuen Klang. Genau genommen seit der Weltkonzern Volkswagen seine neue Familienkutsche vorgestellt hat und dafĂŒr ihm, dem 26-jĂ€hrigen AutoteilehĂ€ndler, eine sechsstellige Summe bezahlen muss. Denn das Auto heißt fast so wie Ali – und der hatte seinen Familiennamen in allen Varianten schĂŒtzen lassen, so wie das sonst die Werbe- und Marketingstrategen der großen Konzerne tun.

Dabei ist der 26-jĂ€hrige Ali Turan alles andere als ein „Global Player“, sondern ziemlich „local“. Denn seine Firma mit kleinem Verkaufsraum, vollgeparktem Hof und Werkstatt ist ein Ort, wo man mit einem Auto samt seiner Beulen und Macken gut aufgehoben ist. Im Regal liegen Scheinwerfer, Batterien und andere Ersatzteile. Der Chef, eher klein und krĂ€ftig, im dunklen Anorak, umrundet den Verkaufstresen, begrĂŒĂŸt einen Kunden und geht mit ihm auf den Hof. Sekunden spĂ€ter beugt er sich sich fachmĂ€nnisch ĂŒber eine geöffnete Motorhaube. Hinten in der kleinen Halle steht ein ausgebauter Motorblock neben einem aufgebockten Golf, an einem Mercedes beulen zwei junge MĂ€nner in blauen Overalls gerade die TĂŒr aus, daneben lernt ein Azubi, ein Rad zu wechseln. Mit der chromglĂ€nzenden Werbewelt, in der Autos wie fliegende Teppiche ĂŒber kurvige Panoramastraßen gelenkt werden, hat das hier nichts zu tun.

1998 ĂŒbernahm Ali die Werkstatt von seinem Vater – da hatte er seine Einzelhandelskaufmann-Lehre gerade beendet und liebĂ€ugelte mit einem Betriebswirtschaftsstudium. Die erste Zeit als Chef war alles andere als leicht: „Ich hatte Ärger mit dem Finanzamt, die wollten eine riesige Steuernachzahlung von mir – mehr als ich bis dahin je verdient hatte.“ Schließlich pfĂ€ndeten sie alle Konten, „und dann kamen noch GerĂŒchte auf, die Werkstatt Turan wĂŒrde schlecht arbeiten.“ Er ging den GerĂŒchten nach und stellte fest, „dass es nicht um uns ging, sondern um eine andere Werkstatt, die Touran heißt.“

Kein Wunder eigentlich, denn in der TĂŒrkei, aus der Alis Eltern stammen, ist der Name ungefĂ€hr so verbreitet wie Mayer und Meyer. Ali beschloss, seinen Familiennamen schĂŒtzen zu lassen. Den Tipp hatte ihm ein Schulfreund gegeben. Als dann im MĂ€rz 2002 ein Fax von VW kam, hielt er das fĂŒr einen Scherz dieses Freundes. „Ich habs einfach weggeschmissen.“ Doch ein paar Tage spĂ€ter hatte er einen Brief aus Wolfsburg in den HĂ€nden: Wir freuen uns, Ihnen mitzuteilen, dass wir planen, unseren neuen Van „Touran“ zu nennen. Als Gegenleistung fĂŒr die Rechte an Ihrem Namen bieten wie Ihnen ein Auto an. Etwas in der Art schrieben sie ihm. „Ich habe abgelehnt, schließlich stehen hier genug Autos auf dem Hof.“

Ali Turan grinst, und man ahnt, dass er kein einfacher Verhandlungspartner ist. VW wurde das erst langsam klar. Der Mann mit dem potenziellen Markennamen fuhr nĂ€mlich einfach in den Urlaub, nachdem er Angebote von 3000 bis 30.000 Euro kurzerhand ausgeschlagen hatte. „Mein Name ist mir einfach mehr wert“, versichert Ali Turan. Dabei guckt er nicht nur treuherzig, sondern meint das wirklich ernst. „Mir ist nicht egal, wo ĂŒberall Turan drauf steht, bei einem Staubsauger hĂ€tte ich das fĂŒr kein Geld der Welt gemacht!“

Im Urlaub bekam er plötzlich Anrufe von VW-Mitarbeitern, die TĂŒrkisch sprachen – was ĂŒberflĂŒssig war, denn der Mann mit dem tĂŒrkischen Allerweltsnamen spricht fließend Hamburgisch. Experten könnten vielleicht sogar heraushören, dass er in Rothenburgsort geboren und aufgewachsen ist. Irgendwann im Laufe des Sommers ist es wohl auch in Wolfsburg klar gewesen, dass man sich entweder nach einem anderen Namen umsehen sollte oder endlich ein handfesteres Angebot auf den Tisch legen muss. Man kann darĂŒber nur mutmaßen – denn VW spricht nicht darĂŒber. Jedenfalls hat Ali Turan im vergangenen August einen Vertrag unterschrieben, in dem er eine sechsstellige Summe fĂŒr seinen Namen bekommt. Wie hoch sie genau ist, darf er nicht sagen.

Ist er jetzt ein reicher Mann, der seine Werkstatt demnĂ€chst zumacht und in die Sonne fliegt? UnglĂ€ubig schaut er einen an, dann beschreiben seine krĂ€ftigen HĂ€nde einen großen, unbestimmten Kreis, der von den Azubis bis zu den Ersatzbatterien reicht: „Ohne Arbeit? Das ist nichts fĂŒr mich, ich kann ĂŒberhaupt nicht still sitzen.“ Nein, auch den alten Traum vom Studium wolle er nicht unbedingt verwirklichen. „Gerade weil das Geld wie ein Geschenk gekommen ist, will ich etwas Solides damit machen.“

Erst mal hat er seine Schulden bezahlt und „einen riesigen Fernseher gekauft“. Bei diesem Satz grinst er wie ein Kind, das einen Bonbonladen plĂŒndern durfte. Aber gleich sieht er wieder aus wie ein erwachsener Mann, spricht davon, dass er sich Immobilienangebote unterbreiten lasse, um vielleicht doch wegzuziehen aus der Eiffestraße, „irgendwohin ins GrĂŒne“. Weil das besser sei fĂŒr seinen Sohn.

WĂ€hrend er erzĂ€hlt, kommen immer wieder Leute rein, Kunden und Angestellte, er grĂŒĂŸt, lacht, stellt Fragen und gibt Antworten auf TĂŒrkisch und Deutsch. Offensichtlich ist er auch fĂŒr seine Leute kein anderer geworden. Muss er jetzt Schnorrer und Schmeichler fĂŒrchten? Wieder ein verstĂ€ndnisloser Blick und eine knappe Antwort: „Mit solchen Leuten bin ich nicht befreundet!“ Doch ja, natĂŒrlich kĂ€men jetzt manchmal Bittbriefe oder dubiose Geldanlage-Angebote. Aber Ali Turan bleibt gelassen: „Ich werde erst spenden, wenn ich etwas gefunden habe, bei dem ich sicher bin, dass es solide ist und das Geld was bewirkt.“ Ansonsten vielleicht etwas mehr Urlaub als bisher. „Aber nicht zu lange, sonst suche ich mir dort eine Werkstatt und arbeite da ein bisschen mit“, lacht er. Sein Unternehmen ausbauen? „Vielleicht ein bisschen, aber nicht zu groß, das macht nur Probleme.“

Offensichtlich sind Ali Turans TrĂ€ume lĂ€ngst nicht so groß und teuer, wie das, was sich Marketingstrategen bei VW fĂŒr ihre Werbespots ausdenken. Deshalb konnte der AutoteilehĂ€ndler aus Rothenburgsort auch ganz gelassen mit dem Weltkonzern aus Wolfsburg verhandeln.

Sigrun Matthiesen

Freiheit: Jugendliche machen Hinz & Kunzt!

(aus Hinz&Kunzt 121/MĂ€rz 2003 – Die Jugendausgabe)

Wahnsinn! Eine ganze Ausgabe nur fĂŒr uns! Die Idee, eine Hinz&Kunzt herauszubringen, die nur von Jugendlichen gestaltet werden sollte, mussten wir einfach wieder aufgreifen. Genau vor einem Jahr hatte es die erste Ausgabe dieser Art gegeben.

Gedacht, gesagt, getan. Ende September ging es los. Wir beiden Zivis hatten freie Hand – und ĂŒbernahmen kommissarisch die Chefredaktion. Erst mal mussten wir Leute finden, die Lust hatten, mitzuschreiben. Wir terrorisierten Hamburgs Bildungsinstitutionen mit Briefen, E-Mails und Telefonaten und mobilisierten zusĂ€tzlich unseren Freundeskreis.

Dann hieß es auf das erste Treffen warten. StĂ€ndigschwankten wir zwischen der Sorge, es könnten zu wenige da sein, und der BefĂŒrchtung, man wĂŒrde uns die Bude einrennen.

Ende Oktober drĂ€ngten sich dann 13 Jugendliche zwischen 17 und 22 Jahren im Besprechungsraum! SchĂŒler, Zivis, Studentinnen und jemand, der gerade sein Freiwilliges Soziales Jahr macht. Ein Haufen ziemlich netter Leute, wie wir schnell feststellten. Kathi, Jana Jungclaus und Philipp, wir waren sogar WiederholungstĂ€ter aus dem letzten Jahr.

Nach dem ersten Treffen waren wir völlig euphorisch: Freiheit sollte, nein musste das Thema sein! Anders als in der letzten Jugendausgabe: Musik und Kunst spielten eine zentrale Rolle. Außerdem wollten wir auch den aktuellen Teil selbst schreiben. Na ja, ganz durchgehalten haben wir’s nicht. Ein paar Meldungen musste die alte Redaktion beisteuern.

Dann die ErnĂŒchterung: Die Unmengen an ArtikelvorschlĂ€gen ließen sich nicht in ein Heft von 48 Seiten quetschen. Da fĂŒhlte es sich schon ein bisschen komisch an, plötzlich in der Rolle des „Chefs“ zu stecken und Artikel rausschmeißen zu mĂŒssen. Gott sei Dank waren wir zu zweit! Wenn der eine mal ĂŒberfordert war, sprang der andere in die Bresche.

Weniger einschrĂ€nken ließ sich der Verlauf der Sitzungen. Nach den Treffen mussten wir regelmĂ€ĂŸig feststellen, dass unsere Tagesordnung wieder einmal gesprengt worden war. Die kontroversen Diskussionen brauchten einfach mehr Raum.

Mit Sonja SchĂ€fer und Tobias IndermĂŒhle hatten wir neben unserem Hausfotografen Mauricio Bustamante zwei junge Fotografen dabei, die uns tolle Bilder zum Thema lieferten. Richtig spannend wurde es, als die fertigen Artikel bei uns eintrafen. Jetzt zeigte sich schwarz auf weiß, was bisher nur Ideen gewesen waren.

Endlich halten wir die fertige Jugendausgabe in den HĂ€nden. Sicherlich nicht die letzte!

Philipp Ratfisch und Jan-Malte Ambs

Kahlschlag bei Azubis

Behörde will PlĂ€tze fĂŒr benachteiligte Jugendliche kappen

(aus Hinz&Kunzt 121/MĂ€rz 2003 – Die Jugendausgabe)

AusbildungsplĂ€tze sind rar. Doch die Behörde fĂŒr Bildung und Sport will die Zahl außerbetrieblicher Lehrstellen in der Jugendberufshilfe drastisch abbauen. Bis 2006 sollen etwa die HĂ€lfte der derzeit 400 PlĂ€tze gestrichen werden. Außerdem plant die Behörde, die Zuwendungen pro Ausbildungsplatz um mehr als ein Drittel zu kĂŒrzen. Stattdessen will die Stadt vermehrt berufsvorbereitende Maßnahmen fördern, die maximal zwei Jahre dauern und kostengĂŒnstiger sind. Auch so genannte „Ausbildungskooperativen“, bei denen Jugendliche in Betrieben des ersten Arbeitsmarktes betreut werden, sollen ausgeweitet werden.

Stark betroffen von der Umstellung sind die „autonomen jugendwerkstĂ€tten hamburg“ (ajw). Sie bieten AusbildungsplĂ€tze fĂŒr sozial benachteiligte Jugendliche, denen der Schulabschluss fehlt, die eine Drogenkarriere hinter sich haben oder deren Eltern Alkoholiker sind. Solche Jugendlichen haben meist keine Chance auf eine Lehrstelle in gewöhnlichen Betrieben – und sie brauchen UnterstĂŒtzung. Bei den ajw steht deshalb neben einer qualitativ guten Ausbildung auch die soziale Festigung der Jugendlichen im Vordergrund.

In den kleinen, familiĂ€r gehaltenen WerkstĂ€tten kĂŒmmern sich jeweils zwei Handwerker und ein PĂ€dagoge um sie. 100 AusbildungsplĂ€tze bieten die ajw an – noch. Dem Plan der Behörde zufolge sollen in drei Jahren nur noch 50 ĂŒbrig sein. Die anderen 50 werden voraussichtlich in berufsvorbereitende Maßnahmen umgewandelt.

„Wenn die PlĂ€ne umgesetzt werden, verdient die Jugendberufshilfe ihren Namen nicht mehr“, empört sich ajw-GeschĂ€ftsfĂŒhrerin Gisela Wald. Eine Stabilisierung der Jugendlichen innerhalb von drei Jahren werde nicht mehr möglich sein, da der BetreuungsschlĂŒssel durch die KĂŒrzungen dras-tisch verschlechtert werde. „Wir werden wahrscheinlich fĂŒnf unserer acht WerkstĂ€tten schließen mĂŒssen“, so Wald.

Der Leiter des Amtes fĂŒr Berufliche Bildung und Weiterbildung, Achim Meyer auf der Heyde, begrĂŒndet die KĂŒrzungen mit der „angespannten ökonomischen Lage“. Die Umschichtungen zielten auf eine stĂ€rkere BetriebsnĂ€he, wie es auch die Hartz-Kommission angeregt habe, so der Leiter. „Außerdem werden durch die Umschichtungen 230 Jugendliche mehr gefördert als bisher“, so Meyer auf der Heyde.

In den Ohren von Gisela Wald klingt das zynisch. Viele der Auszubildenden bei den ajw hĂ€tten bereits berufsvorbereitende Maßnahmen hinter sich, sagt die GeschĂ€ftsfĂŒhrerin. „Sie sind bei uns, weil sie auf dem ersten Arbeitsmarkt keinen Ausbildungsplatz bekommen haben.“ Sie fĂŒrchtet, dass diese Jugendlichen vollstĂ€ndig aus dem Hilfesystem herausfallen könnten. „Die Folgekosten fĂŒr die Gemeinschaft“, so Wald, „sind höher als die fĂŒr die Jugendberufshilfe.“

Philipp Ratfisch

Man kann nichts verÀndern? Von wegen!

FĂŒnf Beispiele, wie gemeinnĂŒtzige Arbeit und Spaß zusammenpassen

(aus Hinz&Kunzt 121/MĂ€rz 2003 – Die Jugendausgabe)

Es ist ein verregneter Samstagnachmittag, als das Telefon klingelt. Martin G. (20) nimmt ab, und am anderen Ende meldet sich ein junges MĂ€dchen, das von ihren besten Freunden verraten wurde. Martin macht bei „Jugendliche beraten Jugendliche“ mit, einem Projekt des Jugendseelsorgetelefons.

Jeden Samstag beraten jeweils zwei Jugendliche die Anrufenden. „Die Probleme lassen sich natĂŒrlich nicht so schnell aus dem Weg rĂ€umen. Aber es ist schon ein großer und wichtiger Schritt, ĂŒber seine Sorgen zu sprechen“, erlĂ€utert Martin. „Manche Jugendliche haben absolut niemanden zum Reden, dann sind wir da!“

Bevor sich die Jugendlichen als verstĂ€ndnisvolle Zuhörer bewĂ€hren dĂŒrfen, mĂŒssen sie eine 13-stĂŒndige Ausbildung absolvieren. „Durch Rollenspiele und Gruppenarbeiten bereiten wir uns auf den Job vor“, so Martin. Er ist schon lĂ€nger dabei und fĂŒhlt sich immer wieder „gut, anderen helfen zu können“. Praktisch ist die Beratung fĂŒr ihn auch deshalb, weil er spĂ€ter einen PĂ€dagogenberuf ausĂŒben möchte.

Das Projekt ist eine Light-Version ehrenamtlicher Arbeit, denn die Jugendlichen beraten lediglich einmal im Monat. Doch deswegen ist es nicht minder bemerkenswert. „Man gewinnt ungeheuer an Erfahrung und lernt nach manchen GesprĂ€chen fĂŒr sein eigenes Leben dazu“, findet Martin.

FĂŒr das Leben anderer setzt sich die amĂŒsante Truppe der ,,Blutigen Vampire“ vom Jugendrotkreuz (JRK) ein. Auf Großveranstaltungen erkennt man die vierköpfige Gruppe leicht an der roten JRK-SanitĂ€ter-Jacke. Hin und wieder kommt es dort zu EinsĂ€tzen, oder es stehen Seminare und Schulungen an. Da passiert es schon mal, dass sie sich am Samstagmorgen um acht Uhr treffen oder ein ganzes Wochenende mit dem JRK unterwegs sind. Ansonsten treffen sie sich jeden Dienstag zur Gruppenbesprechung.

Doch „nur Arbeit ist das bei uns natĂŒrlich nicht, oft ist es witzig und entspannt“, erzĂ€hlt Torge Meister (19). Das sei einer der GrĂŒnde, warum er sich als SanitĂ€ter engagiere. Außerdem sei es faszinierend zu lernen, wie man Menschen in Notsituationen helfen kann. „Ich will Leute kennen lernen, Neues ausprobieren und einfach in einer Gruppe mitwirken“, fasst HĂŒlya (16), die aufgeweckteste der Truppe, ihre Motivation zusammen. „Bei uns kommt noch hinzu, dass wir durch die Arbeit hier nicht zum Bund mĂŒssen“, spricht Torge fĂŒr sich und seinen Bruder Arne (16). Stolz sind die 16- bis 19-JĂ€hrigen auf die viertĂ€gige „Kinderstadt“ im vergangenen Jahr, bei der sie mit anderen DRKlern Berufe vorstellten.

Ebenso auf die WettkĂ€mpfe, die regelmĂ€ĂŸig stattfinden. „Einmal wurden wir sogar Zweiter!“, erzĂ€hlt Gruppenleiterin Jennifer Trojack (17). In den WettkĂ€mpfen, die regional, bundesweit und international stattfinden, geht es um Erste Hilfe, aber auch um das Schminken von Wunden und BrĂŒchen. „Das ist eine besondere Aufgabe unserer Gruppe, deshalb der Name ‚Die blutigen Vampire‘“, erklĂ€rt Jennifer.

Zwar in keiner gemeinnĂŒtzigen Organistation, aber trotzdem engagiert sind Robert und Martin. Sie sind Teil einer Gruppe, die im Autonomen Jugendhaus (AJH) in Bargteheide Angebote fĂŒr Jugendliche macht. Die Filmabende, Essensausgaben, Partys oder auch politischen Vor- trĂ€ge werden von Jugendlichen organisiert – ohne Hilfe der Stadt. Martin Trautvetter (22), schon seit acht Jahren beim AJH, erklĂ€rt: ,,Wir geben keine Richtung vor. Bei uns wird alles gemixt, Jugendliche mit unterschiedlichen ethnischen HintergrĂŒnden, Kultur und die Musik.“ Dieses Konzept geht auf, denn schon seit 18 Jahren kommen Jugendliche ins AJH.

Robert (18) sieht sein Engagement als selbstverstĂ€ndlich an: ,,Wenn man was erreichen will, dann muss man eben auch aktiv sein.“ Er und seine Mitstreiter sind nicht hauptsĂ€chlich an ihrem eigenen VergnĂŒgen interessiert, sondern wollen Jugendlichen etwas bieten. Die politische Jugendgruppe BASTA!, die sich regelmĂ€ĂŸig im AJH trifft, nimmt an Antikriegs- oder Antifaschismus-Demonstrationen teil oder lĂ€dt Redner ein, jetzt etwa zwei FlĂŒchtlinge aus Afghanistan.

Allerdings soll das leerstehende Haus, das die Jugendlichen gemĂŒtlich eingerichtet haben, nun einem Neubaugebiet weichen. Eine angemessene Alternative gibt es noch nicht. „Wir wissen, dass wir selber aktiv werden mĂŒssen, wenn wir etwas finden wollen. Mit grĂ¶ĂŸeren RĂ€umlichkeiten könnten wir noch viel mehr machen“, sagt Martin.

Eine etwas andere Jugendarbeit leistet der Jugendarbeiter-Kreis (JAK) aus Hamm vom Volksbund Deutsche KriegsgrĂ€berfĂŒrsorge. Die Mitglieder haben es sich zur Aufgabe gemacht, Friedensarbeit zu leisten und sich um KriegsgrĂ€ber zu kĂŒmmern, die als Mahnmal fĂŒr die Ewigkeit gedacht sind und somit Pflege benötigen. „Der Grabpflege dienen Workcamps fĂŒr Jugendliche“, erzĂ€hlt Christian (23), ein langjĂ€hriger JAKler. Sie finden in vielen LĂ€ndern statt. „Ein paar Stunden am Tag wird geschuftet, dafĂŒr ist der Preis gering.

Abends sind Party oder Kultur angesagt!“, sagt Leif Langberg (25). Wenn die Jugendlichen nicht gerade in Camps mitwirken, unterstĂŒtzen sie den „Erwachsenen“-Volksbund, veranstalten Bildungsseminare im In- und Ausland oder gestalten Feiern.

„Man lernt viele LĂ€nder kennen und findet Freunde auf der ganzen Welt. Das motiviert weiterzumachen!“, freut sich Patrick Neubauer (17), und Borislav Dinav (25) ergĂ€nzt: „Es ist toll, Wissen zu vermitteln, Neues zu lernen und sich gleichzeitig fĂŒr den Frieden einzusetzen.“

Auch Lisa Reichmann (15) befand sich unter hunderten Jugendlichen aus aller Welt: Bei einem einwöchigen Camp wĂ€hrend des Urwald-Gipfels in Den Haag kĂ€mpfte sie fĂŒr den Erhalt des Urwaldes – eine Aktion von Greenpeace. Das selbstbewusste MĂ€dchen ist dort schon seit anderthalb Jahren in einer Jugend-Arbeitsgemeinschaft. ,,Mir ist es wichtig, dass ich mich fĂŒr die Zukunft einsetze, bevor es zu spĂ€t ist, denn so, wie es ist, kann es nicht weitergehen.“ Aus diesem Grund setzt sie sich mit Informationsveranstaltungen, Demonstrationen oder Mahnwachen fĂŒr den Umweltschutz ein. „Vom Nichtstun Ă€ndert sich eben nichts und vom ewigen Motzen schon gar nicht.“ Besonders am Herzen liegen ihr Energie- und Klimathemen. Wichtig ist ihr, dass sie nicht nur protestiert, sondern auch sinnvolle GegenvorschlĂ€ge anbieten kann. Aus diesem Grund wird auch eine neue internationale Jugendkampagne gestartet, die „Solargeneration“.

Trotz des Engagements ist Lisa enttĂ€uscht ĂŒber die geringe Teilnahme anderer Jugendlicher. Dass sich in Deutschland nur rund 400 Jugendliche bei Greenpeace engagieren, fĂŒhrt sie auf den geringen Informationsstand, aber auch auf die falsche PrioritĂ€tensetzung vieler zurĂŒck. ,,Die Leute mĂŒssen aufgerĂŒttelt werden. Man muss nicht andere ĂŒber die eigene Zukunft entscheiden lassen, wenn man durch aktive Beteiligung etwas retten kann. Je mehr sich engagieren, desto mĂ€chtiger ist man!“

Imke Bredehöft und Jana Kischkat

Schafe, SeebÀren, 1000 Steine

Die drei ungewöhnlichsten Dienststellen fĂŒr Zividienst und das Freiwillige Soziale Jahr

(aus Hinz&Kunzt 121/MĂ€rz 2003 – Die Jugendausgabe)

Es ist heiß an Bord, wahnsinnig heiß. Der Boden in dem kleinen, in gelb und braun gehaltenen Raucherzimmer scheint leicht schrĂ€g zu sein. An der Wand hĂ€ngt eine vergilbte Weltkarte. Die Sowjetunion ist zu sehen, Deutschland ist noch geteilt. Die umlaufenden, mit khakifarbenem Stoff ĂŒberzogenen Couchen sind durchgesessen. Auf dem niedrigen Tisch liegt ein abgegriffenes Backgammon-Spiel. Annika KĂ€mling zeigt den vereinzelt hereinkommenden russischen Seeleuten eine BroschĂŒre vom Hamburger Seemannsclub „Duckdalben“ und beantwortet geduldig die in schlechtem Englisch vorgetragenen Fragen.

Es ist ihr erster Schiffsbesuch an diesem Tag. Der etwas schĂ€big aussehende russische Öltanker hatte gleich ihre Neugier geweckt. Ob man im Seemannsclub Telefonkarten kaufen könne oder wie dort der Wechselkurs des Dollars sei, fragen die Matrosen. Einer bietet an, uns das Schiff zu zeigen. Unsere Fotografin Sonja und ich folgen gespannt. Mehr als eine halbe Stunde spĂ€ter, nachdem wir – kindlich begeistert – durch die KombĂŒse und den Maschinenraum bis hoch zur BrĂŒcke gefĂŒhrt worden sind, kommen schließlich fĂŒnf Seeleute mit in den Kleinbus, der uns zum „Duckdalben“ bringt.

Die persönliche Entscheidung fĂŒr den Zivildienst und ganz besonders fĂŒr ein Freiwilliges Soziales oder Ökologisches Jahr hĂ€ngt stark von der AttraktivitĂ€t der Dienststelle ab. Wirklich ungewöhnliche, fast schon exotische Dienststellen sind selbst in Hamburg schwer zu finden. Aber es gibt sie.

Annika hat die Entscheidung, beim „International Seamen’s Club Duckdalben“ ihr Soziales Jahr zu machen, nicht bereut. Im Gegenteil: „Ich wĂŒrde am liebsten mein ganzes Leben dort arbeiten“, sagt das MĂ€dchen mit den roten Haaren voller Überzeugung. Seeleute aller Nationen, vor allem Filipinos, Chinesen, Inder und Ägypter, nutzen die kurze Zeit ihres Hafenaufenthalts, um im Seemannsclub zu entspannen.

Die Besucher erwartet ein breit gefĂ€chertes Angebot an Freizeitmöglichkeiten: vom obligatorischen Clubraum mit Bier- und Kaffeetresen ĂŒber Tischtennis, Billard und Kicker, Möglichkeiten zum weltweiten Telefonieren bis hin zur internationalen Bibliothek und einem multireligiösen Andachtsraum ist fast alles dabei. Das Schönste an ihrer Arbeit sei, sagt Annika, sich mit so vielen unterschiedlichen Menschen austauschen zu können und die unterschiedlichen Meinungen ĂŒber das Leben mitzubekommen. Vier HeiratsantrĂ€ge von gestandenen SeebĂ€ren hat die 20-JĂ€hrige auch schon erhalten: „Aber die fahren in den nĂ€chsten Hafen und erzĂ€hlen dem erstbesten MĂ€dchen das gleiche.“

Szenenwechsel. Johannes Schley steht mit einem Eimer voll Futter mitten auf einer grĂŒnen Wiese. Umringt von Dörthe, Mollie und Maxi. Insgesamt sind es acht Schafe, prĂ€zise gesagt acht rauwollige Pommersche Landschafe, die sich noch etwas scheu um ihre morgendliche Essensration drĂ€ngeln. Johannes wollte seinen Zivildienst auf jeden Fall draußen verbringen. Die wenigen Zivildienststellen im Umweltschutz waren bereits vergeben, und so entschied er sich fĂŒr ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) beim Umweltzentrum Karlshöhe. Zu seinen SchĂŒtzlingen gehören neben den Schafen noch zwei Ziegen, 17 HĂŒhner und zwei GĂ€nse. Im MĂ€rz kommen dann noch ein paar LĂ€mmer dazu, wahrscheinlich sechs. „Und die Ziege ist auch schon ganz eckig“, zeigt Johannes.

Man mĂŒsse sich dreckig machen können, dĂŒrfe keine Angst vor Tieren haben, gerne mit Kindern arbeiten und eine Vorliebe fĂŒrs Handwerkliche haben. Dies sind die wichtigsten Voraussetzungen fĂŒr seine Arbeit, meint Johannes. Im Sommer macht er pro Woche drei bis vier FĂŒhrungen fĂŒr Kinder. „Das sind immer mehr als 20 kleine MĂ€nnchen. Auf die muss man gut eingehen können“, sagt er. Kardieren, Filzen, Weben, Spinnen und FĂ€rben der eigenen Schafswolle sind typische BeschĂ€ftigungen, die der FÖJler zusammen mit Schulklassen macht. Sich selbst hat er bereits einen stilechten SchĂ€ferhut gefilzt. Bis zum Ende seiner Dienstzeit will er eine komplette SchĂ€fergarderobe fĂŒr sich geschneidert haben.

ZurĂŒck in die Stadt. Erst nachts um 1.30 Uhr Feierabend zu haben, ist fĂŒr Sasha Hoferichter nichts Ungewöhnliches. Den Freitagabend verbringt er meist auf Rockkonzerten, bei Breakdance-Acts oder Hip-Hop-Jams – und das beruflich. Sasha ist Zivildienstleistender beim Jugendmusikzentrum „Trockendock“, das zum Verein „Lass 1000 Steine rollen!“ gehört. Wir finden Sasha hinterm Tresen des hauseigenen CafĂ©s. An der Wand hĂ€ngt unĂŒbersehbar der Hinweis, dass kein Alkohol ausgeschenkt wird. „Rock statt Drogen“ ist das Motto von „Lass tausend Steine rollen!“, und der Erfolg des Projekts zeigt, dass sich junge Leute durchaus darauf einlassen. Das Trockendock bietet den 15- bis 25-jĂ€hrigen Besuchern neben den regelmĂ€ĂŸigen Veranstaltungen ÜbungsrĂ€ume fĂŒr Bands, gĂŒnstigen Unterricht an diversen Instrumenten und offene Angebote wie DJ-Training oder Freestyle-Rap.

FĂŒr Sasha, der selber Gitarre spielt, ist die Zivi-Stelle ein GlĂŒcksgriff. Durch den Austausch mit den jungen Musikern und – in seiner Freizeit – die Beteiligung in den unterschiedlichsten Bands entwickele er sich musikalisch stĂ€ndig fort. „Ich spiele jetzt auch Schlagzeug in einer Band“, erzĂ€hlt er begeistert, „und das bringt einen natĂŒrlich voran, wenn man mal was ganz anderes macht.“ Gerade habe er auch bei einer Reggae-Formation mitgespielt und damit in ein Genre hineingeschnuppert, das ihm vorher unbekannt war.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass man sich auf höchst unterschiedliche Art sozial engagieren kann. Eins haben die drei Stellen dennoch gemeinsam: Sie brauchen alle noch einen Nachfolger. Schade, dass man nicht gleich alle drei nacheinander machen kann


Jan-Malte Ambs

Smudos Unterbewusstsein

Ein Interview mit dem Rapper der Fantastischen Vier

(aus Hinz&Kunzt 121/MĂ€rz 2003 – Die Jugendausgabe)

Smudo, eigentlich Michael B. Schmidt, wird in diesem Monat 35. Der Rapper von den Fantastischen Vier sprach mit uns ĂŒber Freiheit, kreative Brunnen und darĂŒber, warum er mit Politik eigentlich nichts zu tun haben möchte.

Hinz&Kunzt: FĂŒr uns ist Musik ein wichtiger Teil der persönlichen Freiheit. Du hast dich fĂŒr den Beruf Musiker entschieden. Ist es wirklich so, dass du bei deiner Arbeit ein FreiheitsgefĂŒhl auslebst, oder ist Musik fĂŒr dich ein alltĂ€glicher Job geworden?

Smudo: Nicht das Musik machen ist Freiheit. Freiheit ist, zu machen, was einem gefĂ€llt und davon leben zu können. Vielleicht ist Kunst fĂŒr viele ein Symbol fĂŒr Freiheit. Ich empfinde es nicht mehr so: Was als Hobby angefangen hat, ist zu meinem Beruf geworden. Wie alles, was von der Exotik zur Routine wird, ist auch das Musikerdasein irgendwann entmystifiziert.

H&K: FĂ€llt es dir schwer, immer noch regelmĂ€ĂŸig kreativ zu sein?

Smudo: Also, das ist ein total kompliziertes Thema. Der Mensch ist zunĂ€chst einmal von Natur aus kreativ. Schließlich sind wir die Affen, die irgendwann mal die zwei Kisten ĂŒbereinander gestellt haben, um die Banane zu pflĂŒcken. Wenn es zum Beispiel darum geht, sich GrĂŒnde auszudenken, warum man dieses oder jenes gerade nicht mit seiner Freundin besprechen möchte, dann ist das auch eine Form von KreativitĂ€t. Der Unterschied ist, dass ein KĂŒnstler seine KreativitĂ€t gezielt irgendwo hinbaut, was eine gewisse Disziplin erfordert. Ich brauche heute allerdings mehr Disziplin als frĂŒher, behascht im Jugendzimmer. Da war das Pflichtleben die Schule, und die KreativitĂ€t war Rebellion und Freiheit. Jetzt ist es genau andersherum. Heute muss ich mich dazu zwingen, jeden Tag einige Stunden lang irgendetwas zu schreiben, egal was.

H&K:Aber hat man nicht irgendwann das GefĂŒhl, alles schon einmal gesagt zu haben?

Smudo: Nein. Dadurch, dass man Ă€lter wird und immer noch stĂ€ndig neue Erfahrungen macht, bekommt man immer neue Ideen. Innerhalb der Band haben sich darĂŒber hinaus die Beziehungen nivelliert, jeder lebt sein eigenes Leben. Was auch ein Motor fĂŒr neue Impulse ist.

H&K: Woher nehmt Ihr in der Band außerdem eure Inspiration?

Smudo: Ich finde das Bild schön, wenn man sagt, man hat einen kreativen Brunnen, aus dem man eimerweise Ideen schöpft. Dieser Brunnen muss gezielt gefĂŒllt werden. Da gehen wir als Band mittlerweile sehr professionell vor. Jeder von uns bringt seine eigene Musik, BĂŒcher und Filme mit. So etwas bringt viel aus dem Unterbewusstsein hervor.

H&K:Wenn Ihr so sehr auf das Unterbewusstsein setzt, wie kommt dann eine bewusste Message in eure Musik?

Smudo: Es ist wichtig, dass mein GefĂŒhl mit der Musik zusammenpasst und dadurch hörbar wird. Die Message steht fĂŒr mich dabei eher im Hintergrund. Bei MFG („Mit freundlichen GrĂŒĂŸen“ – Erfolgssingle aus dem Album 4:99) war es zum Beispiel so, dass wir uns erst im Nachhinein ĂŒberlegt haben, welche Aussage der Song haben könnte. Wichtiger fĂŒr mich ist, dass die Songs in Gemeinsamkeit entstehen, damit der Soul in der Musik stimmt.

H&K: Ihr arbeitet gerade an einem Album, das voraussichtlich Ende dieses Jahres erscheinen wird. Wie wird es deiner Meinung nach ankommen?

Smudo: Egal wie das Album aussieht – nur wenn du mindestens eine Single drauf hast, die signalisiert, da kommt was Neues, kann es ein Erfolg werden. Wenn es bei uns diesmal nicht so gut lĂ€uft, dann verkaufen wir 100.000, und wenn es gut lĂ€uft, werden es 300.000. Mit mehr ist nicht zu rechnen. Die Zeiten sind hart.

H&K: Woran liegt das?

Smudo: Es gibt immer mehr Leute, die Musik nur als Hintergrundberieselung in Anspruch nehmen und denen Radio und Fernsehen ausreichen. Wer sich darĂŒber hinaus interessiert, zieht sich Songs aus dem Internet oder hat einen CD-Brenner. Der moralische Wert der Musik ist stark gesunken, und keiner kauft mehr Platten. Die TontrĂ€gerindustrie lĂ€sst sich meiner Meinung nach nicht mehr retten, worunter vor allem die KĂŒnstler leiden, denen die Einnahmen bald nicht mehr zum Leben reichen.

H&K:Kommerziell gesehen ist Hip-Hop weit weniger hip als noch vor einiger Zeit. Es scheint keine neuen Impulse mehr zu geben. Wie sieht die Zukunft der Rapmusik aus?

Smudo: Dadurch, dass Rapmusik sich gut mit anderen Stilrichtungen kreuzen lĂ€sst, wird sie eine relativ hohe Überlebenschance behalten. Deutscher Hip-Hop speziell dreht sich allerdings im Moment sehr im Kreis. Ich habe zurzeit nichts auf der Uhr, was ich fĂŒr unser Label Four Music gerne signen wĂŒrde. Entweder es ist langweilig oder es ist zu speziell, um es vermarkten zu können. Aber ich glaube an Zyklen. Deutsche Musik ist nicht tot, sie ist nur gerade nicht populĂ€r.

H&K: Bei der letzten Bundestagswahl hast du dich fĂŒr Rot-GrĂŒn eingesetzt. Hast du vor, dich auch in Zukunft politisch zu engagieren?

Smudo: Nee, ich bin sogar der Meinung, die Fantas sollten nichts mit Politik zu tun haben.

H&K: Warum nicht?

Smudo:Weil wir keine politische Band sind. Wir sind zwar politische Menschen und haben jeder unsere eigene Meinung, aber wenn unsere Musik in einen politischen Kontext gestellt wird, sehe ich unsere kĂŒnstlerische Freiheit gefĂ€hrdet. Politik ist mir zu schlammschlachtig, damit will ich nichts zu tun haben. Ich möchte nicht auf eine politische Aussage festgenagelt werden, die ich mal in der Öffentlichkeit zu einem bestimmten Thema gemacht habe, in dem ich eventuell gar nicht kompetent bin. Die Leute sollen mich nach meiner Musik beurteilen und nicht nach meiner politischen Meinung.

H&K: Warum hast du dich dann fĂŒr Rot-GrĂŒn engagiert?

Smudo:Bei der Wahl bin ich ĂŒber meinen Schatten gesprungen, weil mir die Kombination Stoiber – Beckstein so brutal Angst gemacht hat. Sie stehen fĂŒr ein ĂŒberholtes Gesellschaftsbild, das schwarze, asiatisch und sĂŒdlĂ€ndisch aussehende Menschen nicht selbstverstĂ€ndlich als Deutsche akzeptiert. Ich habe in meinem Bekanntenkreis viele, die dadurch regelmĂ€ĂŸig Probleme haben. Meiner Freundin, die schwarze Deutsche ist, wird an der Kasse im Supermarkt oft nicht geglaubt, dass die EC-Karte wirklich ihr gehört. Da wird grundsĂ€tzlich angenommen: Die bescheißen mich doch, die Bimbos. Das ist Rassismus! Und ich denke, dass vor allem die GrĂŒnen da fĂŒr eine moderne, offene Politik stehen.

H&K: Du hast mit den Fantas bereits sehr viel Erfolg gehabt. Wird es so weitergehen oder kommt demnĂ€chst ein bĂŒrgerliches Leben?

Smudo: Das Thema sitzt einem natĂŒrlich im Nacken. Andererseits ist Hip-Hop noch zu jung, als dass man Beispiele dafĂŒr hĂ€tte, wie sich ein alter Rapper verhalten sollte. Wir werden sehen, wie es sich anfĂŒhlt, mit dem neuen Album auf Tour zu sein, und das wird darĂŒber entscheiden, wie es weitergeht. Wenn es gut lĂ€uft, machen wir weiter, wenn nicht, dann haben wir natĂŒrlich auch unser Label, an dem wir noch einige Jahre arbeiten können. Ansonsten schreibe ich gerade an einem Drehbuch – das ist aber bisher ein ungelegtes Ei. Langfristigere Planungen gibt es noch nicht.

Interview: Marco Kasang, Neil Huggett und Philipp Ratfisch

Apfel ist nicht gleich Apfel

Von wegen Chancengleichheit: In der Vorschule zeigt sich, wer zu Hause gefördert wird

(aus Hinz&Kunzt 121/MĂ€rz 2003 – Die Jugendausgabe)

Ein Apfel ist rund, fast wie ein Kreis. Er ist rot, manchmal auch etwas grĂŒn und gelb, und er hat einen Stiel. Das weiß auch Isabel. Schließlich ist sie sechs Jahre alt und hat schon oft einen Apfel in der Hand gehabt. Sie nimmt ihre Stifte aus der Ablage unter ihrem Tisch und betrachtet etwas hilflos und skeptisch das vor ihr liegende Arbeitsblatt. Es ist neun Uhr morgens, ein ganz gewöhnlicher Tag in einer Vorschule mit ganz ganz gewöhnlichen Kindern, in einem privilegierten Stadtteil Hamburgs.

Ein Blick zum Nachbarn hilft Isabel auf die SprĂŒnge: Konzentriert verbindet sie die eng zusammenstehenden Punkte miteinander. Die Verbindungslinie wird etwas krumm und schief. Aber nach einem prĂŒfenden Blick sieht Isabel recht zufrieden aus. Als sie fertig ist, staunt Isabel nicht schlecht: Die zittrigen Umrisse eines Apfels liegen vor ihr. Ganz erfreut ĂŒber das Ergebnis beginnt sie mit dem Ausmalen. Ein bisschen Rosa hierhin, dann noch etwas Lila, und natĂŒrlich darf auch Gold auf keinen Fall fehlen. Dass am Schluss das gesamte Blatt und nicht nur der Apfel ausgemalt ist, stört Isabel ĂŒberhaupt nicht.

Auch Tine macht sich an das Arbeitsblatt mit dem Apfel. Sie verbindet sorgfĂ€ltig die Punkte miteinander, sodass eine gleichmĂ€ĂŸige Kontur eines Apfels entsteht. Dann ĂŒberlegt sie sich, welche Farben sie verwenden möchte und nimmt sie aus dem Kasten. Tine malt nicht ĂŒber den Rand. Sie lĂ€sst rot, grĂŒn und gelb ineinander fließen und lĂ€sst einen Apfel entstehen, der fast schon plastisch wirkt.

„Schon jetzt stelle ich fest, welch ungleiche Voraussetzungen die Kinder von zu Hause mitbringen“, sagt Elisabeth Hoffmann, die seit fĂŒnf Jahren als SozialpĂ€dagogin in Vorschulen tĂ€tig ist. „Schließlich haben die Kinder schon mindestens fĂŒnf Jahre ihres Lebens hinter sich“, sagt Hoffmann, „und je nachdem, wie die Eltern sich kĂŒmmern, ist in der Zeit schon unheimlich viel an Entwicklung gelaufen.“ Deshalb sieht die 39-jĂ€hrige Vorschullehrerin es als Aufgabe der Vorschule an, Ungleichheiten entgegenzuwirken.

Bevor Hoffmann ihren Dienst in dieser Vorschule antrat, arbeitete sie ausschließlich in den sozialen Brennpunkten Hamburgs. Dass sie in einem privilegierten Stadtteil unter ganz anderen Voraussetzungen arbeiten wĂŒrde, war ihr klar: In den Brennpunkten kamen Kinder ohne FrĂŒhstĂŒck in die Vorschule, „ungewaschen und verwahrlost“. Deshalb wundert es Hoffmann auch nicht, wie „ungleich die Chancen auf eine gute Entwicklung und erfolgreiche Zukunft in unserer Gesellschaft sind“. Sie konnte beobachten, wie viele Kinder schon im harten Kampf des Lebens standen: „Wenn Kinder morgens ihre Eltern wecken mĂŒssen, mit fĂŒnf Jahren alleine zur Vorschule kommen, dann bleibt kein Raum, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln.“

In ihrer jetzigen WirkungsstĂ€tte sehe das ganz anders aus, „die materiellen GrundbedĂŒrfnisse sind in diesem Stadtteil auf jeden Fall gedeckt“, beobachtet Hoffmann. DafĂŒr fehle es in den Familien aber manchmal an Zeit und Ansprache.

Justus kommt immer sehr frĂŒh in die Vorschule. Oft sitzt er schon alleine auf den BĂ€nken im Vorraum, lange bevor jemand da ist. Justus sieht nicht fröhlich aus. Seine Augen gucken mĂŒde zur Treppe, er wartet auf die Vorschullehrerin. Justus hat noch Straßenschuhe und seine Jacke an, denn seine Eltern hatten keine Zeit, ihm beim Ausziehen zu helfen. Vielleicht haben sie ihn nicht einmal bis in den ersten Stock gebracht, sondern unten vor dem Haupteingang verabschiedet. Eigentlich weiß Justus, dass er seine Jacke aus- und seine Hausschuhe anziehen soll, wenn er in die Vorschule kommt, aber weil er noch so mĂŒde ist, vergisst er das immer wieder. Wenn dann Elisabeth Hoffmann die Treppe heraufkommt, wartet Justus oft schon eine halbe Stunde darauf, ihr etwas erzĂ€hlen zu können.

Justus’ Haare sind nicht gekĂ€mmt, und auch seine FingernĂ€gel sind nicht geschnitten, aber das stört ihn nicht. Denn Justus hat einen Gameboy bekommen, den er stolz vorfĂŒhrt. „Du, Frau Hoffmann, weißt du was? Den hab’ ich von meiner Mama bekommen, und heute Mittag bekomme ich eine Angel“, erzĂ€hlt Justus, denn jeden Tag darf er sich etwas Neues zum Spielen aussuchen.

Elisabeth Hoffmann glaubt, dass die Vorschule ein „Ort des Vertrauens“ sein muss. „Wenn man die Chance hat, bei Kindern etwas in Gang zu setzen, sie zu motivieren und ihnen Freude an Neuem und am Lernen zu geben, dann entsteht eine starke emotionale Bindung“, sagt Hoffmann. Kinder wĂŒrden nur unbefangen an Neues herangehen können, wenn sie keine Angst davor haben mĂŒssen, Fehler zu machen.“ Sie ist ĂŒberzeugt davon, dass die Vorschule benachteiligte Kinder so fördern könnte, dass sie trotz ihrer Herkunft in nichts nachstehen mĂŒssen – in kleinen Fördergruppen oder auch durch Einzelunterricht. Aber Hoffmann meint auch, dass es an personeller Ausstattung fehle, um diesem Ziel gerecht zu werden, denn es brauche vor allem Zeit, um Kinder individuell zu fördern.

„Die Vorschule bereitet auf die Grundschule vor, und deshalb ist es wichtig, den Kindern Selbstbewusstsein zu geben, damit sie Spaß am Lernen haben, ohne zum EinzelkĂ€mpfer zu werden“, erklĂ€rt sie. Das passiere erstaunlich oft in finanziell gut abgesicherten Stadtteilen. „Allerdings lassen sich RĂŒcksichtnahme und Hilfsbereitschaft gegenĂŒber anderen hier oft noch gut entwickeln“, sagt Hoffmann, die in sozialen Brennpunkten oft das Gegenteil feststellen musste.

Auch einige auslĂ€ndische Kinder gehören zu Elisabeth Hoffmanns Gruppe. So wie Cham. Er ist gerade ziemlich frustriert. Er soll einen Igel ausschneiden. Seine Schere hĂ€lt er in der Hand, als ob er gar nicht recht wĂŒsste, wozu man ein solches GerĂ€t benutzt. Vielleicht hĂ€lt er sie auch nur in der falschen Hand.

Doch das mit dem Nachfragen ist nicht so einfach, denn Cham spricht kaum Deutsch. Der FĂŒnfjĂ€hrige ist das einzige Kind in dieser Vorschulklasse, das tĂŒrkische Eltern hat. Zwar ist Cham in Deutschland geboren, er war vor der Vorschule aber noch nie in einem Kindergarten oder einer Spielgruppe. Seine Eltern arbeiten den ganzen Tag, und so passt seine Oma auf ihn auf, die nur tĂŒrkisch mit ihm spricht.

Nach kurzer Zeit versucht Cham es mit der anderen Hand. Das Schneiden gelingt ihm schon besser. Doch es fÀllt ihm schwer, auf der Linie zu bleiben, denn Cham kann sich schlecht konzentrieren. Lieber schaut er, was andere Kinder machen, die an ihm vorbeilaufen.

„Der Sinn der Vorschule ist nicht darauf beschrĂ€nkt, Sprachschwierigkeiten zu beseitigen“, stellt Hoffmann klar. Doch oft beschrĂ€nke sich vieles darauf, „denn Sprache ist die Voraussetzung, Inhalte zu begreifen.“

„Als Mediziner, als Anwalt, als Betriebswirt: FĂŒr alles braucht man ein Diplom“, sagt Hoffmann, „nur nicht, um Kinder zu erziehen.“ Oft fasst sie sich an den Kopf, wenn sie sieht, dass viele Menschen sich scheinbar kaum Gedanken ĂŒber die Erziehung ihrer Kinder machen und nicht merken, wieviel Schaden dadurch schon bei kleinen Kindern angerichtet wird. „Schließlich kann sich ein Kind seine Erziehung nicht aussuchen.“

Annika Sepeur

Paten fĂŒr Straßenkids

500 Hamburger helfen Strichern, ein neues Leben anzufangen

(aus Hinz&Kunzt 121/MĂ€rz 2003 – Die Jugendausgabe)

Jugendredakteurin Annika Sepeur sprach mit dem Stricher Tom und mit Ute und Gesine Plagge, die Menschen wie Tom helfen wollen.

Eigentlich wollte er gar nicht mit mir sprechen. Es ist ihm unangenehm, und dann bin ich auch noch eine Frau. Tom (Name geĂ€ndert) ist 23 Jahre alt. Er ist groß, schlank, hat braune Haare, und er geht auf den Strich.

„Ein Kumpel hat mich mal hierher gebracht“, erzĂ€hlt Tom. Die mittlere Reife hat er, aber schon mit 15 ist er von Zuhause weggegangen. „Mein Stiefvater hat mich rausgeschmissen.“ Warum? Tom zuckt die Achseln. „Ich habe mich immer mit ihm gestritten, und meine Mutter stand zwischen uns.“ Er zog „zu Oma“ und danach von Pflegefamilie zu Pflegefamilie.

Toms Blick ist auf den Boden gerichtet. Er fĂŒhlt sich nicht wohl auf dem Sofa, er zĂŒndet sich eine Zigarette an. „Das war damals ’ne schwere Zeit, mit den Bewerbungen und so.“ Es gab niemanden, der ihn unterstĂŒtzte. „Die Bezugsperson fehlte mir“, sagt er. Also arbeitete er nach der Schule schwarz – und ging „auch mal“ auf den Strich. „Ein Kumpel meinte, wenn man unabhĂ€ngig sein und das schnelle Geld machen will, dann wĂ€re das ’ne gute Sache.“

Ein paarmal hat Tom „das“ gemacht. „Am Anfang denkt man halt, dass man unabhĂ€ngig wĂ€re, aber spĂ€ter findet man raus, dass es nicht so ist.“ Jetzt geht er nur noch gelegentlich auf den Strich, wenn er dringend Geld braucht: „Nicht fĂŒr Drogen. Ich hab zwar mal Heroin genommen, aber das ist vorbei. Ich gehe bestimmt nicht auf den Strich, mache da Geld klar und renn dann zum Dealer.“

Über Basis e.V. hat Tom inzwischen eine Wohnung gefunden. In die Anlaufstelle fĂŒr Stricher kommt er immer noch, um sich mit den anderen Kids und den Betreuern zu unterhalten. Denn zu den Leuten, die ihm damals zu seiner „UnabhĂ€ngigkeit“ geraten haben, hat er keinen Kontakt mehr. „Das ist mir alles viel zu verlogen.“

Die Wohnung bedeutet fĂŒr ihn den ersten Schritt fĂŒr einen Neuanfang. „Eigentlich möchte ich eine ordentliche Umgebung fĂŒr meine dreijĂ€hrige Tochter schaffen.“ Toms Tochter lebt bei seiner Ex-Freundin. Er sieht sie zwei- bis dreimal die Woche. Die Mutter seines Kindes weiß aber nicht, dass er in der Stricherszene war. „Am meisten Angst habe ich davor, dass sie dem Kind erzĂ€hlen wĂŒrde, dass es keinen Vater hat“, sagt er. Leise fĂŒgt er hinzu: „Ich habe zwei Gesichter, und ich wĂŒrde gern nur eines haben. Denn das eine davon ist ziemlich falsch.“

Am liebsten wĂŒrde er eine Ausbildung als Kfz-Mechaniker machen. Auf jeden Fall irgendetwas Handwerkliches. Zur Zeit arbeitet er allerdings noch schwarz im Hafen. Dass Basis e.V. mehr als 500 Paten hat, die das Projekt unterstĂŒtzen, findet Tom gut. Außerdem kann er sich vorstellen, dass einige der Paten auch mal „ein beschissenes Leben“ hatten und jetzt den Jungs auf die SprĂŒnge helfen wollen. Trotzdem möchte Tom die Spender nicht kennen lernen, „weil ich mich dann zeigen mĂŒsste. Es ist auch immer die Frage, ob einen die Leute verstehen.“

Oft hat er das GefĂŒhl, dass andere Menschen „alles in den Hintern“ gesteckt bekommen. „Da bekomme ich dann so einen Hals, wenn ich in Bus und Bahn die Probleme höre, wie schwer das Leben doch ist und ich daran denke, wie ich kĂ€mpfen musste, nur um meinen Kopf ĂŒber Wasser zu halten.“ Trotzdem oder gerade deshalb ist fĂŒr ihn eins klar: „Irgendwann, wenn ich auch mal ein bisschen Geld ĂŒbrig habe, möchte ich auch was spenden, denn ich kann mich wirklich in die Situation der Jungs hineinversetzen.“

Ute Plagge hat sich ganz spontan dazu entschieden, Patin zu werden. In der Kantine sah die 46-jĂ€hrige Informatikerin in einem großen Datenverarbeitungsunternehmen den Informationsstand von Basis e.V. Sie dachte gleich: „Ja, das ist es!“ Lange schon hatte sich die ausgebildete Germanistin und Mutter zweier Kinder Gedanken ĂŒber Straßenkinder gemacht. Und das, obwohl sie sich neben dem Job sowieso schon ehrenamtlich engagiert – im Kriseninterventionsteam vom Deutschen Roten Kreuz. Die Mitarbeiter leisten psychosoziale Hilfe, wenn Menschen einen Unfall haben oder Angehörige sich umbringen. „Ich brauche diesen Gegensatz zu meiner schicken, sauberen und teuren Datenverarbeitungswelt“, sagt Ute Plagge.

Kurz vor dem Treffen mit den Leuten von Basis e.V. hatte sie in einer Familie mit mehreren Kindern geholfen. Denen ging es so schlecht, dass „ich das GefĂŒhl hatte, sie irgendwann am Bahnhof wiederzutreffen. Es schien mir einfach so unausweichlich, und da merkte ich, dass manche Kinder verflucht schlechte Chancen haben.“

Beim Patentreffen in der Anlaufstelle zog es sie sofort zu der Wand mit den Fotos der Jugendlichen. „Ich suchte nach den Kindern aus meinem Einsatz und dachte nur: Hoffentlich seid ihr hier nicht drauf. Hoffentlich erkenne ich keinen wieder.“ Und manchmal, wenn sie am Hauptbahnhof ein MĂ€dchen aus dem Milieu sieht, denkt sie bestĂŒrzt: „Das könnte auch Gesine sein.“

Gesine ist ihre 16-jĂ€hrige Tochter – und die Sorgen sind unbegrĂŒndet. Im Gegenteil. Seit Weihnachten ist die SchĂŒlerin selbst Patin. „In letzter Zeit habe ich oft gedacht, was fĂŒr ein GlĂŒck ich habe und dass es einfach als normal angesehen wird, dass wir ein Zuhause haben, all den Luxus.“ Große KonsumwĂŒnsche hat sie momentan auch nicht: „Ich hab doch alles, was ich brauche, und warum soll ich mir noch einen CD-Player wĂŒnschen.“

Mit sechs Euro pro Monat ist sie jetzt als Patin dabei. Bisher haben Mutter und Tochter noch keinen der betroffenen Jugendlichen kennen gelernt. „Aber das ist auch gut so“, findet Gesine, „schließlich sind die Einrichtungen ja gerade dafĂŒr da, dass die Jugendlichen mal zur Ruhe kommen.“ DafĂŒr sind aber die jĂ€hrlichen Patentreffen „total interessant, weil man da mit Betreuern sprechen kann und wirklich sieht, was mit dem Geld passiert“.

Gesine ist inzwischen schon als „Botschafterin“ tĂ€tig: Eine ihrer Lehrerinnen will vielleicht ebenfalls spenden. Außerdem ist Gesine auch in einer Literaturklasse, die regelmĂ€ĂŸig AuffĂŒhrungen macht. „Wir ĂŒberlegen gerade, ob wir die Einnahmen spenden.“ Scheint so, dass sich Gesine noch lange fĂŒr die Straßenkids engagieren will. „Mir wird immer wieder klar, dass es Leid nicht nur in anderen LĂ€ndern gibt, sondern direkt hier, vor meiner HaustĂŒr.“