Neue Zahlen : Bauboom in Hamburg – was fehlt sind günstige Wohnungen

Hamburg baut mehr Wohnungen - der Anteil der Sozialwohnungen liegt aber nur bei 23,1 Prozent. Foto: Christian v. R. / pixelio.de.

Die Stadtentwicklungsbehörde lobt die „herausragenden Fertigstellungszahlen“: Seit 1977 sei nicht mehr so viel neu gebaut worden. Doch damals gab es auch noch viel mehr Sozialwohnungen – im Gegensatz zu heute. 

In dieser Woche verkündete Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeld (SPD) die aktuellen Zahlen im Wohnungsbau: 10.674 neue Wohnungen wurden vergangenes Jahr errichtet, 34,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Zunächst einmal eine gute Nachricht. Stapelfeldt freute sich dann auch über den „großen Erfolg“.

Doch zur Wahrheit gehört auch: Nur ein geringer Anteil der neuen Wohnungen ist für den durchschnittlichen Hamburger Mieter überhaupt bezahlbar. 2466 der neu errichteten Wohnungen sind Sozialwohnungen, gerade einmal 23,1 Prozent des Gesamtanteils. Eigentlich ist das Ziel, ein Drittel Sozialwohnungen jährlich zu schaffen.

Mitte der 70er Jahren gab es rund 400.000 Sozialwohnungen

Die Behörde ist dennoch in Feierlaune, vermeldet, dass „zuletzt 1977 so viele Wohnungen in einem Jahr gebaut wurden wie jetzt.“ Das stimmt zwar nicht ganz, denn vor 42 Jahren wurden exakt 10.707 Wohnungen neu errichtet, wie man auf Nachfrage beim Statistischen Landesamt erfahren kann – aber die 33 Wohnungen könnte man noch vernachlässigen. Weitaus ärgerlicher ist aber die Tatsache, dass die Behördensprecherin auf Nachfrage „leider nicht verlässlich sagen kann“, wie viele Sozialwohnungen 1977 in Hamburg gebaut wurden. Das wäre zum Vergleich ja durchaus interessant gewesen.

Denn vermutlich ist deren Zahl deutlich höher als die heutige. Mitte der 70er Jahre entstanden etwa in Steilshoop, Mümmelmannsberg und Kirchdorf-Süd Großwohnsiedlungen mit mehreren Zehntausend Sozialwohnungen. Der Gesamtbestand der Sozialwohnungen in Hamburg lag Mitte der 70er Jahre bei rund 400.000 – heute sind es hingegen nur noch 79.000.

Kritik von Sozialverband und der Linken

Hamburg brauche jährlich 5000 neue geförderte Wohnungen, fordert Klaus Wicher, Landesvorsitzender des Sozialverbands Deutschland (SoVD). Der Mieterverein zu Hamburg geht mit 6000 geförderten Wohnungen noch weiter. Auch dürften die hohe Zahl an Neubauten nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Wohnungsmarkt in Hamburg nach wie vor „extrem angespannt“ ist: „Es fehlen insbesondere bezahlbare Wohnungen“, sagte der Mietervereinsvorsitzende Siegmund Chychla.

Bereits Anfang Mai hatte Heike Sudmann, wohnungspolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke vom „Drittelmix-Fake“ des Senats gesprochen. Der Senat benötige Rechentricks, um auf sein erklärtes Ziel zu kommen, jährlich 3000 neue geförderte Wohnungen zu bauen.

Sozialwohnungsbau
Der Drittelmix ist eigentlich ein Fünftelmix
Jede dritte neugebaute Wohnung in Hamburg soll eine Sozialwohnung sein. Vergleicht man aber die Quadratmeterzahlen der Neubauwohnungen, ergibt sich ein anderes Bild: Nur 21 Prozent der Wohnfläche sind günstig.

Deutlich mehr Sozialwohnungen gefordert

Rund 40 Prozent der Hamburger Mieter haben derzeit einen Anspruch auf eine Sozialwohnung. Doch die Zahl der geförderten Wohnungen geht seit Jahren zurück. Das Problem: Jedes Jahr fallen Sozialwohnungen aus der Preisbindung. Im vergangenen Jahr waren es 3500 – dem stehen nur 2466 neu gebauten Sozialwohnungen gegenüber.

Viel zu wenig, sagen auch Experten aus der Bau- und Immobilienbranche. Deutschland brauche einen „Masterplan für Sozialwohnungen“, hieß es beim Verbändebündnis Wohnungsbau vergangene Woche bei einer Tagung in Berlin. Es müssten bundesweit jedes Jahr 80.000 neue Sozialwohnungen gebaut werden um die Lücke an bezahlbarem Wohnraum zu schließen. Fertig gestellt würden aber nur 26.200.

Laut einer neuen Studie des Immobilienbündnisses drosseln vor allem die drastisch gestiegenen Grundstückspreise den Neubau günstiger Wohnungen. In „A-Lagen“, zu denen auch Hamburg gehört, habe sich der Preis pro Quadratmeter seit 2011 fast verdoppelt.

Über den Autor
Simone Deckner
Simone Deckner ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Kultur, Gesellschaft und Soziales. Seit 2011 arbeitet sie bei Hinz&Kunzt: sowohl online als auch fürs Heft.

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