Sozialarbeit

Zwischen Liebeskummer und Lobbyarbeit

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Isabel Kohler (links), Stephan Karrenbauer und Ana-Maria Ilisiu beraten die Verkäufer in allen Krisen. Foto: Cornelius M. Braun

Ihre Türen stehen immer offen: Unsere Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer und
Isabel Kohler beraten die Hinz&Kunzt-Verkäufer bei Suchtproblemen, Einsamkeit,
Geldsorgen, aber auch bei Herzschmerz und überhaupt in allen Krisen. Bei der Suche nach einer Wohnung oder Unterkunft, bei Stress mit dem Amt oder Ärger in der Familie: Sich um die Hinz&Künztler und ihre Sorgen zu kümmern, ist das Wichtigste für die Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer und Isabel Kohler. In Arbeitskreisen, bei Journalisten, Politikern und Studenten sind sie als Experten für Armut gefragt und leisten Lobbyarbeit. Stephan Karrenbauer ist politischer Sprecher von Hinz&Kunzt und leitet unsere Arbeits- und Wohnprojekte.

„Ich gehe auch nach 20 Jahren immer noch gern zur Arbeit“, sagt er. Der Diplom-Sozialpädagoge war mehrere Jahre als Suchttherapeut tätig. Diese Erfahrungen kommen ihm seit 1995 auch bei Hinz&Kunzt zugute, denn viele Verkäufer leiden unter Alkohol-, Drogen- oder Spielsucht. Nicht alle überwinden sie. „Trotzdem denke ich immer: Der Nächste, der reinkommt, wird es schaffen.“

Wir machen uns stark für Arme– Stephan Karrenbauer, Sozialarbeiter

Was ist das Besondere an Hinz&Kunzt?

Stephan Karrenbauer: Das Einzigartige an uns ist, dass wir die Möglichkeit bieten, zu arbeiten und Geld zu verdienen. Menschen, die am Rand der Gesellschaft gelebt haben, werden wieder gebraucht. Sie achten mehr auf ihr Äußeres, lassen vielleicht sogar ihre Zähne machen, die durch das Leben auf der Straße oft ruiniert sind. Wir versuchen, für Menschen Wohnraum zu bekommen. Zum Beispiel haben wir selbst ein eigenes kleines Winternotquartier ins Leben gerufen. Eines, wo auch ich mir vorstellen kann, in einer Notsituation zur Ruhe zu kommen.

Warum ist es wichtig, dass Hinz&Kunzt einen politischen Sprecher hat?

Wir an der Basis wissen, was Obdachlose brauchen, um wieder auf die Beine zu kommen. Wir müssen dafür sorgen, dass die Ärmsten der Armen nicht in Vergessenheit geraten. Trotz angespannter Haushaltslage dürfen wir uns nie damit abfinden, dass Menschen auf der Straße leben und keine Perspektive haben.

Hat sich die Arbeit im Laufe der Jahre verändert?

Erst hatten wir es nur mit „klassischen“ Obdachlosen zu tun: Mit Menschen, die vom Leben aus der Bahn geworfen wurden und oft schon lange auf der Straße gelebt haben. Sie können sich durch den Verkauf der Zeitung wieder stabilisieren. Heute stehen hier oft Verzweifelte aus Osteuropa vor der Tür, auf denen die Verantwortung für eine ganze Familie lastet. Mitunter leben sie mit Kindern sogar unter der Brücke. Es ist unerträglich, ihnen nicht helfen zu können.

Was erleichtert die Sozialarbeit?

Wir sind gut vernetzt in der Wohnungslosenhilfe. Bei Rechtsfragen können wir unsere ehrenamtlichen Anwälte einschalten, die Verkäufer  beraten und notfalls vor Gericht vertreten. Kraft geben die vielen aufmunternden Mails und Anrufe, die wir bekommen. Wichtig ist auch das Gewicht, das unsere Stimme in der Öffentlichkeit hat. Wir machen uns als Experten bei Politik und Behörden stark für Arme. So können wir dazu beitragen, die Lebensbedingungen von Obdachlosen zu verbessern.

Viele Hinz&Künztler haben sonst niemanden, dem sie sich anvertrauen können– Isabel Kohler, Sozialarbeiterin, Sozialarbeiter

„Ich weiß nie, was als Nächstes passieren wird. Jeder Tag ist wie eine Wundertüte“, sagt Isabel Kohler. Die Diplom-Sozialpädagogin hat schon während ihres Studiums bei Hinz&Kunzt gearbeitet. Seit 2007 ist sie fest angestellt. Sie schätzt die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Vertrieb. Die Schicksale gehen nicht spurlos an ihr vorüber: „Manchmal komme ich an meine Grenzen.“

Wie sieht ein Tag bei Hinz&Kunzt aus?

Isabel Kohler: Das ist ganz unterschiedlich. Der eine braucht Hilfe bei Behördengängen. Die Nächste hat Probleme mit ihrem Freund. Der Dritte ist gar nicht obdachlos, hat aber einen Neffen, der demnächst auf der Straße landen wird. Dann sitzt jemand vor mir, der weint, weil er so unglücklich darüber ist, auf der Straße leben zu müssen. Viele Hinz&Künztler haben sonst niemanden, dem sie sich anvertrauen können. Schwächen zuzugeben ist unheimlich schwer. Deshalb trauen sich einige auch nur in mein Büro, weil die Vertriebskollegen sie dazu ermuntert haben.

Warum ist das Vertriebsteam so wichtig für dich?

Fast alle Kollegen dort sind selbst einmal obdachlos gewesen. Sie wissen genau, wie es ist, auf der Straße zu leben. Das sind unsere Galionsfiguren, die den anderen bei Bedarf Mut machen und auch einfach sagen: „Geh mal zu Isabel oder Stephan. Die helfen dir.“

Was ist nötig, um Obdachlosen besser zu helfen?

Das Wichtigste sind bezahlbare Wohnungen und angemessene Wohnunterkünfte. Der Bedarf wird immer größer. Notwendig sind vor allem Wohnmöglichkeiten, die die Privatsphäre respektieren und doch Gemeinschaft ermöglichen.

Wessen Schicksal hat dich besonders bewegt?

Klaus hat mich sehr beschäftigt. Ein liebenswürdiger Mann, der trotz starker Alkoholpro­bleme regelmäßig das Magazin verkaufte und für die Verkäufer gekocht hat. Ich merkte, wie er abbaute und wohl unter Demenz litt. Klaus bekam Probleme mit dem Amt. Sie strichen Leistungen, weil er Termine versäumte. Es dauerte lange, bis sie meine Erklärung akzeptierten, dass er wegen seiner Krankheit nicht kam. Ich half Klaus, als sein Vermieter ihn aus der Wohnung werfen wollte, organisierte einen Pflegedienst und eine Betreuerin. Schließlich kam er in ein Heim, wo er noch einmal aufblühte und sich über unsere regelmäßigen Besuche freute. Nach sechs Monaten dort starb Klaus. Ohne uns wäre er einsam gestorben. Hinz&Kunzt war seine Familie.

Kontakt:

stephan.karrenbauer@hinzundkunzt.de
isabel.kohler@hinzundkunzt.de
Telefon: 32 10 83 11