Roma in Hamburg : „Betteln ist seelische Erniedrigung und physische Qual“

Regisseur Andrei Schwartz (rechts) mit Protagonist Tirloi. Foto: Andreas Hornoff

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Im Interview spricht Regisseur Andrei Schwartz über seinen Film „Europa Passage“. Fünf Jahre lang hat er rumänische Roma begleitet, die in Hamburg auf der Straße leben und betteln.

Hinz&Kunzt: Herr Schwartz, Ihre Protagonist:innen pendeln zwischen der Obdachlosigkeit in Hamburg und ihrem trostlosen Heimatort in den Karpaten. Sie haben selbst rumänische Wurzeln – mit welcher Intention sind Sie dieses Projekt angegangen?

Andrei Schwartz: Es ist wie immer. Man findet Leute, die interessant sind, und dann will man wissen: Wie funktioniert ihr Leben? Und was hat dieses Leben für einen Preis?

Premiere in Hamburg


Der Film wird erstmals am Mittwoch, 7. September um 19 Uhr im Metropolis Kino gezeigt. Der Regisseur ist anwesend. Weitere Termine: Mi, 14.9., 19.30 Uhr, Metropolis und Do, 15.9., 19 Uhr, 3001 Kino.

Trailer:

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Die wichtigsten Personen sind das Ehepaar Maria und Tirloi. War es schwer, ihr Vertrauen zu gewinnen?

Das ist bei diesen Menschen generell extrem schwer, weil sie zu oft die Erfahrung gemacht haben, immer wieder etwas zu verlieren. Ein Leben im Schatten war deshalb das, was für sie am besten funktioniert hat. Mit Maria und Tirloi ging es über die Sympathieebene: Sie haben gemerkt, dass wir Filmer sie als Menschen mögen.

Mit den anderen aus der Gruppe war es schwieriger?

Es wurde extrem kompliziert im Winter 2016/17, als sie aus dem Winternot­programm ausgeschlossen wurden und ihnen verklickert wurde, das hätten sie mir zu „verdanken“, weil ich sie in ­Rumänien gefilmt habe und sie dort ­eine Adresse hätten. Das war natürlich vorgeschoben, man wollte hier in Hamburg seitens der Sozialbehörde einfach keine rumänischen Bettler. Trotzdem gab es aus der Gruppe viel Aggressivität uns gegenüber. Maria und Tirloi haben uns aber weiter vertraut. Umso schöner war es, dass wir dann später sogar ein wenig mithelfen konnten, dass die zwei tatsächlich eine kleine Wohnung bei ­einer kirchlichen Gemeinde in Bramfeld bekommen haben.

Beide leben hier zunächst lange als Obdachlose, schlafen unter Brücken oder in Baracken, verdienen sich
ganz kleines Geld durch Betteln. Was empfindet man da hinter der Kamera: Scham, Traurigkeit, Wut?

Vor allem die körperliche Kälte. Nach vier, fünf Stunden im November draußen auf der nassen Platte haben wir manchmal gesagt: „Maria, wir zahlen dir jetzt zehn Euro, lass uns nach Hause was essen gehen.“ Es handelt sich beim Betteln nicht nur um eine seelische ­Erniedrigung, sondern auch um eine physische Qual.

Lautet die Antwort auf die Frage „Warum macht jemand das?“: Weil zu Hause in den Karpaten alles noch schlimmer ist, dort, wo das Binden von Reisigbesen lächerliche 40 Cent pro Stück bringt?

Ja. Rumänien bedeutet: Sie haben wirklich null Einkommen. Und jetzt teilen Sie doch mal 15, 20 hier erbettelte Euro am Tag durch Null – das ergibt mathematisch: unendlich! So ist dieser Mechanismus. Diese Menschen sind Proletarier, sie können nicht lesen und schreiben, sind es aber gewohnt, hart zu arbeiten. Aber für sie gibt es zu Hause einfach nichts. Und hier in Hamburg gibt es neben Betteln für solche ­Obdachlose wegen der fehlenden ­Anmeldung auch einen Markt für Schwarzarbeit. Billig-Arbeitskräfte ­werden überall gesucht.

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Artikel aus der Ausgabe:

wild wilder Wald

Warum Wälder in der Stadt unverzichtbar sind, wo man trotzdem noch Wohnungen bauen kann und wieso der Sachsenwald zwielichtige Gestalten anzieht. Außerdem: Armutsbetroffene protestieren und Bildungsforscher Aladin El Mafaalani erklärt, was Armut mit Kindern macht.

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Autor:in
Jochen Harberg
Seit über 40 Jahren im Traumberuf schreibender Journalist, arbeitete festangestellt u. a. für Stern und Welt am Sonntag. Seit 2019 mit großer Freude im Team von Hinz&Kunzt.

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