Sachsenwald :
Im National-Park

Ein Kolonialdenkmal im Sachsenwald. Foto: Mauricio Bustamante

Ein spannungsgeladener Waldfriedhof, Mühlen entlang der Schwarzen Au und das Chaiselongue, auf dem Otto von Bismarcks Doggen ruhten: ein Besuch im Geschichtsort Sachsenwald.

Hinz&Kunzt Randnotizen

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Erste Frage: Was hat der Sachsenwald eigentlich mit Sachsen zu tun? „Nun, hier trafen in der Frühzeit slawische auf sächsische Stämme“, erzählt der Kulturwissenschaftler und Aumühler Nikolaj Müller-Wusterwitz, der sich im Sachsenwald östlich von Hamburg auskennt wie kaum ein Zweiter. Später dann gehörte das Gebiet den Herzögen von Sachsen-Lauenburg, fiel an die Welfen, dann an die Preußen. Der Name für das mit 6000 Hektar größte zusammenhängende Waldgebiet Schleswig-Holsteins aber blieb. Etwas mehr Nadelholz als Laubholz steht hier. Jedes Jahr werden etwa 25.000 Festmeter Holz gefällt, wobei ein Festmeter einen Kubikmeter fester Holzmasse umfasst. Zwischen den Bäumen viel Schwarz-, Rot-, Dam- und natürlich Rehwild. Seit 1750 wird systematisch Forstwirtschaft betrieben.

„Vom Sachsenwald profitierte besonders Hamburg – dank des Holzes“, sagt Müller-Wusterwitz: Über den örtlichen Fluss, die Schwarze Au, dann über die Bille wurde das geschlagene Holz elbabwärts geflößt, gerne zum Bau der Fachwerkhäuser genutzt sowie für den Schiffsbau und die damals noch hölzernen Kaianlagen. Dazu kam Holz als Brennstoff für die energiehungrige Hansestadt. Ab 1800 entdeckten die Hamburger:innen das Gebiet auch als Freizeitort. Was sich noch steigerte, als die Bahn nach Bergedorf gebaut wurde. Allein das ist eine erzählenswerte Geschichte! Denn exakt an dem Tag, an dem die Eisenbahnlinie eingeweiht werden sollte, brach in Hamburg der Große Brand aus. Die Feier wurde verschoben, die neue Bahn holte nun Feuerwehren und Hilfsmannschaften aus dem Lauenburgischen nach Hamburg und nahm auf der Rückfahrt Hamburger:innen mit, die kein Dach mehr über dem Kopf hatten.

Nächster Einschnitt: Kaiser Wilhelm I. schenkte im Juni 1871 seinem Kanzler Otto von Bismarck den gesamten Sachsenwald inklusive Jagdschloss; dafür, dass er nun Kaiser war und nicht mehr nur König: Bismarck hat alle drei der sogenannten Einigungskriege geführt und gewonnen. Er kannte sich aus mit Wald und führte ihn wie ein Unternehmen, während er in Berlin regierte; so oft es ging, kam er mit großem Tross nach Friedrichsruh. „Alles ist hier mit Bismarck verwoben“, sagt Müller-Wusterwitz. Selbstverständlich ruht Bismarck auch hier – in einem Mausoleum mit Grabkapelle.

Aber bevor es zu den Bismarcks geht, steht ein Besuch auf dem Aumühler Waldfriedhof an. Der ist schließlich nicht einfach ein kirchlicher Friedhof, sondern ein Kulturdenkmal. Wurde hier doch bereits vor mehr als 3000 Jahren beerdigt, wie bronzezeitliche Hügelgräber bezeugen. Ab 1910 wurde er dann in seiner heutigen Form angelegt. Ziemlich in der Mitte ein Platz, auf dem quer durch die Kriege mal der Soldatentod verherrlicht, mal der Opfer gedacht wurde. Zuletzt hinzugekommen: ein Gedenkstein für verstorbene sowje­tische Zwangsarbeiter. Denn während der NS-Zeit gab es im Sachsenwald drei Zwangsarbeiterlager, sowjetische Kriegsgefangene mussten im Forst und im Sägewerk arbeiten. Mehr als 30 von ihnen kamen ums Leben. Ihre Namen? Wüsste man nicht, hieß es behördlicherseits. Aber Müller-Wusterwitz ließ nicht locker und forschte weiter. Mittlerweile hat er 26 Namen ausfindig gemacht. Geplant ist eine Informa­tions­tafel, die davon berichten wird. Müller-Wusterwitz erzählt: „Es gab eine Stelle, da konnte man sich für eine Reichsmark pro Tag einen Zwangs­arbeiter besorgen. Die haben alles gemacht: Häuser gebaut, aufgeräumt, den Garten gepflegt.“

Irgendwo weiter hinten im Schattigen liegt dann einer begraben, der dafür mitverantwortlich war: Karl Dönitz. U-Boot-Fahrer, Großadmiral und kurz vor Kriegsende Nachfolger von Adolf Hitler. Verurteilt zu gerade mal zehn Jahren Haft, die er in Berlin-Spandau absaß. Wie kam er hierher? „Seine Frau hatte in Hamburg einen Sekretärinnen-Job, wohnte in Aumühle und so war Dönitz’ Entlassungsadresse ihre Anschrift“, erzählt Müller-Wusterwitz. Dönitz zog sich an den Rand des Sachsenwaldes zurück, schrieb diverse Bücher, die sich auf einen Satz reduzieren lassen: „Ich habe mir nichts vorzuwerfen, ich würde alles wieder genauso machen.“ Als Dönitz Weihnachten 1980 starb und Tage später hier auf dem Waldfriedhof beerdigt wurde, versammelten sich rund 5000 Trauergäste, darunter zahlreiche Alt- und Neonazis. Dönitz’ Grab wurde bald Pilgerstätte für ehemalige Marinesoldaten wie Rechtsradikale. Erst seit den 2010er-Jahren unterbinden die Behörden entsprechende Aufmärsche.

Vorbei schaute damals auch Uwe Barschel, noch nicht Ministerpräsident, aber immerhin Innenminister von Schleswig-Holstein. Dönitz und er hatten sich im Januar 1963 kennengelernt, da war Barschel Schulsprecher am Gymnasium im nahen Geesthacht. Er lud den Unbelehrbaren zu einer Geschichtsstunde vor versammelter Schülerschaft ein, wo dieser unwidersprochen vom Dritten Reich schwärmte.

Noch eine weitere NS-Größe ist verbunden mit dem Sachsenwald. Nach dem Kriegsende arbeitete im bismarckschen Sägewerk ein gewisser Karl Neumann. Der hieß in Wirklichkeit Richard Baer und war der letzte Kommandant des KZs Auschwitz; 1960 enttarnt, starb er noch vor seinem Prozess. Bis heute hat die Bismarckfamilie nicht erklärt, ob ihnen bekannt war, wer da bei ihnen Unterschlupf gefunden hatte und wem sie Lohn zahlte.

Aber nun weiter, keine zwei Kilometer sind es zu Fuß, dahin, wo die Bismarcks bis heute wohnen: in die Ortschaft Friedrichsruh. Ein Zwischenhalt noch, denn am Ende eines weitläufigen Gartenlokals findet sich eine seltsame Figurengruppe: ein Denkmal aus der Kolonialzeit. Erschaffen von dem Hamburger Bildhauer Walter von Ruck­teschell, von dem auch das heute abgebaute Deutsch-Ostafrika-Ehrenmal in Hamburg-Jenfeld stammte. Seine Witwe wollte die Figurengruppe loswerden, fragte bei den Bismarcks nach und bekam einen Platz zugewiesen. Da steht sie nun, wie bestellt und nicht abgeholt, ursprünglich sollte sie über den Rhein schauen. „Da könnte es noch eine Diskussion geben“, sagt Müller-Wusterwitz. Und man könnte sein leichtes
Lächeln so deuten, dass es ihm nicht unrecht wäre, wenn eines Tages auch im beschaulichen Sachsenwald die Debatte um das koloniale Erbe Deutschlands aufbranden würde.

Nun taucht man in den Wald ein. Es wird angenehm kühl, die Luft ist ebenso frisch wie würzig. Es geht sich gleich viel entspannter. Zwischendurch eine hölzerne Brücke, die Schwarze Au fließt hier, ein Flüsschen nur, aber das täuscht: zwar nur 15 Kilometer lang, aber mit einem Höhenunterschied von 27 Metern gesegnet. Deswegen standen hier einst Mühlen wie eine Ölmühle, eine Papiermühle, eine Kornmühle, eine Kupfermühle. Deshalb auch „Aumühle“? Richtig.

Es ist eine andere Welt, in Friedrichsruh. Man merkt, hier ist planvoll eine fürstliche Anlage ausgebaut worden, mit Haupt- und Nebengebäuden und Stallungen. Wobei: Alles wirkt ein bisschen in die Jahre gekommen. Die ehemalige Bismarck’sche Verwaltung steht leer, die Teerstraße hoch zum Bismarck-Museum und zur Bismarck-Stiftung ist vom Frost vieler Winter zerfressen und nur notdürftig geflickt. Der Zaun, der das Anwesen vor Blicken schützen soll, wird langsam schief. Dahinter liegen übrigens ein kleiner Golfplatz und ein Pool für heiße Tage. Zweimal im Jahr ist Tag der offenen Tür und man kann schauen, wie viel Platz die fünfköpfige Familie von Ururenkel Gregor Fürst von Bismarck hat, der sich jüngst zum Waldtherapeuten ausbilden ließ.

Dann das Museum, das sich der Person Bismarck widmet: dunkle Gemälde, marmorne Büsten, das OriginalArbeitszimmer mit wuchtigem Schreibtisch und den beiden Chaiselongues, auf dem einen lagen seine Doggen. „Bismarck ist schon zu Lebzeiten als Kultfigur verehrt worden“, sagt Natalie Wohlleben, die hinzugekommen ist. Sie ist Sprecherin der Otto-von-Bismarck-Stiftung und betont: „Wir gehören zu den sieben Politikergedenkstiftungen des Bundes wie die Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus oder die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung.“ Ihre übergeordnete Dienstherrin sei somit die Bundeskulturbeauftragte Claudia Roth und niemand aus der Bismarck-Familie, wie immer noch hier und da angenommen werde. „Bismarck war kein Demokrat, sondern Monarchist, aber es war die Zeit, als die Demokratie das Laufen lernte, und so verorten wir uns mit unserer historisch-politischen Bildungsarbeit“, sagt sie.

Das ist sofort zu merken, wenn man sich die Dauerausstellung in den Stiftungsräumen anschaut, eine Ecke weiter, im ehemaligen Friedrichsruher Bahnhofsgebäude: Eine gut gemachte Ausstellung erwartet einen, die die Person Bismarck diesmal in den politischen Kontext seiner Zeit setzt. „Hier erfahren Sie, was Sie alles wissen müssen, drüben im Museum sind die schönen Objekte“, sagt Natalie Wohlleben. Wäre es nicht gut, beides in Beziehung zu setzen? Genau das wird passieren. Denn die Stiftung hat von der Familie von Bismarck unlängst deren Museum samt aller Exponate gekauft, hat nun auch dort freie Hand in der Gestaltung. Sie wird erst mal das Museumshaus sanieren und dann eine neue Ausstellung aufbauen. Dort wird der Mythos Bismarck selbst zum Thema werden.

Artikel aus der Ausgabe:

wild wilder Wald

Warum Wälder in der Stadt unverzichtbar sind, wo man trotzdem noch Wohnungen bauen kann und wieso der Sachsenwald zwielichtige Gestalten anzieht. Außerdem: Armutsbetroffene protestieren und Bildungsforscher Aladin El Mafaalani erklärt, was Armut mit Kindern macht.

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