Reise durch Nordalbanien : Überwältigende Landschaften, große Gastfreundschaft

Gjyl Sylshabanaj legt Hagebutten zum Trocknen aus. Ihr 96-jähriger Mann Zeqir geht gleich zur Feldarbeit. Foto: Dmitrij Leltschuk

Land zwischen Vergangenheit und Zukunft: Fotograf Dmitrij Leltschuk reiste durch Nordalbanien und hat beeindruckende Bilder mitgebracht.

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Von Albanien wusste ich nichts. Ich hatte keine Vorstellungen über das Land, die Kultur, die Sprache. Und ich muss sagen: eine über­wältigende Landschaft, eine große Gastfreundschaft. Wobei der Süden entlang der Adria und dem ­Ionischen Meer vergleichsweise touristisch ist. Aber im Länderdreieck zwischen Montenegro, dem Kosovo und Nordalbanien ist es sehr, sehr abgeschieden und anders als alles, was ich bisher kannte.

Wir waren meist zu Fuß unterwegs, ein Journalist, ich als Fotograf und unsere Übersetzerin, es gibt wenig ­befestigte Straßen. Was in Nordalbanien besonders ist, ist das „Kanun“ – das Gewohnheitsrecht. Ein Werte-Gesetz, das uralt ist. Nach dem leben die Leute dort, es hat sogar Vorrang vor dem ­zivilen Gesetz und sorgt auch dafür, dass man einen Gast nicht abweist, sondern ihm sein Haus öffnet.

Oder die „Schwurjungfrauen“, albanisch: „burrnesha“. Sie leben ausschließlich in Nordalbanien. Wir haben zufällig eine kennengelernt, die uns ihre Geschichte erzählte: Als sie 15 Jahre alt war, starben ihr Vater und ihr älterer Bruder, und sie sollte als die nun Älteste die Familie versorgen. Sie schnitt sich die Haare ab, nahm einen männlichen Vornamen an und schwor, dass sie selbst nie eine Familie gründet. Von da an durfte sie in die Kneipe gehen, auf der Straße rauchen, ein Gewehr tragen, einen männlichen Beruf ausüben und zu Beerdigungen gehen. Und sie sah wirklich aus wie ein Mann.

Der 87-jährige Haidar Bardhi in seinem Haus.Er ist eine Burrnesha, sein Frauenname war Fatime.

In einem anderen Dorf hat uns eine sehr gastfreundliche ältere Frau angesprochen und zum Essen eingeladen. ­Danach musste sie los, wir durften sie begleiten: Es ging zu einem Hügel, vielleicht 100 Meter von ihrem Haus entfernt, da liegt ihr Mann beerdigt, sie wollte das Grab pflegen. Er habe im Bergbau gearbeitet, zu Zeiten des kommunistischen Diktators Enver Hoxha. Doch dann habe er während der Arbeit einen harmlosen politischen Witz gemacht, und in der ­nächsten Nacht, am 14. Februar 1975, sei die Polizei gekommen und habe ihn in ein Lager gesteckt. Dort musste er wieder im Bergbau arbeiten, nun ohne jede Ausrüstung.

Acht Jahre habe er durchgehalten. Erst nach dem Tod des Diktators 1985 konnte sie seine Knochen abholen: Man überreichte ihr ein kleines Säckchen, es habe fast nichts ­gewogen – dabei sei ihr Mann zwei Meter groß gewesen.

Apropos Hoxha: Das lange kommunistische Albanien, das erst mit der Sowjetunion und danach mit China ge­brochen hatte, fühlte sich von Feinden umzingelt. Daher ­ordnete Hoxha an, dass jede Familie sich ihren eigenen ­Bunker bauen musste, und so ist das Land übersät mit Bunkern. Nur nicht der Norden, weil die Gegend so unzugänglich ist. Nicht mal der Diktator hatte Angst, dass hier der Feind einmarschieren könnte.

Medi Gocaj schaut nach seinen Bienen. Die Puppe auf dem Stock soll vor bösen Geistern schützen. Foto: Dmitrij Leltschuk

Man spürt, das ganze Land strebt in die EU, es ist arm und die Regierung will auch in Nordalbanien die Infra­struktur ausbauen. Besonders Deutschland gibt Geld für ­Hotels, Gästehäuser und für Straßen. Diese Infrastruktur wird die traditionelle Gesellschaft verändern, könnte sie ­zerstören. Andererseits – wenn die Albaner:innen genug Geld verdienen, kann es auch sein, dass sie ihre Kultur neu entdecken. Dann wäre die Gesellschaft kulturell gerettet. Wir sind während unserer Reise durch den Norden keinen Tourist:innen begegnet – was nicht so bleiben wird.

Artikel aus der Ausgabe:

Keine Angst vorm Alter

Über Wohnungslosigkeit im Alter, alte Freundschaften und Wege aus der Altersarmut. Außerdem: Ökonom Marcel Fratzscher über die sozialen Folgen der Inflation und eine Reisereportage aus Albanien.

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