Winternotprogramm : Obdachlose müssen Einzelzimmer verlassen

In einer Unterkunft in der Eiffestraße bietet die Sozialbehörde Einzelzimmer für Obdachlose mit besonderen psychischen oder physischen Beeinträchtigungen. Foto: Mauricio Bustamante

Viele Nutzer:innen der Einzelzimmerunterkunft in der Eiffestraße haben ihre Zimmer offenbar kurzfristig verlassen müssen. Betroffen sind psychisch und physisch besonders beeinträchtige Obdachlose.

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In der letzten verbliebenen Unterkunft des Winternotprogramms, der Einzelzimmerunterkunft für psychisch und physisch besonders beeinträchtigte Obdachlose, gibt es offenbar Unruhe.  Bis auf wenige Ausnahmen sei das Haus geräumt worden, heißt es in dem Bericht eines Betroffenen, der Hinz&Kunzt vorliegt.

Straßensozialarbeiter Julien Thiele von der Caritas, der in den vergangenen Monaten viele der Nutzer:innen betreut hat, stützt die Darstellung des Bewohners. „Vergangenen Montag kamen sechs Menschen völlig aufgelöst in unsere psychiatrische Sprechstunde“, sagt Thiele. „Die haben berichtet, dass am Abend zuvor gegen 22 Uhr an ihre Tür geklopft und ihnen gesagt wurde, dass sie die Unterkunft in den nächsten beiden Tagen verlassen müssten, ohne konkrete Informationen über Anschlussoptionen – völlig überstürzt.“

Drei Standorte geschlossen

Kranke Menschen, die bislang in anderen Unterkünften des Winternotprogramms untergebracht waren und die die Stadt nicht auf die Straße schicken wollte, sollen in die Eiffestraße verlegt werden, erklärt Thiele. Dafür müssten aber erst mal Menschen aus der Einzelzimmer-Unterkunft ausziehen.

„Das wirkte alles extrem chaotisch“– Caritas-Sozialarbeiter Julien Thiele

Susanne Schwendtke, Sprecherin des städtischen Betreibers Fördern&Wohnen (F&W), betont, dass nur Menschen an andere Standorte verlegt wurden, „deren gesundheitlicher Zustand dies ohne Weiteres zuließ.“ Sie räumt aber ein, dass es durchaus eine Herausforderung gewesen sei, drei Standorte zu schließen und die Plätze in der Eiffestraße den Menschen zuzuweisen, die sie am dringendsten brauchen. „Das wirkte alles extrem chaotisch”, sagt Sozialarbeiter Thiele.

Mitte Juni hatte Sozialsenatorin Melanie Leonhard erklärt, die Einrichtung in der Eiffestraße werde im Gegensatz zu den anderen Standorten des Winternotprogramms über den Juni hinaus betrieben. Viele der Bewohner:innen seien so krank, dass ein Leben auf der Straße für sie zu gefährlich sei. „Wir können es nicht verantworten, die wieder auf die Straße zu entlassen“, sagte Leonhard.

Auf die Straße geschickt habe die Stadt tatsächlich niemanden, sagt Sozialarbeiter Thiele. Es wisse aber von mehreren Bewohner:innen, die zwar eine andere Unterkunft angeboten bekamen, diese aber abgelehnt hätten und mittlerweile wieder draußen schliefen. Zu schlecht seien die Zustände dort angeblich gewesen.

Kurzfristiger Auszug

„Dass Ende Juni obdachlose Menschen aus dem Winternotprogramm an Orte umziehen, wo sie eine Bleibe auf Zeit finden, erscheint uns positiv“– Susanne Schwendtke, Fördern & Wohnen-Sprecherin

F&W-Sprecherin Susanne Schwendtke betont, dass es zum Prinzip des Winternotprogramms gehöre, dass Obdachlose dort nicht dauerhaft bleiben, sondern möglichst in Wohnunterkünfte oder andere Einrichtungen vermittelt würden. Genau das sei in der Eiffestraße geschehen. „Dass Ende Juni obdachlose Menschen aus dem Winternotprogramm an Orte umziehen, wo sie eine Bleibe auf Zeit finden, erscheint uns positiv”, ergänzt Schwendtke.

Sozialarbeiter Thiele ärgert sich vor allem über die Kurzfristigkeit, in der die Menschen ihre Unterkunft verlassen mussten. „Es handelt sich hier bei vielen um psychisch stark beeinträchtigte Menschen“, sagt er. Diese bräuchten Zeit, um sich auf neue Umstände einzustellen. „Vergangenen Montag war aber noch komplett unklar, wie es für sie weitergeht.“ Er und seine Kolleg:innen hätten kaum eine Chance gehabt, sie geregelt zu begleiten.

Trotzdem betont Thiele, wie gut die Zusammenarbeit mit den Mitarbeiter:innen von Fördern & Wohnen lief und wie gut sich die Gäste in der Eiffestraße erholt hätten. Viele seien bereits in Unterkünfte vermittelt worden oder stünden auf Wartelisten: „Das hat noch mal gezeigt, was solche dezentralen, kleineren Einheiten mit Einzelzimmern für die Menschen bewirken können.“ Unverständlich bleibt für ihn, warum diese Erfolge mit dem Hals-über-Kopf-Auszug gefährdet werden.

Autor:in
Lukas Gilbert
Lukas Gilbert
Studium der Politikwissenschaft in Hamburg und Leipzig. Seit September 2019 Volontär in der Hinz&Kunzt-Redaktion.

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