Dehoga über Mindestlohn-Verstöße : „Was sollen die Hotelbetreiber machen?“

Ulrike von Albedyll ist Dehoga-Geschäftsführerin in Hamburg. Foto: Dehoga

Welche Verantwortung trägt die Hotellerie, wenn Subunternehmer Zimmermädchen unter Mindestlohn bezahlen? Und was kann der Verband tun? Ein Streitgespräch mit Ulrike von Albedyll, Geschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Hamburg.

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Hinz&Kunzt: Frau von Albedyll, haben Sie die Ergebnisse des 4. Hinz&Kunzt-Hotelreports überrascht?

Ulrike von Albedyll: Nein.

Warum nicht?

Was hätte mich überraschen sollen?

Wir finden zum Beispiel bemerkenswert, dass die Zahl der Hotels, die eigene Reinigungskräfte beschäftigen, offensichtlich deutlich gesunken ist.

Das ist bei dem Fachkräftemangel doch kein Wunder! Es gibt Restaurants, die machen mittags nicht mehr auf, weil ihnen die Menschen fehlen, die für sie arbeiten wollen. Und dieses Problem betrifft ja nicht nur das Gastgewerbe, sondern auch viele andere Branchen.

Die Hotelreinigungsfirmen sind offenkundig in der Lage, Mitarbeiter zu finden.

Die akquirieren ja auch im Ausland. Das kann ein einzelner Hotelier nicht machen.

Manche machen das, aber nicht alle. Könnte es auch an den niedrigen Löhnen liegen?

Das glaube ich nicht. Personalmangel herrscht auch in Branchen, die besser zahlen.

Haben Sie eine Idee, wie sich verhindern lässt, dass Menschen, die als Angestellte von Hoteldienstleistern Zimmer putzen, nicht korrekt entlohnt werden?

In der August-Ausgabe

Welchen Hotels liegen ihre Reinigungskräfte am Herzen? In unserer August-Ausgabe finden Sie das komplette Ranking. Ab sofort auf Hamburgs Straßen! Zum Inhalt.

Davon weiß ich nichts. Mir ist seit Jahren kein Fall bekannt, wo unter Mindestlohn bezahlt wurde.

Einen solchen Fall können Sie in unserem Hotelreport nachlesen.

Aber kann man das verallgemeinern? Als das Thema 2007 das erste Mal aufkam, haben mich häufiger Hoteliers angerufen. Das ist heute nicht mehr so. Ich bin sehr eng vernetzt mit der Prüfstelle für das Gebäudereinigerhandwerk. Da hat es in all den Jahren einen Fall gegeben, in dem einer Hotelreinigungsfirma das Gütesiegel aberkannt wurde, das die Prüfstelle vergibt.

Nun beantragen die meisten Hotelreinigungsfirmen ja gar nicht erst ein Gütesiegel, weil sie wissen, dass sie es entweder nicht bekommen würden oder bald wieder verlieren.

Dazu kann ich mich nicht äußern, weil ich diese Firmen nicht kenne. Ich kann als Geschäftsführerin des Dehoga nur etwas zur Hotellerie sagen.

Die Servicestelle Arbeitnehmerfreizügigkeit, die Betroffene bei der Durchsetzung ihrer Ansprüche unterstützt, wird Ihnen von weiteren Fällen berichten können, in denen Mitarbeiter von Hotelreinigungsfirmen unter Mindestlohn bezahlt wurden.

Ich war in engem Kontakt mit der Servicestelle und habe immer meine Gesprächsbereitschaft angeboten, zuletzt vor anderthalb Jahren. Aber wenn ich nichts höre, gehe ich davon aus, dass es keinen Bedarf gibt.

Wir haben mit vielen Reinigungskräften gesprochen, die für Hoteldienstleister arbeiten oder gearbeitet haben. Fast alle haben berichtet, dass sie weniger als die 10,56 Euro brutto die Stunde verdient haben, die sie laut Gesetz bekommen müssten.

Aber es gibt doch Zollkontrollen!

Der Zoll entdeckt Gesetzesverstöße nicht immer. Denn die, die um Lohn betrogen werden, sagen oft nicht, dass ihr Lohn sich nach der Zahl der geputzten Zimmer bemisst und nicht nach der Zahl der Stunden, die sie tatsächlich gearbeitet haben – aus Angst, den Job zu verlieren, zu dem sie keine Alternative haben.

Wenn selbst der Zoll nichts findet, wie sollen Hotelbetreiber dazu in der Lage sein?

Der Hotelier hat die Reinigungskräfte jeden Tag in seinem Haus.

Was sollen die Hotelbetreiber machen? Wenn ich als Hotelier eine Reinigungsfirma beauftrage, ihr eine anständige Summe dafür bezahle und dann noch regelmäßig die Lohnabrechnungen kontrolliere – genau das empfiehlt ja der Zoll –: Muss ich dann nicht darauf vertrauen, dass alles in Ordnung ist?

Das können Sie nicht, wie unsere Recherchen zeigen.

Aber dann kann ich doch nur sagen: „Ich bekomme keine Leute, also mache ich das Hotel zu!“ Was ist in Ihren Augen die Alternative?

Die Hotellerie könnte eine Kampagne starten mit dem Ziel, eigene Reinigungskräfte zu gewinnen. Warum schließen sich nicht große Hotelketten zusammen und sagen: Wir gehen es gemeinsam an! Die Menschen, die die Zimmer putzen, sind ja bereits da.

Wenn diese Menschen so unzufrieden sind, verstehe ich nicht, warum sie nicht zu den Hotelbetreibern gehen und sagen: „Ich möchte für euch arbeiten.“

„Wenn es Missstände gibt, helfe ich gerne dabei, sie zu beseitigen. Ich glaube aber nicht, dass es gelingen wird, sie ganz abzustellen.“– Ulrike von Albedyll

Weil sie oft nicht die deutsche Sprache beherrschen und einen solchen Satz somit gar nicht sagen können.

Ich weiß nicht, wie viele dieser Menschen nicht Deutsch sprechen. Wir sind Dienstleister unserer Mitglieder. Und jeder Betrieb entscheidet selbst, wie er seine Zimmerreinigung organisiert.

Aber wenn ein Problem beschrieben wird – und die Fakten liegen nun ja auf dem Tisch –, ist es dann nicht Aufgabe des Verbands, sich darum zu kümmern?

Das Problem Fachkräftemangel können wir aber nicht lösen. Nächstes Jahr kommt das neue Einwanderungsgesetz. Vielleicht wird das uns ein Stück weit helfen.

Ist die Rede von den Mitarbeitern, die nicht zu finden sind, nicht ein Stück weit auch eine bequeme Ausrede? Es gibt ja Hotels, die eigene Leute für die Reinigung ihrer Zimmer finden.

Wie die Hotels das im Einzelnen machen, ist mir nicht bekannt.

Vor fünf Jahren haben Sie gemeinsam mit der Servicestelle Arbeitnehmerfreizügigkeit eine Kampagne gegen die Ausbeutung von Zimmermädchen gestartet. Erklärtes Ziel war es, mithilfe von mehrsprachigen Plakaten Betroffene auf ihre Rechte hinzuweisen. Ein Erfolg?

Das ist schwer einzuschätzen.

Können Sie sich vorstellen, eine solche Kampagne noch einmal zu starten?

Natürlich. Jederzeit. Ich kann mir vieles vorstellen.

Die NGG spricht angesichts der wiederkehrenden Berichte von Betroffenen, die von Hotelreinigungsfirmen um Lohn betrogen werden, von einem „Geschäftsmodell, das auf Beschiss aufbaut“. Was sagen Sie dazu?

Ich kenne diese Aussage nicht. Die NGG ist ja nicht ganz so gut organisiert. Ich weiß nicht, ob die da überhaupt Einblick haben.

Der Mann, der das gesagt hat, saß immerhin lange im Aufsichtsrat einer großen Hotelkette und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema. Und Betriebsräte in Hotels, die gewerkschaftlich organisiert sind, sprechen manchmal auch mit Putzkräften…

Wenn es Missstände gibt, helfe ich gerne dabei, sie zu beseitigen. Ich glaube aber nicht, dass es gelingen wird, sie ganz abzustellen. Ich persönlich finde es erschütternd, wenn jemand andere ausbeutet. Aber solche Menschen gibt es leider immer wieder.

Über den Autor
Ulrich Jonas
Ulrich Jonas
Freier Journalist und Hinz&Kunzt-Autor aus Leidenschaft, schreibt seit vielen Jahren über Armutslöhne, Ausbeuter und Ideen für eine solidarische Gesellschaft.

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