Lesung : Spiegel-Autor Bruno Schrep zu Gast bei Hinz&Kunzt

Ähnlich wie in dieser nachgestellten Szene, wurde Meta Westphal immer wieder von ihrer Pflegerin malträtiert. Symbolfoto: Mauricio Bustamante

Am Montag stellt Bruno Schrep seinen Reportageband „Nachts ist jeder ein Feind – Wahre Geschichten“ bei Hinz&Kunzt vor. Wir veröffentlichen die gekürzte Fassung der Tragödie „Nimm mal die Flossen weg!“

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„Ich liebe meinen Beruf“, sagt die Altenpflegerin Doreen R., „ich möchte nichts anderes tun.“ Die 42-jährige Frau, groß, kräftig, kurze Haare, sitzt im T-Shirt auf einem Sessel in ihrem Wohnzimmer und erzählt von ihrer Art, mit alten Menschen umzugehen. Sie sei zwar manchmal etwas forsch und laut, aber immer herzlich, nie böse. Ihre Meinung sage sie stets offen und geradeaus, das fänden die Senioren prima. „So bin ich nun mal.“ Dies ist das Bild, das Doreen R. von sich selbst zeichnet. Doch es gibt andere Bilder von ihr, heimlich aufgenommen mit einer Videokamera. Zu sehen und zu hören ist, dass die Pflegerin eine hilflose Heimbewohnerin behandelt wie einen Feind: sie roh anpackt, sie duzt und beleidigt.

Ein Gruselfilm.

Dass sich solche Exzesse hinter verschlossenen Heimtüren abspielen, wird oft vermutet. Aber es ist fast nie zu beweisen, die Dunkelziffer ist hoch. Nur wenn Kollegen das Gewissen drückt und sie sich zur Zeugenaussage entschließen, werden die Vorfälle offenbar. Mit Bildern dokumentiert wurden solche Horrorszenen nie.

Wie konnte es zu den Übergriffen kommen?

Im Bremer Seniorenzentrum Forum Ellener Hof, idyllisch gelegen im grünen Stadtteil Osterholz, ist die Heimleitung heilfroh, als sich eine gestandene Altenpflegerin mit Examen bewirbt. Zwar fehlen ein paar Zeugnisse, auch der Lebenslauf weist Lücken auf, aber die Not ist groß. Fachkräfte sind rar, und die Frau macht einen guten Eindruck. Doreen R. wird engagiert, zunächst befristet für ein Jahr.

Spiegel-Autor Bruno Schrep besucht am 21. Oktober Hinz&Kunzt und stellt seinen neuen Reportageband vor. Foto: Mauricio Bustamante

In Zimmer 212 lebt seit einem Jahr die pflegebedürftige Meta Westphal. Die inzwischen 85-Jährige, Mutter zweier Söhne und zweier Töchter, ist nach einem Leben mit vielen Hindernissen und Entbehrungen hinfällig und schwach. Nach dem Krieg musste sie aus dem Osten fliehen, zunächst in die DDR, später in den Westen, ins Münsterland. Sie zog die vier Kinder auf, ging trotz einer Knochenkrankheit nebenbei putzen, stellte eigene Wünsche immer zurück. „Sie lebte nur für die Familie“, erinnert sich Sohn Detlef.

Als ihr Mann stirbt, die Ehe dauerte 58 Jahre, ist auch sie mit ihren Kräften am Ende. Sie kann kaum noch laufen, das Gedächtnis funktioniert nicht mehr richtig. Die Söhne finden den Handbesen im Kühlschrank, der Küchenherd bleibt schon mal die ganze Nacht eingeschaltet, und die früher stets blitzsaubere Wohnung verschmutzt nach und nach. Der Umzug ins Heim wird unausweichlich. Im Ellener Hof, versichert die Heimleitung den Angehörigen, sei die Mutter bestens aufgehoben.

Anfangs gibt es auch nichts zu reklamieren. Meta Westphal findet Freundinnen, traut sich mit dem Rollator aus dem Zimmer, Pflegerinnen führen sie in den Speisesaal. Auch als sie nicht mehr aufstehen mag, stattdessen auch tagsüber im Bett bleibt, lobt die Seniorin die Betreuung. „Die Schwestern sind so lieb.“

Das ändert sich, als Doreen D. auftaucht. Gegenüber den Söhnen, die sie abwechselnd fast jeden Tag besuchen, klagt die Mutter über Misshandlungen. „Die haut mich immer“, beschwert sie sich oft, „auch gegen den Kopf.“ – „Wer denn, Mutter, wer?“ – „Schwester Doreen.“

Die Söhne sind skeptisch. Sie wissen, dass die Mutter Menschen häufig nicht wiedererkennt, Namen und Ereignisse verwechselt, mehr und mehr in der Vergangenheit lebt. Quälen sie womöglich Erinnerungen an ihre Kindheit, geprägt vom prügelnden Vater und dem Überlebenskampf mit acht Geschwistern? Kommen traumatische Erlebnisse aus der Kriegszeit hoch? Die Pflegerin, von den Söhnen zur Rede gestellt, findet beruhigende Worte. „Ihre Mutter schläft die meiste Zeit“, erklärt sie, „dabei träumt sie oft ganz schlecht.“

Niemand im Heim weiß, dass Doreen R. schon früher mit ähnlichen Vorwürfen konfrontiert wurde. Die Neue aus dem sächsischen Hoyerswerda redet wenig über ihre Vergangenheit. Dabei gäbe es viel zu berichten. Die Ausbildung zur Maschinistin im Gaskombinat Schwarze Pumpe ist nach 1989 nichts mehr wert. Das Werk, längst marode und unrentabel, wird stillgelegt, später neu gebaut. Doreen R., die im Leitstand die Instrumente kontrollierte, sieben Tage Nachtdienst, drei Tage frei, wird arbeitslos, lebt fortan von Sozialhilfe.

Nach einem sozialen Jahr finanziert ihr das Arbeitsamt um die Jahrtausendwende eine Umschulung zur Altenpflegerin. In der Praxis kommt sie spielend zurecht, sie ist kräftig, kann richtig zupacken, Patienten problemlos hochwuchten und versorgen.

Die mündliche Prüfung, in der viele Fragen zum psychologischen Umgang gestellt werden, schafft sie gerade noch mit der Note „ausreichend“. Einige Jahre jobbt sie in Hoyerswerda und Umgebung, wegen einer Bekanntschaft siedelt sie in den Westen um, hält es jedoch nirgends lange aus, wechselt häufig den Arbeitsplatz. Jobbt mal in Linz am Rhein, mal in Diez an der Lahn, wechselt nach Limburg, pflegt in Katzenelnbogen. Überall fällt auf, dass es ihr nach kurzer, meist geglückter Anfangsphase schnell an Geduld, an Einfühlungsvermögen und manchmal auch an Mitleid mangelt.

Es kommt zu Abmahnungen und vorzeitigen Entlassungen. Beanstandet wird meist das Gleiche: lautes, oft respektloses Auftreten, heftige Beschimpfung von Bewohnern, vereinzelt auch Verdacht auf Gewalt. Eine Vorgesetzte beschreibt Doreen R. als „schwierige und uneinsichtige Person“, die sich von der Welt benachteiligt fühle und Verfehlungen stets zu rechtfertigen versuche. Eine Heimleiterin urteilt kurz und bündig: „Für die Pflege nicht geeignet.“

Auch in Bremen häufen sich bald nach Dienstantritt der Neuen die Beschwerden. Mehrere Bewohner im Ellener Hof fühlen sich eingeschüchtert vom ruppigen Umgangston der Pflegerin, die Demente grundsätzlich duzt, manche auf der Station haben sogar Angst. Die Tochter einer Russlanddeutschen beschuldigt Doreen R., ihre Mutter geschlagen und gekniffen zu haben, sie erstattet Strafanzeige. Die Angehörigen von Meta Westphal erfahren davon kein Wort, die Heimleitung sorgt dafür, dass nichts nach außen dringt.

„Wir waren blind, niemand gab uns einen Tipp“, empört sich Andreas Westphal heute. Weil sich die Mutter weiter über Prügel beschwert, sogar weinend um Hilfe fleht, entschließen sich die Söhne nach langem Zögern zu einem ungewöhnlichen Schritt.

An einem Juniabend, kurz bevor ihre Mutter bettfertig gemacht wird, installieren sie in Zimmer 212 eine versteckte Kamera. Als sie sich am nächsten Tag die Aufnahmen ansehen, packt sie der Zorn. Die Kamera hat ein schwer erträgliches Geschehen festgehalten. Pflegerin R. betritt grußlos und mit grimmigem Gesicht den Raum. Dann zieht sie Meta Westphal mit groben Bewegungen den Pullover über den Kopf, streift ihr später ebenso grob das Nachthemd über, zieht sie an der Unterhose unsanft übers Bett.

Weil ihr die Patientin mit den Händen in die Quere kommt, herrscht R. sie an: „Nimm doch mal die Flossen weg.“

Als die gebrechliche Frau, die noch 45 Kilogramm wiegt, kraftlos nach hinten sinkt, wird sie von der Pflegerin an den Haaren gepackt und mit einem heftigen Ruck nach vorn gerissen. Und als sie sich beschwert („Sie hauen mich jedes Mal“), hagelt es Verwünschungen.

„Ich hab Ihnen doch gar nichts getan“, jammert die Bewohnerin leise. Antwort: „Du sollst doch mal die Klappe halten. Ist ja ganz schlimm heute.“ Zum Schluss fasst die Schwester ihrer Patientin mit der flachen Hand an die Stirn und befördert sie mit einem Stoß in die Rückenlage.

Der Film löst vielfältige Reaktionen aus. Eine Tochter von Meta Westphal bricht zusammen, nachdem sie sich das Video angesehen hat, sie kommt mit einem Schock ins Krankenhaus. Die Söhne zeigen Doreen R. an, engagieren einen Anwalt für die Nebenklage. Der Heimleiter, dem die Familie die Aufnahmen vorspielt, feuert seine Angestellte fristlos. Doreen R., die das Video bei der Polizei sieht, reagiert entsetzt. „Ich dachte, das bist nicht du selber“, erinnert sie sich, „das muss jemand anderes sein.“

Jennifer Jakobi, die Bremer Verteidigerin der Pflegerin, bezweifelte indessen, dass einmaliges Haareziehen tatsächlich eine Körperverletzung darstelle. „Da kann man sehr verschiedener Meinung sein.“ Die Vorgänge auf dem Video seien zwar schrecklich, ohne Wenn und Aber. „Doch sind sie auch strafbar?“ Und schließlich handle es sich um einen einmaligen Ausrutscher. Die Anwältin wollte unbedingt verhindern, dass der Film bei der Hauptverhandlung als Beweismittel zugelassen und vorgeführt wird. Es handle sich um illegal entstandene Aufnahmen, die Belange ihrer Mandantin seien grob missachtet worden. Doch das Gericht ließ die Vorführung zu.

Beim Prozess drohte Doreen R. auch die Verhängung eines Berufsverbots – eine Sanktion, die ihre Verteidigerin unbedingt abzuwenden versuchte. Was nicht ganz einfach war: Die Söhne von Meta Westphal und ihr Anwalt hatten ein Berufsverbot zum Hauptziel der Nebenklage erklärt. „Uns interessiert nicht die Strafhöhe“, sagte Andreas Westphal. „Wir kämpfen darum, dass diese Frau nie mehr alte Menschen betreuen darf.“ Dieses Ziel wurde nicht erreicht.

Zwar verurteilte das Bremer Landgericht Doreen R. rechtskräftig zu einer sechsmonatigen Freiheitsstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wurde; von einem Berufsverbot sah das Gericht jedoch ab. Begründung: Die Altenpflegerin sei nicht vorbestraft und erstmals wegen beruflicher Pflichtverletzung verurteilt worden.

Doreen R., die nach ihrem Rausschmiss mehrere Monate am Fließband einer Tierfutterfabrik gestanden hatte, zuletzt Nachtdienste an der Kasse einer Tankstelle schob, will nicht aufgeben. Erneut hat sie einen Job in einem Pflegeheim. Diesmal, versichert sie, sei alles anders: genug Personal, eine nette Chefin, die Schwestern eine verschworene Gemeinschaft. Alles werde gut.

„Warum tust du dir das bloß wieder an, nach all dem Ärger, nach all dem Stress?“, hat ihr Lebensgefährte kürzlich von ihr wissen wollen. Ihre Antwort: „Weil ich Menschen helfen will.“

Bruno Schrep stellt seinen Reportageband „Nachts ist jeder ein Feind – Wahre Geschichten“ (Hirzel, 19,80 Euro) vor: Montag, 21. Oktober, 19.30 Uhr, bei Hinz&Kunzt in der Altstädter Twiete 1-5, der Eintritt ist frei.

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