Mit seiner Teilnahme an den Olympischen Spielen in Paris hat sich der Hamburger Owen Ansah einen Traum erfüllt. Ein Besuch bei einer Trainingseinheit des Sprinters.
Als er sich am 3. August 2024 auf die Startbahn begibt, steht Owen Ansah kurz vor dem für ihn bislang größten Moment seiner Karriere. „Wie die Zuschauer im Stadion abgegangen sind, als wir vorgestellt wurden … Das war unfassbar“, erinnert sich der 25-Jährige an die „krasse Atmosphäre“ im „Stade de France“ während der olympischen Spiele in Paris. Es ist kurz nach 12 Uhr, als die Sportler für den dritten Vorlauf ihre Füße in die Startblöcke stellen. 100 Meter Sprint. Auf der Bahn neben dem gebürtigen Hamburger Ansah wartet der US-Amerikaner Noah Lyles auf den Startschuss.
Der wird einen Tag später mit der Goldmedaille um den Hals auf dem Podest stehen. Für Owen Ansah endet der Olympia-Traum nach 100 Metern auf der Tartanbahn. 10,22 Sekunden. Platz 5. Zu wenig für den Einzug in die finalen Wettläufe am folgenden Tag.
Dass der 1,91 Meter große Modellathlet beim größten aller Sportevents an den Start gehen durfte, hatte er einer Leistung zu verdanken, die ihn für immer in die Geschichtsbücher katapultiert hat: Bei den Deutschen Meisterschaften hatte er zwei Monate zuvor in Braunschweig als erster Deutscher mit 9,99 Sekunden die Schallmauer von 10 Sekunden durchbrochen und damit die Qualifikation erreicht.
„Jeder Sportler träumt davon, im Finale der Olympischen Spiele zu stehen“, sagt Ansah, der sich die fünf Ringe über sein breites Kreuz hat tätowieren lassen. Eine Chance hat er auf jeden Fall noch: die Spiele 2028 in Los Angeles. Für seinen Traum wird er hart an sich arbeiten: „Ich möchte noch öfter unter zehn Sekunden rennen.“
Um das zu erreichen, lebt und trainiert Ansah seit sechs Jahren in Mannheim – zusammen mit einigen der besten Sprinter:innen der Republik. Sein Trainer am Bundesstützpunkt ist Sebastian Bayer. Der Europameister im Weitsprung von 2012 startete einst selbst für den HSV und sattelte dort im Anschluss an seine aktive Karriere zum Trainer um. Einer seiner ersten Schützlinge: Owen Ansah, der in einfachen Verhältnissen in einer Saga-Siedlung in Berne aufwuchs. Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater – selbst Zehnkämpfer – stammt aus Ghana. „Mein Vater kennt alles, wovon ich so rede“, sagt Ansah und fügt lächelnd hinzu: „Er versteht auch, dass ich keine 400 Meter renne. Die sind viel, viel härter.“
Als Hamburg zuletzt im November 2015 über eine Olympia-Bewerbung abstimmte, hatte Owen Ansah gerade seinen 15. Geburtstag gefeiert. Mit dem Laufen hatte er gerade erst begonnen. „Dass ich eines Tages selbst für Deutschland bei den Spielen starte, war außerhalb meiner Vorstellungskraft“, sagt Ansah. Dabei hätte sich bei einem anderen Abstimmungsausgang sogar die Möglichkeit ergeben, dass er vor zwei Jahren nicht in Paris, sondern im Volkspark hätte auflaufen dürfen. „Das wäre crazy gewesen“, sagt er und seine Augen leuchten auf.
Auf dem Gelände des Michael-Hoffmann-Stadions kommt Ansahs Trainingsgruppe an diesem Freitag Anfang April wie gewohnt um 10 Uhr zusammen. Die Begrüßungen fallen locker aus. Es wird viel gelacht. „Natürlich nervt mich Owen“, frotzelt Lucas Ansah-Peprah und sorgt damit für ein Grinsen bei seinem Namensvetter. Seit Jahren bieten sich die beiden HSV-Sprinter ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Aktuell mit kleinem Vorteil für den Hamburger Jung aus Berne, der im vergangenen Jahr um vier Hundertstel vor Ansah-Peprah die Deutsche Meisterschaft gewinnen konnte. Abseits der Bahn aber sind sie Freunde. Im Trainingslager beziehen sie regelmäßig ein gemeinsames Zimmer. Gemein haben sie zudem Wurzeln in Ghana und die Begeisterung für tanzbare Musik aus dem Heimatland ihrer Väter.

Durch die große, von einer Stahlkonstruktion getragenen Leichtathletikhalle schwappt US-amerikanischer Hip-Hop aus einer Musikbox. Die Sportler:innen wärmen sich auf und dehnen sich. Es wird ruhiger in der Halle. Alle wirken konzentriert. Nach und nach setzen sie zu kurzen Sprints mit Gewichten an. Der eben noch so lässige Owen Ansah wirkt jetzt in sich gekehrt und vollkommen fokussiert. Es folgen weitere Lockerungsübungen, bevor die Läufer schließlich auf der Tartanbahn im Freien einige wenige Sprints absolvieren. Dabei erreichen sie ein Tempo, bei dem sie über die Bahn zu fliegen scheinen. Nach drei Stunden ist der Trainingstag zu Ende.
Bevor Ansah mit seinem Sportwagen vom Trainingsgelände fährt, erzählt er noch eine Anekdote aus seiner Jugend. „Früher habe ich extra gewartet bis der HVV-Bus hält und bin dann losgesprintet“, sagt Ansah und muss über sich selbst lachen. Heute könne er sich solchen Quatsch nicht mehr leisten, zu groß die Verletzungsgefahr.
Die Konzentration auf den Sport ist heute eine gänzlich andere. Da bleibt nicht mehr viel Zeit für Familienbesuche in der Heimat. Eine dauerhafte Rückkehr in den Norden ist aber nicht möglich. Die Elbmetropole, die um die Bewerbung für die olympischen Spiele abstimmen lässt, kann keinen Bundesstützpunkt des Deutschen Leichtathletikverbandes vorweisen. Obwohl der HSV mit Owen Ansah, Lucas Ansah-Peprah und Hürdenläufer Manuel Modri drei Leichtathleten zu den vergangenen olympischen Spielen entsenden konnte, die aber alle in Mannheim trainieren. Die Nachwuchsarbeit in Hamburg sei „top“, sagt Ansah-Peprah. Aber für den Spitzensport gebe es in der Stadt zu wenig Unterstützung – und nur ein Leichtathletikstadion mit acht Rundlaufbahnen und Kunstbelag.
Auf dieser Jahnkampfbahn im Stadtpark standen die Freunde Owen Ansah, Lucas Ansah-Peprah und Junior Boateng bereits vor sieben Jahren zusammen in den Startblöcken. Beim Nationalen Sportfest des HSV siegte 2019 im Nachwuchsbereich Ansah-Peprah über 100 Meter. Ihm folgte Owen Ansah mit einer Zeit von damals noch fast 11 Sekunden über die Ziellinie.
Es war ein erstes Highlight, das die drei Hamburger wenig später mit dem Staffelsieg über 4 x 100 Meter bei der Deutschen Meisterschaft der unter 23-Jährigen sogar noch toppen konnten. Der Anfang einer Profikarriere, die ohne die Förderung durch die Bundeswehr nicht möglich wäre. Dort stehen Owen Ansah und viele andere deutsche Leichtathlet:innen als Sportsoldat:innen unter Vertrag. Dazu kommen wie im Fall von Ansah individuelle Verträge mit einem Ausrüster. Um diese Privilegien zu wahren, müssen Jahr für Jahr bestimmte zeitliche Normen in Wettkämpfen erfüllt werden. Ein immenser Druck, dem der Sprinter im vergangenen Jahr nach einer zwischenzeitlichen Verletzung fast nicht mehr gerecht geworden wäre.
„Aber ich brenne dafür, auf der Bahn zu stehen und zu zeigen, was ich draufhabe“, sagt Ansah. Bei internationalen Wettbewerben mit dem Adler auf der Brust ganz Deutschland hinter sich zu wissen, sei ein „unglaublich cooles Gefühl“, das er sich selbst durch rassistische Kommentare in den sozialen Netzwerken nicht nehmen lässt. „Ich bin hier auf die Welt gekommen, ich bin Deutscher“, sagt er. „Was andere meinen, interessiert mich nicht.“
Seinen Fokus richtet er stattdessen auf den nächsten Wettkampf. Anfang Mai findet in Botswana ein international bedeutendes Staffel-Rennen statt. Dessen Ausgang entscheidet über die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2027. Für die deutsche 4×100- Meter-Staffel mit Owen Ansah geht es in Botswana also weniger um den kurzfristigen Erfolg, sondern eben auch um die langfristige finanzielle Absicherung. „Wir werden wieder alles raushauen, was wir haben“, sagt Ansah.
Anschließend geht es für die Hamburger Sprinter zurück in die Heimat. Im Volksparkstadion werden sie am Rande eines Bundesligaspiels die Werbetrommel für Olympia rühren. „Ich hoffe, dieses Mal stimmen die Hamburger für Olympia“, sagt Ansah. Für ihn und seine Sprintkollegen gebe es schließlich nichts Größeres als die Spiele. Sein Sprintkollege Ansah-Peprah pflichtet ihm bei und sagt dann augenzwinkernd: „Auch wenn wir 2036 oder 2040 wohl höchstens noch an der Seitenlinie stehen werden – dann eben als Trainer.“
