Kreativer Protest: Zum Ende des Winternotprogramms entsteht auf dem Hamburger Gerhart-Hauptmann-Platz eine Zeltstadt. Auch Obdachlose machen mit.
Eine ganz und gar nicht stille Karwoche erwartet dieses Jahr die Hamburger City, geht es nach dem Willen von engagierten Menschen aus der Wohnungslosenhilfe. Pünktlich zum Ende des Winternotprogramms bauen sie ab dem 31. März auf dem Gerhart-Hauptmann-Platz eine kleine Zeltstadt gegen Obdachlosigkeit auf – und laden rund um die Uhr zu Lesungen, Konzerten und öffentlichen Diskussionen ein. „Wir wollen Sozialarbeiter:innen, Politiker:innen aber auch Passant:innen mit Obdachlosen ins Gespräch bringen und Lösungen suchen, wie wir die Obdachlosigkeit beenden können“, sagt Camp-Organisator Christian Oppermann.
Der Zeitpunkt für das Protestcamp ist aus gutem Grund gewählt: Bis zu 700 Obdachlose werden am Morgen des 1. Aprils zurück auf die Straße geschickt. Dann schließt das Winternotprogramm seine Türen, und für die Großzahl der Nutzer:innen fehlen Wohnungen oder Unterkunftsplätze. Das politische Camp in der City – das auch von Hinz&Kunzt unterstützt wird – soll ihnen einen Rückzugsort zum Schlafen und Essen bieten und zugleich durch das Kulturangebot „zu einer schönen Abwechslung zu dem schweren Leben auf der Straße werden“, sagt Eli Weger.
Die Camp-Sprecherin hat die Hoffnung aufgegeben, dass Hamburg – wie auf Senatsebene beschlossen – die Obdachlosigkeit bis 2030 abschaffen wird. Jede:r könne selbst die zunehmende Verelendung auf den Straßen sehen. Die Aktivistin ist zugleich Realistin genug, um zu erkennen, dass daran auch ein Protestcamp so schnell nichts ändern wird. Doch im Unterschied zu Kundgebungen und Demonstrationen will das bis Ostersonntag angemeldete Camp auch Vorurteile abbauen und um mehr Verständnis für die Betroffenen werben.
Die jungen Aktivist:innen knüpfen an eine bald drei Jahrzehnte zurückliegende Aktion an, die Anfang 1997 in Hamburg für reichlich Wirbel sorgte: Während einer Kältewelle baute Hinz&Kunzt an gleicher Stelle ein Wärmezelt für Obdachlose auf und protestierte damit gegen die Zustände im Winternotprogramm.
Heute ist die Qualität der Notunterkünfte deutlich besser, und die Stadt stellt mehr Betten bereit. Das ist aber auch dringend nötig, denn die Zahl obdachloser Menschen hat sich seitdem in Hamburg vervierfacht. Zudem starben in den vergangenen Wintermonaten mindestens 13 Obdachlose auf Hamburgs Straßen. Diese Entwicklungen bringen jetzt wieder Aktivist:innen zusammen. „So ein Camp wie unseres gab es vor drei Jahren in Dortmund“, sagt Eli Weger. „Im Ruhrgebiet war die wachsende Obdachlosigkeit dadurch plötzlich ein wichtiges gesellschaftliches Thema. Jetzt folgt Hamburg.“
