Songwriter Bosse : Popstar hilft Obdachlosen und Flüchtlingen

Norddeutschland kann sehr grau, ungemütlich und auch kalt sein. Also rief Bosse auf dem Hurricane-Festival dazu auf, übrig gelassene Zelte und Schlafsäcke einzusammeln – die anschließend an Obdachlose verteilt wurden. Foto: Lena Maja Wöhler

Seit 20 Jahren ist Axel Bosse gut im Geschäft. In seinen Songs finden sich eine Menge Leute wieder, auf der Bühne gibt der 37-Jährige alles. Ganz nebenbei engagiert er sich für Obdachlose, Flüchtlinge und gegen Nazis.

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Bosse füllt mühelos große Hallen und Stadien. Er gilt als einer der führenden Köpfe des deutschsprachigen Pop. Wir haben ihn anlässlich seines Konzertes auf der Bahrenfelder Trabrennbahn getroffen. Hinz&Kunzt: Als wir bei deinem Management nach einem Interview anfragten, bekamen wir sofort eine Zusage. Was ist dein Bezug zur Obdachlosigkeit?

 

 

AXEL BOSSE: Dass ich einen sehr guten Bekannten habe, der obdachlos ist. Im Winter wohnt er in einer WG, aber im Sommer ist er draußen. Gemeinsam mit ihm und mit der Hilfe von Hanseatic Help hatten wir letzten Sommer eine tolle Idee: Wir wollten obdachlosen Menschen helfen und gleichzeitig beschäftigten wir uns mit den unglaublichen Massen an Plastikmüll, die bei den vielen Festivals anfallen. So kam die Aktion „Dein Zelt kann ein Zuhause sein“ zustande. Wir spielten an einem Sonntag auf dem Hurricane Festival. Viele junge Leute lassen am Ende des Festivals ihre Isomatten und Zelte stehen, später kommt die Müllabfuhr und alles wird weggeschmissen. Wir haben angeboten, mit einem großen Lkw auf deren Recyclingplatz zu fahren und dort die Sachen entgegenzunehmen. Die Isomatten und Zelte wurden sauber gemacht und in Hamburg, Bremen und Hannover an Obdachlose verteilt. Wir hatten so viel über, dass sogar ein Teil nach Sizilien und nach Lampedusa gegangen ist.

Auf einem Konzert in der Großen Freiheit hast du insgesamt 31.000 Euro für Hanseatic Help und Pro Asyl einspielen können. Wie kam diese Aktion zustande?

Mir ist bewusst geworden, dass ich manchmal nur mit den Fingern schnipsen muss – und ich kann viel bewirken, viel helfen. Das Konzert in der Großen Freiheit war ein Zusatzkonzert, eine „Sonntagssause“, also Sonntag, 15.30 Uhr. Es hat normalen Eintritt gekostet, einige Künstler haben noch Bilder gemalt, die verkauft wurden. Die Band hat umsonst gespielt, die Technik und die Security haben umsonst gearbeitet, die Feuerwehr kam umsonst. Und auch die Große Freiheit selbst wurde uns kostenlos zur Verfügung gestellt, so ist es dann am Ende zu dieser Summe gekommen, die zwischen Pro Asyl und Hanseatic Help aufgeteilt wurde. Mit dem Geld passieren nun tolle und wichtige Sachen! Im Dezember haben wir etwas Ähnliches gemacht: Wir sollten in der Alsterdorfer Sporthalle spielen, und ein paar Tage vorher habe ich mir gedacht: Mann, da kommen jetzt zwischen 6000 und 7000 Leute, da fahre ich wieder mit dem Lkw vor und sage diesmal: „Ich spiele ein Konzert für euch, ihr gebt mir eure Winterklamotten, dazu legt ihr einen Zettel mit eurem Namen und eurer Mailadresse drauf, ich wähle später fünf Leute von euch aus, ihr kommt dann mit all euren Freunden, und ich spiel’ umsonst noch mal ein Konzert nur für euch.“ Wir haben mit der Idee mal eben 10.000 Wintermäntel gesammelt, die weiterverteilt wurden. Ich wundere mich manchmal, warum ich das nicht schon vor fünf Jahren gemacht habe, es ist echt einfach. Du brauchst nur eine Idee und ein bisschen Organisation.

Bei der Verleihung des Echo 2016 hast du

auf der Bühne den Nazis symbolisch den

Stinkefinger gezeigt. Sollten generell mehr

Künstler politische Stellung beziehen?

Ja! Definitiv

Gehört das heutzutage zum Business dazu?

Das wäre auf jeden Fall toll. Und es wäre wichtig, gerade bei der heutigen Mc- Fit-Jugend, die ihr Leben auf Instagram darstellt, für die Style alles ist und die so unpolitisch ist. Darum sollten sich Künstler, die nun mal einen Rieseneinfluss haben, das Recht rausnehmen, sich zu äußern. Gerade die, die Angst haben, Fans zu verlieren, die großen Mainstream Acts! Das würde eine ganze Menge bewegen. Wie Udo Lindenberg schon sagte: Würde sich Helene Fischer gegen Rechts und Fremdenfeindlichkeit äußern, würde das wahrscheinlich mehr bewegen, als wenn ich mich als Bosse äußere. Die meisten meiner Fans sind politisch korrekte, offene und liberale Leute.

Mir ist bewusst geworden, dass ich manchmal nur mit den Fingern schnipsen muss – und ich kann viel bewirken, viel helfen.– Bosse

Hatte der Stinkefinger Konsequenzen für dich?

Keine spürbaren. Es gab natürlich ein Echo im Netz: 20 Prozent Shitstorm, 80 Prozent Zustimmung, Lob und Unterstützung. Wobei ich schon erschrocken war, wie sehr ich bedroht wurde; andererseits konnte man sich auch kaputtlachen, schon wegen der vielen Rechtschreibfehler in diesen Mails. Die ersten Songs deines Albums „Kraniche“ hast du während eines sechsmonatigen Aufenthalts in Istanbul geschrieben. Was hat dich an der Stadt inspiriert? Einfach alles! Meine Frau ist Türkin und so haben wir dort sehr viele Familienmitglieder. Meine Frau bekam das Angebot, vor Ort einen Film zu drehen, unsere Tochter war noch sehr jung und nicht schulpflichtig, und wir haben dann ein Jahr lang die Stadt unsicher gemacht. Wir haben immer gut gegessen, haben uns alles angeguckt, haben viele Leute getroffen, haben viel Quatsch gemacht. Die Stadt ist der Wahnsinn! Es gibt so viele junge Menschen! Istanbul kam mir oft vor wie in den Erzählungen meines älteren Bruders über die frühen Zeiten in Berlin; wie das war, als man im Untergrund noch getanzt hat und als all die neuen Ideen kamen. Eine Mischung aus ungeheurer Produktivität, jeder Menge Adrenalin, dann wieder totales Chaos und die Schönheit, wenn Alt und Neu aufeinandertrifft.

Bosse kann weit mehr, als mit Verve die Rampensau sein: Im vergangenen Dezember sammelte er bei einem Konzert 10.000 Wintermäntel ein und verteilte sie weiter. Foto: Nina Stiller

Ein Aufbruch, der zum Greifen nah ist?

Totaler Aufbruch! 200 Prozent mehr Energie, als ich das aus Deutschland kannte! Wir haben direkt am Taksim-Platz gewohnt, da wo Tag und Nacht wie in Tokio ineinander übergehen. Ich kann jedem nur empfehlen, dahin zu fahren!

Wie fühlt es sich für dich an, wenn du hörst, was jetzt in der Türkei los ist?

Schwierig. Ich wünsche dem Land Ruhe und Gerechtigkeit! Manchmal kann man sich das nicht richtig vorstellen, was dort passiert. Wir leben in einem Land, in dem jeder damit aufgewachsen ist, dass er immer sagen darf, was er möchte. Sobald das nicht mehr möglich ist, wird die Freiheit eingeschränkt. Und das kann nicht gesund sein.

So wie du die Stimmung der Stadt kennengelernt hast: Glaubst du, dass sich alles doch am Ende zum Guten wenden wird?

Daran glaube ich auf jeden Fall! Die Türkei braucht einfach noch Zeit! Und wir sollten bedenken, dass Istanbul nicht die Türkei ist. Man muss nur aus Istanbul raus zwei Stunden übers Land fahren, dann kann man Menschen treffen, die mit einem Esel ihr Feld bestellen. Das Land ist also noch lange nicht so entwickelt, wie man als Deutscher oder Europäer denkt, dass es normal ist. Und so wird die Türkei noch ein paar Jahrzehnte brauchen, bis dort die Gedanken und Werte selbstverständlich sind, wie wir sie in der EU kennen. Der Großteil der jungen Leute, die ich dort kennengelernt habe, denkt so: Die streben nach freien Gedanken, die wollen ein freies Internet, freie Kunst und Kultur. Und diese Generation hat Energie und wird etwas verändern.

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