Winternotprogramm : Stadt schickt Obdachlose tagsüber zurück auf die Straße 

Die Notunterkünfte des Winternotprogramms wie hier in der Friesenstraße sind ab sofort tagsüber wieder verschlossen. Foto: Jonas Füllner

Endlich müssen Hamburgs Obdachlose nicht mehr den Kältetod fürchten. Für sie bedeutet der überraschende Frühlingsbeginn aber auch, dass sie morgens die Schlafstätten wieder verlassen müssen.

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Das Hoch Ilonka weckt Frühlingsgefühle. Am Wochenende strömten die Hamburger*innen ins Freie – freiwillig. Für etwa 700 Obdachlose gilt dieser Zusatz nicht. Sie müssen ab sofort die Tage im Freien verbringen. Die drei Schlafstätten des Winternotprogramms verschließen wieder wegen „deutlich milderer Temperaturen“ zwischen 9:30 Uhr und 17 Uhr ihre Türen, teilt die Sozialbehörde mit.

Während der zurückliegenden Kältewelle setzte die Behörde ausnahmsweise für rund zwei Wochen eine Tagesöffnung des Winternotprogramms um. Die Zahl der Übernachtungsgäste stieg deutlich an: Zwischenzeitlich schliefen mehr als 750 Obdachlose in den Notunterkünften. Mit den steigenden Temperaturen und der Rücknahme der Tagesöffnung sinkt die Auslastung wieder und liegt jetzt nur noch knapp über 700.

„Die Tagesöffnung jetzt erneut zu stoppen, macht mich sprachlos.“– Stephan Karrenbauer

Vergeblich fordern Hinz&Kunzt und andere Initiativen der Wohnungslosenhilfe seit Jahren, dass die Notschlafstätten des Winternotprogramms regulär rund um die Uhr geöffnet bleiben. Vor drei Jahren hatte Hinz&Kunzt gemeinsam mit dem Zeitungsverkäufer Jörg Petersen sogar 100.000 Unterschriften mit dieser Forderung gesammelt und im Rathaus übergeben – vergeblich. „Die Tagesöffnung jetzt erneut zu stoppen, macht mich sprachlos“, sagt Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer. „Die Argumente sind schon lange ausgetauscht und die Sorgen der Obdachlosen bekannt.”

Viele Obdachlose meiden das Winternotprogramm auch, weil sie tagsüber nicht auf ihren Zimmern bleiben dürfen. Und erst vor wenigen Tagen hatte der Senat auf eine parlamentarische Anfrage der Linken eingeräumt, dass Obdachlose die Unterkünfte unter anderem auch aus Angst vor Diebstählen, Gewalt und zugleich vor dem Coronavirus meiden. Immerhin: Nach Angaben des Senats haben verschließbare Schränke, verstärkter Wachdienst und mehr Sozialberatung dazu geführt, “dass Übergriffe unter den Nutzerinnen und Nutzern deutlich zurückgegangen sind.” Und die Hygienevorkehrungen in den Einrichtungen konnten bisher größere Infektionsgeschehen verhindern.

Autor:in
Jonas Füllner
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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