Wahrzeichen : Liebeserklärungen an den Michel gesucht

Zu jedem Geburtstag der Mutter kommen drei Generationen der Familie Schmidt am Michel zusammen. Foto: Dmitrij Leltschuk

Am Donnerstag wurde die 199. Messingtafel vor dem Michel verlegt. Auf ihnen stehen Geschichten von mehr als 16.000 Menschen. Für die 200. Tafel werden nun Liebeserklärungen gesucht.

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Werner Schmidt und seine beiden Töchter Sandra (39) und Steffi (32) verstehen sich auch ohne viele Worte. Sandra ist die Ruhige, Steffi die Quirlige – und Werner ist mächtig stolz auf alle beide. Doch ihre Mutter fehlt überall, auch drei Jahre nach ihrem Tod sind die Tränen bei allen ganz nah. „Seither sind wir noch mehr zusammengerückt“, sagen die Töchter. Deshalb wohnt Werner mittlerweile gleich neben Sandra, ihrem Mann Ronny und den Töchtern Nele und Mia, auch Steffi ist oft dort. „Papa soll es gut gehen“, finden die ungleichen Schwestern.

Ein Ort der Verbundenheit ist der Michel für sie alle. Messingtafel 88 erinnert an „Renate Schmidt“, an 42 Jahre glückliche Ehe, im Michel geschlossen, sagt Werner und muss wieder schlucken. Hier schließt sich der Kreis, denn Sandra hat sich eine Gravur für ihre eigene Familie gewünscht. „Für meine Kinder ist das ein guter Ort.“

199 solcher Messingtafeln mit jeweils ganz besonderen Erinnerungen von mehr als 16.000 Menschen finden sich inzwischen auf den Stufen zum Kirchplatz von St. Michaelis. Vier davon kamen am Donnerstag dazu, als zum 25. Mal die jährliche Tafel-Verlegung stattfand. Tafel 199 erinnert an Helmut Schmidt: Freunde des ehemaligen Bundeskanzlers bringen darauf ihre Dankbarkeit zum Ausdruck.

Mehr Michel-Geschichten

Weitere Geschichten, die auf den Tafeln am Michel verewigt sind, lesen Sie in der Mai-Ausgabe von Hinz&Kunzt. Außerdem: Auf dem Titelblatt ist die Kapitänin Pia Klemp abgebildet, die auf den zivilen Rettungsschiffen „Sea-Watch 3“ und „Iuventa“ Menschen aus dem Mittelmeer gerettet hat. Für ihren Einsatz auf der Iuventa droht ihr nun eine Anklage wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung. Maritim geht es im Heft mit Donatus Kulisch weiter: Der Hafenlotse zeigt seine Hamburg-Fotos, die er von den Brücken der Containnerriesen aus aufgenommen hat. Zum 70. Geburtstag des Grundgesetzes berichten außerdem Hinz&Künztler, was ihnen der Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ bedeutet. In der Reihe „Was Sie schon immer über Obdachlosigkeit wissen wollten“ erklärt der Obdachlose Mario, wie man es aushält, auf dem harten Boden zu schlafen.

Die 200. Tafel wird im Oktober verlegt

Die 200. Tafel ist für Freunde des Michels reserviert. Sie bietet Platz für zehn Liebeserklärungen an das Hamburger Wahrzeichen, die beginnen mit „Mein Herz gehört dem Michel, weil …“ und nicht länger als 100 Zeichen sind. Nach dem Einsendeschluss am 15. Juni wählt eine Jury die Gewinnersätze aus, die dann auf die Messingtafel graviert werden. Voraussichtlich im Oktober wird die Tafel dann vor dem Michel verlegt. Wer teilnehmen möchte, muss seinen Vorschlag an michel@abendblatt.de schicken. Die Kosten für die Tafel übernimmt die Hamburger Sparkasse.

Zum ersten Mal wurden am 30. Oktober 1994 Tafeln vor dem Michel verlegt. Damals sammelte die Haspa Spenden für die notwendige Sanierung der Kirche. Wer 100 DM spendete, wurde namentlich auf einer Messingtafel verewigt. So kamen seit 1994 nach Angaben des Michels mehr als 1,5 Millionen Euro Spenden für den Erhalt des Gebäudes zusammen. Inzwischen ist eine reine Namensgravur die Ausnahme, sagt Hauptpastor Alexander Röder: „Die Menschen nutzen die Tafeln, um zu verewigen, was sie bewegt und sie am Michel gut aufgehoben wissen: Erinnerungen an Schlüsselmomente des Lebens, an geliebte Menschen, die Liebe zur Heimatstadt Hamburg und zum Michel.“

Über die Autoren
Benjamin Laufer
Schreiben, was schief läuft, damit es sich ändert: Benjamin Laufer arbeitet als Journalist in Hamburg hauptsächlich zu Sozial- und Innenpolitik.

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