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Werkstattbesuch

Die Flüchtigkeit des Augenblicks

29. Oktober 2012 | Von | Kategorie: 2012: Hinz&Kunzt 227-238, Archiv, Hinz&Kunzt 237/November 2012

Katharina Duwe stammt aus einer Künstlerfamilie. Sie malt seit 30 Jahren – fasziniert von der Kälte und den Brennpunkten der Großstadt. Ein Besuch in ihrem Atelier im Karolinenviertel

(aus Hinz&Kunzt 237/November 2012)

Ihre Motive fängt Katharina Duwe mit der Kamera ein. Dann projiziert sie das Bild auf eine Leinwand – und fängt Schicht für Schicht an zu malen.

Katharina Duwe sagt: „Ich weiß, wann ein Bild fertig ist – der Klang eines Bildes muss stimmen.“ Extra für diesen Termin hat sie das 1,80 mal 2,30 Meter große Werk an die Wand ihres Atelierlofts gehängt, das die Einladung zu ihrer aktuellen Ausstellung ziert. Wochenlang hat die Künstlerin daran gearbeitet. Der „Heimweg eines Fußballfans“ zeigt einen Mann, umgeben von Autos und Lampen, inmitten der Großstadt. Eine nächtliche Szene, aber nicht düster. Die Leinwand ist voller Farben und Lichter, oszillierend zwischen gegenständlich und abstrakt. Eine typische Großstadtszene, wie sie die Künstlerin liebt. „Ich gehe immer gern an Brennpunkte. Dahin, wo es richtig brodelt.“

Zu dem Bild inspiriert hat sie eine Situation während der Fußball-Europa-Meisterschaft in diesem Sommer. Dafür musste sie nicht einmal weit gehen, denn ihr Atelier liegt mitten im Karolinenviertel. Die Fans und Helden der Nacht laufen ihr sozusagen direkt vor den Pinsel. Oder besser gesagt: vor die Kamera. Denn die Künstlerin arbeitet immer mit ­Fotos oder Handyvideos, aus denen sie Ausschnitte als Vorlagen für ihre Bilder wählt. Diese projiziert sie auf die Leinwand und fertigt eine Zeichnung an. Das Auftragen der Farben ist ein längerer Prozess. Gern arbeitet sie mit Aquarellfarben oder ­Eitempera, weil sie den dünnen Farbauftrag schätzt. Für Glanzlichter muss es aber leuchtkräftige Ölfarbe sein. „Ich sehe genau hin. Mich fasziniert die Flüchtigkeit des Moments.“

Ihre Motive findet sie bevorzugt im prallen Leben auf den Straßen. „Der Mensch und wie er sich verändert, das ist mein Thema“, sagt Katharina Duwe. „Und das lässt sich in der Großstadt nun einmal am besten zeigen. Mich fasziniert gerade das Kalte und Abweisende daran. Und die Spiegelungen, die da ständig entstehen.“

Besonders gern malt die Künstlerinnächtliche Szenen.„Das interessiert mich, weil die Gegenständlichkeit in den Hintergrund tritt. Die Umrisslinien werden unscharf.“ Katharina mag das Ungewisse und Rätselhafte. Und natürlich die besondere Lichtstimmung in der Dunkelheit. „Das künstliche Licht entwickelt in meinen Bildern eine eigene Formensprache. Auf diese Weise entstehen mindestens zwei verschiedene Ebenen.“ Fast zerbrechlich sieht die Künstlerin aus vor dem riesigen Bild. Aber der Eindruck täuscht: Katharina Duwe weiß, was sie kann. Sie hat sich in der Kunstszene durchgesetzt und einen Namen gemacht. Sie arbeitet hart und kann auch Durststrecken bewältigen. „Sonst hätte ich gar nicht 30 Jahre lang als Malerin bestehen können.“

Das Interesse für die Kunst wurde Katharina Duwe praktisch vererbt. „Man nimmt es subkutan mit, was die Eltern machen.“ Ihre Eltern sind Maler. Harald Duwe und Heilwig Ploog lernen sich an der Kunsthochschule kennen und heiraten 1951. Ein Jahr später wird ihre Tochter Katharina geboren, später ihre Brüder Tobias und Johannes. Die beiden sind ebenfalls Maler. Die Familie lebte in Großensee, direkt am Wasser. Aber das Leben war kein Postkartenidyll. Der Vater konnte viele Jahre nicht von seiner Kunst leben, verdiente den Lebensunterhalt mit Porträtmalen, Kunst-am-Bau-Aufträgen und später durch die Lehrtätigkeit an einer Ingenieursschule. „Ich kann mich an den Lebenskampf meiner Eltern noch gut erinnern.“ Schließlich gelang ihm der Durchbruch auf dem Kunstmarkt, und er wurde Professor in Kiel. Erst im Alter von 50 Jahren kehrten so bei Harald Duwe Anerkennung ein. Für die Familie in Großensee begannen ruhigere Zeiten.

Die Atmosphäre zu Hause war trotz finanzieller Durststrecken anregend. Künstler gingen ein und aus, manchmal auch Politiker. Am Familientisch wurde immer viel diskutiert. Über Politik – der Vater war in der SPD aktiv – aber vor allem über Kunst. „Das ist bis heute so. Manchmal kann das schon ein bisschen nerven“, gibt Katharina Duwe zu. So eine Künstlerfamilie ist eben nicht ohne. Aber sie hat viel gelernt von ihren Eltern. „Beide Eltern waren gute Zeichner und Maler. Meine Mutter entwickelt die Bilder eher aus dem Fleck heraus, mein Vater eher aus der Zeichnung. “

Mit 19 Jahren zieht Katharina Duwe aus. „Ich wollte eigene Wege gehen. Es war für mich zu Hause schwer, meine Individualität zu entfalten. Mein Vater war schon sehr dominant.“ Katharina möchte zunächst eine Lehre als Lithografin machen. Ein Beruf, den auch ihr Vater ursprünglich gelernt hatte. „Aber ich wurde abgelehnt. Das war auch damals schon ein aussterbender Beruf.“ Sie studiert stattdessen Kunstgeschichte und Archäologie in Hamburg. Vier Jahre lang, aber mit stetig abnehmender Motivation. „Das war mir viel zu trocken und langweilig. Nur Theorie, das war nichts für mich. Man kann schließlich auch nicht jeden Pinselstrich interpretieren“, erzählt sie.

Schließlich bewirbt sie sich doch an der Hochschule für bildende Künste. „Von meinen Eltern und ihren Freunden hatte ich immer so spannende Sachen vom Lerchenfeld gehört. Als Kind hatte ich immer gedacht: ‚Das muss toll sein, dort zu studieren.‘“ 1975 nimmt sie das Studium auf. Doch Katharina Duwe ist total enttäuscht. „Da wurde viel diskutiert und wenig gemacht. Gerade, was die Malerei anging, war das Angebot nicht sehr gut.“ Besonders ist ihr noch eine skurrile Situation in Erinnerung. „Ich hatte Aktzeichnen belegt. Doch als ich in den Raum kam, war da außer mir nur ein großer, langer Mann. Nackt.“ Ein Beispiel dafür, wie gering das Interesse der Studenten zu der Zeit an der rein handwerklichen Ausbildung war. Wobei man das Malen sowieso nicht lernen könne, räumt die Künstlerin ein. Es komme hauptsächlich auf die Atmosphäre, den Austausch und die individuelle Förderung an. Die erhält die junge Frau endlich im höheren Semester durch Werner Bunz, der für sein grafisches Werk bekannt war.

Nach acht Jahren, 1983, ist ihr Studium abgeschlossen. „Die lange Studiendauer war zu der Zeit aber nichts Besonderes. Wir haben nicht so zweckgebunden studiert und nicht so an die Karriere gedacht.“ Doch wie sollte es weitergehen mit einem Abschluss in Freier Kunst? Katharina Duwe tanzt auf mehreren Hochzeiten: Sie gibt Privatunterricht und Kurse an der Volkshochschule, zwischendurch stellt sie aus, bekommt ab und zu einen Lehrauftrag. „Der Anfang war mühselig und holprig“, erinnert sie sich. Aber sie ist fest entschlossen, von der Kunst zu leben. „Zuversicht braucht man in dem Beruf. Bei anderen Eltern hätte ich das nicht gewagt.“

Zu diesen Startschwierigkeiten kommen private Rückschläge. Eine Freundin, mit der sie das Atelier teilt, nimmt sich das Leben. Ihr Vater verunglückt 1984 auf dem Weg nach Hause tödlich mit dem Auto. Er ist gerade erst 58 Jahre alt. „Das war ein ganz unwirklicher Moment. Meine Mutter und ich waren in Frankreich unterwegs, in einer wunderschönen, friedlichen Umgebung, als mein jüngerer Bruder uns die schlimme Nachricht brachte.“ Die Familie erholt sich nur sehr langsam von dem Schlag, aber sie erholt sich. Und malt. Auch Katharina Duwes Mutter, inzwischen 88 Jahre alt, malt immer noch. Das liegt einfach in der Familie.

Bis heute ist ihre Auftragslage und damit die finanzielle Situation unsicher. „Ich nehme das hin“, sagt sie. „Aber ich lebe nur von meiner Arbeit“, ergänzt sie stolz, fast klingt es trotzig. Die wirtschaftliche Seite ihrer Existenz ist immer noch eine Mischkalkulation. „Ich male kleine und große Bilder.“ Die kleineren Formate werden eher von Privatleuten gekauft, die größeren von Sammlern oder Institutionen. Ab und zu gibt Katharina Duwe auch noch Unterricht. „Ich mache viel, das ist eine Heidenanstrengung“, räumt sie ein.

Auch ihr helles, geräumiges Atelier will finanziert sein. Erst im letzten Jahr ist sie hier eingezogen. Ihr altes Atelier in Hammerbrook wurde ihr nach 13 Jahren gekündigt. „Da habe ich mal richtig ausgemistet. Ich habe Bilder mit dem Cutter zerschnitten und Keilrahmen zerdeppert. Was für eine ­Befreiung!“ Auf meinen entsetzten Blick hin sagt sie nur: „Man weiß, was schlecht ist.“ Ihr Vater habe sogar mal Bilder verbrannt, im Garten in Großensee. Der ehemalige Direktor der Kieler Kunsthalle kam dazu, habe immerhin noch ein angekohltes Bild retten können und bis heute bei sich hängen.

Gemälde hat Katharina Duwe trotz ihrer Aufräumaktion immer noch mehr als genug. Wie viele es sind, die hier im Atelier und im Keller lagern, kann sie gar nicht sagen. Ihre jüngsten Werke hat sie gerade für die aktuelle Ausstellung „move“ zusammengestellt. Fast alle zeigen nächtliche Stadtszenen, Autos, unscharfe Häuserfassaden und schemenhafte Figuren. „Es geht mir um das Flüchtige des Moments. Diese Momente, die ich festhalte, sind auch sehr schöne Momente, aber in einer immer schneller werdenden Welt. Eine Zeit lang hat Katharina Duwe am liebsten New York gemalt. „Das fand ich sehr anregend: Die Stadt ist eine einzige Collage. Hamburg hingegen fand ich früher immer langweilig. Aber jetzt ­sehe ich hier auch Motive.“ Der Klang der Stadt scheint inzwischen zu stimmen.

Text: Sybille Arendt
Foto: Daniel Cramer  

Die Ausstellung „move“ läuft vom 1.11. bis zum 31.1.2013
in der Galerie Ute Claussen, Am Klein Flottbeker Bahnhof 2, 
Mo. u. Mi. ,17 – 19 Uhr und nach Vereinbarung.
Infos unter: www.uteclaussen-galerie.de und www.katharina-duwe.de

 

 

 

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