G20-Gipfel : Polizei kontrolliert Obdachlose

Zwischen den Fronten: Diese Obdachlosen verdächtigt die Polizei, Camp-Aktivisten zu sein. Foto: BELA

Die Polizei geht vor dem G20-Gipfel gegen Wildcamper vor. Von den nervigen Kontrollen sind auch Obdachlose betroffen – zum Beispiel am U-Bahnhof St. Pauli.

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Für Anna und ihre obdachlosen Freunde war es ein unsanfter Start in den Tag. Sie hatten sich zum Schlafen unter das Dach der U-Bahn-Station St. Pauli gelegt. Dienstagmorgen um 9.45 Uhr umstellten Polizisten aus Bayern ihre Platte. Personenkontrolle! Einer der Obdachlosen wird sogar durchsucht, eine Polizistin greift in seine Jackentaschen. Dann sammelt ein Beamter ihre Ausweise ein und verschwindet damit im Polizeiauto.

Sind sie etwa Aktivisten, die gegen den G20-Gipfel demonstrieren wollen? Auf einem ihrer Plastikbecher, die sie zum Betteln benutzen, klebt immerhin ein Sticker mit der Aufschrift „FCK G20“. Anna schüttelt den Kopf.  „Ein G20-Camp mit drei Leuten? Das wäre ja ganz schön mickrig“, sagt sie. Nein, sie seien obdachlos, lange schon. Und eigentlich kann man das auch einfach erkennen: Auf ihrer Platte stehen Plastiktüten mit Pfandflaschen, die sie gesammelt haben, um mit dem Pfandgeld durch den Tag zu kommen.

Obdachlose geraten zwischen die Fronten

„Es wird jetzt jeder kontrolliert, der mit einer Isomatte rumläuft“– Polizist

Wieso also die Kontrolle? Einer der bayerischen Polizisten verweist darauf, dass das Schlafen in Protestcamps von der Polizei verboten wurde. Gipfelgegner hatten dazu aufgerufen, ab Dienstag um 10 Uhr aus Protest gegen das Verbot wilde Camps in der Stadt zu errichten – und so „Parks, Plätze, Flächen und Knotenpunkte der Stadt“ zu besetzen. Die Obdachlosen kommen nun zwischen die Fronten: „Es wird jetzt jeder kontrolliert, der mit einer Isomatte rumläuft“, sagt der Polizist.

Eine Entscheidung der Polizeiführung? Nein, sagt ein Sprecher auf Nachfrage von Hinz&Kunzt. „Es gibt keine generelle Anweisung an die Kollegen, Menschen mit Isomatten von Plätzen wegzuschicken.“ Derlei Entscheidungen würden die Kollegen vor Ort individuell treffen.

Polizei und Bezirke gegen Wildcamper

„Obdachlose stehen nicht im Fokus“– Bezirk Nord

Im Vorfeld hatten die Hamburger Bezirke zusammen mit der Polizei ein Konzept entwickelt, wie wildes Campen vor und während des Gipfels verhindert werden kann. Ausnahmsweise übernimmt nun die Polizei die Aufgabe der Bezirke, die eigentlich gegen solche Ordnungswidrigkeiten vorgehen. „Damit soll insbesondere gewährleistet werden, effektiv und zügig den Aufbau von Zeltcamps unterbinden zu können“, sagt Jan-Peter Uentz-Kahn, Sprecher des Bezirksamts Nord. „Das bedeutet gleichzeitig auch, dass obdachlose Menschen dabei ganz ausdrücklich nicht im Fokus stehen.“

„Polizeikontrollen nerven immer, na klar!“– Anna

Nach einer guten halben Stunde rücken auch die Polizisten am Millerntor wieder ab. Anna und ihre beiden Freunde dürfen bleiben. Ob sie während des Gipfels das Weite suchen werden, wissen sie noch nicht. „Wir schlafen mal hier, mal da“, sagt Anna. „Aber Polizeikontrollen nerven immer, na klar!“

Über den Autor
Benjamin Laufer
Schreiben, was schief läuft, damit es sich ändert: Benjamin Laufer arbeitet als Journalist in Hamburg hauptsächlich zu Sozial- und Innenpolitik.

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