Freunde alter Menschen : Von wegen einsam und unglücklich!

Franziska Gellrich (32) und Karin Troitzsch (84), die sich über den Verein Freunde Alter Menschen e.V. getroffen haben, im Gespräch im Garten von Frau Troitsch in Hamburg Borgfelde. Imke Lass

Von wegen einsam und unglücklich: Der Verein „Freunde alter Menschen“ vermittelt Dauerkontakte zwischen alten Menschen und jungen Freiwilligen. Die Anfrage wächst rasant.

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Zum Abschluss bittet die Fotografin noch mal um ein Bild Arm in Arm. „Dann sind wir ja wie ein Liebespaar!“, sagt Karin Troitzsch lachend und kuschelt sich auf dem Gartensofa vor ihrer Wohnung in den Arm von Franziska Gellrich. Die lächelt fröhlich zurück: „Ein bisschen sind wir das doch auch, oder?“ Beide schauen sich innig an und nicken. Ganz alte Freundinnen eben, seit Spätsommer 2020. Die eine 84, die andere 32.

„Viele dieser Partnerschaften halten tatsächlich bis zum Tod“, sagt uns später Simone Sukstorf. Was dramatisch klingt, ist für die Beteiligten ein pures Geschenk. Sukstorf arbeitet für den Verein „Freunde alter Menschen“, der in fünf deutschen Städten dauerhafte Kontakte zwischen Alt und Jung vermittelt. In Hamburg existiert der Verein seit 2014, mittlerweile mit jeweils einem Standort in Eimsbüttel und Borgfelde. Das Ziel: alte Menschen ab 75, die meist noch zu Hause leben, aber häufig schon nicht mehr so mobil sind, vor drohender Iso­lation und Vereinsamung zu bewahren. Etwa 290 Senior:innen betreut der Verein, der stets neue Freiwillige sucht, allein in Hamburg – und der Bedarf wächst rasant. Das Angebot ist vielschichtig: So findet ein monatlicher Nachbarschaftsstammtisch statt, dieses Frühjahr gab es einen Foto-Walk durch Altona und einen Spielenachmittag, im August steht eine Stadtteilführung durch Barmbek an. Aber das Herzstück bleibt der private Kontakt zwischen Alt und Jung. Sogar eine App gibt es mittler­weile, in der man als Suchende wie Franziska sein ganz persönliches „Match“ finden kann.

Auch sie hatte dort gestöbert, im Sommer 2020 – ohne zunächst fündig zu werden. „Ich liebe alte Menschen“, sagt die in Osnabrück aufgewachsene Frau mit den kecken kupferroten Haaren und dem offenen Lächeln. Schon während des Studiums half sie freiwillig in einem Altenheim, heute arbeitet sie in der City Nord bei Tchibo im Personalmarketing. Nach dem Ausbruch von Corona und der ersten Einsamkeitswelle pochte ihre soziale Ader: „Ich muss jetzt was tun!“ – beim Googeln stieß sie auf die Freunde alter Menschen. Dort hinterließ sie ihr Profil, ihre Vorlieben und Wünsche, der entscheidende Kontakt wurde dann aus dem Büro des Vereins vermittelt: „Wir haben da jemanden, der ganz wunderbar zu dir passen könnte.“ Franzi erinnert sich noch genau ans erste Treffen, bei ­Karin zu Hause in Borgfelde. „Ich wusste ja nicht, was mich erwartet, du hättest ja auch ein kleines Häufchen Elend sein können, das ich erst mal ein bisschen aufpäppeln muss.“ Und dann das: „Du frisch frisiert, ein rosa Jäckchen über­geworfen, ein Teller mit Schnittchen, und wir haben uns sofort über Stunden verquatscht!“

Denn Karin Troitzsch mag mit ihrem Rollator nicht mehr ganz so gut zu Fuß sein, aber eines ist sie ganz gewiss nicht: auf den Mund gefallen. Gelernt ist gelernt, jahrelang hat sie bei C&A in der Mönckebergstraße im Verkauf gearbeitet. Drei Kinder, drei Enkel und drei Urenkel hat sie, die auch immer wieder mal vorbeischauen, aber Karin trägt nach dem Tod ihres zweiten Mannes 2014 noch mehr Sehnsucht nach Leben und Menschen in sich. Neue Kontakte zu knüpfen „liegt aber in meiner Verantwortung, ich muss mich kümmern, nicht die anderen“, sagt sie. Viele Senior:innen würden genau davor zurückschrecken.
Mindestens einmal monatlich treffen sich die beiden Frauen nun – mal bei einer von beiden zu Hause, mal in der Eisdiele, mal bei einem Ausflug nach Hagenbeck. Auch Franzis Freund hat Karin schon kennengelernt, und zum nächsten Familientreffen soll sie einfach mal mit, denn: „Alle lieben Karin!“, sagt Franzi. Und irgendwann dieser warmen Tage wird sie ihn jetzt wieder tragen: jenen „cool fließenden Sommerrock“, den Karin vor Jahren für einen Hochzeitsbesuch kaufte, ihn an Franzi weiterschenkte – und der nun Beine umschmeichelt, die mehr als ein halbes Jahrhundert jünger sind als ihre.

Mehr Informationen über die „Freunde alter Menschen“ unter www.famev.de

Artikel aus der Ausgabe:

Keine Angst vorm Alter

Über Wohnungslosigkeit im Alter, alte Freundschaften und Wege aus der Altersarmut. Außerdem: Ökonom Marcel Fratzscher über die sozialen Folgen der Inflation und eine Reisereportage aus Albanien.

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Autor:in
Jochen Harberg
Seit über 40 Jahren im Traumberuf schreibender Journalist, arbeitete festangestellt u. a. für Stern und Welt am Sonntag. Seit 2019 mit großer Freude im Team von Hinz&Kunzt.

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